Anorgasmie oder Orgasmusstörung

 

Die Anorgasmie oder Orgasmusstörung ist eine der häufigsten sexuellen Funktionsstörungen und beschreibt das Leiden von Personen, die Schwierigkeiten haben einen Orgasmus zu erleben oder bei denen dieser vollständig ausbleibt. Diese Problematik kann sowohl bei Frauen als auch bei Männern auftreten. Den Höhepunkt nur sehr verzögert oder gar nicht zu erreichen kann Partnerschaften nachhaltig beeinträchtigen. Bei einigen Paaren führt das dazu, dass diese unzufrieden sind oder sich unvollständig fühlen. Wieso können einige Personen keinen Orgasmus haben? In den meisten Fällen der Anorgasmie ist die Ursache ein psychologisches Problem. Im Folgenden findet sich ein vollständiger Leitfaden zur Anorgasmie: Welches sind die Ursachen? Was kann man dagegen tun? Behandlung, Übungen und Empfehlungen, die Anorgasmie zu überwinden.

Anorgasmie-Männer-Frauen

Anorgasmie bei Frauen und Männern

Was ist die Anorgasmie? Definition

Die Anorgasmie kann als Mangel oder Fehlen des Orgasmus während einer normalen Phase erotischer Erregung bezeichnet werden.

Diese Störung tritt auf, obwohl eine ausreichende Erregung vorhanden ist, ein sexuelles Verlagen besteht und die Bedingungen für das Erreichen des Höhepunktes gegeben sind. Wenn von Anorgasmie gesprochen wird, bezieht sich der Begriff in der Regel auf Frauen, doch auch Männer können von dieser Störung betroffen sein.

Um die Anorgasmie zu diagnostizieren, müssen bestimmte Faktoren wie die sexuelle Erfahrung, Alter, das Erregungsniveau, die Dauer oder Angemessenheit der erotischen Stimulation, usw. der betroffenen Person in Betracht gezogen werden. Jede/r von uns benötigt einen bestimmten Impuls, um den Höhepunkt erreichen zu können.

Wie bei anderen sexuellen Funktionsstörungen, kommt es durch die Orgasmusstörung zu Problemen bei zwischenmenschlichen Beziehungen und zu psychischem Leiden.

Woher weiß ich, ob ich an Anorgasmie leide? Wenn man nicht in der Lage ist zum Höhepunkt zu kommen, oder es bei mehr als 75% der Sexualhandlungen sehr schwierig ist – dann kann es sein, dass man an Anorgasmie leidet. Oft wird das Fehlen des Orgasmus von einem geringen sexuellen Verlangen begleitet, das ist jedoch nicht immer so.

Die Orgasmusstörung tritt häufiger bei Frauen auf, die Prävalenz liegt hier bei rund 16%-30%. Bei Männern liegt die Häufigkeit bei etwa 10%.

Die Orgasmusschwierigkeit kann verschiedener Form sein: primär, sekundär, situativ oder generalisiert.

  • Primäre Anorgasmie: Personen die hierunter leiden hatten noch nie einen Orgasmus. Weder durch Geschlechtsverkehr noch durch Masturbation. Tritt dies bei Männern auf, haben diese teilweise trotzdem eine Ejakulation. Die Schwierigkeit einen Orgasmus zu habe, besteht dann aber seit jeher.
  • Sekundäre Anorgasmie: Die Schwierigkeit bestand nicht immer, sondern hat sich zu einer bestimmten Zeit entwickelt. Nach einer Zeit in welcher der Orgasmus normal erreicht werden konnte, treten Schwierigkeiten auf zum Höhepunkt zu kommen. Wenn man einmal gelernt hat einen Orgasmus zu haben, geht diese Fähigkeit normalerweise nicht verloren. Es sei denn es kommt zu Problemen, wie einer geringen sexuellen Kommunikation, einem Beziehungskonflikt, einer traumatischen Erfahrung, einer Stimmungsveränderung, einer körperlichen Störung, usw…
  • Situative Anorgasmie: Wenn der Orgasmus unter bestimmten Umständen nicht erreicht werden kann, wird von situativer Anorgasmie gesprochen. Das bedeutet, dass man mit einigen Personen Schwierigkeiten hat zum Höhepunkt zu kommen und mit anderen nicht, oder das eine bestimmte Stimulation einen Orgasmus hervorruft und eine andere nicht. Eine sehr häufige Form der situativen Anorgasmie bei Frauen ist die Unfähigkeit während des Geschlechtsverkehrs (der Penetration) zum Höhepunkt zu kommen, während durch andere Sexualpraktiken das Erreichen des Höhepunktes möglich ist (direkte Stimulation der Klitoris, Masturbation, usw.).
  • Generalisierte Anorgasmie: Tritt auf, wenn in keiner Situation und mit keinem Geschlechtspartner das Erreichen des Höhepunktes möglich ist.

Weibliche Anorgasmie: Frauen mit Problemen einen Orgasmus zu haben

Die Prävalenz der Anorgasmie ist bei Frauen deutlich höher als bei Männern. Die epidemiologischen Daten ergeben, dass zwischen 16%-30% der Frauen an dieser Störung leiden. Laut dem diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen (DSM-5) wird die Anorgasmie bei Frauen als weibliche Orgasmusstörung bezeichnet.

Der weibliche Orgasmus bezieht sich auf den Höhepunkt der Erregung der Frau, der sich durch die rhythmische Kontraktion der Vaginalwand und des Abbaus der sexuellen Spannung (Muskelspannung) auszeichnet. Begleitet wird dieser von verschieden ausgeprägten Stufen der Lust und Befriedigung.

 

Regelmäßig zum Höhepunkt zu kommen wird mit einem erhöhten Selbstvertrauen, einem gutem Selbstwertgefühl und dem Wunsch nach einer Steigerung des Sexualverhaltens assoziiert.

Es gibt wichtige individuelle Unterschiede in der Intensität des Orgasmus und der weiblichen Reaktion. Es werden hierbei verschiedene Stadien (Kaplan) beschrieben. Es gibt Frauen, die alleine durch ihre sexuellen Fantasien zum Höhepunkt kommen können und dann wiederum Frauen die nur nach intensiver und stundenlanger Stimulation einen Orgasmus haben. Die allermeisten Frauen befinden sich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen und erreicht durch die direkte oder indirekte Stimulation der Klitoris während des Geschlechtsverkehrs den Höhepunkt.

Die Schwierigkeiten den Orgasmus zu erreichen kann das Selbstbewusstsein, das eigene Körperbild und die Zufriedenheit in Beziehungen beeinflussen. 

Die häufigste Form der Anorgasmie bei Frauen ist die der ersten Form, also Frauen die noch nie zum Höhepunkt gekommen sind. Die Anorgasmie kann, wenn nichts unternommen wird, ein ganzes Leben bestehen bleiben. Aus diesem Grund sollte professionelle Hilfe aufgesucht werden, wenn diese Probleme auftreten.

Heutzutage fordern Frauen immer mehr ihre Bedürfnisse und ihr Recht nach sexueller Befriedigung ein, sie suchen die aktive Rolle in ihrer eigenen Sexualität. Das trägt dazu bei, dass die weibliche Anorgasmie weitaus mehr thematisiert und immer häufiger behandelt wird. Die Anerkennung der weiblichen Lust und der Wunsch befriedigendere sexuelle Beziehungen zu führen, hat zur Folge, dass viel mehr Frauen sich professionell beraten lassen. Dabei suchen viele Frauen nicht nur Hilfe, wenn sie Probleme haben zum Klimax zu gelangen, sondern lassen sich häufig auch Tipps geben, um durch bestimmte Arten der Stimulation intensivere Orgasmen zu erleben.

Welches sind die Ursachen der weiblichen Orgasmusstörung? Diese Störung lässt sich teilweise auf eine geringe sexuelle Erziehung zurückführen. Frauen wird implizit oder explizit beigebracht, dass man als Frau den Mann befriedigen muss und nicht zu aktiv im Bett sein sollte. Als Frau lernt man, dass man die Verantwortung der eigenen Lust an den Partner abzugeben hat. Dieser soll nun wissen oder erraten was einem gefällt und was einen befriedigt. Im schlimmsten Fall steht bei diesem aber nur die eigene Lust im Vordergrund.

Ein anderes Problem der Frauen ist die fehlende Kenntnis des eigenen Körpers. Nur sehr wenige Frauen wissen wirklich, wie ihr Genitalbereich ist. Da dieser Bereich teilweise versteckt ist, kann man ihn nur mithilfe eines Spiegels sehen und kennen lernen. Doch würden dies viele Frauen tun? Wenn einem beigebracht wurde, dass die weiblichen Genitalien etwas Unschönes und nicht sauberes sind, die es mit den geschlossenen Beinen zu verstecken gilt, wohl eher nicht.

Die weibliche Masturbation ist ebenfalls ein Tabuthema. Während die männliche Masturbation seit jeher als selbstverständlich angesehen wird (zunächst kritisiert, dann gelobt), wurde die weibliche Masturbation schlichtweg vergessen. Es wurde angenommen, dass Frauen so etwas nicht tun, dass sie dieses Bedürfnis nicht haben und wenn doch, galten sie als pervers.

All dies hat einen großen Einfluss auf die weibliche Unterdrückung und darauf, dass einige Frauen keine Orgasmen haben. Glücklicherweise ändert sich das Schritt für Schritt. Nichtsdestotrotz ist es noch ein langer Weg und es muss noch viel sexuelle Aufklärung betrieben werden.

Männliche Anorgasmie: Männer mit Problemen einen Orgasmus zu haben

Die männliche Anorgasmie bezeichnet die Schwierigkeit die lustvolle Befriedigung zu verspüren, die den Orgasmus begleitet. Klinisch gesehen wird die männliche Anorgasmie als vorzeitige Ejakulation (vorzeitiger Samenerguss) oder die verzögerte Ejakulation bezeichnet.

Die männliche Anorgasmie ist seltener, aber die Symptome sind denen von Frauen ähnlich. Sie bezeichnet die Schwierigkeit befriedigende Gefühle zu verspüren und den “Klimax zu erreichen” oder zu “kommen”, obwohl ausreichende Erregung und die Lust nach Geschlechtsverkehr vorhanden sind.

Es herrscht der Glaube, dass die Ejakulation und der Orgasmus beim Mann gleichzeitig auftreten, dies ist aber nicht immer der Fall. Es kann auch ohne Ejakulation zum Orgasmus kommen, der sogenannte trockene Orgasmus. Ebenfalls gibt es eine Erkrankung die retrograde Ejakulation genannt wird. Hier erfolgt der Samenerguss rückwärts und gelangt in die Blase.

Die Anzahl der Betroffenen der verzögerten Ejakulation nimmt mit dem Alter zu. Allgemein nimmt die sexuelle Funktionsfähigkeit vor allem bei Männern mit dem Alter stetig ab.

Die männliche Anorgasmie wurde stark mit religiösem Glauben in Zusammenhang gebracht. Einige religiöse Glaubensrichtungen limitierten das sexuelle Wissen, was dazu führt, dass diese Männer nicht “lernen” zu ejakulieren oder eine große Hemmung verspüren.

Eine große Anzahl der Männer die unter Anorgasmie leiden haben sehr traditionelle religiöse Vorstellungen und oft nur wenig sexuelle Kenntnisse. Diese Männer masturbieren nur wenig oder gar nicht und verspüren in diesem Zusammenhang ein großes Schuldgefühl und sehen dies als Sünde an.

In anderen Fällen verspüren Männer Lust und Befriedigung während der Masturbation, erleben aber nicht das Gleiche beim Sex mit einer anderen Person. Diese Männer haben eine sehr präzise Art gefunden sexuelle Befriedigung zu erleben, können diese aber nicht zusammen mit anderen Personen empfinden.

Ein anderer wichtiger Aspekt des fehlenden Orgasmus bei Männern ist die Angst vor der sexuellen Leistung. In diesen Fällen fürchtet sich der Mann davor den Sexualakt nicht richtig ausführen zu können, nicht attraktiv genug zu sein oder die andere Person nicht befriedigen zu können. Die Angst vor der Unfähigkeit zu ejakulieren oder es im richtigen Moment zu tun, lenkt ihn von den erotischen Reizen ab, die ihn normalerweise erregen würden. Folglich ist der Mann nicht erregt genug, um zum Höhepunkt zu gelangen.

Sind männliche Anorgasmie und Impotenz das Gleiche? Die Antwort lautet nein. Die männliche Anorgasmie bezieht sich auf die Schwierigkeit oder Unfähigkeit einen Orgasmus zu haben, wenn eine Erektion vorhanden ist. Eine Erektionsstörung oder Impotenz hingegen beschreibt die Problematik eine Erektion zu haben oder aufrecht zu erhalten, die es erlaubt befriedigende Sexualpraktiken auszuführen.

Koitale Anorgasmie

Diese Form der Anorgasmie beschreibt die Unfähigkeit während des Koitus zum Höhepunkt zu kommen, wohingegen durch andere Formen der Stimulation, wie währende der Masturbation oder Stimulation der Klitoris (im Falle der Frau) ein Orgasmus erreicht werden kann. Diese Form der Anorgasmie tritt vor allem bei Frauen auf.

Sexuelle Praktiken sind in der Regel zu sehr auf den Geschlechtsverkehr (Penetration) fokussiert. Es scheint als wäre dies das ultimative Ziel in jeder sexuellen Beziehung. Diese starre Vorstellung kann das Sexualleben jedoch stark einschränken. Dabei gibt es viele andere Dinge, die man, wenn man sich demgegenüber öffnet, entdecken kann. Das sogenannte “Vorspiel” muss nicht das sein, was man in Kauf nimmt, um zum Ziel zu gelangen. Im Gegenteil, das Vorspiel kann sich zum zentralen Aspekt entwickeln.

Für Frauen ist der Koitus nicht die geeignetste Form zum Höhepunkt zu kommen. Die meisten Frauen benötigen während der Penetration gleichzeitig eine Stimulation der Klitoris, um einen Orgasmus zu haben. Man geht davon aus, dass dies anatomische Ursachen hat. Mehrere Studien wie diese und diese haben gezeigt, dass der Abstand zwischen Klitoris und dem Eingang der Vagina einen Einfluss auf die Fähigkeit hat, einen Orgasmus durch Penetration zu haben. Diese Art des Orgasmus wird auch als vaginaler Orgasmus bezeichnet. Je näher sich die Klitoris an der Vagina befindet, desto wahrscheinlicher ist ein Orgasmus während der Penetration.

Auch wenn von der koitalen Anorgasmie gesprochen wird, ist dies nicht als Störung anzusehen, sie ist vielmehr ein weit verbreitetes Phänomen. Es lässt sich zudem ganz einfach lösen, indem während der Penetration gleichzeitig die Klitoris stimuliert wird, oder eine Position gewählt wird, bei der diese mehr Reibung erfährt.

Ursachen der Anorgasmie

Der Orgasmus ist ein relativ komplexer Prozess, der sowohl biologische, psychologische und soziale Komponenten umfasst. Die Anorgasmie steht in Verbindung mit der Unkenntnis über die eigene sexuelle Anatomie und die Funktionalität der Genitalien und insbesondere der Unkenntnis über angemessene und effiziente Formen der Stimulation.

Die Gründe können sehr verschieden sein und dabei biologisch oder psychologisch sein. Bei Frauen und Männern sind die Gründe ziemlich ähnlich.

Die Hauptursachen der Anorgasmie sind bei beiden Geschlechtern psychischer Natur:

Psychologische Ursachen der Anorgasmie:

Es wird geschätzt, dass in rund 90% aller Fälle psychologische Probleme eine Rolle spielen.

  • Negative Gemütszustände
  • Rolle des Zuschauers/ der Zuschauerin. Manchmal beobachten Personen mit Orgasmusstörungen oder anderen sexuellen Dysfunktionen zu stark ihr eigenes Sexualverhalten. Das bedeutet, dass sie so viel Aufmerksamkeit auf sich selbst richten, dass sie das Gefühl haben sich wie von außen zu betrachten, statt sich fallen zu lassen.
  • Inadäquate sexuelle Erziehung
  • Negative Gefühle oder Einstellungen gegenüber Sex
  • Persönliche Unzufriedenheit oder Unzufriedenheit mit der Partnerin/ dem Partner. Manchmal können ein langweiliges Sexualleben, mangelndes Vertrauen oder Beziehungskonflikte zu Orgasmusproblemen führen.
  • Angst vor der sexuellen Leistung. Diese Ursache ist besonders häufig bei Männern zu finden, da sie unter dem Druck leiden, immer für sexuelle Beziehungen verfügbar sein zu müssen. Das löst Stress aus, der große Feind der Lust, der Erregung und des Orgasmus.
  • Erfahrung von sexuellem Missbrauch. Diese Art traumatischer Erlebnisse können eine negative Assoziation zu Sex und der Sexualität zur Folge haben, was das Genießen dieser Praktiken unmöglich macht.
  • Negative Einstellungen gegenüber dem Sex
  • Extreme religiöse Ansichten, die Lust und Sex als etwas sündhaftes und verachtenswertes ansehen.

Biologische Ursachen der Anorgasmie:

  • Diabetes
  • Hormonmangel
  • Veränderungen der prävaginalen Muskulatur bei Frauen
  • Läsionen des Beckens
  • Substanzmissbrauch
  • Medikamente. Antidepressiva haben als Nebenwirkung den Verlust der Libido und die Schwierigkeit zum Orgasmus zu kommen.
  • Chronische Schmerzen
  • Bluthochdruck
  • Multiple Sklerose
  • Verletzungen des Rückenmarks

Situative Ursachen der Anorgasmie

Es gibt situative Faktoren, die vor allem den weiblichen Orgasmus beeinflussen, die vor allem kulturell und erziehungstechnisch geprägt sind. Fehlende sexuelle Aufklärung und Erziehung ist eine der Hauptgründe für sexuelle Dysfunktionen.

  • Ende der Sexualpraktik bevor die Frau ausreichend erregt ist, um einen Orgasmus haben zu können.
  • Fehlendes Vorspiel
  • Inadäquate Stimulation
  • Fehlendes Verständnis des eigenen Körpers oder des Partners über die Funktionsweise der Genitalien und der Vorlieben der Person.
  • Fehlende Kommunikation über den Sex. Nicht mit dem Partner oder der Partnerin darüber zu sprechen was einem beim Sex gefällt, wirkt sich negativ auf das Sexualleben aus. Oft wird angenommen, das Gegenüber müsse wissen wie es einen sexuell befriedigen kann und intuitiv wissen was einem gefällt und was nicht. Aber das ist komplett falsch. Sicherlich lassen sich einige Sachen erahnen, trotzdem sollte man den eigenen Genuss nicht einfach dem Gegenüber überlassen. Denn wer kann besser wissen was einem gefällt, als man selbst? Aber dafür müssen wir das selbst erst einmal herausfinden.
Anorgasmie

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8 Mythen über den Orgasmus

1. Bei Frauen gibt es zwei verschiedene Formen des Orgasmus: der klitorale Orgasmus und der vaginale Orgasmus

Diese Aussage ist umstritten und es gibt hierzu eine Vielzahl an Meinungen. Die Differenzierung zwischen vaginalem und klitorialem Orgasmus bringt zumindest nicht viel. Es gibt den weiblichen Orgasmus und Punkt. Dieser kann durch verschiedene Formen der Stimulation erreicht werden und sich verschieden anfühlen.

Wie bereits erwähnt wurde, wird ein vaginaler Orgasmus durch eine indirekte Stimulation der Klitoris ausgelöst. Die Klitoris ist auch nicht nur der von außen sichtbare Teil. Die Klitoris ist eine viel größere Struktur, deren Verzweigungen sich über den ganzen Genitalbereich erstrecken. Aus diesem Grund wird auch angenommen, dass der berühmte G-Punkt gar nicht existiert, sondern bei der Stimulation dieses Bereichs ein interner Teil der Klitoris stimuliert wird.

Die Existenz des G-Punkts als eigenständige Struktur konnte bislang zumindest nicht nachgewiesen werden. Es gibt Frauen die bei der Stimulierung dieser Zone auch gar keine Lust empfinden.

2. Der Orgasmus der nicht durch Penetration erfolgt ist weniger befriedigend als der Orgasmus durch Penetration 

Das ist komplett falsch. Orgasmen, die durch die Stimulation der Klitoris erfolgen sind viel intensiver als die Orgasmen, die man durch die reine Penetration erreichen kann. Wie bereits erwähnt, gibt es viele Frauen die durch reine Penetration nicht zum Höhepunkt kommen können.

3. Das Gewöhnliche und Normale sind Orgasmen durch Penetration

Wie bereits dargelegt wurde, sind Orgasmen durch die Stimulation der Klitoris der Normalfall und es ist schwieriger durch die reine Penetration zum Klimax zu gelangen.

4. Einen Orgasmus durch die Stimulation der Klitoris zu haben ist anormal oder unreif 

Diese von Sigmund Freud getroffene Aussage hat keinerlei Fundament.

5. Frauen, die masturbieren sind pervers oder sexsüchtig

Eine Frau die masturbiert zeigt lediglich, dass sie ihren Körper kennt und verantwortungsvoll mit ihrer eigenen Lust umgeht. Es gibt daran nichts Schlechtes. Im Gegenteil, es zeugt von einer gesunden Sexualität. Die Sexsucht ist etwas ganz anderes und eine ernstzunehmende Störung.

6. Ein Mann muss wissen wie er eine Frau befriedigen kann 

Diese Annahme richtet sehr viel Schaden an, sowohl in Hinblick auf die weibliche als auch auf die männliche Sexualität. Dadurch liegt ein enormer Druck auf den Männern. Es scheint, als müssten sie als Sexexperten geboren worden sein, was selbstverständlich nicht der Fall ist. Sowohl Frauen als auch Männer müssen sich darüber austauschen, wie sie angefasst werden wollen, worauf sie Lust haben und auf was nicht.

7. Frauen brauchen länger bis sie zum Orgasmus kommen als Männer 

Wenn eine Frau die richtige Stimulation erfährt, kann sie genauso schnell zum Höhepunkt kommen wie ein Mann. Ebenso gibt es Männer, die eine Weile brauchen bis sie ausreichend erregt sind. Es hängt stark von der Person, der Beziehung, Situation und der Art der Sexualpraktik ab.

8. Um Sex zu genießen, muss man einen Orgasmus haben

Selbstverständlich ist der Orgasmus eine tolle Erfahrung, er ist aber nicht notwendig, um Sex genießen zu können. Der Spaß, die Intimität und die Erregung können ebenso erfüllend sein. Es ist wichtig, den Orgasmus nicht als ultimatives Ziel und als notwendig zu erachten. Wenn es dazu kommt, ist das toll und wenn nicht, ist das auch kein Problem.

Behandlung der Anorgasmie

Die Behandlung der Anorgasmie ist sehr effizient und in den meisten Fällen erfolgreich. Die Orgasmusstörung ist ein Problem, das sich relativ leicht lösen lässt. Wenn man also glaubt, an Anorgasmie zu leiden oder ein nicht erfülltes Sexualleben hat, sollte man nicht zögern professionelle Hilfe aufzusuchen. Wenn man eine Expertin oder einen Experten aufsucht, kann man außerdem herausfinden, ob eventuell biologische Ursachen oder andere psychologische Probleme dahinterstecken.

Die Behandlung der Orgasmusstörung kann individuell und/ oder als Paar durchgeführt werden. Dabei besteht ein Teil meist aus sexueller Aufklärung, um mit falschen Annahmen und Mythen aufzuräumen. Ebenfalls werden Kommunikationsprobleme des Paares behandelt, sofern es welche gibt. Ein Teil besteht auch aus der Selbstentdeckung und Eigenstimulation, damit man seinen eigenen Körper kennenlernt und herausfindet, was einem Freude bereitet. Im Anschluss werden Übungen als Paar ausgeführt, sodass die sexuelle Beziehung oder der Sexualakt für beide befriedigend ist und beide den Klimax erreichen.

Eine psychotherapeutische Behandlung, die nicht speziell auf die Anorgasmie ausgerichtet ist, kann ebenfalls sehr nützlich sein. Hierbei könne beispielsweise Unsicherheiten, das Selbstwertgefühl, Vertrauensprobleme mit der Partnerin/ dem Partner behandelt werden, die Kommunikation verbessert oder andere psychischen Probleme angegangen werden…

Achtsamkeitsübungen (Mindfulness) auszuüben ist ebenfalls hilfreich. Dadurch kann man lernen sexuellen Gefühlen Aufmerksamkeit zu schenken, ohne sich dabei schuldig zu fühlen. Vielmehr entwickelt man eine Offenheit und Neugierde für das was man spürt und kann sich fallen lassen.

Behandlung der weiblichen Anorgasmie

Die Behandlung der weiblichen Anorgasmie beginnt in der Regel mit einem Programm der Selbstentdeckung. Dabei wird zunächst der eigene Körper exploriert, kennengelernt und herausgefunden, was einem gefällt. Ebenfalls kann das Training der Vaginalmuskulatur angebracht sein, hierbei werden die Muskeln im Genitalbereich kontrahiert, was zu intensiveren Orgasmen führen kann.

Darauf folgt ein Programm der Eigenstimulation, bei er die Patientin versuchen soll durch Stimulation der Klitoris zum Orgasmus zu kommen. Erotisches Spielzeug beispielsweise in Form von Vibratoren kann sehr hilfreich sein und es einfacher machen zum Orgasmus zu kommen. Dadurch lernt die Frau, wie sich ein Orgasmus anfühlt und entdeckt ihre Fähigkeit den Höhepunkt zu erreichen.

Ebenso sind Entspannungsübungen und die Fokussierung auf sensorische Reize mit dem Partner/ der Partnerin Teil der Therapie. Hier wird abwechselnd mit dem Gegenüber der Körper stimuliert und herausgefunden was jedem gefällt. Die Stimulierung der Klitoris steht hierbei im Vordergrund.

Der nächste Schritt ist, bei einem heterosexuellen Paar, die Penetration mit gleichzeitiger Stimulation der Klitoris. Dabei können ebenfalls Spielzeuge zum Einsatz kommen, die das Sexualleben bereichern.

Wie bereits erwähnt, können nur einige Frauen durch die reine Penetration zum Orgasmus kommen, weshalb es kein Grund zur Sorge ist, wenn dies nicht erreicht wird.

Behandlung der männlichen Anorgasmie

Die Behandlung der Verbesserung der männlichen Orgasmusfunktion besteht in der Regel aus:

  1. Information zu der Problematik bereitstellen
  2. Die beidseitige Teilnahme und Verantwortung des Paares fördern
  3. Negative Einstellungen gegenüber dem Sex verändern
  4. Training und Kommunikation von spezifischen Fähigkeiten: Masturbation, Stimulation durch die Partnerin/ den Partner…
  5. Ebenfalls wird eine Verbindung zwischen der Partnerin/ dem Partner und der Ejakulation gefördert. Es wird dem Paar angeraten sexuelle Praktiken zu betreiben, die keine Penetration beinhalten und auf diese Art zum Orgasmus zu kommen. So lässt sich die Angst vor der sexuellen Leistung vermeiden.
  6. Manuelle Stimulation durch die Partnerin/ den Partner, bis zum Orgasmus.
  7. Ebenfalls wird angeraten, dass die betroffene Person beim Geschlechtsverkehr unten ist und somit das Gegenüber die Arbeit machen muss. Dadurch kann der Mann sich besser auf sich selbst konzentrieren und den Orgasmus ermöglichen.
  8. Zuletzt erfolgt der Koitus mit normaler Penetration, mit dem Patienten in der oberen Position.

Übungen und Empfehlungen bei Anorgasmie

Wenn man glaubt, man könne Anorgasmie haben und darunter sehr leidet, sollte man auf jeden Fall professionelle Hilfe aufsuchen. Dadurch kann einem am besten geholfen werden und es lässt sich feststellen, welches das zugrunde liegende Problem ist. Im folgenden finden sich außerdem Empfehlungen und Übungen, die helfen können die Anorgasmie zu überwinden.

  1. Lerne deinen Körper kennen:
    Es ist grundlegend seinen eigenen Körper zu kennen. Betrachte dich im Spiegel und beobachte dich. Bewerte dich nicht. Guck dir deinen nackten Körper an und beobachte ihn neugierig. Frauen haben in der Regel mehr Probleme damit ihren Genitalbereich kennenzulernen. Um diesen Bereich zu entdecken, nimm einen Handspiegel und betrachte deinen Genitalbereich. Vielen Frauen ist es unangenehm und sie sehen diesen Bereich als etwas Schmutziges an. Er ist aber ein Körperteil wie jeder andere. Wenn du damit Probleme hast, mach es mehrer Male, um dich daran zu gewöhnen.
  2. Stimuliere dich:
    Die Masturbation und die Kenntnis des eigenen Körpers sind grundlegend dafür, ein erfüllendes Sexualleben mit einer Partnerin/ einem Partner zu haben. Streichle deinen gesamten Körper und entdecke dabei, an welchen Bereichen es dir am meisten gefällt. Steigere dann Schritt für Schritt die Stimulation. Mit der Zeit kannst du diese intesivieren, um einem Orgasmus immer näher zu kommen.
  3. Probiere Vibratoren, Sexspielzeug, Gleitmittel, usw… alleine und/oder mit deiner Partnerin/ deinem Partner aus.
  4. Kommuniziere mit deiner Partnerin/ deinem Partner. Traue dich zu sagen, was dir gefällt und was nicht und worauf du Lust hast. Sprecht über Sex, Erfahrungen und Phantasien.
  5. Entspanne dich, lass dich treiben. Du kannst Entspannungsübungen und Achtsamkeitsübungen ausprobieren, um die Angst vor der sexuellen Leistung zu verringern.
  6. Für Frauen: probiere beim Sex verschiedene Stellungen aus, bei denen die Klitoris mehr Reibung erfährt oder stimuliere sie zusätzlich.

 

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Andrea García Cerdán, Psychologin bei CogniFit.

Als klinische Psychologin interessiere ich mich insbesondere für das Gehirn und seine veränderten Funktionen im Zusammenhang mit psychischen Störungen. Um der Leserschaft diese Themen näher bringen zu können, informiere ich mich stetig über neue und interessante Informationen in diesem Bereich.

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