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Toxische Beziehung: Lerne, sie zu identifizieren und dich den Personen gegenüber richtig zu verhalten

Kraftlos, demotiviert, mit Kopfschmerzen … so können wir uns fühlen, wenn wir eine toxische Beziehung haben. Eltern, Geschwister, Partner, Freunde, Arbeitskollegen … Jeder von uns kann toxische Personen und somit eine toxische Beziehung haben.

Mairena Vázques, Psychologin, hilft dir, eine toxische Beziehung zu identifizieren, erläutert dir die Charakterzüge von toxischen Personen und zeigt dir die beste Art, ihnen die Stirn zu bieten. Lies weiter!

Toxische Menschen.

Wie identifizieren wir toxische Personen und eine toxische Beziehung?

Laut Stamateas ist eine toxische Person eine Person “die sich den Luxus erlaubt zu beurteilen, was du sagst und tust, und sogar, was du nicht sagst und tust”. Von deinem Partner, deinen Eltern, Geschwistern, Freunden, Arbeitskollegen, Chefs, … bin hin zu dir selbst kann jeder ein toxischer Mensch sein.

Achtung! Alle Menschen können gewisse toxische Züge haben, was nicht bedeutet, dass wir alle “toxische Personen” sind und mit diesen eine toxische Beziehung führen. Der Hauptunterschied besteht darin, dass wir unsere toxischen Gewohnheiten nicht zu unserem Lebensstil machen. Wenn wir wissen, dass es Dinge gibt, die wir machen können und Dinge, die wir nicht machen können, haben wir nicht das Risiko, eine toxische Beziehung zu entwickeln.

Eine toxische Person versucht andere zu kontrollieren und zu beherrschen, indem sie  ihr Opfer einschüchtert, beschuldigt und verachtet. Solche Menschen benutzen die anderen oft als Werkzeuge und stützen sich vor allen Dingen auf Menschen mit wenig Selbstachtung.

Das Wort “toxisch” kommt von “toxon”, was sich früher auf das Gift bezog, womit man die Pfeile einrieb, die man auf die Feinde schoss. Dieses Gift war gefährlich, genau wie die toxischen Personen.

Wenn wir etwas Zeit mit einer toxischen Person verbringen, können wir gewisse Symptome  wie Frustration, Energieverlust und Demotivation, Bauch- oder Kopfschmerzen und sogar Depression und Kummer bemerken. Personen in einer toxischen Beziehung können dir das Gefühl geben, du seist schlecht und egoistisch, sie können dich sogar von deiner Umgebung isolieren und auf deine Persönlichkeit einwirken.

Auch wenn es am Anfang schmerzt, solltest du einsehen, dass eine toxische Person in deiner Umgebung dich nicht respektiert, dich nicht für wichtig hält und dich auch überhaupt nicht liebt und du diese toxische Beziehung besser meiden solltest.

Wie können wir toxische Personen und eine toxische Beziehung erkennen?

Wir können toxischen Menschen in jeder Situation begegnen, denen wir uns Tag für Tag stellen. Von einer toxischen Person können wir nichts Gutes erwarten. Unter den wichtigsten Charaktereigenschaften finden wir:

Toxische Personen sind sehr negative Menschen.

Ihr Motto ist “wenn etwas schiefgehen kann, wird es schiefgehen” und das denken nicht nur sie, sondern sie versuchen außerdem, dich davon zu überzeugen, dasselbe zu denken. “Ah, du fährst in Urlaub? Wozu? Zum Schwitzen, um einen Unfall zu bauen oder dir irgendwas einzufangen?” Zwischen toxischen Menschen kann man häufig beobachten, wie sie darum kämpfen, wer der Unglücklichste oder Gescheitertste ist. Sie führene eine toxische Beziehung.

Toxische Personen beschweren sich über absolut alles.

Sie sind vom Wesen her Nonkonformisten und sehen alles schwarz, auch wenn es scheint, dass die Dinge gut laufen. Damit beeinflussen sie ihr ganzes Umfeld und vergiften es mit Negativität. Obwohl sie sich über alles beschweren, sind sie für gewöhnlich stolz, denn sie müssen auf irgendeine Art ihr Selbstvertrauen erhalten.

Toxische Personen vergleichen sich ständig mit den anderen.

Im Regelfall handelt es sich um Menschen, die frustriert von ihrem Leben sind und deswegen dazu neigen, sich unentwegt mit anderen zu vergleichen, die anderen geringzuschätzen und zu verachten, was diesen das Gefühl gibt, dass sie nichts wert sind. Die toxische Beziehung von toxischen Menschen zeichnet sich dadurch aus, dass sie es lieben im “Mittelpunkt zu stehen” und versuchen dies so oft wie möglich zu erreichen. Deswegen müssen sich die Gespräche immer um sie selbst drehen und in jeder Angelegenheit mit ihnen zusammenhängen.

Wie wir toxische Menschen erkennen können

Toxische Personen haben ein pessimistisches Wesen.

Sie sind nicht mutig genug, um neue Dinge auszuprobieren oder neue Projekte in Angriff zu nehmen. Sie neigen dazu zu denken: Warum sollte ich das tun, wenn es eh nicht funktionieren wird? Sie haben schreckliche Angst, aus ihrer Komfortzone zu treten und zu scheitern.

Sie können dafür sorgen, dass du Mitleid mit ihnen hast, flieh, bevor es zu spät ist!

Toxische Personen sind Schuld an gar nichts, die anderen sind schuld.

Toxische Menschen gehen gegen alles und jeden an, sie haben immer recht (auch wenn sie nicht recht haben) und denk nicht mal daran ihnen einen Tipp zu geben, denn es handelt sich für gewöhnlich um arrogante und überheblich Personen. Gewöhn dich an die Idee, dass der Schuldige einen Namen hat und es tut mir leid, aber das ist deiner (laut ihnen, natürlich).

Toxische Personen sind falscher als ein 3-Euro-Schein.

Diese Art von Menschen liebt es, sich als Opfer zu verkleiden und würde alles tun, damit du der Böse im Film bist. Wie schon das Sprichwort sagt “Herr, erlöse mich von den stillen Wassern, denn von den stürmischen löse ich mich selbst” … Sei besonders vorsichtig mit den “Opfern der Gesellschaft”, unverstanden und angeblich so gute Menschen.

Toxische Beziehung: Toxische Menschen sind unglaublich neidisch und mittelmässig.

Ihre Freizeit verbringen sie damit, das Leben der anderen zu kritisieren, zu vergleichen und zu verurteilen. Das tun sie, da sie so viel Angst haben, für ihr eigenes Leben zu kämpfen und da sie ein Leben frei von Träumen und Hoffnung führen. 

Toxische Personen beißen sich auf die Zunge und speien Gift.

Toxische Menschen sind in der Regel ironisch und sarkastisch, sie schreien gerne um dich unterzujochen und einzuschüchtern.

Wir können sie als Schlangenbeschwörer bezeichnen.

Toxische Personen können Schlangen oder Schlangenbeschwörer sein

Toxische Personen sind für gewöhnlich manipulativ und neurotisch. 

Sie suchen pausenlos nach Zustimmung oder Anerkennung der anderen und so können sie dich manipulieren, bis du kaputt gehst. Sie sind dazu fähig, alles so zu manipulieren, dass sie jede Situation so herumdrehen können, dass du und nur du der Schuldige bist. Du Arme/r, am Ende wirst du dich schlecht fühlen.

Toxische Personen lieben es zu lügen und unfair zu spielen.

Sie lügen mehr als sie sprechen und das Schlimmste ist, dass sie ihre Lügen so begründen können, dass du zweifelst und sie am Ende glaubst. Sie haben kein Problem damit, Dritte ins Spiel zu bringen und Spannungen gegen dich zu schaffen. Sie sind dazu fähig, dass du dich wie die schlechteste Person der Welt fühlst.

Toxische Personen lieben es zu lügen und unfair zu spielen

Wie geht man mit toxischen Menschen um?

Wenn du bis hierhin gekommen bist und denkst, dass sich eine toxische Person in deiner Umgebung befindet, sei es innerhalb einer Familie, der Arbeit … sollte der erste Schritt zur Verbesserung deiner persönlichen und psychischen Gesundheit sein zu FLIEHEN.

Natürlich ist es nicht dasselbe, vor einer Person in deinem engsten Familienkreis zu fliegen wie vor deinem Nachbarn aus dem 5. Stock, aber jedes Problem hat eine Lösung. Denk daran, dass grosse Übel grosser Heilmittel bedürfen.

Wenn du die toxische Beziehung zu dieser Person aus diversen Gründen nicht abbrechen kannst, flieh nicht, aber bau Distanz auf und setze gewisse Grenzen. Versuch mit dieser Person zu sprechen und zeig ihr, dass sie sich in einem Spinnennetz befindet, das sowohl für die selbst als auch für diejenigen, die ihr nahestehen, zerstörerisch ist.

Es ist ratsam, dass du dir eine Liste mit den möglichen toxischen Personen in deinem Leben machst und nicht zulässt, dass sie Einfluss auf dich haben. Du hast das Glück, so zu sein, wie du bist und solltest nicht zulassen, dass nichts oder niemand dich negativ werden lässt. Du solltest dein Selbstwertgefühl aufbessern und, auch wenn das am Anfang Mühe kostet, ist es die beste Entscheidung dich von den toxischen Menschen in deiner Umgebung zu befreien.

Wenn du einer negativen Person begegnest, solltest du lernen, ihr keine Aufmerksamkeit zu schenken, wenn du siehst, dass sie ihre “toxische Seite” ausspielt. Lerne einige Tricks der Positiven Psychologie, um glücklicher und optimistischer zu werden und wenn du denkst, dass das Gespräch aus dem Ruder läuft, ändere subtil das Thema. Wenn du merkst, dass er/sie beginnt sich aufzuregen, gib ihm/ihr Zeit sich zu beruhigen.

Das Ratsamste ist es, den Kontakt zu toxischen Personen zu reduzieren, das heisst, dich nach und nach von ihnen zu entfernen. Du solltest dich selbst kennen und wissen, was du vom Leben möchtest, was du an deiner Seite haben möchtest und was besser nicht dort sein sollte.

Du kannst Entspannungstechniken wie Achtsamkeit ausprobieren, die dir dabei helfen dich zu beruhigen, den Sinn für Humor behalten und versuchen, netter und selbstsicher zu sein und vor allem, dich mehr selbst zu lieben.

Du kannst dich auch immer an einen Psychologen wenden, um zukünftige Probleme zu vermeiden.

Flieh vor toxischen Personen

Denk immer dran, dass du die Person bist, die die Zügel deines Lebens in der Hand hast und somit frei bist, deine eigenen Entscheidungen zu treffen und dich mit Personen zu umgeben, die ähnlich wie du denken. Wenn sie optimistisch sind und ihre Freude zeigen, noch besser …

Weißt du eigentlich, dass sowohl positive als auch negative Gefühle ansteckend sind? Wenn du glücklich sein willst, umgebe dich mit glücklichen Leuten und sorge so dafür, dass du jeden Tag ein bisschen glücklicher wirst.

Wenn euch das Theme interessiert und ihr mehr darüber erfahren wollt, empfehle ich euch die folgenden Bücher von Bernardo Stamateas:

  • “Toxische Typen: Wenn andere Gift für uns sind und was wir dagegen tun können”.
  • “Toxische Gefühle: Wie wir emotionale Verletzungen heilen können und inneren Frieden finden”.

“Toxische Menschen sind Traumdiebe”.

Quelle: Mairena Vázquez, Psychologin bei CogniFit.

Positive Psychologie: Was ist das und wie lässt sie sich anwenden? Ein nützlicher Leitfaden

Nützlicher Leitfaden: Positive Psychologie. Finde heraus, was dieses Konzept bedeutet, welche Autoren sich mit ihr befassen und wie man Techniken und Strategien im Alltag anwenden kann. In diesem Artikel werden wir interessante Dynamiken vorstellen, die man zu Hause, am Arbeitsplatz und in der Kindererziehung nutzen kann. Es fördert persönliche Stärken, den Optimismus und die Kreativität. Lerne unterhaltsame Spiele und Übungen der positiven Psychologie für Kinder und Erwachsene kennen. Das psychische Wohlbefinden und das eigene Glück zu verbessern ist einfacher, wenn man weiß wie. 

Positive Psychologie Manual: Hilfreicher Leitfaden

Die positive Psychologie ist ein Zweig der Psychologie, der sich mit dem Glück beschäftigt. Was macht uns glücklich? In diesem Artikel erklären wir, was die positive Psychologie ist und geben Ratschläge und Übungen zur Anwendung der positiven Psychologie.

Experten sagen, dass das Glück von drei Faktoren abhängt: 50% hängt es von unserem Charakter ab, welcher genetisch bedingt ist, zu 10% hängt es von den Ereignissen in unserem Leben ab und zu 40% davon, was wir tun, um glücklich zu sein. Bei diesen 40% der Fälle greift die positive Psychologie ein.

Was ist die positive Psychologie? Definition und Konzept

Nachdem der Fokus der Psychologie jahrzehntelang auf Störungen, Psychopathologien, Verhaltensproblemen, Krankheiten, usw… lag, hat man allmählich begonnen, sich Gedanken darüber zu machen, was uns gut tut. Es geht nicht mehr nur um die Suche nach einer Behandlung, um Krankheiten zu heilen, sondern auch um die Suche nach Antworten auf das, was uns aufblühen lässt und uns glücklich machen kann. In der positiven Psychologie werden die Probleme nicht ignoriert, aber es wird auch vor allem nach dem gesucht, was uns Befriedigung schenkt.

Die positive Psychologie könnte man als die wissenschaftliche Erforschung dessen definieren, was unser Leben lebenswert macht, ohne dabei jedoch die persönlichen Probleme zu vergessen.  

Die positive Psychologie fördert auf ausgewogene Weise unserer Stärken und die Vermittlung eines objektiveren Selbstverständnisses. Dies ist notwendig, da einige Stärken nicht zwangsläufig gut sind und auch im Übermaß nicht vorteilhaft sind, wie zum Beispiel die Positivität. Zu positiv zu sein, kann uns glauben machen, dass wir unverwundbar sind. Wir können dadurch zu der Annahme gelangen, dass wir alles erreichen werden. Das kann dazu führen, dass wir zu viele Risiken eingehen und mehr Dinge auf einmal in Angriff nehmen, als wir realistisch gesehen durchführen können. Wenn wir hingegen negativ sind, werden wir schwerlich in der Lage sein, das Gute was das Leben mit sich bringt zu genießen.

Was ist die positive Psychologie nicht?

Die positive Psychologie wird oft unterschätzt, weil sie das Bild vermitteln kann, dass es sich um eine billige Form der Selbsthilfe handelt. Die wirklichen Probleme der Menschen werden dadurch jedoch nicht übergangen. Es wird sich um Stärken und Schwächen gekümmert, indem auf das Beste im Leben aufgebaut und das Schlimmste repariert wird. Das macht das Leben der Menschen zufriedener und behandelt so auch Pathologien. Es geht auch nicht darum, allen Menschen universelle Lösungen des Glücks anzubieten. Jeder Mensch ist einzigartig, und was der eine mag, muss dem anderen nicht gefallen. Und ihr Ziel ist es ebenso wenig, uns immer freudig und glücklich zu stimmen. Glücklich zu sein bedeutet zu akzeptieren, dass es traurige Momente gibt, dass wir wütend und enttäuscht werden und auch streiten. Aber es hilft uns dabei, uns nicht auf das Schlechte zu konzentrieren und das zu finden, was unser Wohlbefinden fördert.

Glücklichsein kann man trainieren.

Warum konzentrieren wir uns auf das Negative? Die selektive Wahrnehmung

Es ist wahr, dass in unserem täglichen Leben positive Dinge oft vergessen werden, sie bleiben oft unbemerkt und wir konzentrieren uns nur auf die negativen Ereignisse. Es kann sein, dass man denkt: “Ich steckte in einem furchtbaren Stau”, “das Wasser beim Duschen war eiskalt”, “ich habe wieder zugenommen, ich bin furchtbar”, “ich hatte einen Streit mit meinem Kollegen”, usw. Im Gegensatz dazu vergessen wir oft die “kleinen Freuden”, die in unserem täglichen Leben passieren: Eine Mahlzeit zu genießen, die wir mögen; ein angenehmes Gespräch; eine warme Dusche….

Diese Tendenz, dass die meisten von uns den negativen Aspekten im Leben mehr Aufmerksamkeit schenken und sich besser an diese erinnern und das Positive unterschätzen, nennt man selektive Wahrnehmung.

Einige Experten halten die selektive Wahrnehmung für einen adaptiven Mechanismus, der für unser Überleben von Vorteil ist. Dies liegt daran, dass negative oder ungünstige Ereignisse eine Reaktion von uns erfordern, um sie zu konfrontieren und zu lösen. Positive Ereignisse, die unser Überleben nicht gefährden, bedürfen jedoch keiner Reaktion und bleiben für unsere Aufmerksamkeit und unser Gedächtnis unbemerkt.

Wenn wir uns jedoch auf das Negative konzentrieren, verschlechtert sich unsere Stimmung und wir laufen Gefahr an Angstzuständen, Depressionen und anderen psychologischen Problemen zu leiden.

Seligman und die positive Psychologie

Martin Seligman gilt als Begründer der positiven Psychologie. Er war einer der ersten, der das Glück aus wissenschaftlicher Sicht untersuchte.

Seligman selbst erklärt in dem folgenden Video, wie sich die psychologische Sicht vom medizinischen Modell der Heilung von Krankheiten, hin zur positiven Psychologie entwickelt hat. Er erklärt auch, was positive Psychologie ist.

Seligman zufolge gibt es drei Dimensionen des Glücks, die bearbeitet werden können: ein angenehmes Leben, ein gutes Leben und ein sinnvolles Leben. Im folgenden werden diese Bereiche weiter erläutert:

Angenehmes Leben

Es besteht darin, die Freuden des Lebens zu suchen, so viele positive Emotionen wie möglich zu erleben, jeden Moment zu genießen. Das Problem ist, dass die Fähigkeit, positive Emotionen zu erleben und zu verstärken, nicht gut beeinflussbar ist und zum Teil von der Genetik abhängt. Aber wir können lernen, mehr aus ihnen herauszuholen.

Gutes Leben

Dieses erreichen wir, indem wir unsere Tugenden und Stärken entdecken und sie nutzen, um unser Leben zu verbessern. Wir spüren es, wenn wir eigentlich nichts fühlen, uns auf eine Aufgabe konzentrieren und von allem anderen abstrahieren. Es ist das, was Csikszentmihalyi Flow nennt.

Sinnvolles Leben

Laut Seligman ist der dritte Schritt des Glücks, ein tiefes Gefühl der Erfüllung und Zufriedenheit zu finden, indem wir unsere Kräfte für einen Zweck nutzen, der größer ist als wir selbst.

Praktische Übungen und Techniken der positiven Psychologie

Eine Studie replizierte Seligmans Annahmen, um herauszufinden, ob Übungen der positiven Psychologie funktionieren. Sie fanden heraus, dass Interventionen der positiven Psychologie in der Tat glücklicher machen. Obwohl die Auswirkungen auf Menschen mit Depressionen geringer sind, als man durch vorherige Untersuchungen annahm, scheinen sie eine Nützlichkeit zu haben.

Wenn du also glaubst an einer Depression zu leiden, findest du hier Informationen wie die neuropsychologische Stimulation von CogniFit in Kombination mit einer Psychotherapie dir helfen kann, sie zu bekämpfen.

Wie wenden wir positive Psychologie an?

1. Übungen der positiven Psychologie: Stärken

Nach Seligman ist ein sehr wichtiger Teil der positiven Psychologie, zu lernen, die positiven Aspekte unseres Lebens zu genießen, um unsere Stärken zu erkennen. Im folgenden findet sich eine Tabelle, die dabei hilft, diese zu identifizieren. Wenn du Schwierigkeiten hast, kann man eine nahestehende Person um Hilfe bitten. Manchmal sehen andere unsere Tugenden deutlicher.

1.      Weisheit und Wissen 
KreativitätÜber neue und produktive Wege etwas zu tun nachzudenken
NeugierdeSich für all die stattfindenden Erfahrungen zu interessieren
OffenheitTiefgründig und aus anderen Blickwinkeln über Dinge nachzudenken
Wunsch zu lernenNeue Fähigkeiten zu entwickeln und sich Wissen anzueignen
PerspektiveIn der Lage zu sein anderen weise Ratschläge zu erteilen
2.      Mut 
TapferkeitKeine Angst vor Bedrohungen, Herausforderungen, Schwierigkeit oder Schmerz zu haben
AusdauerDas zu beenden, was man sich vorgenommen hat
Integrität/AuthentizitätDie Wahrheit zu sagen und sich authentisch zu präsentieren
VitalitätDem Leben voller Energie und mit Spannung zu entgegnen
3.      Menschlichkeit
LiebeEnge Beziehungen zu anderen schätzen
GüteGefallen zu tun und anderen zu helfen
Soziale IntelligenzSich der Motive und Gefühle von sich selbst und anderen bewusst zu sein
4.      Gerechtigkeit
Gemeinschaftssinn und GruppenarbeitGut als Mitglied eines Teams oder einer Gruppe zu arbeiten
Gelassenheit/GerechtigkeitAlle Menschen gleich zu behandeln im Sinne der Gerechtigkeit und Fairness
FührungGruppenaktivitäten zu organisieren und zu schaffen, dass diese ausgeführt werden
5.      Mäßigung/Contención
Fähigkeit zu VerzeihenDenen zu verzeihen, die uns weh getan haben
Güte/BescheidenheitDie eigenen Taten und Leistungen sprechen zu lassen
UmsichtVorsichtig bei eigenen Entscheidungen zu sein; keine Dinge zu tun oder zu sagen, die man später bereuen könnte
SelbstregulationDas was man fühlt und macht zu regulieren
6.      Übertragung
Schönheit wertschätzenSchönheit und Exzellenz in allen Lebensbereichen wahrzunehmen und wertzuschätzen
DankbarkeitSich der schönen Dinge im Leben bewusst zu sein und dankbar dafür zu sein
HoffnungDas Beste zu hoffen und dafür zu arbeiten, es zu erlangen
HumorGefallen am Lachen und Späßenzu haben; Bei anderen ein Lächeln zu erzeugen
Spiritualität/Religiösitätkohärente Überzeugungen über einen höheren Zweck und Sinn des Lebens zu haben

2. Übungen der positiven Psychologie: Soziale Beziehungen

Menschen, die zumindest eine enge Freundschaft haben, sind glücklicher. Es ist wichtig, dass man Menschen hat, auf die man sich verlassen kann, von denen man sich geliebt und unterstützt fühlt. Es ist wichtig, dass wir uns frei mit unseren Liebsten ausdrücken können, dass wir zeigen, wie wir uns fühlen und was wir wollen. Dabei scheint es nicht so bedeutend zu sein, wie viele Freunde wir haben, jedoch ist die Häufigkeit der Interaktionen und Aktivitäten, die wir mit ihnen teilen, von Wichtigkeit. Es ist wichtig, die Fähigkeit zu pflegen, Interesse an dem auszudrücken, was andere uns sagen, und ermutigend zu reagieren.

Psicología positiva: cultiva las relaciones sociales

3. Übung zur positiven Psychologie: Körperliche Aktivität

Das körperliche Wohlbefinden ist wichtig für unser seelisches Wohlbefinden. Bewegung und gesunde Ernährung kann uns helfen, unsere Stimmung zu verbessern. Körperliche Bewegung hat einen großen Einfluss auf die Depression.

Oft hat man beim Sport jedoch das Ziel im Sinn, Gewicht zu verlieren und einen attraktiveren Körper zu bekommen. Das sollten sekundäre Motive sein und die Übungen sollten besser aus reinem Vergnügen ausgeführt werden. Viele Leute mögen keinen Sport einfach weil “es ihnen nicht gefällt”. Aber es gibt eine große Vielfalt an unterschiedlichsten Aktivitäten, die man je nach Geschmack gestalten kann. Selbst bei zügigem Tempo spazieren zu gehen, kann sich positiv auf Organismus auswirken. Entdecke hier, wie man sich zum Sport animieren kann.

4. Übung zur positiven Psychologie: Humor

Humor steigert unser Wohlbefinden, verlängert das Leben und macht uns glücklicher. Es ist wichtig, einen Sinn für Humor zu haben, aber wie alles andere kann man auch das trainieren.

  • Umgib dich mit Menschen mit Sinn für Humor, es ist ansteckend.
  • Lerne, Dinge weniger ernst zu nehmen und lache über dich selbst (natürlich ohne Spott).
  • Lerne, Humor intelligent und nicht wahllos einzusetzen. Nicht in jedem Moment ist er richtig angebracht.

5. Übung zur positiven Psychologie: Dankbarkeit

Dankbarkeit zu praktizieren ist eines der Dinge, die den Menschen am meisten Wohlbefinden bringen. Manchmal merken wir es nicht, aber wir haben immer etwas, wofür wir dankbar sein können. Im Folgenden finden sich drei positive psychologische Übungen, die sehr nützlich sind, um Dankbarkeit zur Gewohnheit werden zu lassen:

  • Ein Dankbarkeitstagebuch zu führen und jeden Abend vor dem Zubettgehen mindestens drei Dinge aufzuschreiben, für die man an diesem Tag dankbar war.
  • Einen Dankesbrief an eine besondere Person zu schreiben. Aufzuschreiben wie man sich fühlt, dank dem, was der andere für einen getan hat. Wenn möglich, kann man den Brief der Person persönlich vorlesen. Die positiven Gefühle und Emotionen die dabei entstehen sollte man zulassen und genießen.
  • In jedem Moment dankbar sein. Man sollte es sich zur geistigen Gewohnheit machen immer und zu jeder Zeit dankbar zu sein. Dafür sucht man am besten aktiv nach den Details und Handlungen anderer, um sich selbst zu helfen und/oder sich ein gutes Gefühl zu geben, und diesen Menschen dankbar zu sein.

6. Übung zur positiven Psychologie: Drei positive Dinge

Diese Übung der positiven Psychologie besteht darin, ein “Genuss-Tagebuch” zu führen. Schreibe jeden Abend drei positive Dinge auf, die dir Freude, Glück und Zufriedenheit gebracht haben… Denke darüber nach, was du empfunden hast und weshalb. Urteile nicht und sei nicht negativ. Dies wird dir helfen, dich der guten Zeiten des Tages bewusster zu werden, und dadurch kannst du herauszufinden, was dir Glück gebracht hat und du wirst in der Lage sein, diese Dinge in den folgenden Tagen zu wiederholen.

Positive Psychologie auf der Arbeit

Wie kann man die positive Psychologie am Arbeitsplatz anwenden? Für viele ist der Arbeitsplatz ein Ort der Folter. Es ist dieser schreckliche Ort mit furchtbaren Menschen, denen man nicht entkommen kann, weil man ein Gehalt braucht, um sich zu ernähren. Und selbst wenn es nicht der begehrenswerteste Ort der Welt ist, kann man ihn zu einem weniger feindseligen Ort machen.

1. Dankbar sein

Wie in der Übung zur positiven Psychologie weiter oben vorgeschlagen, kann man auch auf der Arbeit Dankbarkeit praktizieren. Denk an eine Person, die etwas für dich getan hat, was du wirklich zu schätzen weißt. Schreib ihr einen Brief und lies ihn laut vor. Diese Übung vermittelt das Gefühl des Wohlbefindens und stärkt gleichzeitig deine Beziehung zu dieser Person.

2. Gib deinen Aufgaben eine Richtung

Wenn wir unserer Arbeit einen Sinn geben, der über die Pflicht hinausgeht, ist es möglich, unser Glück und unsere Zufriedenheit zu steigern. Versuche dir vorzustellen, wie diese Aufgaben zum Wohl der Allgemeinheit beitragen. Vermeide dabei Gedanken wie “ich tue das nur, damit der Chef reich wird”. Dieser Gedanke hilft nicht. Denke darüber nach, was du den Menschen bietest und wozu er notwendig ist. Und wenn du nichts finden kannst, denk darüber nach, was er dir selbst bringt (ökonomische Sicherheit, Mittel für deine Kinder…).

3. Denk an das Positive deines Arbeitstages

Wie schon vorher genannt, kann man sich auch hier drei positive Dinge vor Augen führen, die einem bei der Arbeit passiert sind. Es kann ein “Dankeschön” und ein Lächeln von jemandem sein, es kann ein Kaffee mit einem Kollegen oder ein Kompliment von jemandem gewesen sein.

4. Verbringe Zeit mit deinen Arbeitskollegen

Bemühe dich, deine Arbeitskollegen kennenzulernen, mit ihnen zu sprechen, einen Kaffee zu trinken oder Aktivitäten außerhalb der Arbeit zu planen.

5. Nutze deine Stärken

Das Wissen um unsere Stärken und deren tägliche Anwendung in unserer Arbeit steigert unser Glück und Erfolgserlebnis.

Übungen der positiven Psychologie für Kinder

Wie können wir positive Psychologie auf Kinder anwenden? Die Einbeziehung positiver Psychologie in das Leben der eigenen Kinder kann sehr einfach sein. Man muss dafür nur die oben genannten Übungen an das Kind anpassen.

Ejercicios de psicología positiva para niños

1. Liste der Dankbarkeit

Eine positive Psychologie Übung für Kinder ist es, das Kind zu ermutigen, drei Dinge aufzuschreiben, für dass es jeden Tag dankbar ist. Diese Übung kann man gut als Familie praktizieren. Am Ende der Woche, liest man sich das Ergebnis gemeinsam durch und reflektiert über die wunderbaren Dinge, die man im Leben schätzt.

2. Akt der Freundlichkeit

Hilf deinem Kind, jeden Tag einem anderen Menschen gegenüber freundlich zu sein. Hilf ihm herauszufinden, wie gut es sich anfühlt, andere gut zu behandeln. Ebenfalls kannst du mit deinem Kind gemeinsam planen, welche positiven Dinge es für andere in der kommenden Woche tun kann und diese aufschreiben.

3. Drei positive Dinge

Eine weitere interessante Übung der positiven Psychologie für Kinder ist es, ihm zu helfen drei positive Dinge, die ihm am Tag passiert sind zu reflektieren. Vielleicht ein Kompliment des Lehrers oder eines Freundes, eine lustige Zeit beim Mittagessen oder ein gemütlicher Spaziergang.

4. Liste der Stärken

Entdeckt gemeinsam welche Stärken dein Kind hat und überlegt euch wie es diese Stärken im Alltag unterbringen kann, um sein eigenes Wohlbefinden und das der anderen zu verbessern.

5. Genießen

Statt durch den Alltag zu hetzen, verlangsamt euren Rhythmus und versucht eine angenehme Aktivität oder einen Moment zu genießen. Achtsamkeit mit dem eigenen Kind zu praktizieren, kann das Bewusstsein in der heutigen Zeit erhöhen und Sorgen und Ängste verringern.

6. Soziale Beziehungen

Sinnvolle soziale Beziehungen tragen wesentlich zum allgemeinen Wohlbefinden bei. Achte darauf, dass dein Kind die ganze Woche über eine gute Zeit mit einem guten Freund oder einem besonderen Familienmitglied verbringt. Oder das Kind kann sogar einen neuen Freund aus seinem Umfeld besser kennenlernen.

7. Zielliste

Eine gute Übung der positiven Psychologie bei Kindern kann sein, dem Kind dabei zu helfen eine Liste der kurz-und langfristigen Ziele zu erstellen. Die Ziele sollten machbar und nicht zu kompliziert sein. Wenn man sieht, wie man das erreicht, was man sich vorgenommen hat, fühlt man sich gut und wird ein bisschen glücklicher.

Übersetzung aus dem Spanischen. Originalartikel: Andrea García Cerdán, Psychologin bei CogniFit.

Zirkadianer Rhythmus: Deine innere Uhr

Warum tendieren wir eigentlich dazu eher spät zu Bett zu gehen und morgens zu verschlafen? Und warum ist der Jetlag, wenn wir nach Amerika reisen nicht so schlimm, wie wenn wir nach Russland fliegen? Der zirkadiane Rhythmus (auch circadiane Rhythmik: cR), unsere innere Uhr, ist ein Biorhythmus und gibt einen inneren 24-Stunden-Takt vor, der den Tagesablauf von Mensch und Tier maßgeblich beeinflusst. Einen Einblick darin, wie er genau funktioniert und was passiert, wenn unsere biologische Uhr nicht intakt ist, gibt dieser Artikel.

“Everything in the universe has a rhythm, everything dances.” 

Maya Angelou

Die innere Uhr: Warum gehen wir eigentlich oft zu spät ins Bett?

Wir tanzen alle zum gleichen Beat

Ebbe und Flut wechseln sich innerhalb von etwa 25 Stunden zwei Mal ab. Das hängt zu einem großen Teil mit dem Mond zusammen. Ein Mondphasenzyklus von Neumond zu Neumond beträgt in der Regel 29,5 Tage. Der Mond kreist nämlich um die eigene Achse und auch um die Erde. Die Erde braucht übrigens 23 Stunden und 56 Minuten, um sich einmal um sich selbst zu drehen und dann kreist sie dabei auch noch um die Sonne. Dafür braucht sie ein Jahr. Das Universum scheint einem Rhythmus zu folgen und jedes Element tanzt dabei im eigenen Beat. Und so beeinflusst der Beat eines Elements ein anderes Element. So dirigiert und tanzt das Universum also vor sich hin. Und wir? Wir tanzen auch. Die Neuronen in unserem Gehirn schwingen zum Beispiel und mit jedem Atemzug weiten sich unsere Lungen und ziehen sich dann wieder zusammen – mal schnell, mal langsam, aber immer folgen sie dabei einem Rhythmus – den unserer inneren Uhr.

Fast alle physiologischen Funktionen unterliegen dem sogenannten zirkadianen Rhythmus (cR)

Im Gegensatz zu den beschriebenen Umweltrhythmen werden die Rhythmen, die von einem Lebewesen aus gehen, als Biorhythmen bezeichnet. Auch der Schlaf-Wach-Rhythmus, Schlafstadien, Bewegung und Sprache gehören dazu. Diese Rhythmen betreffen nicht nur uns Menschen, sondern sind auch bei Tieren und Pflanzen zu finden. So sind Eichhörnchen in der Regel tagesaktiv, Rotwild ist besonders während der Dämmerung aktiv und Hamster sind bekanntlich nachtaktive Tiere. Weiterhin lassen sich Biorhythmen nach ihrer Länge unterteilen. So wird die circadiane, infradiane und ultradiane Rhythmik unterschieden.

Die cR, unsere innere Uhr, bezieht sich auf einen inneren 24-Stunden-Rhythmus. Das beste Beispiel ist der Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen, aber auch der vieler Tiere. Infradiane Rhythmen sind deutlich länger, wie zum Beispiel der Vogelzug und der Winterschlaf bei anderen Tieren. Auch der weibliche Menstruationszyklus gehört zu der Kategorie der infradianen Rhythmik. Ultradiane Rhythmen sind hingegen deutlich kürzer als der 24-Stunden-Rhythmus. Ein leicht nachvollziehbares Beispiel ist wohl der Herzschlag. Ein Herz schlägt in der Regel zwischen 60 und 100 Mal die Minute, das sind 100.000 Herzschläge pro Tag. Aber zurück zur cR, um die es in diesem Artikel gehen soll…

Die innere Uhr: Wieso uns eigentlich eine Stunde am Tag fehlt

Schlägt man “circadiane Rhythmik” im Lexikon nach, steht da so etwas wie “[eine] 1954 von F. Halberg eingeführte Bezeichnung für eine biologische Dynamik, die durch endogene Oszillationen metabolischer oder physiologischer Aktivität oder des Verhaltens mit einer Periodizität von ungefähr 24 (20-28) Stunden verursacht wird”. Damit ist gemeint, dass die Schwingungen innerhalb des Körpers entstehen und nicht äußerlich “angestoßen” werden. Durch diese Schwingungen kommt es dann zu Aktivität. Nahezu alle körperlichen Funktionen unterliegen der circadianen Rhythmik, so auch die Körpertemperatur und der Cortisol-Spiegel. Spannend ist, dass (Tages)Licht zwar einen Einfluss als Zeitgeber hat – das ist gerade jetzt im Übergang zur Herbst/ Winterzeit wieder zu spüren – allerdings bleibt der Zyklus auch dann erhalten, wenn Licht als Taktgeber fehlt. Das weist daraufhin, dass die Rhythmen und Länge des Zyklus biologisch determiniert sind.

Funfact: Auch ohne externe Zeitgeber, wie zum Beispiel Tageslicht, steuert die cR unsere sogenannte “biologische Uhr”. Allerdings folgen Menschen natürlich (ohne externe Informationen) eher einem 25-Stunden- als einem 24-Stunden-Rhythmus. Deshalb tendieren wir eher dazu immer etwas später zu Bett zu gehen und aufzuwachen. Auch verkraften wir einen Jet-Lag in Richtung Westen (der Tag bekommt zusätzliche Stunden) besser, als eine Reise in Richtung Osten (der Tag verkürzt sich).

Der Hypothalamus stellt eine wichtige Quelle für die cR dar. Der dort lokalisierte suprachiasmatische Kern (engl. suprachiasmatic nucleus, kurz: SCN) gilt damit als einer der Schrittmacher des cR bzw. der inneren Uhr. Es wird davon ausgegangen, dass es noch weitere innere Uhren im System des Menschen gibt, die unabhängig oder auch unter Einfluss des SCN arbeiten. Dieser Kern hat gerade einmal eine Größe von < 0.3 mm3. Untersuchungen haben gezeigt, dass sie bei elektrischer Stimulation des Kerns die cR verschiebt. Bei Läsion des SCN werden körperliche Funktionen und Verhalten, wie Schlaf-Wach Rhythmus oder Hunger maßgeblich beeinflusst.

Was passiert, wenn die innere Uhr aus dem Takt kommt

Nicht nur eine physische Verletzung, z.B. des SCN, kann zu einer Störung der cR führen. Auch äußerliche Faktoren, wie Schichtarbeit, Lichtmangel im Winter und künstliche Lichtreize, wie zum Beispiel durch Mobiltelefone, Fernseher und Computer, am Abend führen kurz- oder langfristig zu einer Beeinflussung des Biorhythmus. Folge sind häufig Schlaf- und Essstörungen sowie Leistungseinbrüche und Energieverlust bis hin zu depressiven Verstimmungen und psychischen Erkrankungen. Äußerlich können beschleunigte Altersprozesse und Übergewicht die Folge sein.

Was wir tun können & was gerade in der Welt passiert

Es lohnt sich daher die innere Uhr durch aktive Maßnahmen zu unterstützen. Die beste Möglichkeit ist es dabei, Schlaf- und Essrhythmen beizubehalten. Die Zeiten des Zubettgehens und Aufstehens am Wochenende sollten sich daher nicht zu sehr von den Zeiten unter der Woche unterscheiden. Insgesamt sollte aber darauf geachtet werden, dass der Körper täglich ca. 8 Stunden Schlaf bekommt. Weiterhin sollten Mahlzeiten regelmäßig eingenommen werden, das hilft der Verdauung und dem Schlaf-Wach-Rhythmus. Gerade in der Winterzeit sollte die Licht- sowie Vitamin-D-Zufuhr aktiv geregelt werden. Das einfachste Mittel ist es, während der Sonnenstunden mehr Zeit an der frischen Luft zu verbringen. Das lässt sich durch Spaziergänge während der Mittagspause und am Wochenende integrieren. Auch Tageslichtlampen können unterstützend wirken. Bevor Präparate eingenommen werden, die den Vitamin-D-Haushalt regulieren, sollte Rücksprache mit einem Arzt gehalten werden, um zu überprüfen, ob tatsächlich ein Vitamin-D-Mangel vorherrscht. Nicht Zuletzt sollte am Abend der Gebrauch von elektronischen Medien eingegrenzt werden, die artifizielles Licht (Blaulicht) abgeben und damit den Melatoninspiegel senkt. Melatonin ist auch als Schlafhormon bekannt, das der Körper vermehrt zum Abend hin ausschüttet und das für eine wichtige Rolle für erholsamen Schlaf und somit die innere Uhr spielt

Übrigens ging der diesjährige Nobelpreis für Medizin an eine Gruppe von Forschern aus den USA, die wichtige Erkenntnisse zu der Kontrolle der cR durch molekulare Mechanismen lieferten.

Weitere Quellen: http://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/circadianer-rhythmus/2197

Farbpsychologie: Wie beeinflussen uns Farben und was bedeuten sie?

Die Bedeutung der Farben hat einen großen Einfluss darauf, wie wir bestimmte Dinge in unserem Alltag wahrnehmen. Was ist die Farbpsychologie? Wie beeinflussen die Farben unsere Emotionen? Was vermitteln die einzelnen Farben in unterschiedlichen Kulturen? Wir alle verbinden mit jedem Farbton ein bestimmtes Gefühl und verschiedene Konzepte. In diesem Artikel werden die Grundsätze der Farbpsychologie näher beleuchtet, die Anwendung dieser in der Praxis erklärt und praktische Tipps zur eigenen Anwendung genannt.

Farbpsychologie

Farbpsychologie: Was ist das und wozu ist sie gut?

Die Farbpsychologie untersucht, wie uns die Farben beeinflussen. Farben können die Wahrnehmung verändern, unsere Emotionen beeinflussen, Gefühle in uns auslösen, usw… Farben haben die Macht unsere Aufmerksamkeit und unser Gedächtnis zu verbessern und können uns sogar davon überzeugen, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Die Bedeutung der einzelnen Farben zu kennen ist also ein wichtiger Schlüssel, um unser eigenes Verhalten besser zu verstehen.

Der Einfluss der Farben kann komplett unsere Vorstellung zu einem bestimmten Element oder Raum verändern. Stelle dir einmal ein Spielzeug für kleine Kinder vor. Wahrscheinlich denkst du an knallige bunte Farben mit starken Kontrasten, die lebendig und energetisch wirken. Wenn wir uns das gleiche Objekt jetzt komplett schwarz mit silbernen Elementen vorstellen … Stößt uns das vor den Kopf?

Es kann sein. Es gibt für bestimmte Elementgruppen sowas wie einen Farbkodex. Wir knüpfen im Laufe unseres Lebens bestimmte Assoziationen. Dabei stützen wir uns auf das, was wir täglich sehen ohne uns darüber ernsthaft Gedanken zu machen. Wenn wir aber auf einmal eine blaue Banane sehen, gelbe Erbsen oder einen neongelben Baum, können wir nur staunen.

Die Farbpsychologie ist ein Forschungsfeld, das sich ständig weiterentwickelt. Sie zu beherrschen ist wichtig für alle Kreative oder Firmen, wenn sie neue Produkte entwickeln und vermarkten wollen. Die Bedeutung der Farben zu kennen kann aber jedem dabei helfen, nicht in eine spezielle Falle zu tappen, das beste Geschenk für eine Freundin in Abhängigkeit ihrer Persönlichkeit auszusuchen oder um sich in seinem eigenen Zuhause wohlzufühlen.

Farben beeinflussen deine Emotionen und deine Laune. Farbpsychologie: Gehirn und Emotionen.

Wir sind einer großen Menge von Reizen ausgesetzt und führen viele verschiedene Aufgaben aus. Unser Gehirn ist zu jeder Tageszeit mit verschiedensten Herausforderungen konfrontiert. Wir haben dabei nicht die Zeit, all die Reize zu verarbeiten, die wir über unsere Sinnesorgane aufnehmen.

Aus diesem Grund sparen uns die Assoziationen viel Zeit, die wir über so grundlegende Aspekte wie Farben oder Formen entwickeln,  da diese Verarbeitung automatisch geschieht.

Außerdem sind wir unglaublich emotional. Die Farben interagieren mit unserem Gedächtnis, wecken unsere Gefühle und geben der Vernunft eine Richtung. Sie erinnern uns an angenehme Dinge, wie diese knallgelben Gummistiefel, die wir als kleines Kind hatten oder es irritiert uns ein T-Shirt in der Lieblingsfarbe unsere Exfreundin zu sehen.

Es ist gar nicht notwendig die Theorien der Farbpsychologie in aller Tiefe zu kennen, um zu wissen, dass Farben wie rot und rosa mit der romantischen Liebe und Erotik assoziiert werden (wenn der Valentinstag im Anmarsch ist, dominiert diese Farbe jedes Kaufhaus).  Wenn wir eine Einrichtung betreten, welche in diesen Farben dekoriert ist, (in angemessener Form)kann es vorkommen, dass wir uns daran erinnern, wie verliebt wir doch gerade sind und dass wir dieser Person eine Aufmerksamkeit schenken könnten.

Was bedeutet jede einzelne Farbe in der Psychologie?

Über dieses Thema wurden schon hitzige Debatten geführt. Experten wie Psychologinnen, Soziologen, Sprachwissenschaftlerinnen, oder Marktforscher untersuchen und interpretieren die Bedeutung der Farben. Sie untersuchen Ausdrücke wie “grün vor Neid zu sein” oder “das Leben durch eine rosarote Brille zu sehen”. Sie untersuchen die häufigsten Farben für eine bestimmte Produktkategorie oder führen unzählige Studien mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen durch.

Was bedeutet die Farbe Weiß

Die Farbe des Schnees, der Milch, der Baumwolle oder dem Hochzeitskleid. Weiß steht für einen Neuanfang, Leichtigkeit, Perfektion, Reinheit, Frieden, Unschuld, usw.

Im Krankenhaus ist Weiß eine vorherrschende Farbe, sie wirkt steril und vermittelt Ruhe. Die weißen Kittel werden eingesetzt, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Weiß ist eine makellose Farbe, sie ist neutral und sauber.

Ein weißes unbeschriebenes Blatt zu sein eröffnet uns eine Welt voller Möglichkeiten, kann aber auch Unwohlsein auslösen, wenn wir nicht wissen, wie wir es füllen sollen.

Farbpsychologie: Was bedeutet die Farbe Weiß

Was bedeutet die Farbe Gelb?

Die Farbe Gelb wird mit positiven Konzepten wie Optimismus, Jugend, Vertrauen und Kreativität assoziiert. Lächelnde Gesichter wie das Smiley sind gelb und es ist unwahrscheinlich, dass wir uns an einem traurigen Tag ein gelbes T-Shirt anziehen. Es ist die Farbe der Sonne, des Goldes, oder liebenswerter Tiere wie Giraffen oder Küken.

Gleichzeitig ist Gelb aber auch eine widersprüchlich Farbe. Sie ist mit Verrat, Habsucht, Lügen, Verrücktheit oder Warnungen assoziiert. Die Farbe wurde außerdem mit aus der Gesellschaft ausgeschlossenen und verstoßenen Gruppen in Verbindung gebracht, wie den Juden oder Prostituierten. In China jedoch ist Gelb die Farbe, welche am meisten wertgeschätzt wird, weshalb sie hier so gut wie keine negative Bedeutungen hat.

Was bedeutet die Farbe Orange?

Die Farbe Orange erregt sofort Aufmerksamkeit. Diese Farbe findet sich einigen Früchten und Gemüsesorten und erscheint uns bei Rothaarigen auch so besonders.

Viele Dinge, die wir als rot bezeichnen sind eigentlich orange, wie das Feuer oder Dächer. Laut der Farbpsychologie steht Orange für Extravaganz, Energie, Transformation und das Einzelne.

Was bedeutet die Farbe Rot?

Rot ist die leidenschaftlichste aller Farben, sie alarmiert uns und zieht unmittelbar die Aufmerksamkeit auf sich. Gemäß der Farbpsychologie wird Rot mit Liebe, Blut, der Freude, Strafen, der Nähe, Krieg oder dem Verbotenen verbunden. Sie erscheint auf den Ampeln, den Rabattschildern auf den Preisschildern, oder dem Essen. Sie ist die Farbe des Notfalls.

Es ist unmöglich ihr zu entgehen, wir können die Korrekturen in einer Aufgabe nicht übersehen und nicht verhindern einem roten Lippenstift Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn du eine unfehlbare Nachricht verbreiten willst und Aufmerksamkeit erlangen willst, nutze die Farbe Rot. Sich in dieser Farbe zu kleiden zieht ebenfalls mehr Blicke auf sich und beeinflusst die sexuelle Anziehungskraft, sowohl bei Menschen als auch bei Tieren.

Was bedeutet die Farbe Rosa?

Laut der Farbpsychologie steht Rosa für Weiblichkeit, Zärtlichkeit, Feinheit, Sanftheit, Sensibilität, Höflichkeit, Freude, Erotik, usw. Sie kann auch infantil wirken und mit der Kindheit und Jugend in Verbindung gebracht werden. 

Von einer großen Anzahl an Personen wird Rosa geradezu geliebt, diese Leute kaufen sich alles was sie nur können in dieser Farbe, andere wiederum verabscheuen die Farbe, sehen sie als irritierend, sexistisch oder kitschig an.

Farbpsychologie: Was bedeutet die Farbe Rosa

Was bedeutet die Farbe Violett

Die Farbe Violett ist unüblich und rätselhaft. Der Farbpsychologie zur Folge, wird diese Farbe der Luxuswelt, der Religion und der Sexualität zugeschrieben. Violette Gegenstände strahlen etwas attraktives und ambivalentes aus. Es ist keine sehr häufige Farbe in der Natur und steht bei richtiger Verwendung über dem Rest.

Die Farbe wurde mit Homosexualität assoziiert und vom Feminismus adaptiert. Sie reflektiert Nostalgie, Phantasie, Banalität, Ehrgeiz, Eitelkeit, Unbeständigkeit, usw. Wie man sehen kann handelt es sich um eine Farbe mit vielen ambivalenten Bedeutungen, was ihr viel Potential verleiht, wenn man sie kreativ nutzen möchte.

Was bedeutet die Farbe Blau

Blau ist die Farbe, die am häufigsten als Lieblingsfarbe genannt wird. Laut der Farbpsychologie symbolisiert Blau Harmonie, Treue, Sympathie, Frieden, Fassung, Vertrauen, Ehrlichkeit, Kommunikation, usw. Es sollte einen also nicht verwundern, dass viele soziale Netzwerke und Firmen diese Farbe in ihrem Logo tragen.

Aber es gibt auch negative Konnotationen, so scheint Blau kalt und distanziert. Die Farbe ist für Essen beispielsweise unangebracht und lässt uns misstrauisch werden. Die meisten Menschen würden darauf verzichten ein blaues Püree zu essen. Trotzdem erscheint die Farbe für viele Dinge sehr geeignet, wie beispielsweise seine Wand in einem beruhigenden blauen Farbton zu streichen.

Farbpsychologie: Was bedeutet die Farbe Blau

Was bedeutet die Farbe Grün

Grün ist die Farbe die am meisten mit der Natur in Verbindung steht. Sie erinnert uns an Gras, Jugend, Hoffnung, Gesundheit, Fruchtbarkeit, Geld, usw. Gemäß der Farbpsychologie ist Grün frisch und harmonisch, strahlt Jugend, Ruhe und Frieden aus. Leute mit einem Umweltbewusstsein bezeichnen sich als “grün”.

Es ist aber auch keine komplett unschuldige Farbe, so wird sie mit Gift assoziiert (giftgrün), die meisten Bedeutungen sind jedoch durchaus positiv.

Was bedeutet die Farbe Braun

Braun steht für Faulheit, Schmutz, Vulgarität, Hässlichkeit. Braun kann fad und altmodisch wirken. Braun ist eine der am wenigsten wertgeschätzten Farben.

Nichtsdestotrotz steht Braun auch für Holz und den Herbst, die Farbe erinnert uns an gemütliche, warme und angenehme Orte. Die Farbe findet sich auch in Lebensmitteln wieder, wie Schokolade oder Fleisch. Im Sommer gebräunt zu sein ist auch gerade sehr angesagt. Braun ist eine Farbe, die in unserer Umgebung sehr präsent ist und verschiedenste Assoziationen auslöst.

Farbpsychologie: Was bedeutet die Farbe Braun

Was bedeutet die Farbe Grau

In der Farbpsychologie repräsentiert Grau hauptsächlich Alter und Nüchternheit. Sie kann dunkel sein, für Mittelmaß stehen und Dinge verbergen wie die “Grauzone”. Andererseits erinnert uns die Farbe auch an die “graue Substanz” oder die Eleganz in der Mode.

Was bedeutet die Farbe Schwarz

Genau wie bei der Farbe Weiß gibt es eine offene Debatte darüber, ob Schwarz überhaupt eine Farbe ist oder nicht. Laut der Farbpsychologie steht Schwarz in Verbindung mit der Nacht, Macht und dem Tod. Sie steht für Ablehnung, Mysterium, Trauer, Hass, Grausamkeit, usw. Die Leute assoziieren schwarze Katzen mit Pech und niemand hat gerne einen schwarzen Tag. Schwarz steht für ein schweres und gewaltvolles Ende.

Trotzdem ist Schwarz eine grundlegende Farbe in jedem Kleiderschrank und umgibt uns überall. Die Farbe ist sehr praktisch für eine Abendveranstaltung, oder um elegant zu wirken.

Farbpsychologie: Was bedeutet die Farbe Schwarz

In dem Buch Wie Farben wirken von Eva Heller werden die Bedeutungen der Farben sehr detailliert beschrieben. Es diente auch als Grundlage für diesen Artikel. 

Die Bedeutung der Farben in den verschiedenen Kulturen

Es gibt Untersuchungen dazu, ob die Einteilung der Farben etwas natürliches ist oder durch die Gesellschaft definiert wird. Berlin und Kay kommen nach Untersuchungen in verschiedenen Kulturen zu dem Schluss, dass es allgemeine Tendenzen in allen Kulturen gibt, die Farben zu kategorisieren. Es wird davon ausgegangen, dass es 6 Grundfarben gibt, um die sich die restlichen gruppieren. Bei den Grundfarben herrscht Einigkeit, bei der Anordnung der weiteren Farben gibt es jedoch Unterschiede.

Bezüglich der Bedeutung von Farben ist es beispielsweise in unserem Kulturkreis nicht gut angesehen mit knalligen oder hellen Farben auf eine Beerdigung zu gehen. In Asien hingegen ist die Farbe der Trauer Weiß. Diese Farbe passt besser zur Vorstellung der Wiedergeburt. Doch auch in Europa wurde diese Farbe vor vielen Jahren bei Frauen verwendet, die sich in große weiße Gewänder hüllten.

Auch in unserer eigenen Kultur sind die Bedeutungen von Farben nicht unumstößlich. Die Tradition, das Mädchen in Rosa und Jungs als Babys in Hellblau gekleidet werden, begann erst etwa 1920. In den letzten Jahren wird dieser Brauch deutlich kritisiert. Im Laufe der Zeit werden die Bedeutungen von Farben neu definiert und neue Konventionen entstehen, die eines Tages vielleicht in Vergessenheit geraten oder sich je in Abhängigkeit der aktuellen Mode verändern.

Die Bedeutung der Farben variiert auch zwischen den einzelnen Personen. Wir können eine Farbe auf eine bestimmte Art wahrnehmen oder auf eine andere. Das hängt von aktuellen Trends, unserem emotionalen Zustand oder der Lebensphase in der wir uns gerade befinden, ab. Die Farbe Schwarz gut zu finden nimmt mit dem Alter ab (ohne kleine Kinder mitzuzählen), da diese im Laufe der Zeit immer mehr mit Negativem assoziiert wird.

Nicht alle sehen wir die Farben gleich. Man darf die Menschen nicht vergessen die eine Farbfehlsichtigkeit besitzen oder jene, die auch die kleinsten Farbnuancen unterscheiden. Es gibt auch Menschen mit Synästhesie, die Farben “hören” oder “schmecken” können. Das bedeutet aber nicht, dass die Farbpsychologie besonders variabel oder subjektiv ist. Wenn man den Kontext gut analysiert, kann sie sehr hilfreich sein.

Farbpsychologie: Ihre Anwendung

Farben wurden verwendet, um Krankheiten zu heilen; sie sind Teil von fast allen Beschreibungen, die wir machen und es wurde viel darüber spekuliert, welche Beziehung es zwischen Farben und der Persönlichkeit gibt. Tatsächlich tendieren wir dazu Farben auszuwählen, die im Einklang mit unserer aktuellen Stimmung sind und bei denen wir glauben, dass sie uns repräsentieren. Im Folgenden wird die alltägliche und professionelle Anwendung erläutert.

Die Bedeutung der Farben für Kreative

Es ist möglich, dass die ersten Berufe die uns einfallen, wenn wir an Farben und Farbpsychologie denken, mit der Kreativität zusammenhängen. Designer (Grafikdesigner, Modedesigner, Innenarchitekt, Produktdesigner, usw.) Künstler, Leute aus der Werbebranche, usw. Bei all diesen ist es wichtig, zu wissen wie die Leute ticken, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen und mit ihnen zu kommunizieren. Die visuellen Kommunikationsmittel sind voller Beispiele. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass sich die Farben eines Nachrichtenprogramms von denen unterscheiden, die für eine Sendung für Kinder verwendet wird.

In einer Gesellschaft herauszustechen, die so Reiz überflutet ist, ist eine schwierige Mission. Dank der Farbpsychologie ist es jedoch möglich sich besser mit seinem Publikum in Verbindung zu setzen und Emotionen in ihm auszulösen. Die Reaktionen des Publikums zu bestimmten Farben hervorzusagen ist unabdingbar, um eine Nachricht richtig und effektiv zu überbringen. Wenn du über die Prävention von Autounfällen sprechen wollen würdest, welche Farbe würdest du verwenden?

Die Bedeutung der Farben für Unternehmen

Das Image eines Unternehmens ist grundlegend für dessen Erfolg. Wenn man von einem Erfrischungsgetränk und der Farbe rot spricht, brauchen wir keine weiteren Hinweise, um zu wissen welche Marke gemeint ist. Um ein kohärentes Bild abzugeben und sich in unser Gehirn einzubrennen, repräsentieren Marken in ihrem Logo und den restlichen visuellen Elementen ihre Persönlichkeit mithilfe von Farben. Diese sind grundlegend für Marketingstrategien.

Man stelle sich vor eine Restaurantkette würde auf Unternehmensfarben verzichten und sich in jedem Restaurant anders präsentieren, unsere Erinnerung an diese Kette wäre viel schwächer und unorganisierter. Folglich würden sie viele Möglichkeiten verpassen neue Kunden zu gewinnen und zu halten. Das Image ist nicht alles, aber es hilft auf jeden Fall. Gerade in der heutigen wettbewerbsstarken und sich rasant ändernden Zeit.

Tatsächlich verändern auch einige Unternehmen ihre Farben, in Abhängigkeit von dem Zielpublikum und den aktuellen sozialen Tendenzen. Es ist kein Zufall, dass einige Marken ihre gewöhnlichen Farben zu Grün hin verändern, die Farbe die wie keine andere für ökologisch, gesund und umweltbewusst steht.

Farben sind nicht nur für das Publikum wichtig. Auch Mitarbeiter können ihr Wohlbefinden und ihre Produktivität steigern, wenn sie an einem Ort arbeiten, an dem sie sich wohl fühlen. Ein geschlossener Ort mit viel Schwarz und wenig Licht kann dazu führen, dass sich die Leute eingeengt fühlen und so wenig Zeit wie nur möglich an diesem Schreibtisch verbringen möchten.

Wenn man diese Wände aber weiß streicht und ein paar grüne, blaue und noch warme Farbreflexe hinzufügt, wird es vielleicht zu einem gemütlicheren Ort.

Die Bedeutung der Farben im Alltag

Farben beeinflussen uns auch bei unseren ganz alltäglichen Entscheidungen. Seit wir klein sind, werden wir nach unserer Lieblingsfarbe gefragt und jeder hat dabei seine eigenen Präferenzen. Die meisten Objekte und Gegenstände sind in mehreren Farben verfügbar. Das heißt wenn wir beispielsweise eine Tasse kaufen wollen, ist es wahrscheinlich, dass wir ohne groß zu zögern die nehmen, deren Farbe uns am besten gefällt.

In anderen Situationen müssen wir aber mehrere Variablen beachten. Wenn wir ein Auto kaufen, sollten wir sicher gehen die richte Entscheidung zu treffen. Wir werden es wahrscheinlich lange benutzen und viel Zeit mit ihm verbringen. Es kann sein, dass wir etwas Gewagtes wollen wie Orange, dann ist es aber möglich, dass es uns irgendwann nicht mehr gefällt und wir ganz verrückt werden, wenn wir das Auto sehen.

Andererseits kann ein Auto in einer diskreteren Farbe wie Schwarz oder Dunkelblau Nachts schlechter gesehen werden. Bei einem weißen Auto bemerkt man sofort das kleinste bisschen Schmutz und vielleicht wollen wir doch lieber etwas fröhlicheres? Über dieses Dilemma wird sich meistens lange der Kopf zerbrochen und das Thema mit Freunden und Familie ausdiskutiert.

Nützliche Empfehlungen für die Anwendung der Farbpsychologie

1 Unsere Lieblingsfarbe ist nicht immer die Beste für alles

Es kann sein, dass uns Violett unglaublich gut gefällt, wir uns aber irgendwann unwohl in unserem Zimmer fühlen, wenn so gut wie alles darin Violett ist. Bei der Kleidung hingegen kann man mit Violett auf jeden Fall Aufmerksamkeit erregen. Vor allem dann, wenn man sie mit Komplementärfarben wie Orange kombiniert. Man sollte sich überlegen, welche Funktion das besagte Objekt oder der Raum haben wird, bevor man eine Farbe wählt.

2 Der Kontext ist enorm wichtig, um Farben auszuwählen und zu interpretieren

Wir wissen nun bei der Farbauswahl von kulturellen Faktoren und den Umständen einer Situation. Einen Kandidaten für eine Stelle als Anwalt in einem knall-grünen Anzug zum Vorstellungsgespräch erscheinen zu sehen, könnte uns komisch vorkommen. Trotzdem kann man neue Farbkombinationen oder gewagtere und extravagantere Farben ausprobieren.

3 Der Schlüssel liegt in der Kombination einzelner Farben

Vielleicht müssen wir einen Brief schicken oder ein Schild gestalten und haben alle Elemente der Farbpsychologie bereits beachtet. Doch noch weitere Aspekte müssen gut abgewogen werden, beispielsweise den Effekt die bestimmte Farben haben, wenn man sie kombiniert. Braun zusammen mit Gold, Gelb oder Orange repräsentiert den Herbst. Wenn man Braun jedoch mit Grau und Schwarz kombiniert, verwandelt es sich in eine trostlose, wenig ausdrucksstarke und konservative Farbe.

4 Farben müssen auch funktional sein

Wer hat es nicht schon mal bereut mit dem neuen weißen Oberteil Spaghetti Bolognese zu essen? Es gibt Farben die sind resistenter gegenüber Schmutz, andere angebrachter bei Hitze und wiederum andere so unauffällig, dass man mit ihnen in der Masse untertauchen kann.

Wenn wir beispielsweise ein Schild gestalten oder einen Brief schreiben, müssen wir uns vergewissern, dass die Schrift auf dem ausgewählten Hintergrund gut lesbar ist. Auch wenn es uns wunderschön erscheint mit hellrosa Schrift auf einem weißen Blatt zu schreiben, so lässt sich eine gelbe Schrift auf schwarzem Hintergrund tausend Mal besser lesen. Das ist übrigens die Kombination, die sich am allerbesten wahrnehmen lässt.

5 Verwende Farben, um dein Gedächtnis zu verbessern

Wenn man sich auf eine Prüfung vorbereitet und dabei nicht weiß, wie man sich diese langweilige Liste merken soll, versuche mal jeden Abschnitt mit einer bestimmten Farbe in Verbindung zu bringen. Eselsbrücken und Assoziationen sind die Basis für unser Lernen. Wenn du beispielsweise eine Präsentation machst, kannst du mithilfe von Farben auch die Erinnerungen deines Publikums verbessern. Nutze die Farbpsychologie, um Wichtiges hervorzuheben und bringe einzelne Farben mit einer bestimmen Bedeutung in Verbindung.

6 Sei kohärent

Wenn du ein Unternehmen hast oder darüber nachdenkst eines zu gründen, überlege dir gut, was du vermitteln möchtest. Wenn du das gut analysiert hast, evaluiere, was deine Marke tun muss, um dies zu erreichen. Es ist wichtig, dass all deine Markenelemente untereinander kohärent sind. Ein professioneller Designer, welcher diese Aspekte beachtet, kann dabei helfen eine Geschäftsidee erfolgreich in die Tat umzusetzen.

Vielen Dank für das Lesen des Artikels. Bei Fragen und Anregungen kann gerne ein Kommentar hinterlassen werden.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Ainhoa Arranz Aldana, Autorin bei CogniFit.

Ich träume, also kann ich. Luzides Träumen als Lebenshilfe

Luzides Träumen, auch “klar träumen” genannt, bezeichnet das Phänomen sich darüber bewusst zu sein, dass man sich in einem Traum befindet und diesen wiederum steuern zu können. Im folgenden Artikel werden das luzide Träumen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse hierzu näher beleuchtet. Außerdem wird Schritt für Schritt erklärt, wie man das luzide Träumen lernen kann.

Luzides Träumen

Wenn der Lebensstil zur Therapie wird: Klarträumen als Problemlösung

Klarträumen (Luzides Träumen, lucid dreaming) – Was ist das?

Ein Klartraum (lucid dream) ist ein Traum, in dem man weiß, dass man gerade träumt. Diese Erkenntnis kann man nutzen, um den Trauminhalt zu beeinflussen und den Traum nach seinen Wünschen zu gestalten. Träume, was du träumen willst! Im Klartraum kann man fliegen, durch Wände gehen oder Gegenstände telekinetisch bewegen – abseits von physikalischen und sozialen Gesetzeszwängen kann man alles tun, was man sich vorstellen kann. Die Klarheit darüber, dass man träumt, ist dabei ein Kontinuum und nicht etwa an oder aus. Man kann während man träumt genauso fast klar sein (präluzid) wie richtig trüb (unwissend) und völlig klar (hellwach) sowie alles dazwischen. Klarheit ist dabei zu unterscheiden von Kontrolle. Beides hängt miteinander zusammen, aber es ist möglich, völlig klar zu sein und überhaupt keine Kontrolle (Macht) über den Trauminhalt zu haben, als auch völlig trüb zu sein und trotzdem in der Lage, die Traumumgebung zu beeinflussen. Klarträumer nennen sich auch Oneironauten, von griechisch „oneiros“= Traum und „nautes“=Seefahrer, also Traumreisende übersetzt.

Ein “Funny Fact” ist: Man kann sich nie sicher sein, dass man wach ist. Man kann sich nur sicher sein, dass man träumt.

Empirische Evidenz oder wie der Laie fragt: „Ist das wissenschaftlich bewiesen?“

Vorneweg: Man kann wissenschaftlich nichts beweisen. Das wissen (fast) alle Wissenschaftler, aber sie hängen es verständlicherweise nicht so gern an die große Glocke. Man kann nur Wahrscheinlichkeitsaussagen machen. Das können Sie in der nächsten Diskussion anbringen, wenn sich mal wieder jemand hinstellt und behauptet XY wäre doch aber wissenschaftlich bewiesen. Sollte das nicht helfen, habe ich hier eine zweite Keule für Sie: wissenschaftliche Aussagen sind immer falsch, wenn nur genügend Zeit ins Land geht. Das ist ja das Gute an der Wissenschaft: sie entwickelt sich und stellt sich bestenfalls selbst in Frage und auf den Kopf.

Aber nun zur Frage, was die Wissenschaft zum Klarträumen (Luzides Träumen) sagt. Lange Zeit galt in der Wissenschaft und insbesondere in der Schlafforschung luzides Träumen als Mythos und Legende. Es wurde als esoterisch abgetan und nicht beachtet. Einige Wissenschaftler wie Keith Hearn und Stephen LaBerge wussten es aus eigener Erfahrung besser. Aber wie sollten sie „beweisen“, dass Klarträume existieren? Es brauchte einen Pionier-Oneironauten, der ein Signal aus der Traumwelt in die Wachwelt senden würde – und genau das setzten beide um: Ende der 70er Jahre (Keith Hearn) und Anfang der 80er (Stephen LaBerge) wurde der „Beweis“ erbracht – ein Oneironaut funkte zum ersten Mal Signale aus der Traumwelt in die Wachwelt.

Wie war das möglich? Während der REM-Phase (rapid eye movement – Phase), in der für gewöhnlich die lebhaftesten und buntesten Träume auftreten, ist die gesamte Muskulatur bei gesunden Menschen gelähmt – die gesamte Muskulatur außer der Atem- und der Augenmuskulatur (Das soll wahrscheinlich verhindern, dass die Traumbewegungen in real ausagiert werden). Die Augen springen in dieser Phase oft wild umher, so wie im Wachleben auch, wenn Menschen die Umgebung abscannen. Normalerweise folgen diese Augenbewegungen keinem Muster. Diese REM-Phase wurde mithilfe des von Berger 1929 entwickelten EEGs von Aserinsky und Kleitman 1953 entdeckt. Man war also in der Lage, einigermaßen genau und verbindlich festzustellen, ob jemand schlief und träumte, wenn man ihn an ein EEG anschloss. Das machten sich Hearn und LaBerge zu Nutze und trugen ihren Oneironauten auf, sobald sie klar werden würden, die Augen rhythmisch von links nach rechts und wieder zurück zu bewegen. Diese im EEG (und im EOG) erkennbaren Muster (LRLR) gab es vorher nicht. Somit war das Signal gesendet und das luzide Träumen „bewiesen.“ Trotzdem wollte die Fachwelt davon nichts wissen. LaBerge hatte damit zu kämpfen, dass seine Erkenntnisse publiziert wurden. Aber letztlich wurden sie es. [Aktualierung vom 02.09.2017 17:09 h Ich habe gerade mit dem Co-Autor des Werkes “Schöpferisch Träumen” Kaleb Utecht telefoniert. Nach seiner Aussage stammt die Idee für die Versuchsachanordnung weder von LaBerge noch von Hearn, sondern von Paul Tholey, der die Idee zu diesem Experiment schon 1975 in “Gestalttheory” veröffentlicht haben soll. Aktualisierung Ende] Und dann kam in Deutschland der legendäre Paul Tholey, hier zu sehen in einem der seltenen Fernsehauftritte, welche kontrovers diskutiert werden. Er lernte seinerzeit an der Uni, dass Träume immer schwarz-weiß wären. Das glaubte er nicht und brachte sich selbst das Klarträumen bei, um (für sich selbst) den Gegenbeweis anzutreten.

Heute weiß man, dass die Nachkriegsgeneration oft in schwarz-weiß träumt, wahrscheinlich, weil diese Generation das Fernsehen in der Kindheit so erlebte. Der Professor von Tholey war offensichtlich einer dieser Schwarzweißträumer und schlussfolgerte von sich auf alle Menschen.

Paul Tholey entwickelte strenge Klarheitskriterien. Ich muss gestehen, dass ich wahrscheinlich noch keinen einzigen Klartraum hatte, auf den alle diese Kriterien gleichzeitig zutrafen.

Die Kriterien für luzides Träumen sind:

  1. Der Träumer ist sich darüber im Klaren, dass er träumt.
  2. Der Träumer ist sich über seine Entscheidungsfreiheit im Klaren.
  3. Das Bewusstsein ist klar, es gibt keine traumtypische Verwirrung oder Bewusstseinstrübungen.
  4. Die Wahrnehmung der fünf Sinne ist genau wie im Wachzustand.
  5. Es besteht Klarheit über das Wachleben, also darüber, wer man ist oder was man sich für den Klartraum vorgenommen hat.
  6. Nach dem Traum gibt es eine klare Erinnerung.
  7. Der Träumer ist sich über den Sinn des Traums im Klaren.

Vor allem Punkt 3 und Punkt 7 sind meines Erachtens nur schwer zu erfüllen. Ich stelle mir das Klartraumbewusstsein wie eine farbige Brille vor. Wenn das Wachbewusstsein eine Sonnenbrille wäre, welche die Farbe Gelb hätte, und das Traumbewusstsein eine Sonnenbrille mit der Farbe Blau wäre, dann stelle ich mir vor, das Klartraubewusstsein wäre eine Mischung: also grün, weil sich Wachbewusstsein und Traumbewusstsein übereinander schieben. Nach diesem Modell wäre es unmöglich, Tholeys Punkt 3 (keine traumtypische Verwirrung oder Bewusstseinstrübung) überhaupt zu erreichen.

Heute weiß man dank MRT-Studien, dass im Klartraum Teile des präfrontalen Kortexes zugeschaltet werden, gleichsam einer Kamera, die das Geschehen filmt (siehe Bild).

Elisa Filevich und ihr Team fanden außerdem heraus, dass bei Klarträumern das Brodmannareal 10 im präfrontalen Kortex vergrößert ist. Das Bordmannareal 10 macht man für Metakognition (also das Denken über das Denken) verantwortlich. Es ist allgemeiner Konsens, dass, wenn das Bewusstsein irgendwo im Gehirn lokalisiert ist, es wohl im Kortex sein muss – dem evolutionsbiologisch jüngsten Teil des Gehirns. Vor allem der präfrontale Kortex (hinter der Stirn) ist da ein heiß gehandelter Kandidat.

Heute arbeiten brilliante Wissenschaftler an der weiteren Erforschung des Klarträumens, die noch in den Kinderschuhen steckt – zum Beispiel Martin Dresler in Nijmegen, Daniel Erlacher in Bern, Melanie Schädlich in Heidelberg, Michael Schredl in Mannheim und Brigitte Holzinger in Wien.

Wozu ist luzides Träumen gut?

Luzides Träumen: Therapeutische Zwecke

“Mein erster Klartraum (und das ist nicht unüblich) entstand aus einem Alptraum; Geister kreisten mich ein und bedrohten mich, indem sie den Kreis immer enger zogen. In diesem Moment sprang zum ersten Mal eine Metakognition an und flüsterte mir zu: „Das hier ist zu schrecklich! Das muss ein Traum sein!“ Ich dachte mir, wenn das ein Traum ist, dann kann ich mich vielleicht daraus wecken. Ich versuchte, mit meinen Fingern meine Augenlider auseinanderzuziehen, damit ich im realen Leben meine Augen öffnen würde – und siehe da: ich wachte auf. Zu diesem Zeitpunkt war ich Vorschuldkind oder gerade erst eingeschult; hätte ich gewusst, dass ich auch im Traum bleiben kann und angenehm weiterträumen kann – dann wäre ich heute ein weitaus geübterer und erfahrener Klarträumer als ich es jetzt bin. Aber diese wertvolle Information erhielt ich erst im Jahr 2013, im Alter von 37 Jahren.”

Wenn Sie jünger sind und das hier lesen, können Sie sich freuen, dass Sie die frohe Botschaft früher erfahren. Wenn Sie älter sind, machen Sie sich keine Sorgen: es ist selten zu früh und nie zu spät! Ich denke nicht, dass das Alter irgendeine einschränkende Funktion hat, das Klarträumen zu erlernen. Gut, man lernt generell schneller, wenn man jung ist – das will ich nicht abstreiten, aber das Alter sollte nicht als Ausrede herhalten müssen, diese wunderbare Möglichkeit an sich vorbeiziehen zu lassen. Meine Oma hat immer gesagt: „Ich bin alt wie eine Kuh und lerne immer noch dazu!“

Nach der überaus wirksamen Bekämpfung von Alpträumen könnte man das luzide Träumen auch therapeutisch bei der sogenannten PTBS (posttraumatischen Belastungsstörung) einsetzen. Darüber liegen leider noch keine Studien vor und es ist Vorsicht geboten – eine Retraumatisierung sollte natürlich beim Einsatz des Klarträumens vermieden werden.

Und zu guter Letzt könnte das luzide Träumen endlich eine wirksame psychologische Intervention bei Schizophrenie zu sein. Darüber existieren auch noch keine Studien, aber der Schluss liegt nahe, dass bei Schulung der Metakognition auch die Einsicht in Wahnzustände verbessert werden kann. Außerdem legen MRT-Studien nahe, dass das Zusammenspiel dreier Netzwerke im Gehirn durch das Klartraumtraining verändert und damit auch verbessert werden kann. Das ist zum einen das Ruhezustandsnetzwerk DMN (default mode network), das beim Tagträumen aktiviert ist. Bei einigen Erkrankungen kommt es zu Veränderugnen im DMN, hierunter auch die Schizophrenie.  Das “dorsal attention network“ ist sozusagen der Gegenspieler und wird aktiviert, wenn das Gehirn extern zugeführte Reize und Aufgaben verarbeiten muss. Das „frontoparietal(e) control system“ ist das dritte Netzwerk im Bunde, das die Aktivität der anderen beiden Netzwerke steuert. Scannerbefunde führen zu der Vermutung, dass luzides Träumen das Zusammenspiel dieser Netzwerke positiv beeinflussen kann.

Wie gesagt: bis jetzt sind das alles nur unbestätigte Hypothesen basierend auf der Annahme, dass Psychosen und Träume ähnliche neurophysiologische Korrelate haben und dass eine Psychose quasi ein „fehlgeleiteter“ Traum im Wachzustand ist, aber dieser Ansatz ist vielversprechend und es wäre möglich, dass so endlich ein Heilmittel gegen Schizophrenie gefunden werden kann.

Luzides Träumen: Effekte

Im Netz finden sich viele Spiele, die vorgeben das Gehirn zu trainieren, das sind meist kleine Spiele oder Denk-, Merk- oder Rechenaufgaben, die das Gehirn trainieren sollen und so einen positiven Effekt auf die Gehirnleistung oder sogar das Wohlbefinden haben sollen. Vielen von diesen Übungen fehlt jedoch jegliche wissenschaftliche Grundlage, da sie weder wissenschaftlich validiert wurden, noch in einen therapeutischen Rahmen eingebettet sind. Bei diesen Spielen ist es wie wenn man Intelligenztests übt, dann besser abschneidet und dann behauptet, intelligenter zu sein – ist man aber nicht, sondern nur geübter in Intelligenztests.

Luzides Träumen hat Auswirkungen auf Selbstwirksamkeitserwartung, Wohlbefinden, Verbindung zur Intuition, Achtsamkeit und Metakognition. Ähnlich wie Yoga oder Entspannungsübungen hat das Luzide Träumen also positive Auswirkungen – es dauert nur länger, bis diese eintreten, dafür erhält man diese dann aber geballt und nicht so allmählich wie beim Yoga.

Fazit: Sport, Yoga, luzides Träumen – das alles sind mühsame Tätigkeiten, die viel Überwindung des inneren Schweinehundes erfordern (Erfahre hier, wie man Motivation für Sport aufbringen kann). Das erzeugt kognitive Dissonanz, die wiederum Kognitionen erzeugt wie: „Das ist alles nicht wirksam, nicht für mich, viel zu anstrengend, mache ich irgendwann mal, wenn ich Zeit und Muße habe.“ Oder „Ich bin zu alt, zu ungeeignet, zu irgendwas.“

Warum sonst wird Sporttherapie in den meisten Psychiatrien angeboten, kognitives Training aber nur vereinzelt? Das hat einen Grund. Und die Patienten sind oft nicht motiviert, sich in der Sporttherapie anzustrengen – davon können die Therapeuten und das Klinikpersonal ein Lied singen. Dabei ist es die Interventionsmethode mit der größten Effektstärke und mit dem besten Aufwand-Nutzen-Verhältnis.

Luzides Träumen: Nicht-klinische Anwendungen

Luzides Träumen hat viele andere Auswirkungen. Man kann im Traum Sportarten und Bewegungsabläufe trainieren und es hat einen positiven Effekt auf den Gleichgewichtssinn. Man kann Instrumente schneller lernen. Man kann seine Kreativität steigern. Klarträumen kann beim Problemlösen helfen. Es steigert die Selbstwirksamkeit und das Wohlbefinden. Wenn Traumyogis und Buddhisten sagen, die Wirklichkeit wäre ein Traum, dann meinen sie, so denke ich, diese Selbstwirksamkeit und die Plastizität der Realität. Die Wirklichkeit ist plastischer und damit traumähnlicher als wir denken.

Bewusstseinsforschung

Das Bewusstsein ist ein Mysterium. Klartraumforschung könnte helfen, dieses Mysterium wenigstens teilweise aufzuhellen. Der Begriff Bewusstsein wird oft mehrdeutig verwendet. Wenn wir etwas als bewusst bezeichnen, können wir intensiv, metakognitiv, absichtlich, aufmerksam und mit sich selbst identifizierend oder reflexiv meinen oder alles zusammen. In der Psychologie galt lange Zeit alles als bewusst, was verbalisierbar war und dementsprechend war ein notwendiges aber nicht hinreichendes Merkmal des Unbewussten die Unaussprechlichkeit. In der aktuellen Bewusstseinsforschung teilt man das Bewusstsein ein in „basal“ und „higher-order“. Zum basalen oder primären Bewusstsein gehören zum Beispiel Wahrnehmungen und Emotionen, wie sie im normalen Trübtraum auftreten. Higher-order Bewusstsein wie Metakognition und Traumeinsicht (bzw. die Einsicht in den aktuellen Bewusstseinszustand) treten im luziden Traum und im Wachbewusstsein bei Menschen auf.

Wie lerne ich das luzide Träumen (Klarträumen)?

4 Schritte zum ersten Klartraum

Schritt 1: Ein Muss für jeden Oneironauten ist das Traumtagebuch. Damit fängt alles an und damit hört es auf, wenn man es vernachlässigt. Nehmen Sie Stift und Schreibblock und legen Sie beide neben ihr Bett, um der „Traumlöschfunktion“ zuvorzukommen. Alternativ können Sie die Träume in ein Diktiergerät oder eine entsprechende App sprechen, Hauptsache, sie zeichnen Sie irgendwie auf. Das übt die Traumerinnerung und fördert die Erinnerung an das Traumbewusstsein und wie es sich „anfühlt“.

Schritt 2: Setzen Sie sogenannte Wachposten, heißt, trainieren Sie das prospektive Gedächtnis. Autosuggerieren Sie sich, aufzuwachen sobald Sie geträumt haben, nehmen Sie sich vor, sich an Ihre Träume zu erinnern und natürlich: nehmen Sie sich vor, den Traum als solchen zu erkennen. Üben Sie das Setzen von Wachposten im Alltag. Nehmen Sie sich vor, das nächste Mal, wenn Sie am Punkt X vorbeikommen, sich an Y zu erinnern. Das ist ein Wachposten. Ihr Gehirn speichert das ab und wird Sie mit erhöhter Wahrscheinlichkeit wissen lassen, dass Sie und was Sie sich vorgenommen haben. Einen gut gesetzten Wachposten erkennt man daran, dass er vorher schon immer wiederauftaucht, um sich aufzufrischen, bevor der Ernstfall dann eintritt.

Schritt 3: Machen Sie sogenannte Reality Checks (RCs). Ein RC testet, ob Sie gerade träumen. Es gibt eine Vielzahl von RCs – suchen Sie sich Ihren Liebling aus! Ich zähle gern meine Finger, denn im Traum sind es meistens mehr oder weniger als 5 – keiner weiß warum, aber es ist so. Eine andere Möglichkeit ist, sich die Nase zuzuhalten und zu versuchen, durch die geschlossene Nase zu atmen. Im Traum wird das funktionieren, weil Sie sich ja nur „virtuell“ die Nase zu halten und tatsächlich weiteratmen. Sie können etwas lesen, wegschauen und es erneut lesen. Im Traum sollte es sich verändert haben (das ist der Lieblingsrealitycheck von LaBerge).  Sie können versuchen zu schweben oder den Lichtschalter betätigen. Im Traum sollte das Licht nicht angehen. Oder fragen Sie sich, wo Sie vor Kurzem waren – im Traum fehlt Ihnen diese Erinnerung.

Schritt 4: Unterbrechen Sie Ihren Schlaf (sogenanntes Wake-back-to-Bed (WBTB)). Schlafunterbrechungen führen nachweislich zu vermehrten Klarträumen. Aber achten Sie darauf, mindestens einmal pro Nacht mindestens 4 Stunden zu schlafen, weil sonst das Somatropin (ein wichtiges Hormon für den Knochenerhalt) nicht ausgeschüttet werden kann und es wichtig für die Gesundheit ist, genug Schlaf zu bekommen.

Kombinieren Sie diese Methode mit Schritt 2, nehmen Sie sich vor, nach einem Traum aufzuwachen. Gelingt dies, schreiben Sie ihn auf und dann tun Sie Folgendes: Legen Sie sich wieder ins Bett und versuchen, möglichst lange bewusst zu bleiben. Bewegen Sie sich nicht. Nach einiger Zeit sollten Lichtblitze vor Ihrem inneren Auge entstehen. Beobachten Sie diese. Sie werden zu Mustern, werden bunt und plastischer (sogenannte Hypnagogien) und wenn Sie Glück haben, können Sie auf diese Weise den gesamten Einschlafprozess bis in den Traum hinein bewusst verfolgen. Irgendwann in diesem Prozess setzt die Schlafparalyse ein, heißt, Sie spüren, dass Ihre Muskeln völlig erschlaffen. Kann sein, dass es sich wie ein Fallen oder wie ein Sog in den Traum anfühlt. Dann haben Sie es geschafft: Gratulation zu einem erfolgreichem WILD (wake-induced-lucid-dream)! Aber seien Sie nicht enttäuscht, wenn es nicht klappt. Kein WILD-Versuch ist umsonst, denn er steigert die Wahrscheinlichkeit enorm, dass Sie später im Traum bewusst werden.

Für Interessierte gibt es ein deutsches Klartraumforum.

Luzides Träumen: Zusammenfassung/Fazit

Die meisten Menschen haben schon mal erlebt, dass es möglich ist, im Traum zu wissen, dass man träumt. Einige wenige können sich diesen Zustand gar nicht vorstellen, andere – noch wenigere – kennen gar nichts anderes. Aber: Luzides Träumen kann man trainieren. Die Menschen, die sich diesem Hobby verschrieben haben, nennt man auch Oneironauten (griechisch von: oneiros = Traum und nautēs  = Seefahrer) also übersetzt: Traumreisende.

Ein Klartraumtraining kann in vielerlei Hinsicht sinnvoll sein; am offensichtlichsten  – und auch schon erforscht – ist der Einsatz gegen Alpträume. Niemand muss unter Alpträumen leiden – das ist eine frohe Botschaft, die gar nicht so bekannt ist, wie man annehmen würde. Außerdem hat das Max-Planck-Institut in Berlin mithilfe von MRT-Studien herausgefunden, dass Hirnareale im präfrontalen Kortex, die für Metakognition zuständig scheinen, bei Klarträumern vergrößert sind. Metakognition ist das Denken über das Denken (und Fühlen) und erinnert stark an den Begriff der Achtsamkeit. Und Achtsamkeit ist bekanntermaßen ein adäquates Mittel bei psychischen Problemen oder generell bei der Lebensbewältigung.

Ein Klartraumtraining erfordert einigen zeitlichen Aufwand, Anstrengung und Willenskraft, aber eines soll hier nicht unerwähnt blieben: es macht auch einen heiden Spaß. Besonders wenn sich erste Erfolge einstellen, berichten viele von euphorischen Erlebnissen und ungeheurer Motivation und Energie über das nächtliche Erlebnis hinaus, die über Stunden bis Tage anhalten. Stellen Sie sich vor, wie es sein wird, über das Donautal zu fliegen einfach kraft Ihres Bewusstseins und Ihres Willens. Wie wird es sich körperlich anfühlen, das erste Mal durch eine Wand zu gehen? Wie fühlt es sich an, das Geschlecht zu wechseln? Oder als Tiger durch den Urwald zu streifen und von Fels zu Fels zu springen? All das und viel mehr – im Prinzip alles, was Sie sich vorstellen können – wird möglich sein…

Antisoziale Persönlichkeitsstörung – zur Manipulation geboren?

Manipulativ, gefühlskalt und rücksichtslos, sie überrennt andere Personen und ihre Bedürfnisse geradezu, ohne dabei auch nur die geringste Reue zu empfinden – die antisoziale Persönlichkeitsstörung ist eine anerkannte Persönlichkeitsstörung, die noch weit über das typische Klischee des heimtückischen Managers oder manipulativen Vermögensberaters hinausgeht. Doch wo liegt die Grenze zwischen egozentrisch-berechnend und einer Persönlichkeitsstörung?

Personen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung sind oft egozentrisch und manipulativ

Antisoziale Persönlichkeitsstörung – Symptome und Diagnose

Besonders auffällig und bezeichnend für die antisoziale Persönlichkeitsstörung – auch dissoziale Persönlichkeit genannt –  ist eine überdauernde Tendenz, mit dem eigenen Verhalten die Rechte anderer zu missachten oder zu verletzen. Mit Rechten sind dabei nicht unbedingt juristische Grundrechte gemeint, sondern es geht vor allem um gesellschaftliche Werte und Normen, die mitmenschliche Interaktionen regeln und den Umgang in sozialen Situationen regulieren.
Diese Tendenz ist in der Regel bereits in der Kindheit erkennbar, indem das Kind schon im Kindergarten oder in der Schule auffällig häufig Regeln missachtet, Unterricht schwänzt, zum eigenen Vorteil lügt, randaliert oder stiehlt.

Die antisoziale Persönlichkeitsstörung zieht sich häufig bis ins Erwachsenenalter durch, wo sie in schwerwiegenderer Kriminalität und Gewalt enden kann, aber nicht muss. Viele antisoziale Persönlichkeiten sind gut sozial eingebettet und sehr erfolgreich, da sie risikofreudig sind und es ihnen aufgrund ihrer Rücksichtslosigkeit nicht schwerfällt, andere Personen zu manipulieren oder zu übergehen. Dies wird dadurch erleichtert, dass betroffene Personen durchaus sehr charmant sein können, wenn es ihrem Vorteil dient, und die Emotionen anderer leicht wahrnehmen, auch wenn ihr eigenes Gefühlsspektrum eher beschränkt ist.

Im DSM-V, einem Klassifikationssystem von psychischen Störungen, ist die antisoziale Persönlichkeitsstörung dem 2. Teilbereich B zugeordnet, welcher dramatische und emotionale Persönlichkeitsstörungen beschreibt. Die hier klassifizierten Merkmale der antisozialen Persönlichkeitsstörung, von denen mindestens 3 zur Diagnose der Störung erfüllt sein müssen, lauten wie folgt:

  • Verletzung der Rechte anderer; hiermit ist vor allem die fehlende Rücksicht auf gesellschaftliche Normen und Regeln gemeint
  • Impulsivität oder Versagen, vorausschauend zu planen
  • mangelndes Verantwortungsbewusstsein, Verantwortungslosigkeit vor allem in Bezug auf finanzielle, berufliche oder soziale Verpflichtungen
  • Gefühllosigkeit, fehlende Reue
  • Reizbarkeit, erhöhte Aggressivität und häufige Beteiligung bei körperlichen Übergriffen
  • Rücksichtslosigkeit, keine Beachtung der Gefühle, Rechte und Sicherheit anderer Menschen
  • Falschheit, in der Regel ausgedrückt durch wiederholtes Lügen, falschen Identitäten oder Manipulation anderer zum eigenen Vorteil

Charakteristisch ist für Personen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, dass sie lediglich ihren eigenen Vorteil zu erfüllen versuchen. Sie empfinden kaum Schuldgefühle, wenn sie sich über Normen hinwegsetzten und andere Menschen dabei vor den Kopf stoßen, da sie sich kaum für die Empfindungen anderer verantwortlich fühlen – auch, wenn sie mit ihrem Verhalten erst für diese Empfindungen sorgen.

Nicht jeder, der ab und zu aufgrund einer rücksichtsloseren und manipulativeren Art sozial aneckt, leidet aber unter einer antisozialen Persönlichkeitsstörung.

Derzeit schätzt man, dass etwa 3% aller Männer und ca. 1% der Frauen die genannten Symptome ausreichend erfüllen und an einer antisozialen Persönlichkeitsstörung leiden. Besonders hoch ist die Konzentration antisozialer Persönlichkeiten aufgrund ihrer Reizbarkeit und der niedrigen Aggressionsschwelle unter Gefängnisinsassen; verschiedene Studien schätzen, dass zwischen 25 und 40% der Strafgefangenen darunter leiden.

Doch woher kommt diese extreme Ausprägung der Symptome überhaupt, die so weit geht, dass sie sogar als Persönlichkeitsstörung anerkannt ist?

Wie entsteht eine antisoziale Persönlichkeitsstörung?

Es gibt verschiedene Theorien, die die Entstehung einer antisozialen Persönlichkeitsstörung zu erklären versuchen. Die wahrscheinlichste und umfassendste Erklärung bietet dabei das Zusammenspiel von biologischen, sozialen/umweltbezogenen und psychischen Faktoren.

Verschiedene Untersuchungen legen nahe, dass die antisoziale Persönlichkeit genetisch beeinflusst zu sein scheint. Eine große Rolle wird hier dem sogenannten MAO-A-Gen zugesprochen, welches das Vorkommen verschiedener Stoffe wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin im Gehirn reguliert. Liegt dieses Gen in einer besonders schwachen Form vor, so kann es vermehrt zur Entwicklung einer antisozialen Persönlichkeitsstörung kommen.
Weiterhin stellten einige Forscher die These auf, dass Personen mit einer antisozialen Persönlichkeit Anomalien im Gehirn, vor allem im Frontalhirn, aufweisen. Diese Anomalien betreffen unter anderem das limbische System, die Amygdala, den Hippocampus und weitere Bereiche des Frontalhirns.
Familiäre Häufung spricht ebenfalls für einen genetischen Einfluss auf die antisoziale Persönlichkeitsstörung, da sie oft gehäuft bei mehreren Personen innerhalb einer Familie auftritt und auch Zwillingsstudien einen starken genetischen Einfluss bestätigen.

Diese familiäre Häufung und genetische Basis scheint durch Risikofaktoren aus der Umwelt weiter begünstigt zu werden. Es gibt demnach einige Umweltfaktoren, die die Entstehung einer antisozialen Persönlichkeitsstörung fördern. Dazu zählen unter anderem Missbrauch, elterliche Vernachlässigung und geringe Erziehungskompetenz, sowie das Aufwachsen in einer eher kriminellen Umwelt. Diese Umweltfaktoren können über Lernprozesse und Imitation dazu führen, dass das Kind eine antisoziale Persönlichkeit entwickelt. Mangelnde Liebe und Zuwendung in der Kindheit führt gemäß einiger psychoanalytischer Theorien dazu, dass kein Grundvertrauen zu anderen Menschen aufgebaut wird und deswegen kaum Beziehungen, Emotionen oder Mitgefühl entwickelt werden. Empfindungen anderer Menschen werden daher ebenso übergangen, wie die eigenen Gefühle in der Kindheit übergangen wurden.

Einige Forscher klassifizieren die antisoziale Persönlichkeitsstörung oft als eine Unterform der Psychopathie, wobei die beiden nicht identisch sind, sondern durchaus zu unterscheiden sind, da die Psychopathie eine noch sehr viel ausgeprägtere Form der antisozialen Persönlichkeit darstellt und noch weitere Diagnosekriterien enthält.

Die antisoziale Persönlichkeitsstörung tritt häufig zeitgleich mit anderen Störungen auf und geht oft mit Alkohol– und Drogenkonsum einher.

Therapie der antisozialen Persönlichkeitsstörung

Wie vorher erwähnt, findet sich ein Teil der Personen mit antisozialen Persönlichkeitsstörungen im Gefängnis wieder – dies ist für die Behandlung der Störung jedoch keine gute Alternative. Das einfache Wegsperren der Betroffenen hilft ihnen nicht zu lernen, wie sie mit ihren Charakterzügen umgehen können. Da Betroffene grundsätzlich wenig Reue empfinden bringen negative Erfahrungen, die aus dem gezeigten Verhalten resultieren, in der Regel keinerlei Lerneffekte mit sich, sondern erhöhen lediglich die mit der Störung einhergehende Aggression.
Bisher sind kaum Psychopharmaka bekannt, die bei dieser Störung zuverlässig und dauerhaft wirken.

Die Therapie der antisozialen Persönlichkeitsstörung gestaltet sich grundsätzlich als schwierig, da die Betroffenen – gegeben durch die Natur und die Merkmale der Störung – schlecht mitarbeiten, impulsiv und aggressiv reagieren, eine schlechte Compliance und hohen Widerstand gegen eine Therapie aufbringen und nur selten selbst eine Krankheitseinsicht zeigen – sie schätzen ihr Verhalten selbst eher als sehr normal und angemessen ein. Personen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung haben daher in der Regel wenig Motivation, sich überhaupt für eine Therapie anzumelden – sie werden eher z.B. vom Arbeitgeber oder vom Gefängnispersonal dafür eingetragen –  geschweige denn dabei aktiv mitzuarbeiten.

Ist eine Person mit antisozialer Persönlichkeit doch willig, sich in therapeutische Behandlung zu begeben, ist vor allem Verhaltenstherapie, gezielt ausgerichtet auf spezifische Bereiche, sinnvoll, um die Persönlichkeitseigenschaften der Betroffenen langfristig zu modifizieren, Verhaltensmuster zu durchbrechen und so aggressive und gewalttätige Tendenzen zu reduzieren, damit ein besseres Sozialleben möglich ist. Diese spezifischen Bereiche umfassen zum Beispiel Trainings zu Aggressions – und Ärgerkontrolle, Problemlösetraining, Empathietraining und ethisches Training, um die soziale Kompetenz zu verbessern. Das Ziel ist hierbei ebenfalls, den Betroffenen alternative Handlungsmöglichkeiten nahezulegen, auf die sie in kritischen Situationen zurückfallen können.

Der Therapieerfolg ist daher abhängig von der Motivation der betroffenen Person, der Ausprägung der Störung, und der Art der Therapie – im Gegensatz zu vielen anderen psychischen Krankheiten und Störungen sind die Ergebnisse einer Therapie der antisozialen Persönlichkeitsstörungen jedoch leider von wenig Erfolg gekrönt.

Born this way: Geschlechtsidentität und der Versuch der sexuellen Umerziehung

Das Lied „Born this way“ galt als Liebeserklärung von Lady Gaga an ihre LGBT-Gemeinde. Der Appell, sich selbst so zu lieben, wie man geboren wurde, sollte allen gelten – unabhängig von sexueller Orientierung, biologischem Geschlecht und Geschlechtsidentität. Dieser Artikel bietet eine biologische Einführung zur Entstehung von Geschlechtsidentität (gender identity) und Sexualität und diskutiert wissenschaftliche Erkenntnisse und gesellschaftliche Implikationen am Beispiel des John/ Joan bzw. Bruce/ Brenda Falls.

My mama told me when I was young 

We are all born superstars 

She rolled my hair and put my lipstick on

In the glass of her boudoir

(Lady Gaga)

Die Geschlechtsidentität ist nichts, was man/frau einfach mal ablegen kann.

Begriffsdefinitionen: Biologisches Geschlecht, Gender und Geschlechtsidentität

Welches biologische Geschlecht (engl. biological sex) eine Person hat, ist auf die Art der Keimzellen zurückzuführen, die produziert werden. Das biologische Geschlecht ist somit (biologisch) determiniert und ist von dem Begriff Gender abzugrenzen. Mit Gender ist das erlebte bzw. soziale Geschlecht gemeint. Dieses ist konstruiert, das bedeutet es ist erlernt und variabel.

Vor allem der Sexualforscher und Psychologe Dr. John Money prägte den Begriff Gender als soziales Geschlecht in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Unter den Begriff fallen auch die Bezeichnungen gender role und gender identity, letzteres ist die Geschlechtsidentität. Während gender role alle Verhaltensweisen meint, die kulturbedingt als typisch und erwartet für das weibliche bzw. männliche Geschlecht gelten, wird die Geschlechtsidentität eines Individuums, beruhend auf der eigenen Empfindung, als gender identity bezeichnet. Dabei ist nicht nur die persönliche Identifikation mit dem männlichen bzw. dem weiblichen Geschlecht möglich, sondern auch eine Kombination aus beiden bzw. eine Identität, die weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuzuordnen ist.

Geschlechtsidentität: Die Gender Gate Theorie von Dr. J. Money

Dr. John Money gründete im Laufe seiner Karriere die John Hopkins Gender Identity Clinic und entwickelte die gender gate theory – eine Theorie, die besagt, dass die Geschlechtszuweisung bis zum 2. Lebensjahr offen und unter anderem durch operative Eingriffe sowie durch die Erziehung bestimmbar ist.

Als die Kanadierin Janet Reimer, Mutter der eineiigen Zwillinge Bruce und Brian, im Jahr 1966 eine Fernsehsendung sah, in der Dr. Money diese Theorie vorstellte, fühlte sie sich seit langem wieder hoffnungsvoll. Bei einem operativen Eingriff wurde der Penis von Bruce verbrannt. Bruce, zu dem Zeitpunkt des Unfalls ein sieben Monate alter Säugling, würde den Vorfall nicht erinnern. Doch die Zweifel, ob ihr Sohn als „Mann ohne Penis“ zurechtkommen und glücklich werden würde, blieben der Mutter. So nahm sie Kontakt zu dem Spezialisten Dr. Money auf. Dieser sah in dem Fall seine große Chance, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf seine Forschung zu lenken und um zu beweisen, dass das menschliche Geschlecht konstruiert bzw. arbiträr ist. Kurzum lud er die Familie in seine Klinik in Balimore ein.

Der John/ Joan bzw. Bruce/ Brenda Fall

Dr. Money konnte die Eltern von Bruce davon überzeugen, dass es im Sinne des Jungen wäre, ihn als Mädchen großzuziehen. Mit 18 Monaten wurde Bruce einer geschlechtsangleichenden Operation, eine operative Geschlechtsumwandlung der primären Geschlechtsmerkmale, unterzogen und fortan Brenda genannt. Weiterhin mussten die Eltern versichern, dass sie selbst nie an Money’s Methode zweifeln bzw. die Erziehung ändern und den Zwillingen die Wahrheit sagen würden. Von diesem Zeitpunkt an, kleideten die Eltern Brenda in mädchenhafter Weise und gaben ihm/ ihr Puppen und andere Spielzeuge, die für Mädchen dieses Alters üblich waren. Mit Einsetzen der Pubertät wurden Brenda weibliche Hormone verabreicht. Weiterhin mussten die Zwillinge jährliche Gespräche mit Dr. Money wahrnehmen. Zwillings-Studien stellen in der Entwicklungsforschung eine große Besonderheit dar, da entwicklungs- bzw. erziehungsbedingte Unterschiede auf Grundlage identischer Gene untersucht werden können. So kann der Einfluss biologischer bzw. umweltbezogener Unterschiede auf die entwicklungsbedingte Veränderung kontrolliert, also herausgerechnet, werden.

Bereits nach kurzer Zeit zeigten sich erste Anzeichen, die darauf hinwiesen, dass das Experiment zu scheitern schien. Brenda bevorzugte die Spielsachen von Brian und wurde von anderen Kindern gemobbt. Selbst im tiefsten Winter in Kanada musste Brenda Kleider tragen. Dr. Money, der bereits erste erfolgsversprechende Artikel zu dem Fall und seiner nurture-not-nature Theorie (Pflege/ Erziehung nicht Natur Theorie) veröffentlicht hatte, sah sich gezwungen immer extremere Methoden anzuwenden. So mussten die Zwillinge bei den Terminen mit Dr. Money gemeinsam sexuelle Positionen nachstellen, bei denen Brenda die Rolle der untergeordneten, passiven Frau einnehmen sollte. Mindestens einmal wurden die Zwillinge von dem Forscher gezwungen ihre Kleidung abzulegen, um eine „genitale Inspektion“ durchzuführen.

Unglücklich und geplagt von großen sozialen Problemen verkündete Brenda mit 14 Jahren, dass er/ sie sich das Leben nehmen würde, sofern er/ sie noch einmal zu einem Termin mit Dr. Money gezwungen werde. Die Eltern beschlossen die Zwillinge aufzuklären. Während Brenda, die/ der sich von diesem Zeitpunkt an David nannte, eine innerliche Erleichterung verspürte, reagierte Brian verstört auf die Neuigkeiten bzgl. seines Zwillingsbruders.

Der Fall ging unter dem Pseudonym John/Joan in die Geschichte der Geschlechter-Forschung ein.

Geschlechtsidentität: Was ist dran am konstruierten Geschlecht?

Um die Theorie mit ihren dramatischen Folgen aus den 1960er etwas genauer zu beleuchten, soll zunächst Bezug auf die embryonale Entwicklung genommen werden:

Mit der Verschmelzung der Eizelle der Frau und der Samenzelle des Mannes entsteht eine neue Zelle mit 23 Chromosomenpaaren. Der neue Chromosomensatz besteht damit zu 50% aus der mütterlichen und zu 50% aus der väterlichen DNA. Eines dieser Chromosomenpaare enthält bereits die Geschlechtsinformationen des Embyros – die sogenannten Geschlechtschromosomen. Zwei X-Chromosomen liefern das Entwicklungsprogramm für einen weiblichen Organismus. Wohin gegen ein X-Chromosom und ein Y-Chromosom den männlichen Organismus entstehen lassen.

In den ersten sechs Schwangerschaftswochen läuft die Embryonalentwicklung geschlechtsunabhängig ab und die Anatomie unterscheidet sich trotz unterschiedlicher Geschlechtschromosomen nicht. Erst ab der 10. Woche beginnt eine differenzierte Ausbildung der Gonoden (Keimzellen) und der sogenannten Wolff- und Müller-Gängen. Das SRY-Gen (sexdeterminierende Region von Y) befindet sich ausschließlich auf dem Y-Gen und ist für die Entwicklung der Hoden zuständig. Die angelegten Hoden produzieren wiederum das bekannte Sexualhormon Testosteron. Dieses Hormon ist unter anderem für die Weiterentwicklung der Wolff-Gänge zuständig, woraus sich letztendlich die männlichen Genitalien bilden. Bei dem weiblichen Organismus degenerieren hingegen die Wolff-Gänge, stattdessen entwickeln sich die Müller-Gänge zu Vagina und Uterus. Die Hoden und Eierstöcke stellen wichtige Drüsen für die Hormonproduktion dar, die wiederum u.a. während der Geschlechtsreife (Pubertät) eine wichtige Rolle spielen.

Der Einfluss der Sexualhormone ist aber nicht auf die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale beschränkt, es gibt auch Belege dafür, dass sowohl bestimmte Gehirnstrukturen als auch kognitive Leistungen geschlechtsbedingt sind.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es anatomische und hormonelle Unterschiede zwischen den biologischen Geschlechtern gibt, die sich bereits pränatal entwickelt haben und die über das Vorhandensein primärer Geschlechtsmerkmale hinausgehen. Eine postnatale Beeinflussung von außen, wie eine operative geschlechtliche Umwandlung oder die Gabe von Sexualhormonen, kann daher nur bedingt wirksam werden. Was also geschah mit David?

Das Leben nach dem Experiment

David unterzog sich mehreren operativen und hormonellen Behandlungen, um wieder als Mann leben zu können. 1990 heiratete er seine Frau Jane Fontaine und adoptierte ihre drei Kinder. David’s Bruder Brian litt stark unter den Folgen des Experiments und entwickelte eine Schizophrenie. Im Jahr 2002 verstarb er an einer Überdosis Antidepressiva.

David konnte den Tod seines Zwillingsbruders nur schwer verkraften. Als ihm 2004 seine Frau mit der Scheidung drohte und er seinen Job verlor, nahm sich David Reimer das Leben. Er wurde 38 Jahre alt.

Janet Reimer ließ später über die New York Times veröffentlichen, dass sie glaube, dass ihr Sohn heute noch Leben würde, wäre er nicht Opfer des „katastrophalen Experiments“ von Dr. John Money geworden.

Geschlechtsidentität (gender identity) und sexuelle Orientierung: Ein Ausblick

Es gibt einige Befunde, die darauf hinweisen, dass die sexuelle Identität und Orientierung bereits vor der Geburt feststeht. So ist es nicht nur unmöglich einen Jungen als Mädchen zu erziehen, sondern auch sexuelle Präferenzen „umzuerziehen“ oder zu therapieren. Studien zeigen z.B. dass gewisse Hirnareale (deren Entwicklung bereits im Mutterleib abgeschlossen wurde) von homosexuellen Männern denen von heterosexuellen Frau ähneln.

Die Erkenntnisse zu gender identity und sexuellen Orientierung sind noch jung und bei weitem nicht abgeschlossen.

Bis 1992 galt beispielsweise auch die Homosexualität laut WHO noch als Krankheit, die eine psychotherapeutische Behandlung bedarf. Und noch heute haben lesbische und schwule Jugendliche in Deutschland eine vier- bis siebenmal höhere Suizidrate als Jugendliche allgemein.

Bei dem Thema Transgender ist das ähnlich. Glücklicherweise werden auch hier Fortschritte gemacht. So wurde beispielsweise die Geschlechtsidentitätsstörung aus dem amerikanischen Diagnosemanual DSM entfernt. Eine fehlende Identifikation mit dem biologischen Geschlecht ist nicht einer psychischen Störung gleichzusetzen. Der Begriff kann leicht missverstanden werden. Eine Störung meint eine Normabweichung psychischer Funktionen, die das Denken, Wahrnehmen, Fühlen und/ oder Verhalten der betroffenen Person und damit deren Alltagsbewältigung negativ beeinflussen. Trans*- Menschen haben also keine Störung der Geschlechtsidentität. Vielmehr kann das Leiden an einer Geschlechtsdysphorie diagnostiziert und behandelt werden. Diese beschreibt den Leidenszustand einer Person, wenn diese bemerkt, dass ihr biologisches Geschlecht im Konflikt mit der eigenen geschlechtlichen Identität steht.

Abgesehen davon kommt es, genau wie bei Homosexuellen, bei Trans*-Menschen ebenfalls häufig zu psychischen Belastungen aufgrund von gesellschaftlichen Hürden und Reaktionen des sozialen Umfelds. In diesen Fällen ist es selbstverständlich ebenfalls wichtig, dass Betroffene psychologische Hilfe erhalten.

Ein großer Faktor ist und bleibt dabei die gesellschaftliche Aufklärung und Akzeptanz sowohl zur Geschlechtsidentität als auch der sexuellen Identität und sexuellen Orientierung.

Es gibt aber auch einige Positiv-Beispiele zur Entwicklung des gesellschaftlichen Umgangs mit Geschlechtsidentifikation. So bietet Facebook mittlerweile über 50 Auswahlmöglichkeiten zur Angabe des eigenen Geschlechts. Weiterhin erkannten die australischen Behörden die erste Person als androgyn (weiblich UND männlich) an und stellten dementsprechend den Pass mit dieser Geschlechtsbezeichnung aus.

Das Prämenstruelle Syndrom (PMS): Das Leiden vor der Periode

Das prämenstruelle Syndrom (PMS): gehört haben fast alle schon mal davon. Doch oft wird das Leiden der Betroffenen belächelt, da “ja nur die Hormone ein bisschen verrückt spielen”. Bei einigen Frauen ist das prämenstruelle Syndrom jedoch so stark ausgeprägt, dass man hier besser von der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS) sprechen sollte. Eine Störung, die es bis jetzt noch nicht in das in Deutschland verwendete Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen ICD geschafft hat und auch in den USA erst seit kurzer Zeit als eigenständige Störung im dortigen DSM zu finden ist. Im Folgenden wird erklärt, was das prämenstruelle Syndrom bzw. die prämenstruelle dysphorische Störung eigentlich ist, welche Symptome die Betroffenen zeigen, welche Ursachen dahinter stecken und welche Möglichkeiten der Behandlung es gibt. 

Das prämenstruelle-Syndrom: psychische und/oder körperliche Beschwerden in der zweiten Zyklushälfte

Während der Periode klagen Frauen häufig über Bauchkrämpfe oder müssen sich zumindest mit lästigen Hygieneartikeln wie Binden und Tampons herumschlagen (ein Hoch auf die Menstruationstasse als Alternative). Doch nicht nur das. Bereits vor der Menstruation leiden zahlreiche Frauen an körperlichen und psychischen Beschwerden: dem prämenstruellen Syndrom (PMS) – auch bekannt als die “Tage vor den Tagen”.

Was ist das Prämenstruelle Syndrom (PMS)?

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) zeichnet sich durch akute körperliche und psychische Beschwerden aus, die bei einer Frau unmittelbar vor ihrer Regelblutung auftreten. Fast die Hälfte aller Frau nimmt Veränderungen in der zweiten Zyklushälfte, also nach dem Eisprung, wahr. Wie ausgeprägt diese Veränderungen sind, und ob diese mehr psychischer oder physischer Natur sind, variiert hierbei sehr zwischen den betroffenen Frauen. Etwa 35% aller Frauen berichten davon, Anzeichen von PMS zu verspüren und etwa 5% leiden so sehr darunter, dass sie sich in ihrem Alltag stark beeinträchtigt fühlen. Da jedoch nicht genau festgelegt ist, welche Beschwerden nun das prämenstruelle Syndrom definieren, gibt es sehr verschiedene Zahlen darüber, wie viele Frauen betroffen sind.

Fest steht, dass einige Frauen lediglich über leichte Stimmungsveränderungen, Wassereinlagerungen oder Heißhunger klagen, während andere unter starken psychischen Symptomen leiden. Betroffene Frauen haben auch nicht zwangsläufig jeden Zyklus diese Beschwerden und leiden nicht unbedingt jedes Mal unter den gleichen Symptomen. Die Beschwerden des prämenstruellen Syndroms verschwinden normalerweise beim Eintreten der Monatsblutung und sind somit von den Beschwerden der Menstruation abzugrenzen. Es ist jedoch auch möglich, dass die Symptome darüber hinaus anhalten. Unter dem prämenstruellen Syndrom leiden am häufigsten Frauen zwischen 30 und 40 Jahren. Die Symptome verstärken sich später bis hin zu den Wechseljahren, nach Ausbleiben der Regelblutung verschwinden diese dann vollständig.

Prämenstruelles Syndrom (PMS) Symptome

Die Symptome sind sehr vielfältig und auch die Symptomstärke variiert von Frau zu Frau. Die Dauer dieser Symptome unterscheidet sich ebenfalls zwischen den Betroffenen. Einige Frauen klagen nur wenige Tage über zwei bis drei Beschwerden, andere leiden die gesamte zweite Zyklushälfte unter einer Reihe von Symptomen. Die geläufigsten Beschwerden lassen sich grob in die folgenden körperlichen und psychischen Symptome unterteilen:

  • Körperliche Beschwerden: Gewichtszunahme; Veränderungen der Haut (bspw. Akne); Wassereinlagerungen im Körper; Magen-Darm-Beschwerden; Durchfall; Unterleibskrämpfe; Müdigkeit, Erschöpfungssymptome, Abgeschlagenheit; Übelkeit und Kreislaufbeschwerden; Rücken- und Kopfschmerzen; Völlegefühl; Migräne; Extreme Sensibilität der Brüste,…
Abgeschlagenheit und Kopfschmerzen können physische Symptome von PMS sein.
  • Psychische Beschwerden: Stimmungsschwankungen; Antriebslosigkeit; Konzentrationsprobleme; Interessenverlust; Hyperaktivität oder Ruhelosigkeit; Depressionen; Gefühl des Kontrollverlusts; geringes Selbstwertgefühl; Reizbarkeit; Aggressivität; Angstzustände; Heißhunger oder Appetitlosigkeit; grundloses Lachen oder Weinen,…

Bei etwa 3-8% der Frauen sind die psychischen Beschwerden sehr extrem ausgeprägt. Diese Frauen leiden unter der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS).

Die prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS)

Die schwerste Form des prämenstruellen Syndroms wird als prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS) bezeichnet. Im Gegensatz zu dem PMS gilt die PMDS als generell behandlungsbedürftig. Denn hier sind die psychischen Symptome Wut, Aggressivität, Reizbarkeit, Depression und Angst so massiv, dass sie die betroffenen Frauen sowohl sozial, familiär und beruflich belasten und einschränken.

In dem für Deutschland gängigen diagnostischen Klassifikiationssystem ICD-10 ist die prämenstruelle dysphorische Störung bislang nicht aufgeführt. Aus diesem Grund ist der Begriff PMDS in Deutschland bislang auch weitgehend unbekannt, was gerade für Betroffene problematisch sein kann. Das im Jahre 2013 veröffentlichte DSM-5 (der in den USA von der Amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft herausgegebene diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen) listet zum ersten mal die prämenstruelle dysphorische Störung als eigene Störung auf.

Prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS) nach DSM-5

Im DSM-5 ist die PMDS folgendermaßen definiert:

A.
Während mindestens neun der vergangenen zwölf Zyklen bestanden wenigstens fünf der folgenden Symptome (und mindestens eines der Beschwerden eins bis vier) an den meisten Tagen der letzten Woche vor der Menstruation, während sie in der ersten Zyklushälfte nicht vorhanden waren:

  1. Depressive Verstimmungen, Selbstzweifel, Hoffnungslosigkeit
  2. Angst, innere Anspannung, Gereiztheit
  3. Plötzliches, grundloses Weinen, extreme Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisungen
  4. Andauernde Wut, aggressives Verhalten
  5. Kaum Interesse für übliche Aktivitäten (Freizeit, Beruf, Schule, Familie, Freunde)
  6. Subjektives Gefühl der Konzentrationsschwäche
  7. Lethargie, Energieverlust
  8. Starke Veränderung des Appetits (unter anderem Verlangen nach bestimmten Lebensmitteln)
  9. Änderung des Schlafverhaltens (Schlafstörungen, deutlich gesteigertes Schlafbedürfnis)
  10. Subjektive Empfindung, außer Kontrolle zu geraten, Überwältigungsgefühl
  11. Körperliche Symptome wie Brustspannen, Kopfschmerzen, Ödeme, Gewichtszunahme

B.
Die Symptome führen zu einem deutlichen beruflichen oder schulischen Leistungsabfall, soziale und andere Aktivitäten werden vermieden.

C.
Die Symptome sind nicht nur eine Verstärkung einer anderen bestehenden psychischen Erkrankung, etwa einer Major Depression, einer Angst- oder einer Persönlichkeitsstörung.

D.
Anhand einer täglichen Einschätzung mithilfe eines PMS-Kalenders über mindestens zwei Menstruationszyklen werden die Punkte A, B und C überprüft.

Mithilfe eines Symptom-Kalenders werden die Beschwerden des prämenstruellen Syndroms dokumentiert

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) – Ursachen

Die Ursachen für das prämenstruelle Syndrom (PMS) und der prämenstruellen dysphorische Störung (PMDS) sind nicht vollständig geklärt.

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) – Geschlechtshormone

Fest steht, dass die weiblichen Geschlechtshormone Progesteron und Östrogen eine Rolle spielen, denn Frauen, welche diese Hormone nicht produzieren (etwa nach den Wechseljahren, nach einer Entfernung der Eierstöcke), zeigen auch keine PMS oder PMDS Symptomatik. Frauen während der Schwangerschaft ebenso wenig.

Doch die Hormonkonzentration von Progesteron und Östrogen alleine kann die Störung ebenfalls nicht erklären, denn symptomfreie Frauen weisen die gleichen hormonellen Schwankungen auf, wie es Betroffene tun. Denkbar ist, dass betroffene Frauen sensibler auf die natürlichen hormonellen Schwankungen im Zyklus reagieren.

Möglich ist auch, dass die Bindungsstellen des Östrogens an den Nervenzellen bei den betroffenen Frauen defekt sind. Das würde zu einer gestörten Signalübertragung zwischen einzelnen Nervenzellen führen. Somit wäre kein hormonelles Ungleichgewicht für die Beschwerden verantwortlich, sondern eine gestörte Übertragung der Informationen. Das würde auch in Einklang mit den Befunden stehen, dass symptomfreie Frauen den gleichen hormonellen Schwankungen unterliegen wie betroffene Frauen.

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) – Der Einfluss des Serotoninspiegels

Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass die Hormone Progesteron und Östrogen einen Einfluss auf den Neurotransmitter Serotonin haben. Die genauen Zusammenhänge zu dem PMS und der PMDS sind jedoch weiterhin unklar. Es wird aber aus diesem Grund gemutmaßt, dass ein gestörter Serotoninstoffwechsel die psychischen Symptome des PMS und PMDS auslöst. Dieser spielt auch bei anderen affektiven Störungen wie der Depression eine wichtige Rolle. Neben einigen Untersuchungen stützt vor allem die Wirkung bestimmter Antidepressiva bei PMS und PMDS, die den Serotoninspiegel im Gehirn erhöhen, diese These.

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) – weitere Einflussfaktoren

Neben den Geschlechtshormonen und dem Serotoninspiegel gibt es weitere Faktoren, die einen Einfluss auf das Auftreten der PMS/PMDS-Symptomatik haben können:

Langanhaltender Stress und eine psychische Belastung können die Symptomatik verstärken und zu einem Ungleichgewicht im Hormonhaushalt der Frauen führen.

Ebenso haben die Ernährung und der Verzehr von Alkohol und Nikotin eine Auswirkung. Eine schlechte Ernährung kann bestimmte Symptome verschlimmern (Beispielsweise kann eine sehr salzhaltiger Ernährung die Wassereinlagerungen verstärken). Der Konsum von Alkohol und Nikotin kann dazu führen, dass die Symptome wie Angstzustände oder Kopfschmerzen stärker werden.

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) – Behandlung

Für die Behandlung des prämenstruellen Syndroms gibt es keine spezifische Medikation. Da die Ursachen und Zusammenhänge nicht vollständig geklärt sind und ebenfalls verschiedene Auslöser auf komplexe Weise zusammenhängen zu scheinen, erfolgt die Behandlung individuell in Abhängigkeit der jeweiligen Symptome.

Bei weniger starken Beschwerden lassen sich die körperlichen Symptome des prämenstruellen Syndroms oft bereits durch Verhaltensänderungen deutlich lindern. Der Verzicht auf Alkohol und Nikotin in der zweiten Zyklushälfte, eine ausgewogene gesunde Ernährung, sowie körperliche Bewegung und viel frische Luft können das Wohlbefinden deutlich verbessern. Ein geregelter Schlafrhythmus ist ebenfalls förderlich. Bei leichten Beschwerden helfen außerdem Entspannunsübungen, autogenes Training, Yoga oder Massagen.

Auch kognitives Training kann helfen Symptome wie Konzentrationsprobleme oder andere Einschränkungen, die mit depressiver Symptomatik einhergehen können, zu bekämpfen. CogniFit bietet zahlreiche Trainingsprogramme, unter anderem eine neurokognitive Stimulation zur Behandlung von Depressionen. Das kann dabei helfen, die psychischen Beschwerden durch PMS zu lindern.

Medikamentöse Behandlung des prämenstruellen Syndroms:

Am häufigsten werden PMS-typische Symptome mit hormonellen Verhütungsmitteln, wie beispielsweise der Pille, behandelt. Welche dieser Präparate bei PMS wirklich helfen können ist nicht ausreichend erforscht. In den meisten Fällen verschreibt die zuständige Frauenärztin oder der Frauenarzt eine der verfügbaren Pillen mit einer bestimmten Hormonkombination, welche die betroffene Frau dann einfach ausprobiert und guckt, ob die Symptome dadurch nachlassen. Doch auch die Pille und andere hormonelle Verhütungsmittel haben Nebenwirkungen und kommen für Frauen mit Kinderwunsch beispielsweise nicht infrage.

Bei Kopf- Rücken- oder Bauchschmerzen kommen in der Regel klassische nicht-rezeptpflichtige Schmerzmittel zum Einsatz. Klassischerweise sind das Ibuprofen oder Aspirin, die beide schmerzlindernd und entzündungshemmend wirken.

Bei sehr starken Wassereinlagerungen und Spannungsgefühlen in der Brust können auch Diuretika (entwässernde Medikamente) eingenommen werden. Aufgrund von bestimmten Nebenwirkungen und einem Gewöhnungseffekt sollte die Einnahme jedoch unbedingt zuvor mit einem Arzt abgeklärt werden.

Neben diesen Medikamenten kommen teilweise auch Hormonpräparate wie GnRH-Analoga oder Progesteron zum Einsatz. Deren Wirkung bei PMS ist jedoch umstritten, von ihrer Anwendung wird deshalb und auch aufgrund der zahlreichen Nebenwirkungen mittlerweile meistens abgeraten.

Behandlung der prämenstruellen dysphorischen Störung:

Bei der prämenstruellen dyphorischen Störung kommen zur Behandlung auch Medikamente infrage, die sonst bei Depression eingesetzt werden: Antidepressiva. Das geschieht oft dann, wenn die psychischen Beschwerden wie Angstgefühle, Verzweiflung und depressive Verstimmungen das Leben der Betroffenen stark einschränken. In der Regel finden hier selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Anwendung. Diese Antidepressiva erhöhen die Verfügbarkeit des Serotonins im Gehirn (genauer im Synaptischen Spalt zwischen den Zellen), indem sie die Wiederaufnahme des Serotonins durch die Zellen hemmen. Man geht davon aus, dass Serotonin die Wirkung anderer Hormone beeinflusst, die in der zweiten Zyklushälfte vermehrt ausgeschüttet werden. Es gilt als wissenschaftlich belegt, dass SSRI bei PMS oder PMDS die psychischen Symptome lindern. Dabei werden SSRI teilweise auch nur gezielt in der zweiten Zyklushälfte eingenommen.

Neben einer medikamentösen Behandlung der prämenstruellen dysphorischen Störung können Betroffene auch psychotherapeutische Unterstützung suchen. Gerade ergänzend mit anderen Maßnahmen kann dies sehr hilfreich sein und außerdem zum Verständnis der Störung beitragen. Da gerade in Deutschland die prämenstruelle dysphorische Störung weniger bekannt ist, oder Betroffene oftmals belächelt werden und “die Hormone wohl einfach nur mal wieder verrückt spielen”, kann es sehr erleichternd für die Frauen sein, die körperlichen und psychischen Veränderungen während ihres Zyklus nachvollziehen und verstehen zu können. Viele Frauen wissen lange nicht, was eigentlich mit ihnen passiert und sind dann froh, diese Veränderungen besser einordnen zu können und eine Erklärung für ihr zyklisch immer wiederkehrendes Leid zu haben.

Wenn man also das Gefühl hat, man könnte an PMDS oder einer schweren PMS leiden und sich dadurch eingeschränkt fühlt, sollte man sich unbedingt Hilfe suchen – gerade auch um etwas gegen die psychischen Beschwerden unternehmen zu können.

Bei Fragen oder Anregungen kann gerne die Kommentarfunktion genutzt werden.

Vigilanz: Wachsamkeit bei eintönigen Tätigkeiten

Der Urlaub ist vorbei und man fährt nach Hause. Noch 5 Stunden liegen vor einem. Obwohl die Autobahn komplett leer ist, muss man wachsam sein, jederzeit könnte ein Hindernis auftauchen. Die hier benötigte Wachsamkeit wird auch Vigilanz genannt. Nicht nur bei langen Autobahnfahrten, sondern auch bei anderen eintönigen Tätigkeiten, bei denen adäquat auf selten auftretende Reize reagiert werden muss, ist die Vigilanz unabdingbar. Im folgenden Artikel wird erklärt, was die Vigilanz ist, wie man sie misst, welche Vigilanzstufen es gibt, welche Störungen auftreten können und welche Bedeutung die Vigilanz im Zeitalter der Automatisierung hat. 

Vigilanz bei langen Autobahnfahrten

Vigilanz Definition

Der aus dem Latein stammende Begriff vigilantia bedeutet so viel wie “Wachheit”. Die Wachheit selbst ist ein Teilaspekt des Bewusstseins.

Der Begriff Vigilanz beschreibt in der Medizin, Physiologie und Psychologie Zustände andauernder Aufmerksamkeit bei eintöniger Reizfrequenz. Die Vigilanz bezeichnet den Zustand der Aktivierung des zentralen Nervensystems und kann verschiedene Ausprägungen haben. Sie ist immer ungerichtet, die Aufmerksamkeit konzentriert sich also nicht auf einen bestimmten Reiz, sondern beschreibt einen generellen “Wachheitszustand”, bei welchem ein irgendwann auftretender Reiz wahrgenommen werden muss.

Ein gutes Beispiel ist das Autofahren auf der Autobahn: Bei wenig Verkehr sind die Reize sehr eintönig (eintönige Reizfrequenz) und der Autofahrer muss sich nicht nur auf einen bestimmten Reiz konzentrieren, sondern eine allgemeine und andauernde Aufmerksamkeit zeigen, um so einen plötzlich erscheinenden Reiz (beispielsweise ein Gegenstand auf der Straße) wahrnehmen zu können.

Die Vigilanz unterscheidet sich somit von der Daueraufmerksamkeit, die eine andauernde Aufmerksamkeit bei hoher Reizfrequenz beschreibt, also beispielsweise beim Lesen, wo kontinuierlich neue Reize aufgenommen und verarbeitet werden müssen.

Was ist die Vigilanz?

Eine gesunde wache Person, die sich auf keine bestimmte Sache konzentriert verfügt über einen Bereitschaftszustand, sie ist wach. Das bedeutet, dass plötzlich auftretende Reize die Aufmerksamkeit der Person erregen können. Vigilant zu sein, bedeutet also die Fähigkeit einen willkürlichen, auch schwächeren Reiz wahrnehmen und auf ihn reagieren zu können. Bei bewusster Entspannung geht man in einen bewussten Ruhezustand über, schläft eventuell ein und tritt in die unterschiedlichen Schlafphasen ein. Hier verändert sich die Vigilanz. Welche Vigilanzformen es gibt, wird im nächsten Abschnitt näher erläutert.

Wie sich hieraus bereits schließen lässt unterliegt die Vigilanz individuellen Tagesschwankungen. Diese Schwankungen hängen mit dem zirkadianen Rhythmus und der persönlichen biologischen Uhr zusammen. In den meisten Fällen ist die Vigilanz im Laufe des Vormittags am höchsten ausgeprägt. Aus diesem Grund werden kognitive Funktionstests häufig in diesem Zeitraum durchgeführt. Dadurch lassen sich Störfaktoren und Vigilanzschwankungen reduzieren und die Leistungsfähigkeit einer Person einschätzen.

Welche Formen der Vigilanz lassen sich unterscheiden?

Wie bereits erwähnt ist die Vigilanz keine kategoriale Eigenschaft, die entweder vorhanden oder nicht vorhanden ist, sondern eine graduell ausgeprägte Aktivierung des Gehirns.

Die Hirnaktivität lässt sich also durch verschiedene Vigilanzstadien beschreiben, die sich graduell unterscheiden. Dabei gibt es zwei Extrempole der Vigilanz:

  1. Zum einen die höchstmögliche Erregung, wie sie beispielsweise in einer Schrecksituation auftritt.
  2. Der andere Pol wäre der Zustand eines traumlosen Tiefschlafs. 

Zwischen diesen beiden Polen befinden sich also alle möglichen Zwischenstadien der Aktivierungszustände. Hierbei seien beispielsweise die kritische Aufmerksamkeit, Entspannung, Dösen und leichter Schlaf mit raum-zeitlicher Orientierungslosigkeit und das Träumen genannt.

Jedem der beschriebenen Wachheitszustände kann eine Reihe elektrophysiologischer Befunde gegenübergestellt werden. Mittels Elektroenzephalogramm-(EEG)-Bildern kann ein bestimmtes Stadium der Wachheit gemessen werden. Es lässt sich mithilfe des EEG dementsprechend erkennen, wie stark die ungerichtete Aktivierung einer Person ausgeprägt ist.

Der Hirnfoscher und Psychologe Donald B. Lindsley unterschied anhand von EEG-Leitbildern drei verschiedene Wachheitszustände, bei denen die ersten beiden als passive Wachzustände und der letzte als aktiver Wachzustand bezeichnet wird:

  1. Relaxierter Wachzustand (relaxed wakefulness). Dieser Vigilanzzustand zeichnet sich durch eine spannungsniedrige, niederfrequente, unregelmäßige Grundaktivität des Hirnstrombildes bei verschlossenen Augen auf.
  2. Wache Aufmerksamkeit (alert attentiveness). Ist eine höhere synchrone Grundaktivität des EEG bei geschlossenen Augen.
  3. Starke Erregung (strong excited emotion). Bei diesem Vigilanzzustand zeigt sich ein asynchrones Hirnstrombild mit spannungsniedrigen Erregungsabläufen. 

Steuerung der Vigilanz im Gehirn

Für die Steuerung der Vigilanz ist unter anderem das aufsteigende retikuläre Aktivationssystem (ARAS) verantwortlich. Das ARAS ist ein Kontroll-Modulations-System welches sich im Hirnstamm befindet. Dort werden die Neurotransmitter Noradreanalin, Dopamin und Serotonin gebildet. Diese aktivieren sowohl den Hypothalamus als auch den Thalamus. Die Aktivität des ARAS unterliegt dem zirkadianen Rhythmus. Das ARAS besitzt einen Einfluss auf weite Teile des Körpers. Neben der neuronalen Informationsverarbeitung  beeinflusst die Vigilanz auch die Hormonregulation des Organismus.

Die Amygdala scheint ebenfalls eine wichtige Rolle in der Regulierung der Vigilanz zu spielen. Diese Hirnstruktur, die Teil des limbischen Systems ist, spielt eine entscheidende Rolle bei der Erkennung von emotionalen Reizen.

Vigilanztest: Wie misst man die Vigilanz?

Ein klassischer Test zur Vigilanzmessung wird am Computer ausgeführt. Diese Tests sind so aufgebaut, dass sie monoton und lang andauernd sind, während auf seltene Reize angemessen reagiert werden muss.

Ein Beispiel ist der Mackworth-Clock-Vigilanztest (Mackworth-Uhrentest): Bei diesem Test muss ein Bildschirm beobachtet werden auf dem 24 Kreise kreisförmig, ähnlich einer Uhr angeordnet sind. Ein schwarzer Punkt wandert nun diese “Uhr” entlang von einem Kreis zum nächsten. Ab und zu überspringt der schwarze Punkt einen dieser weißen Kreise. Die Teilnehmer müssen, wenn der Punkt einen Kreis überspringt, einen Knopf drücken. Der eingänglich für Piloten der Royal Air Force entwickelt Test dauert in seiner Ursprungsform zwei Stunden. Die Schwierigkeit des Tests ist es nicht, die Doppelsprünge an sich wahrzunehmen, sondern über längere Zeit wachsam zu sein, wichtig ist also die langanhaltende Belastung.

Vigilanzminderung und Vigilanzstörung 

Aufgrund von psychischen oder körperlichen Krankheiten kann es zur Verringerung der Vigilanz kommen. Neurologisch werden folgende Schweregrade der Vigilanzminderung unterschieden:

Benommenheit: Bewusstsein ist erhalten, aber die Vigilanz ist reduziert. Das Reaktionsvermögen, die Wahrnehmung und Gedächtnisleistung sind herabgesetzt.

Somnolenz: abnorme Schläfrigkeit. Jedoch bleibt die Person ansprechbar und erweckbar.

Sopor: Die betroffene Person ist nicht mehr voll weckbar und befindet sich in einem tiefen Schlaf. Nur sehr starke Reize, wie Schmerzen, lösen eine meist ungezielte Abwehrreaktion aus.

Koma: Ist der schwerste Grad einer Bewusstseinsstörung. Betroffene sind nicht ansprechbar und reagieren nicht auf Außenreize. 

Eine Verminderung der Vigilanz kann auch künstlich eingeleitet werden. Dies ist beispielsweise bei Operationen der Fall, die unter Narkose geschehen. Hier wird die Vigilanz durch Medikation vermindert, damit bei den Patienten keine Empfindungen und Reaktionen auf Schmerzreize erfolgen.

Vigilanz im Alltag: Welche Bedeutung hat die Vigilanz in der automatisierten Welt?

Für Privatpersonen ist der Bereich, in welchem die eigene Vigilanz eine wichtige Rolle spielt, das lange Autofahren. Bestehen hier Defizite bringt man sich selbst als auch andere in Gefahr. Doch wie sieht das eigentlich in anderen Bereichen aus? In vielen Berufen werden Prozesse immer weiter automatisiert. Was früher noch von Hand ausgeführt oder zumindest eingestellt werden musste, wird heutzutage von Computern erledigt. Das ist beispielsweise bei Piloten der Fall, die selbst bei Start und Landung hauptsächlich Prozesse überwachen und während des Flugs so gut wie keine Handlungen ausführen müssen und nur im Notfall eingreifen. Ebenso spielt die Vigilanz für Tätigkeiten in Kontrollzentren von Fabriken, Atomkraftwerk, etc. eine wichtige Rolle. Doch die Automatisierung nimmt nicht nur bei diesen Berufen, sondern auch im Alltag immer weiter zu. Projekte wie selbstfahrende Autos sind mittlerweile keine Vision mehr.

Doch was passiert, wenn unser Alltag weiter automatisiert wird?

Ganz richtig: Durch die Automatisierung nimmt die Zahl der Situationen in denen Prozesse überwacht werden müssen immer weiter zu. Somit wird die Bedeutung der Vigilanz für die Sicherheit im Alltag immer größer. Es ist also extrem wichtig, einen Reiz schnell erkennen, ihn zu verarbeiten und auf diesen reagieren zu können, um bei automatisierten Prozessen im Notfall richtig eingreifen zu können.

Kognitive Fähigkeiten wie die Verarbeitungsgeschwindigkeit oder die Reaktionszeit, die hierbei eine wichtige Rolle spielen, können unter anderem mit den computergestützten Programmen von CogniFit gemessen und trainiert werden. Neben der Verarbeitungsgeschwindigkeit und der Reaktionszeit misst und bewertet CogniFit eine Vielzahl weiterer wichtiger kognitiver Fähigkeiten. Durch das gezielte personalisierte Training können Defizite ausgeglichen werden, was bei der Bewältigung des Alltags und den Anforderungen bei Überwachungsprozessen für eine bessere Leistung sorgen kann.

Kognitive Fähigkeiten spielen eine wichtige Rolle im Alltag

Burnout: was tun? Bekämpfe es mit diesen Tipps zur Selbsthilfe

Burnout: Was tun? Das Burnout-Syndrom ist in unserer heutigen Gesellschaft eine der Störungen mit der höchsten Prävalenz. In sehr vielen verschiedenen Arbeitsbereichen leiden Menschen darunter, außerdem scheint es immer mehr Leute zu geben, die davon betroffen sind. In diesem Artikel nennt die Neuropsychologin Cristina Martínez wichtige Tipps und Strategien, was man bei Burnout tun kann. 

Es steht fest, dass es sich nicht einfach vermeiden lässt, an dieser Störung zu erkranken. Denn im Prinzip ist jeder anfällig dafür ein potentielles Opfer des Burnout-Syndroms zu werden. Fast jeder muss arbeiten, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Einige haben dabei mehr Glück als andere was die Arbeitsbedingungen angeht. Für wen ein möglicher Arbeitswechsel keine Option ist, der findet im Folgenden hilfreiche Tipps und Ratschläge, um gegen Burnout zu kämpfen und Symptome wie das Ausgebranntsein so gut wie möglich zu vermeiden.

Burnout. Was kann man dagegen unternehmen?

Was ist Burnout?

Das Burnout-Syndrom ist eine affektive Störung mit schwerwiegenden Folgen für die psychische und körperliche Gesundheit. Sie zeichnet sich durch eine körperliche, mentale und emotionale Erschöpfung aus. Schritt für Schritt geht das Interesse an den Aufgaben und Verantwortungen bei der Arbeit verloren, wodurch es zu Veränderungen im Verhalten kommt. Die Verhaltensveränderung ist einer der Hauptfaktoren, an denen sich Burnout erkennen lässt.

Paradoxerweise trifft diese Störung häufiger bei Menschen auf, die aus ihrer Leidenschaft einen Beruf gemacht haben und mit Menschen zusammenarbeiten. Beispielsweise sind häufig Ärzte, Krankenpfleger, Sozialarbeiter, Psychologen und Lehrkräfte betroffen.

Weshalb ist das so? Eine der größten Risikofaktoren ein Burnout-Syndrom zu entwickeln ist, die Differenz zwischen der eigenen Erwartungshaltung und der realen Arbeitsleistung.

Burnout: in der modernen Arbeitswelt eine der häufigsten Gründe für Krankschreibungen

Das Burnout-Syndrom ist neben Mobbing und der Depression der Hauptgrund für Krankschreibungen und betrifft häufig Menschen unter 35 Jahren in ihrer ersten Arbeitserfahrung. Leider nehmen viele Leute die Niederlage ihrer Ideale hin, entfremden sich von ihrer Arbeit und entwickeln allmählich das Burnout-Syndrom.

Burnout: was tun? Symptome des Syndroms

Schwierigkeiten beim morgendlichen Aufstehen, das Gefühl der Erschöpfung und einfach nicht genug Schlaf zu bekommen sind die ersten Alarmsignale.

Gefühle wie Frustration, den Eindruck zu haben nicht effizient zu sein, zu scheitern oder hilflos und kraftlos zu sein sind weit verbreitet. Lange Zeit unter dem Burnout-Syndrom zu leiden kann schwerwiegende Folgen haben und kann zu Angststörungen, Depressionen oder sogar Suizid führen.

Körperlich kommt es zu Veränderungen des Schlafverhaltens, es können Verdauungsprobleme auftreten, es kann zu Herzrasen kommen oder Schwierigkeiten beim Einschlafen oder Durchschlafen entstehen. Wenn sich diese Symptome über einen längeren Zeitraum erstrecken, können dadurch Kopfschmerzen auftreten, die Leistungsfähigkeit sinkt und die Betroffenen tendieren dazu sich sozial zu isolieren und weniger zu kommunizieren.

Diese Symptome können den Missbrauch von Medikamenten, Drogen oder Alkohol zur Folge haben. Dadurch versuchen Betroffene sich von ihren Anspannungen und ihrem Überdruss zu befreien, was jedoch wenig effizient ist.

Sollte man diese Symptome verspüren, ist es ratsam sich professionell beraten zu lassen. Wie bei allen anderen Störungen, lässt sich das Burnout am besten bekämpfen, wenn die Symptome noch nicht zu schwerwiegend oder gar chronisch sind. Die Dinge früh in Angriff zu nehmen garantiert bessere Erfolge.

“Wie bei der Mehrzahl der Störungen, fördern Unwissenheit und Abstreiten die hohe Epidemiologie”

Burnout: was tun? Test zur Detektion des Burnout-Syndroms. Ich fühle mich ausgebrannt durch die Arbeit….

Das Maslach-Inventory untersucht die drei Konstrukte des Burnout-Syndroms: Emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung und die reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit. Dabei muss den Aussagen auf einer Skala von 0 bis 6 zugestimmt werden (0= niemals, 6= immer). Es ist wichtig dabei ehrlich zu antworten:

  1. Ich fühle mich durch meine Arbeit emotional erschöpft.
  2. Ich fühle mich am Ende eines Arbeitstages verbraucht.
  3. Ich fühle mich bereits ermüdet, wenn ich morgens aufstehe und einen neuen Arbeitstag vor mir liegen sehe.
  4. Ich kann es leicht verstehen, wie andere Menschen über bestimmte Themen denken.
  5. Ich habe das Gefühl, einige andere Menschen so zu behandeln, als wären sie Objekte.
  6. Den ganzen Tag mit Menschen zu arbeiten, strengt mich an.
  7. Ich gehe erfolgreich mit den Problemen anderer Menschen um.
  8. Ich fühle mich durch meine Arbeit ausgebrannt.
  9. Ich habe das Gefühl, durch meine Arbeit das Leben anderer Menschen zu beeinflussen.
  10. Ich bin Menschen gegenüber abgestumpfter geworden, seit ich diese Arbeit ausübe.
  11. Ich befürchte, dass mich meine Arbeit weniger mitfühlend macht.
  12. Ich fühle mich sehr energiegeladen.
  13. Ich fühle mich durch meine Arbeit frustriert.
  14. Ich habe das Gefühl, in meinem Beruf zu hart zu arbeiten.
  15. Es interessiert mich nicht wirklich, was mit anderen Menschen geschieht.
  16. Bei der Arbeit in direktem Kontakt zu Menschen zu stehen, stresst mich zu sehr.
  17. Mir fällt es leicht, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen.
  18. Ich fühle mich angeregt, wenn ich eng mit anderen Menschen zusammengearbeitet habe.
  19. Ich habe viele lohnende Ziele bei meiner Arbeit erreicht.
  20. Ich habe das Gefühl, am Ende meiner Weisheit zu sein.
  21. Bei meiner Arbeit gehe ich mit emotionalen Problemen gelassen um.
  22. Ich habe das Gefühl, dass mir manche Menschen bzw. deren Angehörige für manche ihrer Probleme die Schuld geben.

Im Anschluss werden die Punkte zusammengezählt. Die Werte der Items  4,7,9,12, 17,18,19 und 21 müssen dabei umgekehrt werden (0->6, 1->5, 2->4, 3->4, etc.). Punktwerte über 33 sind ein Zeichen dafür, dass ein Burnout-Syndrom vorliegen könnte. Betroffen sollten sich professionelle Hilfe suchen, um weiteres in einer Diagnose abklären zu können.

  1. Skala Emotionale Erschöpfung: Bewertung des persönlichen Erschöpfungserlebens.
  • –          Items: 1,2,3,6,8,13,14,16,20
  • –          Maximale Punktzahl: 54
  1. Despersonalisierungsskala: Spiegelt die Einstellung zur Arbeit wider, inwieweit man sich von dieser distanziert,
  • –        Items: 5,10,11,15,22
  • –       Maximale Punktzahl: 30
  1. Skala persönliche Leistungsfähigkeit: Selbsterlebte Selbstwirksamkeit.
  • –          Items: 4, 7, 9, 12, 17, 18, 19, 21
  • –         Maximale Punktzahl: 48

Burnout: Bewältigungsstrategien

Burnout: was tun? Tipps zur Bekämpfung des Burnout-Syndroms

Die Prävention bei dieser Störung ist fundamental. Für eine Bewältigung des Burnout-Syndroms sollte immer ein Spezialist aufgesucht werden. Diese Tipps können ergänzend eine Hilfe während der Therapie sein, oder bei der Prävention helfen:

Burnout: was tun? – Eine selbstbewusste Haltung entwickeln 

Mithilfe von Selbstbehauptungstechniken können effiziente Strategien erlernt werden, um sich nicht mit Arbeit zu überladen, keine Verantwortung für etwas zu übernehmen, was man nicht zu verantworten hat und das wichtigste: Nein sagen zu können, ohne sich schuldig zu fühlen.

Durchsetzungsfähige Kommunikationstrategien zu entwickeln, erleichtert den Umgang mit Kollegen und dem Chef, da so die eigenen Ansichten und Meinungen auf konstruktive Art kommuniziert werden können.

Burnout: was tun? – Anpassung der Erwartungen an den Job

Aufgepasst, das soll nicht bedeuten, dass man sich von seinen persönlichen Zielen oder Vorstellungen verabschieden soll. Es geht lediglich darum, diese neu zu bewerten und sich fragen, ob diese für einen persönlich richtig ausgerichtet sind und ob sie in dem professionellen Umfeld beziehungsweise im eigenen Arbeitsumfeld verwirklichbar sind.

Einen Punkt in der Mitte zu finden, der sich an die Realität anpasst, ohne dabei die eigenen Ziele zu vernachlässigen ist das Ziel. Es kann auch als persönliche Herausforderung und als neuen Lerneffekt gesehen werden, mit solch einer Situation umzugehen.

Burnout: was tun? – Veränderung der Verteilung zwischen Arbeit, Schlaf und Freizeit

Um das Burnout-Syndrom zu vermeiden ist es wichtig, dass das Leben sich nicht nur um die Arbeit dreht. Man sollte sich täglich die Zeit nehmen etwas zutun, das einem wirklich Spaß macht, also einem Hobby oder einer anderen Leidenschaft nachgehen. Ebenso sollte man geregelte Schlafenszeiten einhalten und so einen angepassten Arbeit-Freizeit-Schlaf-Rhythmus entwickeln und der Routine anpassen.

Ebenso sollte man seine persönlichen Kontakte pflegen und dabei abschalten, das heißt nicht von der Arbeit sprechen. Man sollte sich darauf konzentrieren einfach die Gesellschaft  zu genießen.

Burnout: was tun? – Entspannungsübungen praktizieren

Entspannungsübungen helfen die Stress- und Angstsymptome, die mit dem Burnout-Syndrom assoziiert sind, zu bekämpfen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, man kann beispielsweise entspannende Musik hören, Atemübungen machen, malen, lesen, spazieren gehen…

Eine bekannte und empfehlenswerte Praktik ist es Achtsamkeitübungen (engl. Mindfulness) durchzuführen, diese haben sich bei Störungen wie der Depression als wirksam erwiesen.

Burnout:was tun? Entspannungsübungen können helfen

Burnout: was tun? – : Halte dein Gehirn fit

Seine eigenen kognitiven Fähigkeiten zu kennen und einschätzen zu können, kann sehr hilfreich sein, um zu wissen in welchen Bereichen man seine Stärken hat und wie man diese für seine Arbeit nutzen kann. CogniFit bietet die Möglichkeit eine Vielzahl an kognitiven Fähigkeiten zu messen und anschließend zu trainieren. Durch das gezielte personalisierte Training können Defizite ausgeglichen werden, was bei der Bewältigung des Alltags und den Anforderungen auf der Arbeit für Erleichterung sorgt.

Burnout: was tun? – : Spiel Lotto

Dieser letzte Tipp ist selbstverständlich nicht ernst gemeint. Es besteht eine hohe Gefahr der Abhängigkeit bei Glücksspielen. Das letzte was wir wollen, ist dass jemand in diesen Teufelskreis gerät. Arbeite und strenge dich an, aber frustriere dich nicht. Wenn dir etwas nicht gefällt, versuche es zu verbessern. Vielleicht kann eine der Ratschläge dabei helfen über den eigenen Schatten zu springen.

Und Du? Lebst Du, um zu arbeiten oder arbeitest Du, um zu leben?

 

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Cristina Martínez de Toda, Psychologin bei CogniFit.

Panikattacke: Symptome und Ursachen

“Ich kann nicht atmen”, “meine Füße und Hände werden taub”, “ich werde ohnmächtig”, “ich verliere die Kontrolle”, “mein Herz schlägt so schnell, dass ich einen Herzinfarkt bekommen werde”, “ich werde sterben”…. Hast Du schon einmal diese Gedanken und Gefühle gehabt? Oft wissen Personen, die eine Panikattacke erleiden nicht, was ihnen passiert. Im folgenden Artikel wird erklärt, was eine Panikattacke ist, welches ihre Symptome sind und welche Ursachen es für die Panikstörung gibt und wieso sie auftritt. 

Panikattacke

Was ist eine Panikattacke?

Panikattacken treten in der Regel unerwartet und ohne offensichtlichen Auslöser auf. Bei diesen Episoden empfindet die betroffene Person ein starkes Unwohlsein und unkontrollierbare Angst, wodurch es zu Verzweiflung kommen kann. Eine Panikattacke dauert in der Regel etwa 10 Minuten (diese Minuten erscheinen für die Betroffenen jedoch unendlich). Einige der Symptome können sich auf etwa 20 Minuten oder länger ausweiten.

Eine Panikattacke ist eine sehr starke Angstreaktion, bei der es zu einem Gefühl des kompletten Kontrollverlusts kommt. Es handelt sich um eine schreckliche und sehr unangenehme Erfahrung, bei welchen die Betroffenen teilweise davon überzeugt sind in diesem Moment zu sterben. Während einer Panikattacke kommt es zu starken körperlichen Symptomen: Das Atmen fällt schwer, Schwindel tritt auf, Betroffene zittern, schwitzen und verspüren einen Schmerz in der Brust, spannen ihre Muskulatur an und es kann zu Übelkeit kommen. Das Gefühl dieser Situation physisch nicht entkommen zu können, generiert eine extreme Angst in den Betroffenen, wodurch die erlebten Panik-Symptome noch stärker werden.

Eine Panikattacke kann in verschiedensten Situationen auftreten (auf der Straße, im Kino, beim Auto fahren, im Supermarkt, auf der Arbeit). Situationen die entsprechend vermieden werden, um auf jeden Fall zu verhindern, dass diese in uns eine neue Panikattacke auslösen. Das Vermeidungsverhalten, also das Handeln einzuschränken und bestimmte Situationen zu vermeiden, kann dazu führen, dass eine Agoraphobie entwickelt wird.

Das Gehirn besitzt die Fähigkeit eine Situation schnell wahrzunehmen und zu analysieren. Dabei werden wie bei einem Computer Ähnlichkeiten dieser Situation mit anderen gespeicherten “schon erlebten” Situationen gesucht. Wenn dabei ähnliche Erfahrungen gefunden werden, so wird gleich gehandelt.

Wie entsteht eine Panikattacke: die Ursachen

Einige Personen sind anfälliger dafür eine Panikattacke zu bekommen als andere. Von Grund auf ängstliche, um ihre Gesundheit besorgte oder nervöse Personen, haben eine größere Wahrscheinlichkeit, eine Panikattacke zu erleiden. Sie treten ebenso häufiger bei Frauen als bei Männern auf.

Die erste Panikattacke steht meistens mit einer psycholgischen Stressreaktion in Zusammenhang (viel Arbeit, ein wichtiger Termin der einen überfordert, Partnerschaftsprobleme, Prüfungsstress, etc.) und/ oder mit körperlichen Symptomen, die zuvor so nicht erlebt wurden und als unangenehm empfunden werden (niedriger Blutdruck, Unterzuckerung, Verdauungsprobleme, Hitzeschlag, etc.)

Der Auslöser einer Panikattacke ist meistens ein unangenehmes körperliches Gefühl (Angstsymptome). Dieses unangenehme körperliche Gefühl ist an sich weder negativ noch gefährlich. Wenn sich die Person jedoch erschrickt dieses zu verspüren (beispielsweise denkt, dass sie ohnmächtig wird oder eine Attacke erleidet), steigt die Angst, was dazu führt, dass der Organismus aktiviert wird und in den “Flight or Fight” (Fliehen oder Kämpfen) Zustand versetzt wird. Katastrophenartige Gedanken lösen die Alarmbereitschaft im Teufelskreis der Angst aus. Dadurch werden, ohne dass sich die Betroffenen darüber bewusst sind, körperliche Veränderungen hervorgerufen: der Adrenalinspiegel steigt, das Herz schlägt schneller, die Körpertemperatur wird höher, das Blut wird schneller durch die Adern gepumpt, etc… Ein Gefühl der extremen Gefahr überkommt die Betroffenen, das Alarmsystem wird aktiviert und dadurch lähmt der Teufelskreis der Angst die Person. Wie sich die Angstgefühle kontrollieren lassen, kann hier nachgelesen werden.

Es gibt drei verschiedene Ebenen, auf denen die Symptomen einer Panikattacke auftreten:

  • Kognitive Symptome einer Panikattacke: bezieht sich auf das, was wir “denken”. Konstante Besorgnis, generalisierte Angst, negative Gedanken, Gefühl der Derealisation, Schwierigkeit sich zu kontrollieren: Beispielsweise “und wenn genau das Thema in der Prüfung dran kommt, das ich nicht gelernt habe?” , “und wenn ich etwas gefragt werde und ins Stocken gerate?”…. etc.
  •  Physiologische Symptome einer Panikattacke: umfasst das, was in unserem Körper passiert: Herzrasen, Schweißausbrüche, Zittern, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Muskelanspannung, Hyperventilation,…
  • Verhaltenssymptome bei einer Panikattacke: Unruhe, Schlafstörungen, Vermeidungsverhalten, etc.

Aufrechterhaltung einer Panikattacke

Wer schon mal eine Panikattacke erlebt hat weiß, was auf ihn zukommt. Deshalb tendieren Betroffene dazu aus der Situation zu fliehen, indem sie beispielsweise den Raum verlassen, Beruhigungsmittel zu sich nehmen, Wasser trinken, etc.

Wer Unwohlsein verspürt und denkt, dass wie in vorherigen Situationen, die Konsequenz eine Panikattacke sein wird, versucht den Prozess zu unterbinden indem er flieht. Doch genau dieses Vermeidungsverhalten ist das, was den Prozess der Panikattacke aufrecht erhält. Beispielsweise: Erhöhter Puls – “ich sterbe” – der Puls steigt weiter→ es kommt zu einer Panikattacke.

Aufgrund der schlechten Erfahrung ergreifen viele Maßnahmen, um das zu vermeiden. Sie hören auf Kaffee zu trinken, Sport zu machen, um vermeintlich einer Angstattacke aus dem Weg zu gehen.

Durch die Unterbrechung diese Prozesses, verlieren die Personen die Möglichkeit zu überprüfen, dass die Angst, nachdem sie ansteigt und einige Zeit gleich bleibt, auch wieder abfällt.

Panikattacke Symptome

Die Angstattacken oder Panikattacken sind Teil der Angststörungen (Reaktion auf kognitiver, physiologischer und motorischer Ebene in bestimmten Situationen, die Unwohlsein auslösen und verschiedene Bereiche des Alltags der Person beeinträchtigen). Wenn sich diese Attacken wiederholen, kann von einer Panikstörung oder von einer Agopraphobie mit Panikattacken gesprochen werden.

ICD-10 Kriterien für eine Panikstörung:

Eine Panikstörung wird diagnostiziert, wenn Betroffene unter wiederholt auftretenden Panikattacken leiden, die weder auf eine spezifische Situation oder ein spezifisches Objekt bezogen sind und unvorhersehbar und spontan auftreten. Dabei treten die Paniksymptome in nicht gefährlichen und nicht lebensbedrohlichen Situationen auf.

Die Panikattacke selbst zeichnet sich durch folgende Kriterien aus: sie ist eine einzelne Episode intensiver Angst oder Unbehagen und beginnt abrupt. Sie erreicht ihr Maximum nach wenigen Minuten und dauert mindestens ein paar Minuten an. Es müssen mindestens vier der nachstehenden Symptome (davon mindestens ein vegetatives Symptom) in dieser Zeit auftreten:

  • Vegetative Symptome:
    • Schweißausbrüche
    • Herzklopfen, erhöhte Herzfrequenz, Palpitationen
    • Grob- oder feinschlägiger Tremor
    • Mundtrockenheit (nicht als Folge von Medikamenten oder Flüssigkeitsmangel)
  • Symptome in Abdomen oder Thorax:
    • Atembeschwerden
    • Thoraxmissempfindungen oder -schmerzen
    • Beklemmungsgefühl
    • Übelkeit (Nausea) oder abdominelle Missempfindungen
  • Psychische Symptome:
    • Gefühl von Unsicherheit, Schwäche, Schwindel oder Benommenheit
    • Angst davor verrückt zu werden oder auszuflippen, oder vor Kontrollverlust
    • Derealisation (Gefühl, dass Objekte unwirklich sind) oder Depersonalisation (Gefühl nicht man selbst oder nicht wirklich da zu sein)
    • Angst zu sterben
  • Allgemeinsymptome:
    • Taubheitsgefühl oder Gefühle des Kribbelns
    • Kälteschauer oder Hitzewallungen

die Symptome sind nicht die Folge einer körperlichen Störung und lassen sich nicht besser durch eine organische psychische Störung, affektive Störung, Schizophrenie oder somatoforme Störung erklären.

Panikattacke Schlussfolgerungen

  1. Eine Panikattacke zu vermeiden, führt nur zu mehr Leiden: Einige Personen konzentrieren ihr Leben darauf “gefährliche” Situationen zu vermeiden, durch welche eine Attacke ausgelöst werden kann. Dieses Verhalten ist hochgradig schädlich, da immer mehr Situationen oder Aktivitäten gemieden werden. Es ist wichtig zu lernen, die Ruhe zu bewahren und sich den Situationen nicht zu entziehen.
    2. Panikattacken entwickeln sich vor allem durch die Interpretation von dem was wir tun, fühlen oder denken. Bei jedem schlägt das Herz schneller, wenn er nervös ist, sich anstrengt, überrascht wird, etc… Doch wieso löst dieses Gefühl bei einigen Personen eine Panikattacke aus und bei anderen nicht? Das ist auf die Interpretation jedes einzelnen zurückzuführen. Wenn man davon ausgeht, dass der Stich in der Brust auf etwas Luft in der Speiseröhre zurückzuführen ist, ist es sehr viel weniger wahrscheinlich eine Panikattacke zu entwickeln, als wenn man davon ausgeht, dass dieses Gefühl nicht normal ist und das Anzeichen eines Herzinfarkts sein muss. 

Im Folgenden Video wird illustriert, wie eine erste Panikattacke ablaufen kann.

Bei Fragen oder Anregungen, kann gerne ein Kommentar hinterlassen werden.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Patricia Sanchez Seisdedos, Psychologin bei CogniFit.

Lerntheorien: Wie lernen wir eigentlich?

Ab dem ersten Tag unseres Lebens beginnen wir zu lernen. Gerade in den ersten Jahren machen wir fast täglich Fortschritte und erweitern unser Können. Doch wie funktioniert das Lernen eigentlich? Es gibt eine Vielzahl an Lerntheorien, welche die Lernvorgänge beschreiben und erklären. Im Folgenden Artikel findet sich eine Übersicht und Zusammenfassung bekannter Lerntheorien.

Lerntheorien: Wie lernen wir?

Definition Lernen

Der Begriff Lernen hat indogermanische Wurzeln, deren Bedeutung “Furche, Spur oder Bahn” ist. Bereits die Wortherkunft deutet also darauf hin, dass Lernen etwas damit zutun hat “Spuren zu hinterlassen”.

Lernen beschreibt den bewussten oder unbewussten Vorgang der Aneignung oder Änderung von kognitiven Strukturen oder Verhaltensweisen. Das Lernen ist also ein Prozess der Verhalten, Denken und Fühlen formt und den Erwerb von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten beschreibt.

Welche Lerntheorien gibt es?

Es gibt eine Vielzahl an Modellen und Hypothesen, die versuchen den Prozess des Lernens zu beschreiben. Bei den meisten dieser lerntheoretischen Ansätze wird eine einzelne, besondere Form des Lernens beschrieben und erklärt. Im Folgenden geben wir eine Übersicht über die klassischen Lerntheorien.

Klassische Lerntheorien:

Die klassischen Lerntheorien lassen sich in zwei Hauptzweige unterteilen:

  • Bei den behavioristischen Lerntheorien steht das beobachtbare Verhalten im Vordergrund des Lernprozesses, wobei die mentalen Prozesse im Gehirn nicht von Interesse sind.
  • Dem gegenüber stehen die kognitivistischen Lerntheorien, bei welchen die Kognitionen und Emotionen mit in das Modell des Lernprozesses eingebunden werden.

Im nächsten Abschnitt werden die bekanntesten Lerntheorien des Behaviorismus und Kognitivismus beispielhaft erklärt.

Behavioristische Lerntheorien

Bei diesen lerntheoretischen Ansätzen steht der Mensch, als Ergebnis seiner Umwelt, im Fokus. Es wird zunächst das beobachtet, was das lernende Wesen aufnimmt (einen Reiz) und anschließend die Antwort auf den Reiz in Form von Verhalten. Was dazwischen passiert, also wie der Reiz im Gehirn bearbeitet wird, ist nicht von Bedeutung.

Klassische Konditionierung

Die klassische Konditionierung, die von dem russischen Physiologen Iwan Pawlow begründet wurde, wird auch als Reiz(Stimuli)-Reaktion(Response)-Lernen bezeichnet. Diese Lerntheorie besagt, dass zwei Reize aneinander gekoppelt werden können.

Das Experiment von Iwan Pawlow

Pawlow führte sein Experiment mit Hunden durch. Dabei ließ Pawlow Hunden Essen bringen (US: unconditiones stimulus – Unbedingter Reiz: löst ohne Konditionierung eine Reaktion aus), wodurch diese beim Anblick und Geruch des Essens Speichel produzierten. (UR: unconditioned response – Angeborene Reaktion: wird durch den US ausgelöst). Dieser Reiz ist von Natur aus mit dieser Reaktion verbunden.

Nun wurde das Erklingen eines Glöckchen vor der Essensausgabe hinzugefügt (NS: neutral Stimulus, Neutraler Reiz: zieht keine spezifische Reaktion mit sich). Das Erklingen des Glöckchens löste zu Beginn des Experiments keine Reaktion bei den Hunden aus, sie nahmen das Erklingen der Glocke jedoch wahr. Pawlow wiederholte nun den Ablauf einige Male, zuerst ließ er die Glocke erklingen, dann folgte die Essensausgabe. Nach einiger Zeit begannen die Hunde bereits beim Erklingen der Glocke Speichel zu produzieren. Sie hatten also gelernt, dass auf die Glocke das Essen folgte. Aus dem neutralen Reiz wurde demnach ein bedingter Reiz (CS: conditioned Stimulus: ehemals neutraler Reiz löst durch mehrmalige Koppelung an den US eine Reaktion aus) auf den eine bedingte Reaktion folgte (CR: conditioned response: erlernte Reaktion).

Klein Albert: Das Experiment von J.B Watson

Kurze Zeit nach dem Experiment von Pawlow wurde die klassische Konditionierung erstmals am Menschen untersucht. Das Experiment wurde mit einem 9 Monate alten Jungen namens Albert durchgeführt. Albert wurden mehrere Tiere präsentiert (eine weiße Ratte, ein Kaninchen, ein Affe…) und seine Reaktion beobachtet. Albert zeigte keine Angst und keine besondere Reaktion auf diese Reize (NS). Daraufhin wurde Albert die weiße Ratte in Verbindung mit einem lauten Knall (US) präsentiert, woraufhin Albert sich erschrak und anfing zu weinen (UR). Jedes Mal wenn Albert nach der Ratte griff wurde der laute Knall ausgelöst. Nach dieser Konditionierungsphase wurde Albert die Ratte wieder, diesmal ohne Knallen, präsentiert. Albert begann beim bloßen Anblick der Ratte zu weinen und versuchte sich von ihr zu entfernen. Der vorher neutrale Reiz wurde also zu einem konditionierten Angstreiz (NS-> CS) und löste Furcht (CR) bei Albert aus. Im Anschluss fürchtete sich Albert nicht nur vor der Ratte, sondern vor ähnlichen weißen pelzigen Gegenständen. Die Forscher glaubten, dass sie eine generalisierte Angstreaktion bei dem kleinen Albert konditioniert hatten.

Beispiel Klassischer Konditionierung im Alltag: Beim Anblick einer Zitrone, zieht sich einem der Mund zusammen. Obwohl man nur an etwas Saures denkt oder es sieht, entsteht das Gefühl, etwas Saures zu sich zu nehmen

 

Was kann die klassische Konditionierung nicht erklären? Es kann mithilfe der klassischen Konditionierung nicht die Entstehung von neuen Verhaltensweisen erklärt werden. Ebenso wenig lassen sich Verhaltensänderungen erklären, die unabhängig von vorangehenden Bedingungen des Reizes sind.

Operante Konditionierung

wird auch als Lernen durch Belohnung oder Bestrafung bezeichnet. Bei dieser Lerntheorie werden Reiz-Reaktions-Muster aus zunächst spontanem Verhalten gebildet. Die Häufigkeit des Verhaltens wird durch eine anschließende positive oder negative Konsequenz nachhaltig verändert. Die operante Konditionierung stellt im Vergleich zur klassischen Konditionierung einen selektiven Lernprozess dar. Hierbei können das Verhalten oder Handlungen auf Dauer geändert werden.

Das Experiment von Skinner

Frederik Skinner sperrte jeweils zwei Ratten in seine sogenannte “Skinner-Box”. In dieser Box befand sich ein Hebel und ein Fressnapf. Für beide Ratten hatte der Hebel eine unterschiedliche Funktion. Für die erste Ratte wurde durch das Betätigen des Hebels Futter in den Fressnapf gelassen und die zweite Ratte erhielt durch betätigen des Hebels einen Stromschlag. Die erste Ratte betätigte regelmäßig den Hebel, während die zweite Ratte den Hebel nach anfänglichem Ausprobieren nicht wieder antastete.

Die Ratten hatten also gelernt, dass nach dem Betätigen des Hebels eine Reaktion folgte und wussten dadurch, welche Funktion der Hebel hat. Bei einer positiven Reaktion (Futter) wurde das zunächst spontane Verhalten des Betätigen des Hebels verstärkt, wobei es bei einer negativen Reaktion (Stromschlag) verringert, beziehungsweise unterbunden wurde. Skinner bezeichnet diesen Lerneffekt auch als “Lernen am Erfolg” oder als “Lernen durch Verstärkung”. Der bei der zweiten Ratte ausgelöste Effekt wird auch als bedingte Hemmung bezeichnet.

Kognitivistische Lerntheorien

Zentraler Punkt des Kognitivismus ist die individuelle Informationsverarbeitung der lernenden Person. Dazu gehören sowohl die Verarbeitungs- und Denkprozesse. Die kognitivistischen Lerntheorien nehmen an, dass das Lernen von Prozessen beeinflusst wird, die zwischen dem Reiz und der Reaktion stattfinden. Im Gegensatz zum Behaviorismus sind die mentalen Prozesse und innerpsychischen Vorgänge also von zentraler Bedeutung. Dem Lernenden kommt außerdem eine aktivere Rolle zu. Der Prozess der Imitation hängt stark mit den Spiegelneuronen zusammen.

Die Sozial-kognitive Lerntheorie (Modelllernen)

Die auch Lernen am Modell genannte Lerntheorie von Albert Bandura beschreibt Lernvorgänge, die auf der Verhaltensbeobachtung von Vorbildern (Modellen) beruhen. Bandura spezifiziert in seiner Theorie des Modell-Lernens zwei verschiedene Phasen und vier Prozesse:

1. Aneignungsphase (Kompetenz, Akquisition): 

  • Aufmerksamkeitsprozesse: Die lernende Person richtet ihre Aufmerksamkeit auf die für sie wichtigen Bestandteile des Verhaltens des Modells. Die Aufmerksamkeitsprozesse sind einerseits abhängig von Eigenschaften des Modells (ist es sympathisch? ist die Handlung deutlich? ist die Handlung erfolgreich?) und zudem von Eigenschaften des Beobachters (seinen Fertigkeiten, seinen Erwartungen und seinem Erregungsniveau)
  • Gedächtnisprozesse, Behalten: Die Information wird dabei vom Beobachter sowohl sensorisch als auch symbolisch kodiert. Um diese Information zu behalten wird sie entweder kognitiv oder aktional wiederholt. Die symbolische als auch die motorische Nachahmung des Gelernten ist förderlich für das Erinnern.

2. Ausführungsphase (Performanz)

  • motorische Reproduktionsprozesse: Die lernende Person erinnert sich an das beobachtete Verhalten und ahmt dabei ihr vorteilhaft erscheinende Verhaltensweisen nach. Wie gut die Nachahmung gelingt hängt von ihren Fähigkeiten ab. Die Einübung des Modellverhaltens erfolgt dabei auch durch Selbstbeobachtung und es erfolgen Korrekturen, die auch von Feedback aus der Umgebung abhängen.
  • Verstärkungs- und Motivationsprozesse: Ob ein Verhalten überhaupt beachtet und imitiert wird, hängt von der Motivation ab. Diese spielt sowohl in der Aneignungs- als auch Ausführungsphase eine Rolle. Nur wenn eine Person davon ausgeht, dass ihr ein Verhalten einen Vorteil bringt, wird sie das entsprechende Verhalten nachahmen. Die Motivation hängt also eng mit der Verstärkung des Verhaltens zusammen. Es lassen sich nach Bandura vier verschiedene Arten der Verstärkung unterscheiden:
    • Externe Verstärkung: Das Verhalten wird belohnt oder dadurch wird einer Bestrafung entgangen.
    • Stellvertretende Verstärkung: Das Modell wurde für sein Verhalten belohnt (Hatte Erfolg). Die beobachtende Person nimmt dies wahr.
    • Direkte Selbstverstärkung: Die beobachtende Person belohnt sich selbst.
    • Stellvertretende Selbstverstärkung: Das Modell belohnt sich selbst für sein Verhalten. Die beobachtende Person nimmt dies wahr.

Im Folgenden Video ist das bekannte Rocky-Experiment von Bandura mit einer Puppe, exemplarisch für das Erlernen von aggressivem Verhalten am Modell, zu sehen.

Lerntheorie: die kognitive Entwicklung nach Piaget

Die Grundlage Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung ist die Annahme zweier angeborener Tendenzen. Piaget geht davon aus, dass der Mensch sich an seine Umgebung anpasst (Adaptation). Um diese Anpassung zu erreichen kann entweder die Umwelt an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden (Assimilation) oder das eigene Verhalten an die Umwelt (Akkomodation). Die zweite Tendenz ist die zur Organisation, also die Einordnung des eigenen Verhaltens in kohärente Systeme. Der Mensch kann also zwei Verhaltensweisen integrieren. Ein Baby kann zunächst ein Objekt angucken oder nach ihm greifen, später kann es diese beiden Prozesse in einen integrieren und beides gleichzeitig ausführen. Menschen streben laut Piaget durch Adaptation und Assimilation ein Gleichgewicht an. Durch die grundlegenden Tendenzen schreitet nach Piagets Theorie die kindliche Entwicklung in Stufen voran. Die Theorie von Piaget kann hier im Detail nachgelesen werden.

Weitere Lerntheorien:

Neben den Lerntheorien des Behaviorismus und des Kognitivismus gibt es weitere lerntheoretische Ansätze, die sich vor allem im pädagogischen Rahmen wiederfinden. Von diesen sind vor allem die beiden folgenden Lerntheorien hervorzuheben:

Instruktionistische Lerntheorie:

Beim Instruktionalismus wird die lernende Person dazu aufgefordert etwas zu tun. Der Person wird Wissen vermittelt, was passiv aufgenommen wird. Das Wissen wird entsprechend durch Üben vertieft. Dabei wird häufig auf Methoden wie “Vormachen, Erklären, Nachmachen, Üben” zurückgegriffen. Die instruktionistische Lerntheorie folgt den Modellen des Behaviorismus. Auf einen bestimmten Reiz folgt eine bestimmte Reaktion. Die Vorteile an dieser Art des Lernens ist die Einfachheit des Prozesses. Es muss kaum Eigenverantwortung getragen werden, der Lernprozess ist vorgegeben und gut kontrollierbar, wovon gerade im akademischen Bereich sehr profitiert wird. Nachteilig an diesem Lernmodell ist, dass individuelle Erfahrungen, Stärken und Vorwissen kaum berücksichtigt werden. Das erlernte Wissen ist also sehr wenig individuell, wodurch es schlechter erinnert werden kann.

Konstruktivistische Lerntheorie:

Beim Konstruktivismus wird das menschliche Lernen als etwas gesehen, das bestimmten Konstruktionsprozessen unterworfen ist. Dabei beeinflussen soziale, neuronale, kognitive und Wahrnehmungs- Prozesse die Konstruktionsprozesse. Die lernende Person erschafft sich von der Welt eine individuelle Repräsentation. Der Lernprozess hängt also, im Gegensatz zum Lernmodell des Instruktionalismus, stark von der lernenden Person und ihren bisherigen Erfahrungen ab. Im Sinne des Konstruktivismus ist Lernen dann am effektivsten, wenn die Lernenden den Lernprozess selbst steuern können.

Konstruktivistische Lerntheorien: Die Lehrkraft berät den Lernprozess

Lerntheorien in der Pädagogik: Anwendung im Unterricht

Das Schulsystem wurde lange Zeit von instruktionistischen Verfahren dominiert. Doch seit Ende des 20. Jahrhunderts finden in Deutschland pädagogische Umstrukturierungen statt, bei welchen konstruktivistische Verfahren in allen Schulfächern und in jedem Schultyp implementiert werden. Der Konstruktivismus plädiert vor allem für Unterrichtsformen in denen die Lehrkraft nicht als bloße Wissensvermittlung dient, sondern vielmehr den Lernprozess berät. Dabei verändert sich die Aufgabe der Lehrkraft dahingehend, dass sich diese, im Vergleich zum Frontalunterricht, eher im Hintergrund hält. Die Lehrkraft soll Lehrangebote und Wissensquellen schaffen, beziehungsweise bereitstellen und den Lernprozess beobachten und unterstützen. Die Schüler lernen durch diese offenen Unterrichtssituationen das selbst konstruierte Wissen zu festigen und vor allem auch zu abstrahieren.

Lernen durch Lehren

Eine sehr bekannte konstruktivistisch Methode, die sich in Deutschland an großer Beliebtheit erfreut und daher redlich Anwendung findet, ist das Lernen durch Lehren. Bei dieser handlungsorientierten Unterrichtsmethode lernen die Schüler indem sie sich den Stoff gegenseitig vermitteln. Hierbei wird der Unterricht so strukturiert, dass sich das Wissen kollektiv konstruiert. Neben dem reinen Wissenserwerb werden durch diese Lernform auch die Empathie und das Miteinander gestärkt.

Umgang mit individuellen Stärken und Schwächen oder Lernschwierigkeiten im Unterricht

Obwohl konstruktivistische Lernverfahren das Lernen im Allgemeinen erleichtern, gibt es verschiedene Lernbehinderungen, durch welche die akademische Leistung einzelner Schüler beeinträchtigt werden kann. Dabei können beispielsweise gerade bei Kindern mit Legasthenie oder Dyskalkulie große Schwierigkeiten auftreten, wenn diese nicht individuell gefördert werden. CogniFit bietet spezielle kognitive Bewertungs- und Stimulationsprogramme an, von denen diese Kinder profitieren können. CogniFit bietet außerdem die Möglichkeit für Schulen und Lehrkräfte die kognitiven Fähigkeiten ihrer Schulklassen zu bewerten und speziell zu trainieren. Als Lehrkraft die Stärken und Schwächen der eigenen Schüler einschätzen zu können, kann helfen auf Grundlage des Konstruktivismus individuelle Lernerfahrungen für die Schüler zu schaffen.

Facebook = Face-Boost? Wie stark wirkt sich unser virtuelles auf unser echtes Sozialleben aus?

Facebook = Face-Boost? Welchen Einfluss haben die Interaktionen mit unseren Freunden bei Facebook auf unser echtes Sozialleben?

Die meisten von uns können spontan mindestens drei gute Gründe für die Nutzung von Facebook nennen:

Mit alten SchulfreundInnen und Urlaubsbekanntschaften in Kontakt bleiben, aktuelle Themen und witzige Videos mit den FreundInnen teilen usw. Und auch der Begriff „Jäger und Sammler“ hat dank Facebook eine neue Bedeutung bekommen. 1.000 FreundInnen und mehr ist heute keine Seltenheit. Doch wie stark wirkt sich unser virtuelles Sozialleben auf unser echtes aus? Und welche Rolle spielen dabei die Quantität und Qualität der FreundInnen? Diesen Fragen sind Wissenschaftler aus Innsbruck nachgegangen.

Sozialleben? Facebook gehört bei vielen längst zum Alltag

Das Aufrechterhalten von Freundschaften und der regelmäßige Austausch mit FreundInnen sind zwei schlagkräftige Gründe für das beliebte soziale Netzwerk. Dies gilt vor allem bei den jungen Facebook-NutzerInnen. Und von ihnen gibt es reichlich: 55% der Internet-UserInnen sind es- um genau zu sein. Facebook gehört bei vielen längst zum Alltag. Aber neben den positiven Interaktionseffekten mit den Facebook-FreundInnen werden auch verstärkt Erfahrungen der Isolation und Zurückweisung gemacht. Erfahrungen, wie das „unfrienden“ rufen negative Emotionen hervor, die sogar an den grundlegenden Bedürfnissen wie Zugehörigkeit, Anerkennung, Kontrolle und einem positiven Selbstbild rütteln können.

„Wir haben online so viele Freunde, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen“

So formulierte es die Welt Kompakt einmal sehr treffend. Ihr Ziel dabei war es, den Fokus weg von den quantitativ hohen und frei zugänglichen Medien im Internet und hin auf die Qualität gedruckter Printmedien zu lenken. Auch in der psychologischen Forschung wurde darauf hingewiesen, dass es nicht allein die Anzahl der FreundInnen in den sozialen Netzwerken ist, die das Selbstbild boostet. Eine Forschungsgruppe der Universität Innsbruck hat diese Erkenntnis nun aufgegriffen. Außerdem hat sie sie um die Annahme erweitert, dass vor allem die Qualität, also die Aufgeschlossenheit im Antwortverhalten der FreundInnen, positiv zur Bedürfnisbefriedigung beiträgt.

ForscherInnen untersuchen die Auswirkungen der Facebook-Nutzung auf das Gefühl von Zugehörigkeit und das Selbstwertgefühl

Hierfür wurden zwei Versuche durchgeführt. Die erste Studie untersuchte dabei, ob es einen Unterschied in der Bedürfnisbefriedigung zwischen der Quantität und der Qualität gibt. Die Quantität meint dabei die Anzahl der FreundInnen. Unter Qualität sind die FreundInnen gemeint, die auf Posts, Geburtstage, etc. antworten. Studierende wurden gebeten, die Anzahl der GratulantInnen ihres letzten Geburtstages zu zählen. Anschließend beantworteten sie unter anderem Fragen zu ihren aktuellen Emotionen, ihrem Selbstwertgefühl und dem Gefühl von Einsamkeit. Die Ergebnisse bestätigten die Annahme, dass das Antwortverhalten der FreundInnen eine eindeutige Auswirkung auf die Gefühle und Bedürfnislage der Studierenden hat. Die reine Anzahl an Facebook-FreundInnen wirkte sich hingegen nicht automatisch positiv auf die eigenen Emotionen aus.

In der zweiten Studie wurde zusätzlich die Art und Weise der Antwort untersucht. Dafür wurden die Studierenden gebeten, die Kommentare ihrer FreundInnen zu ihren eigenen letzten drei Posts in negativ und positiv zu unterteilen. Ob die Antwort eher negativ oder positiv war, wirkte sich zwar auch auf den User und seine Emotionen aus, allerdings nicht in großem Maße- getreu dem Motto: „Hauptsache ich bekomme irgendeine Antwort.“

Zusammengefasst – Was kann ich tun?

Die Auswirkung virtueller Interaktionen auf das Sozialleben eines Einzelnen sind also nicht zu unterschätzen. Deswegen sollten wir uns der Konsequenzen unserer Handlungen im Internet genauso bewusst sein, als würde wir unseren FreundInnen auf der Straße treffen. Aber eins hat die Studie noch gezeigt: Effekte realer Begegnungen sind deutlich stärker als die, der virtuellen Zusammentreffen. Sie können daher auch negative Gefühle verbessern. Vielleicht sollten wir daher beim nächsten Geburtstag eines Freundes/ einer Freundin unsere Anerkennung lieber gleich durch einen Blumenstrauß zum Ausdruck bringen. …denn Blumen sagen bekanntlich mehr als 1.000 Facebook-Kommentare.

 

Referenz:

Greitemeyer, T., Mügge, D. O., & Bollermann, I. (2014). Having responsive Facebook friends affects the satisfaction of psychological needs more than having many Facebook friends. Basic and Applied Social Psychology36(3), 252-258.

Bewusstseinsstörungen als Folge von Hirnschäden

Ist Dir eigentlich bewusst, was Du gerade tust? Wenn Du diese Frage mit „Ja, ich lese gerade einen Artikel über Bewusstseinsstörungen.“ beantwortet hast, dann stehen die Chancen, dass Du gerade bei Bewusstsein bist, sehr gut. Aber ist jemand, der diese Frage nicht beantworten kann, automatisch bewusstlos? Und wenn nicht, in welchem Zustand befindet er sich dann? Die Begriffe Koma, Wachkoma, minimaler Bewusstseinszustand und Locked-In Syndrom sind den meisten geläufig. Aber wo genau liegen die Unterschiede und woher weiß man, dass ein Mensch tatsächlich im Koma liegt und seine Umgebung nicht wahrnehmen kann? Dieser Artikel beschäftigt sich mit Bewusstseinsstörungen als Folge von Hirnschäden und beschreibt die verschiedenen Zustandsformen des Bewusstseins und wie man diese erkennt.

Personen mit Bewusstseinsstörungen leiden häufig unter Einschränkung bzw. dem Verlust ihrer kognitiven, affektiven, psychomotorischen und wahrnehmungsbezogenen Fähigkeiten

Bewusstseinsstörungen: Was ist Bewusstsein?

Bewusstsein ist die subjektive Wahrnehmung des Selbst und der Umwelt. Einige Beispiele sind, eigene Gedanken oder auch sein eigenes Magenknurren zu erkennen sowie in einem lauten Café die Aufmerksamkeit auf das Gesagte des Gegenübers richten zu können. Im Englischen lassen sich die Begriffe awareness, attention und consciousness unterscheiden. Awareness bezieht sich dabei auf all die Gefühle, Wahrnehmungen, Gedanken und Motive, die ins Bewusstsein treten können, sofern die Aufmerksamkeit (attention) auf sie gerichtet wird. Attention ist demnach der Prozess der bewussten Fokussierung. Und consciousness (Bewusstsein) bezeichnet schließlich, dass etwas, zum Beispiel ein Geräusch, nicht nur wahrgenommen wird, sondern dass es auch in das Zentrum der Aufmerksamkeit gelangt. Bewusstsein setzt demnach awareness voraus. Ein weiteres Zeichen von Bewusstsein ist die Erregung. Damit ist die Aktivierung des zentralen Nervensystems gemeint. Hierzu gehört neben der Aufmerksamkeit auch die Wachheit und Reaktionsbereitschaft.

Bewusstseinsstörungen: Wie kommt es zu Hirnschäden?

Neurologisch betrachtet, lässt sich das Bewusstsein nicht im Sinne eines bestimmten Abschnittes im Gehirn lokalisieren, vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel verschiedener Areale. Hirnschäden, auch Hirnläsionen genannt, können demnach ganz unterschiedliche Folgen für das Bewusstsein haben, je nachdem welche Bereiche betroffen sind. Mögliche Ursache für solche Läsionen sind unter anderem Schlaganfälle, Verletzungen mit Schädel-Hirn-Trauma als Folge oder neurologische Erkrankungen. Schwere Fälle führen häufig zu einem komatösen Zustand zwischen zwei und vier Wochen. Das bedeutet, dass der Koma-Patient keine Erregung und keine awareness zeigt. Ein Zeichen für Erregung wäre zum Beispiel das Gesicht aufgrund eines Schmerzreizes zu verziehen.

Welche Arten von Bewusstseinszuständen gibt es und wie unterscheiden sie sich?

Je nach Art und Schwere der Läsion kann der Patient aus dem Koma erwachen oder in verschiedene Bewusstseinszustände verfallen. Hierbei werden das Locked-In Syndrom, der minimale Bewusstseinszustand, der vegetative Zustand (Wachkoma), das chronische Koma und der Hirntod unterschieden. Genau genommen, handelt es sich bei dem chronischen Koma und dem Hirntod nicht mehr um Bewusstseinszustände, da hier keinerlei oder nur noch minimale Gehirnaktivität vorliegt. Das bedeutet, dass sowohl die awareness als auch die Erregung nicht vorhanden beziehungsweise nicht messbar sind.

Ein Patient im vegetativen Zustand kann hingegen auf einfache Umweltreize reagieren, zeigt aber keine awareness und damit kein Bewusstsein. Beim minimalen Bewusstseinszustand liegt neben der Reaktionsfähigkeit auf reflexartige Reize noch eine leichte awareness vor. Der Patient ist minimal bewusst und kann zum Beispiel minimale, gezielte Bewegungen ausführen.

Bei dem Locked-In Syndrom ist sowohl die Erregung als auch die awareness vorhanden. Der Patient ist bei Bewusstsein aber, abgesehen von der Augenbewegung, bewegungsunfähig. Zusammengefasst lassen sich die Bewusstseinsstörungen also am Grad der Erregbarkeit und der awareness messen.

Bewusstseinsstörungen: Wie kann der Bewusstseinszustand eines Patienten überprüft werden?

Wenn ein Patient also nicht in der Lage ist, sich überhaupt oder verständlich, verbal über seinen Zustand zu berichten, bietet die Neurologie eine Reihe von Möglichkeiten, um den Bewusstseinszustand zu messen und eine Diagnose zu stellen.

Meistens werden bildgebende Verfahren, wie das EEG und das fMRT, eingesetzt, um die Aktivität der einzelnen Hirnregionen zu messen. Ein weiteres wichtiges, standardisiertes Vorgehen zur Einordnung des Bewusstseinszustandes ist die revidierte Coma Recovery Scale (CRS-R). Diese Skala unterscheidet unter anderem auditive, visuelle und motorische Funktionen. Dem Patienten wird zum Beispiel ein lautes Geräusch direkt über dem Kopf, aber außerhalb des Sehfeldes präsentiert. Bei einem anderen Test wird starker Druck auf die Nagelbetten der Extremitäten ausgeübt. Anhand der Skala wird dann die Stärke der Reaktion auf die Reize anhand eines Punktesystems zugeordnet. Zum Schluss werden die Punkte aller Funktions-Skalen zu einer Gesamtpunktzahl aufsummiert. Diese Punktzahl liefert somit Hinweise darauf, wo sich der Patient auf der Skala von tiefstem Koma bis hin zu wach und voll kontaktfähig befindet.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Patient erholt und das Bewusstsein wiedererlangt?

Die CRS-R ist nicht nur für die Einordnung des Bewusstseinszustandes und für die Planung der weiteren Behandlung nützlich, sie hat auch einen prognostischer Wert und kann Hinweise zum weiteren Verlauf der Störung liefern. Grundsätzlich gilt, dass eine effektive und schnelle Behandlung zur Verbesserung des Zustandes wesentlich beiträgt, da sie verhindert, dass weiteres Gehirngewebe beschädigt wird. Dies setzt eine akkurate Diagnostik voraus. Aktuell werden allerdings noch 30 bis 40% Fehldiagnosen gestellt, die die Wahl der richtigen Therapie erschweren. Weiterhin sind die ersten Wochen nach der Hirnschädigung, hinsichtlich der Verbesserung des Zustandes, entscheidend. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass noch nach mehr als einem Jahr das Bewusstsein zurückerlangt werden kann.

Prinzipiell haben Patienten mit minimalen Bewusstseinszustand die besten Chancen sich teilweise oder ganz zu erholen. Die Chancen, dass sich der Zustand des Patienten verbessert, stehen bei traumatischen Ursachen bei knapp 50%. Der Hirntod ist hingegen irreversibel und auch beim Locked-In Syndrom ist nicht davon auszugehen, dass die Lähmungen zurückgehen. Die meisten Patienten überleben das erste Jahr nach der Hirnschädigung nicht, es gibt aber immer wieder „Wunderpatienten“, sogenannte Spontanerholungen, die die Wissenschaft dazu antreiben, weiter und intensiver zu der Diagnostik und den Behandlungsmöglichkeiten von Bewusstseinsstörungen zu forschen.

Bewusstseinsstörungen: Zusammenfassung

Zusammenfassend lassen sich das Koma, der vegetative Zustand, der minimale Bewusstseinszustand und Locked-In Syndrom als mögliche Folgen von Hirnschäden unterteilen. Die Lokalisierung der Läsion gibt nur bedingt Aufschluss über die zu erwartenden Folgen und den Bewusstseinszustand des Patienten. Bildgebende Messverfahren zeigen unter anderen die Aktivierung der Hirnareale, die Hinweise zum Bewusstseinszustand liefern können. Weiterhin werden standardisierte Verfahren, wie die CRS-R, zur Testung der Reflexe und des Bewusstseins der Patienten eingesetzt. Für eine Verbesserung des Zustandes sind vor allem schnell und effektiv eingesetzte Behandlungen entscheidend. Auch wenn die Forschung bereits viele Methoden zur Feststellung des Bewusstseinszustandes hervorgebracht hat, sind in diesem Bereich noch viele Untersuchungen und Erkenntnisse nötig, um Fehldiagnosen zu reduzieren und bessere Heilungschancen zu erreichen.

Evaluative Konditionierung: Das Wie und Warum der Meinungsbildung ohne Wissensbasis

Es heißt, man soll ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen. Doch weshalb tun wir das und vor allem wie? Ein Prozess namens evaluativer Konditionierung gibt eine Erklärung weshalb das Buch mit dem hübschen Umschlag besser geschrieben ist.

Evaluative Konditionierung

Täglich sind wir einer Vielzahl von Eindrücken, darunter oftmals neue, ausgesetzt. Dies ist nicht weiter verwunderlich, schließlich leben wir in einer komplexen und dynamischen Welt mit den unterschiedlichsten Sachen, Zuständen und Situationen. Und dann ist morgen alles wieder ein Stückchen anders. Gerade gestern hat drei Blöcke weiter ein neuer Laden aufgemacht, Katie ist nun übrigens mit einem neuen Freund zusammen und das neuste Album unseres Lieblingsmusikers wurde endlich nach langem warten veröffentlicht. Doch diesmal ertappen wir uns dabei, wie wir mit selbstsicher Überzeugung und ohne jegliche faktische Grundlage behaupten: „Ich sag‘s dir, dieser neue Laden wird nicht länger als sein Vorgänger durchhalten bevor er pleite geht. Dafür ist Katies neuer Freund bestimmt ein sehr hübscher Bursche und das neue Album? Oh, das wird bestimmt unglaublich gut!“ Doch stimmt das? Werden sich unsere Prophezeiungen als wahr erweisen? Und auf welcher Basis äußern wir diese Behauptungen so selbstsicher? Für die psychologische und industrielle Wissenschaft sind diese Fragen von Interesse, denn die Bewertung unserer Umwelt beeinflusst unser Verhalten ihr gegenüber. Wer also den zugrunde liegenden Mechanismus der Bildung von Bewertungen versteht und es schafft ihn aktiv zu lenken, könnte entweder einen Patienten dazu bringen pathologisches Verhalten aufzugeben, oder einen Kunden dazu lenken ein bestimmtes Produkt zu kaufen.

Klassische Konditionierung: Lernen anhand von Erfahrungen

Klassische Konditionierung

Ein relevanter Mechanismus der Bildung von Bewertungen wurde evaluative Konditionierung getauft. Sie wurde in Anlehnung an die zuvor schon etablierte klassische Konditionierung nach Pavlov benannt. Die letztere beschreibt einen Lernprozess der Erwartungen auf der Basis wiederkehrender Muster generiert. Wenn auf ein bestimmtes Geschehen immer das selbe Ereignis folgt, reicht nach einiger Zeit schon das Erste als Indiz, dass das Zweite gleich folgt.

Wann immer wir zum Beispiel das Lichtsignal des linken Blinkers eines Autos wahrnehmen, wissen wir automatisch, dass dieses Auto gleich nach Links abbiegen wird. Wir sind erfahren genug um zu sagen: Wenn ein fahrendes Auto an einer Kreuzung blinkt, dann wird es in die Richtung abbiegen. Das ist die natürlich Abfolge: blinken, dann abbiegen.

Klassische Konditionierung

Die ersten empirischen Belege für diesen Mechanismus wurden wie folgend an Hunden erhoben: Vor jeder ihnen servierten Mahlzeit ertönte das selbe Klingeln einer Glocke. Die Hunde begrüßten die Nahrung natürlich freudig, schließlich ließ der bloße Anblick des Essens Ihnen den Speichel im Munde zusammenlaufen. Doch nach einiger Zeit wurde etwas Interessantes beobachtet. Schon der einfache Klang der Glocke brachte deren Speichel zum fließen. Sie hatten mit der Zeit gelernt, dass ihnen kurze Zeit nach dem ertönen der Glocke die nächste Mahlzeit serviert werden würde. Der Klang der Glocke wurde hinterher als konditionierter Stimulus (conditioned stimulus, CS) und das Essen als unkonditionierter Stimulus (unconditioned stimulus, US) kategorisiert. Die Funktionsweise der klassischen Konditionierung wurde so beschrieben: Sobald eine belanglose Sache, ein neutraler Stimulus, zuverlässig oft vor einem bedeutsamen Ereignis, einem unkonditionierten Stimulus, auftritt, wird die Bedeutung des folgenden unkonditionierten Stimulus auf den vorherigen neutralen Stimulus übertragen. Durch diesen Transfer löst der neutrale Stimulus nun auch die selbe Reaktion im Organismus aus, den der unkonditionierte Stimulus auslösen würde. Sobald diese Assoziation geknüpft ist wird der neutrale Stimulus als konditionierter Stimulus bezeichnet. Wenn wir dies nun auf unser Beispiel mit dem Auto übertragen, dann sieht das so aus: Das wenden des Autos ist der unkonditionierte Stimulus. Das wiederholte aufleuchten des Lichts eines Autoblinkers ist ein neutraler Stimulus. Da es aber vor jedem Wenden eines Autos erscheint, und somit zu einem Vorboten des Wendens wird, wird es zu einem konditionierten Stimulus. Würde dieses Lichtsignal jedoch nie vor dem Wenden eines Autos erscheinen, wäre das Leuchten vollkommen Bedeutungslos für uns.

Hinterher wurden mehrere Studien durchgeführt um die Eigenschaften der klassischen Konditionierung zu ergründen. Es stellte sich heraus, dass die Stimuli nicht jedes einzelne Mal in der gemeinsamen Kombination auftreten müssen damit konditioniert wird, jedoch oft genug. Wie häufig das sein muss hängt von der Natur der Stimulation ab. Manche Signale sind stärkere Indikatoren als andere. Auch wurde gezeigt, dass die Assoziation wieder getrennt werden kann, wenn die Stimuli zu selten gemeinsam erscheinen. Ab diesem Moment ist der konditionierte Stimulus wieder ein neutraler Stimulus.

Evaluative Konditionierung: Bewertung anhand von Erfahrungen

Evaluative Konditionierung

Obwohl die evaluative Konditionierung auf der Klassischen basiert, reicht ihre Geschichte weiter zurück. Sie geht aus der Erforschung von Einstellungen hervor und ist zu einem eigenständigen Forschungsthema geworden, als feststand, dass sie einen Einfluss auf die Bildung und Änderung von Einstellungen haben könnte. Die evaluative Konditionierung zeigt einige Parallelen zur klassische Konditionierung. Beide Mechanismen haben einen konditionierten und unkonditionierten Stimulus, jedoch treten bei der evaluativen Konditionierung beide Stimuli gleichzeitig auf, anstatt in zeitlicher Abfolge. Auch wird kein unmittelbares Ereignis vorhergesagt um die entsprechende Reaktion darauf vorzubereiten. Hier wird ein langfristiger Einfluss prophezeit und die entsprechende Haltung demgegenüber ausgewählt.

Wertungen beeinflussen das Verhalten

Die Bewertung einer Sache anhand einer zweidimensionalen Skala (z.B.: gut und schlecht, angenehm und unangenehm), die sogenannte Valenz die etwas für uns hat, beeinflusst unser Verhalten dem gegenüber. Wir nähern uns dem was uns gefällt und distanzieren uns von dem was uns missfällt. Da auch Verteidigungs- und Selbsterhaltungsmechanismen einen Einfluss auf das Verhalten des Individuums haben, müssen direkt schädliche oder sogar lebensbedrohliche Situationen in der gesamten Betrachtung außen vorgelassen werden, da sonst keine fehlerfreie Analyse der evaluativen Konditionierung möglich wäre. Wir fassen zusammen: Man nähert sich oder distanziert sich von Sachen die einen längerfristigen positiven oder negativen Einfluss auf einen haben könnten. Um dies zu verdeutlichen nehmen wir nun also an, wir hätten kürzlich einen Thomas kennen gelernt, mit dem wir uns leider nicht so gut verstehen. Er vertritt Ansichten die unseren widersprechen. Fairerweise sollte ich erwähnen, dass er keine Ansichten vertritt die gegen irgendein Grundrecht verstößt, trotz dessen denken wir, dass er einen „schlechten“ Einfluss auf uns haben könnte. Logischerweise versuchen wir also von ihm fern zu bleiben. (Ich bitte jeden Thomas um Verzeihung, dies ist nur ein Beispiel, nehmt es also nicht persönlich.)

Grundlose Annahmen?

Erscheint nun solch eine bereits bewertete Sache oder Situation gemeinsam mit einem neuen und unbekannten Faktor, so wird im Laufe der evaluativen Konditionierung die Wertung des Bekannten herangezogen um eine Vorhersage über den langfristigen Einfluss des Neuen zu generieren. Mit anderen Worten, anhand der Kategorisierung eines bekannten Sachverhalts wird ein damit zusammenhängender, aber neuer Reiz in die selbe subjektive zweidimensionale Skala eingeordnet (Also gut und schlecht, angenehm und unangenehm).

Um eine gewisse Vergleichbarkeit zu schaffen wurden die jeweiligen Aspekte der evaluativen Konditionierung ähnlich denen der klassischen Konditionierung benannt. So gibt es sowohl einen unkonditionierten Stimulus mit positiver oder negativer Valenz als auch einen konditionierten Stimulus mit einer neutralen Valenz, oder zumindest einer schwächeren positiven oder negativen Valenz als sein unkonditionierter Mitwirker. Sobald beide Stimuli zusammen erscheinen, und somit den Eindruck vermitteln miteinander verbunden zu sein, wird die Wertung des unkonditionierten Stimulus auf den Konditionierten übertragen.

Erneut muss ich mich bei Dir entschuldigen, Thomas, denn wir kommen auf unser vorheriges Beispiel zurück. Leider wird dieses Mal eine weitere unschuldige Seele hineingezogen, denn, wie wir unschwer erkennen, unterhält sich Thomas eifrig mit einem Freund. Wir werden wahrscheinlich nicht erpicht darauf sein, den zweiten im Bunde kennen zu lernen. Vermutlich vertritt er ähnliche Ansichten wie Thomas und würde demnach bestimmt auch ein „schlechter“ Einfluss auf uns sein. Folglich ist er uns genauso unlieb wie Thomas und auch von ihm halten wir uns fern. Dem zu Grunde liegt eine kognitive Assoziation zwischen den zweien, die den Fremden ähnlich kategorisiert wie den uns bekannten Thomas. Dadurch wird das selbe Verhaltensschema in uns ausgelöst. Trotz alledem gilt: Wir haben keine faktische Basis, dass dieser Unbekannte genauso „schlecht“ wäre, wie sein Kamerad. Nicht nur das, wir können nicht einmal nachweisen, dass Thomas für uns schädlich wäre.

Eigenschaften der evaluativen Konditionierung

Weiteren Analysen zu folge wird die Wertung extremerer Valenz auf die neutralere übertragen. Ein leicht negativer Stimulus wird hinterher positiver gewertet, wenn er mit einem starken positiven Stimulus gekoppelt wird. Sollte uns unsere beste Freundin Rebecca auf einmal einen neuen Bekannten vorstellt, überraschender Weise derselbe Fremde der sich vorhin kameradschaftlich mit Thomas unterhalten hat, werden wir wahrscheinlich unsere Meinung ändern und ihm eine Chance geben. Rebecca ist wirklich wunderbar! Unmöglich, dass er dann eine Enttäuschung ist. Klar, mit Thomas schien er sich zwar auch zu verstehen, aber da er auch mit Rebecca verkehrt muss er respektabel sein.

Vor allem in Anbetracht unseres Beispiels mit dem armen Thomas sollte man aber bedenken, dass die Frage ob die Änderung der Valenz bewusst oder unbewusst stattfindet zurzeit noch immer heiß diskutiert wird. Auch steht die Frage offen, ob man dem Prozess bewusst entgegenwirken kann. Es wurden auch keine stichhaltigen Beweise geliefert, wie positiv oder negativ konditionierte Stimuli nach wiederholter Präsentation mit neutralen Stimuli bewertet werden, also nach der sogenannten Extinktionsphase. Leider zeigten einige Studien, dass konditionierte Stimuli nach wiederholter Kopplung mit neutralen Stimuli wieder als neutral empfunden wurden, während andere Studien eine Stabilität der Wertung gegenüber der Extinktionsphase fanden. Zumindest scheint aber ein zeitlicher Aspekt eine Rolle zu spielen. Es wurde gezeigt, dass die Konditionierung am besten funktioniert, wenn beide Stimuli gleichzeitig präsentiert werden. Trotzdem kann noch konditioniert werden, wenn der konditionierte Stimulus kurz vor oder nach dem unkonditionierten Stimulus gezeigt wird.

Ausblick

Evaluative Konditionierung

Das Bewerten und Ändern von Wertungen ist ein ernst zu nehmendes Thema und muss, wie viele Andere, verantwortungsvoll gehandhabt werden. Wahrscheinlich forschen private Firmen schon in diesem Bereich, da das effiziente assoziieren eines Produktes mit etwas Angenehmen die Verkaufszahlen enorm steigern könnte. Hierbei ergeben sich jedoch zwei Hauptprobleme:

  1. Zum einen sind die hierbei erlangten Erkenntnisse sowohl für die Öffentlichkeit als auch für andere Wissenschaftler nicht einsehbar.
  2. Zum anderen können die Resultate der Forschung ungehindert angewendet werden um die Masse zu beeinflussen.

Da ein unvollständiges Bild der Eigenschaften der Konditionierung im nicht-industriellen Forschungssektor vorliegen, würde jeglicher Einsatz und dessen Folgen auch dem Auge eines Spezialisten entgehen. Nehmen wir an es stelle sich heraus, die evaluative Konditionierung finde nur unbewusst statt. In diesem Fall würden Werbungen in einem kleinen Nebenfenster parallel zur Fernsehserie laufen, anstatt zwischen den Programmen, oder Produkte würden vermehrt im Hintergrund eines Filmes auftauchen. Die Auswirkungen dieser kleinen Änderungen würden in den Augen eines unwissenden Betrachters nicht auffallen, während sie den Verkauf stark beeinflussen könnten. In Anbetracht dessen sollten Forschungsgelder in Themen wie diese fließen, um einen Missbrauch für persönliche Zwecke (in dem Fall sogar ein mögliches Propaganda-Werkzeug) zu verhindern.

Gleichzeitig könnte man sich dadurch deren enormes Potenzial zu nutze machen. Bedenken wir den therapeutischen Zugewinn. Durch die entsprechenden Assoziationen könnte ungesundes Verhalten (zum Beispiel verschiedene Abhängigkeiten) geheilt oder die Produktivität und Motivation einer Person erhöht werden. Sollte jemand also an einer schrecklichen Phobie leiden die seine Lebensqualität deutlich einschränkt, zum Beispiel der arme Botaniker Stefan mit seiner plötzlichen Spinnenphobie nach einem unerwarteten Urlaubsereignis, so könnten simple Assoziationen mit stark positiven Themen eine schnelle Heilung seiner unvorteilhaften Situation bewirken. Einsatz könnten diese Erkenntnisse auch an unserer heutigen Jugend finden. Da Mediale Abhängigkeit ein zunehmendes Problem darstellt, könnte man die Einstellung gegenüber realen Erfahrungen graduell verbessern und dadurch erneute Lebensfreude in den jungen Herzen entfachen. Auch könnten die Ergebnisse eine Gegenmaßnahme zu Vorurteilen bergen, wodurch der gesamten Menschheit ein Vorteil zu Nutze kommen würde.

Nichtsdestotrotz haben wir bis dahin noch einen langen Weg vor uns. Die derzeitigen Ergebnisse sind teilweise mehrdeutig oder widersprechen sich. Die meisten Versuche wurden an Menschen durchgeführt wodurch risikoreiche Ergebnisse zustande kommen. Wenn Teilnehmer zum Beispiel ahnen was von Ihnen verlangt wird, und entsprechend handeln, entstehen artifizielle Resultate. Im Englischen nennt man diesen Risikofaktor „demand awareness“, was so viel heißt wie „Bewusstsein über das Verlangte“. Studien aus anderen Bereichen wiederum betonen, dass auch Tiere Angenehmes und Unangenehmes empfinden und über das Können verfügen, darüber zu berichten. Deshalb schlage ich vor, zusätzliche Versuche am Tiermodell durchzuführen. Dadurch würde man einige Risiken umgehen und die Studien sowohl mit parallel laufenden Experimenten evaluativer Konditionierung, als auch mit bereits erhobenen Versuchen der klassischen Konditionierung vergleichbarer machen. Trotz allem müssen wir die bisherigen Erkenntnisse Wert schätzen und die Wissenschaftler dieses Bereiches weiterhin anfeuern bei deren fleißiger Arbeit zu bleiben, Kreativität zu bewahren und nicht aufzugeben, wenn alles wieder mal anders läuft als erwartet. Der erste Schritt den Weg zur oben genannten Vision zu verkürzen und den Missbrauch wichtiger Erkenntnisse zu verhindern ist ein Bewusstsein über dieses Thema zu vermitteln. Dadurch könnten weiteren Wissenschaftlern Gelder bereitgestellt werden um tiefer in die Materie einzudringen.

 

Schaut Euch folgende Artikel an, falls Ihr mehr über das Thema erfahren wollt und ihr den tapferen Wissenschaftler/innen die hart für diese Ergebnisse gearbeitet haben Anerkennung schenken möchtet:

Referenzen

Bethell, E. J. (2015). A “how-to” guide for designing judgment bias studies to assess captive animal welfare. Journal of applied animal welfare science, 18 Suppl 1, S18-42. doi:10.1080/10888705.2015.1075833

Bohner, G., & Dickel, N. (2011). Attitudes and attitude change. Annual review of psychology, 62, 391–417. doi:10.1146/annurev.psych.121208.131609

Davey, G. C. (1994). Is evaluative conditioning a qualitatively distinct form of classical conditioning? Behavior research and therapy, 32(3), 291–299.

De Houwer, J., Thomas, S., & Baeyens, F. (2001). Association learning of likes and dislikes: A review of 25 years of research on human evaluative conditioning. Psychological bulletin, 127(6), 853–869. doi:10.1037//0033-2909.127.6.853

Field, A. P. (2000). Evaluative conditioning is pavlovian conditioning: Issues of definition, measurement, and the theoretical importance of contingency awareness. Consciousness and cognition, 9(1), 41–49. doi:10.1006/ccog.1999.0412

Gawronski, B., & Bodenhausen, G. V. (2006). Associative and propositional processes in evaluation: An integrative review of implicit and explicit attitude change. Psychological bulletin, 132(5), 692–731. doi:10.1037/0033-2909.132.5.692

Havermans, R. C., & Jansen, A. (2007). Evaluative conditioning: A review and a model. Netherlands journal of psychology, 63(2), 31–41. doi:10.1007/BF03061060

Rozin, P., Wrzesniewski, A., & Byrnes, D. (1998). The elusiveness of evaluative conditioning. Learning and motivation, 29(4), 397–415. doi:10.1006/lmot.1998.1012

Erlernte Hilflosigkeit – Lernen wir, depressiv zu sein?

Einigen psychischen Krankheiten, vor allem der Depression, liegt ein Gefühl des Kontrollverlusts und der Hilflosigkeit zugrunde. Tatsächlich ist dieses Gefühl nicht einfach nur eine Begleiterscheinung, sondern laut der Theorie des amerikanischen Psychologen Martin Seligman ist die erlernte Hilflosigkeit sogar eine Ursache für diese Krankheiten.

Erlernte Hilflosigkeit

Erlernte Hilflosigkeit bei Tieren – die Shuttlebox

Seligmans Theorie der erlernten Hilflosigkeit beruht auf einer Reihe von Tierexperimenten, deren Ergebnisse anschließend auf den Menschen übertragen wurden.

Versuchsaufbau

Die Tiere, zumeist Hunde, wurden dabei in eine sogenannte Shuttle Box gesetzt. Diese besteht aus zwei aneinandergrenzenden Boxen, welche über einen Durchgang miteinander verbunden sind. Der Boden dieser Boxen besteht aus Draht, welcher eingeschaltet werden kann und Elektroschocks verabreichen kann.
Für das Experiment gab es drei Gruppen von Tieren, die unter verschiedenen Bedingungen getestet wurden.

  • Gruppe 1:  Die Tiere wurden in der ersten Phase des Experiments Elektroschocks ausgesetzt, konnten jedoch mit der Pfote einen Hebel betätigen, der den Durchgang zur anderen Box öffnete und ihnen so die Möglichkeit zur Flucht vor den Elektroschocks gab. Die Tiere erlernten dieses Verhalten sehr schnell und wendeten es unmittelbar nach Eintreten der Schocks an.
  • Gruppe 2: Tiere in Gruppe zwei erhielten genauso viele Elektroschocks wie die Tiere der ersten Gruppe, sie konnten diesen Schocks jedoch nicht ausweichen. Ihr Verhalten hatte keinerlei Auswirkung auf die Schocks, sie konnten also lediglich ausharren und abwarten, bis die Schocks vorbei waren.
  • Gruppe 3: Bei Gruppe drei handelte es sich um die sogenannte Kontrollgruppe, welche während der ersten Versuchsphase zwar in einer Shuttle Box eingeschlossen war, aber keinerlei Schocks erhielt.

In Phase zwei, der eigentlichen Experimentalphase, wurden die Tiere aus allen drei Gruppen nun Elektroschocks ausgesetzt. Alle drei Gruppen hatten jetzt die Möglichkeit, durch das Drücken eines Hebels den Durchgang zwischen den zwei Boxen zu öffnen und den Schocks zu entfliehen.

Ergebnisse

Die Tiere der ersten Gruppe, welche ja bereits an die Situation und das Hebeldrücken gewöhnt waren, zeigten dieses Verhalten auch wie erwartet in der Experimentalphase. Sie erlernten teilweise sogar, den Hebel schon vor dem nächsten Schock zu drücken, und vermieden damit effektiv jeden Schock.
Tiere der Kontrollgruppe, also Gruppe 3, brauchten etwas länger, bis sie das Hebeldrücken erlernten, doch sobald sie verstanden, dass das Drücken des Hebels eine Flucht vor den Elektroschocks ermöglicht, zeigten auch sie dieses Verhalten unmittelbar nach Beginn eines jeden Schocks.
Interessant ist jedoch das Verhalten der zweiten Gruppe, welche in der ersten Phase die Erfahrung machte, dass ihr Verhalten keinerlei Auswirkungen auf die Elektroschocks hat. Die Tiere dieser Gruppe lernten das Hebeldrücken entweder enorm langsam, oder aber größtenteils gar nicht. Die meisten dieser Tiere blieben, obwohl sie jetzt die Möglichkeit hatten, den Schocks zu entfliehen, lethargisch am Boden der Box liegen und ließen die Elektroschocks über sich ergehen. Dies liegt daran, dass sie vorher gelernt hatten, dass sie mit ihrem Verhalten an den negativen Auswirkungen der Situation nichts ändern können – sie gingen also auch jetzt davon aus, dass sie nach wie vor hilflos waren und das Geschehen außerhalb ihrer Kontrolle liegt.

Bei den Ergebnissen des Experiments handelt es sich um ein eindrückliches Beispiel zur erlernten Hilflosigkeit.

Depression – erlernte Hilflosigkeit bei Menschen?

Die Ergebnisse der Shuttle Box Experimente lassen sich gut auf depressive Personen übertragen. Durch die Erfahrung, dass die Ergebnisse einer Situation außerhalb ihrer Kontrolle liegen und ihr Verhalten keinerlei Auswirkungen hat, haben die Hunde aus Gruppe 2 nach einer gewissen Zeit aufgegeben und sich der Situation hilflos ausgesetzt.

Martin Seligman sieht in dieser erlernten Hilflosigkeit eine mögliche Erklärung von Depression.

Er überträgt die Ergebnisse seiner Experimente auf uns Menschen und geht er davon aus, dass Menschen depressiv werden, wenn sie das Gefühl haben, keine Kontrolle mehr über die Ereignisse in ihrem Leben zu haben.

Geschieht also im Leben einer Person ein negatives Ereignis, welches sie nicht kontrollieren kann, so lernt die betroffene Person beim Auftreten einer Mehrzahl dieser Ereignisse, dass ihr Verhalten nichts an den Ereignissen ändern kann – sie fühlt sich also hilflos.
Diese erlernte Hilflosigkeit entsteht bei uns Menschen also, wenn wir gefühlt keine Möglichkeit haben, eine Situation zu verändern oder zu verhindern. Dadurch entwickeln wir die Erwartung, dass wir auch keine Kontrolle mehr über zukünftige Ereignisse haben.

Wichtig für die erlernte Hilflosigkeit ist jedoch, dass sich die betroffenen Personen für den Kontrollverlust und den Ausgang der Situationen selbst verantwortlich machen. Denn nicht alle Personen, denen im Leben negative Situationen begegnen, werden depressiv. Seligman und seine Kollegen gehen demnach davon aus, dass die Depression nicht nur von der erlernten Hilflosigkeit selbst kommt, sondern vor allem auch vom sogenannten Attributionsstil der betroffenen Person.
Die Attribution, das heißt die Zuschreibung von Verantwortlichkeit, von depressiven Personen ist vermehrt pessimistisch, sie machen also sich selbst und ihre scheinbar mangelnden Fähigkeiten für den Ausgang der Situation verantwortlich. Damit es zu einer Depression kommt, muss die Attribution laut der Theorie von Seligman drei Merkmale erfüllen:

  • Sie muss intern sein, d.h. die Person muss in sich selbst das Problem sehen, und nicht in möglichen äußeren Umständen
  • Sie muss global sein, d.h. das Problem ist allumfassend und nicht auf eine bestimmte Situation beschränkt
  • Sie muss stabil sein, d.h. das Problem ist überdauernd und nicht zeitlich begrenzt.

Wenn jemand seine Freunde zum Grillen zu sich nach Hause einlädt und dann feststellt, dass es an genau dem Nachmittag regnet, würde sich diese Person gemäß den oben genannten Attributionen also selbst für den Regen verantwortlich machen: „Ich bin ja auch immer dumm, warum habe ich genau diesen Tag ausgewählt? Ich mache immer alles falsch.“

Erlebt eine Person also negative Ereignisse, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen und für die sie sich selbst verantwortlich hält, kann sie in einen Zustand der erlernten Hilflosigkeit verfallen, in dem sie ihr eigenes Verhalten für nutzlos hält und sich so keinerlei Mühe mehr gibt, an zukünftigen Situationen etwas zu ändern. Die Person geht also davon aus, dass ihre Anstrengungen ohnehin vergebens sind, gibt sich den negativen Ereignissen kampflos hin und verfällt in depressive Stimmungen und Denkmuster.

Erlernte Hilflosigkeit – wie verlerne ich sie wieder?

Um die Depression zu vermeiden oder zu überwinden gibt es eine Vielzahl von Therapieansätzen, von Psychopharmaka bis hin zur Verhaltenstherapie.
Geht man allerdings davon aus, dass die erlernte Hilflosigkeit, wie Seligman sie vorschlägt, wirklich die Grundlage der Depression ist, so ist es vor allem wichtig, die Selbstwirksamkeitserwartung der Betroffenen zu erhöhen. Selbstwirksamkeit ist dabei ein Begriff, der die Erwartung einer Person beschreibt, dass sie kompetent genug ist, ein bestimmtes Verhalten auszuführen und damit den Ausgang einer Situation zu beeinflussen. Eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung geht also mit dem Gefühl von Kontrolle einher, welches depressiven Personen fehlt. Sie setzt sich der pessimistischen Attribution von erlernt hilflosen Personen entgegen und zielt darauf ab, dass die Person selbst handlungsfähig ist und die Kraft hat, sich mit ihrer Handlung gegen andere Umstände durchzusetzen.

Um die erwartete Selbstwirksamkeit der betroffenen Personen zu erhöhen, eignet sich besonders die kognitive Verhaltenstherapie, bei der vor allem Wert darauf gelegt wird, schädigende Verhaltensweisen und Denkmuster zu löschen und durch positive zu ersetzen.
Indem man der Person also dabei hilft zu erkennen, dass ihr Verhalten durchaus zum Ausgang einer Situation beitragen kann oder es nicht unbedingt ihr eigener Fehler ist, wenn sie die Situation nicht beeinflussen kann, kann man ihr helfen, die erlernte Hilflosigkeit nach und nach wieder zu verlernen und Ereignissen mit freudigeren Erwartungen entgegenzublicken.

Broca-Aphasie: Diagnose, Ursache und Therapie

Eine Aphasie ist eine erworbene neurologische Störung der Sprache, bei der Kommunikationsfähigkeiten verloren gehen. Diese kann sich sowohl durch eine Einschränkung im Sprachausdruck als auch im Sprachverständnis bemerkbar machen. Abhängig von den Symptomen die eine Person zeigt, erfolgt die spezifische Klassifikation der Form der Aphasie. In diesem Artikel wird die Broca-Aphasie näher beschrieben. Bei dieser Aphasie leiden die Betroffenen an moderaten oder starken Kommunikationsschwierigkeiten, die auf eine Veränderung im Sprachausdruck zurückzuführen sind.

Broca-Aphasie

Sprachstörungen: Was ist die Broca-Aphasie

Die Broca-Aphasie beeinträchtigt die gesprochene Sprache. Am charakteristischsten für Betroffene ist, dass sie nicht in der Lage sind sich flüssig auszudrücken, komplette Sätze zu bilden oder diese richtig zu artikulieren. Das Sprachverständnis bleibt hingegen weitestgehend erhalten.

Die Sprache ist in vier verschiedene Systeme, beziehungsweise Komponenten, unterteilt. Dies sind die Ebenen der natürlichen Sprache:

  • Phonetische System: reguliert auf zerebraler Ebene die Interpretation eines akustischen Signals, das in Silben und Wörtern organisiert ist.
  • Morphologische System: gibt den Wörtern eine interne Struktur, mithilfe der richtigen morphologischen Kombinationen die ihnen zugrunde liegen.
  • Syntax-System: bezieht sich auf die Reihenfolge der Wörter. Dieses System garantiert dass die Wörter so kombiniert werden, dass die Sätze und das Gesagte kohärent sind.
  • Semantische oder lexikalische System: besteht aus einer Gruppe von Ideen und mentalen Repräsentationen mit Bedeutung.

Dem klassischen Modell zufolge werden die Aphasien in Abhängigkeit des Ortes der zugrunde liegenden zerebralen Läsion klassifiziert. Mit diesem Modell als Grundlage, ist die Broca-Aphasie demnach die Konsequenz einer Läsion im Broca-Areal. Das Broca-Areal befindet sich auf der Großhirnrinde und ist meist im linken Frontrallappen angesiedelt. Das Broca-Areal ist für verschiedene Sprachkomponenten verantwortlich: die Anordnung der Phoneme (Laute) in Wörtern, die Organisation der Wörter im Satz (Syntax), die semantische Integration und die motorische Planung der Sprache.

Diagnostik der Broca-Aphasie:

Für die Diagnosestellung der Broca-Aphasie können sowohl generelle als auch spezifische neuropsychologische Bewertungsinstrumente genutzt werden, um die Störung zu detektieren. Bei einer neuropsychologischen Bewertung müssen zwei wichtige Kriterien beachtet werden, die einen Einfluss auf die orale Kommunikation haben können (vor allem bei der Diagnose einer Broca-Aphasie):

  1. Bildungsniveau: Es wird das Bildungsniveau in Betracht gezogen, das die Person vor der Läsion hatte.
  2. Die Ätiologie (Ursache) und der Umfang der Läsion: Der Patient könnte kognitive Defizite zeigen, die mit einer diffuseren Läsion einhergehen. Es können beispielsweise Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsprobleme auftreten, die mit der kommunikativen Fähigkeit interferieren würden.

Die Diagnostik der Broca-Aphasie basiert auf der Exploration diverser Sprachbereiche. Es wird bewertet, ob jeder dieser Bereiche erhalten oder beschädigt wurde und in Abhängigkeit davon wird festgestellt, um welche Art der Aphasie es sich handelt. Obwohl heutzutage die Behandlung der Symptome im Vordergrund steht, ist es wichtig das Syndrom genau zu klassifizieren.

Die untersuchten Bereiche sind die folgenden:

Spontansprache bei der Broca-Aphasie

Dabei handelt es sich um die Fähigkeit ein Gespräch zu beginnen und aufrecht zu erhalten. Die Bewertung der Spontansprache konzentriert sich auf die Flüssigkeit der gesprochenen Sprache. Der Redefluss ist ein Kontinuum, bei welchem die folgenden beiden Bedingungen hervorgehoben werden:

  • Nicht-flüssige Sprache: besteht in der Schwierigkeit Sprache von sich zu geben. Die betroffene Person kann nur mit viel artikulatorischer Anstrengung kurze Sätze von sich geben. Die Sprache zeichnet sich durch Dysprosodie (die Sprache hat keinen emotionalen Gehalt mehr, keine Sprachmelodie oder Intonation) und  Agrammatismus (Veränderungen in der syntaktischen Konstruktion und Struktur) aus.
  • Flüssige oder sehr flüssige Sprache: es handelt sich um einen normalen oder erhöhten Sprachausstoß (mehr als 200 Wörter pro Minute), der sich durch eine normale Satzmelodie und einer normalen Artikulation auszeichnet. Die Beeinträchtigung ist hier im Inhalt des Gesagten, diese nennt sich Paraphasie. Diese kann semantischer Art (das benutzte Wort ist falsch, gehört in der Regel aber zur Kategorie des eigentlich korrekten Wortes) oder phonematischer (phonetische Fehler, wie das Vertauschen einer Silbe oder eines Buchstaben innerhalb eines Wortes) Natur sein.

Im Falle der Broca-Aphasie ist die Spontansprache nicht flüssig.

Sprachverstehen bei der Broca-Aphasie

Es handelt sich hierbei um eine schwierig zu bewertende Fähigkeit, da die Betroffenen nicht richtig antworten oder falsche Antworten geben, die aber nicht auf Unverständnis zurückzuführen sind, sondern auf die Schwierigkeit der Sprachproduktion. Deshalb sind die Tests hier so gestaltet, dass die Personen keine linguistischen Fertigkeiten nutzen müssen. In diesem Fall ist das diagnostische Kriterium: verändertes Verständnis oder unbeschädigtes Sprachverständnis. Personen mit Broca-Aphasie haben ein unbeschädigtes Sprachverstehen.

Nachsprechen bei der Broca-Aphasie

Hierbei handelt es sich um die Fähigkeit auditive Informationen zu dekodieren, den korrespondierend phonologischen Code zu suchen und diesen anschließend mithilfe des artikulatorischen Prozesses wiederzugeben. Wenn einer dieser Teilprozesse beschädigt ist, wird die Fähigkeit des Nachsprechens beeinträchtigt. Mithilfe von Tests wie dem Nachsprechen von Buchstaben, Wörtern, Pseudowörten (ausgedachte Wörter) und Sätzen wird beobachtet, ob Schwierigkeiten bei der Wiederholung bestehen, wie es bei der Broca-Aphasie der Fall ist, oder ob diese Fähigkeit intakt ist.

Benennung bei der Broca-Aphasie

Bezieht sich auf die Fähigkeit der Benennung, also den Zugang zu einem mentalen Lexikon, um ein passendes linguistisches Element abrufen zu können. Betroffene der Broca-Aphasie haben hier merkbare Schwierigkeiten. Diese Beeinträchtigung wird auch Dysnomie genannt.

Automatisierte Sequenzen bei der Broca-Aphasie

Die Fähigkeit automatische Sequenzen wiedergeben zu können ist eine grundlegende linguistische Kapazität. Diese Sequenzen wurden in der Regel früh erlernt, wie beispielsweise das Zählen, das Aufzählen der Monate oder Wochentage. Es kann sich dabei auch um affektive und automatisierte Sprache handeln, wie beispielsweise Füllwörter (Bspw.:”ähm”) oder Ausdrücke. Diese automatisierte Sprache bleibt im Gegensatz zur willentlichen Sprache bei den meisten Aphasien erhalten.

Symptome der Broca-Aphasie:

Zuvor wurden die verschiedenen Bereiche beschrieben, die bei der Detektion und Diagnostik einer Aphasie betrachtet werden müssen. Demzufolge sind im Folgenden die spezifischen Symptome aufgelistet, die helfen, die Broca-Aphasie zu erkennen:

  1. Fehlender Redefluss: langsamer Sprachausdruck, der mit großer Anstrengung verbunden ist. Äußerung von nur sehr wenigen Worten in einem Gespräch.
  2. Dysnomie: Schwierigkeit sich an die Namen von Dingen zu erinnern.
  3. Agrammatismus: Unfähigkeit die Sätze komplett und richtig zu konstruieren.
  4. Schwierigkeiten beim Nachsprechen: Betroffene verstehen das Gesagte, sind aber nicht in der Lage es zu wiederholen.
  5. Bewusstsein des Defizits: Im Gegensatz zu anderen Aphasien, bei welchen die Personen das Gespräch aufrechterhalten und sich ihrer Fehlern nicht bewusst sind, haben die Betroffenen der Broca-Aphasie das Bewusstsein über ihr Problem, da sie merken, welche Schwierigkeiten ihnen das Sprechen bereitet.

Neben diesen Symptomen, kann die Broca-Aphasie außerdem folgende assoziierte Symptome neurologischen Ursprungs zur Folge haben:

  • Apraxie der Sprechwerkzeuge: Unfähigkeit koordinierte Bewegungen im Gesichts- und Mundbereich auszuführen. Hierbei gibt es keine physische Ursache.
  • Hemiparese: unvollständige Lähmung einer Körperseite.
  • Hemiplegie: vollständige Lähmung einer Körperseite.
  • Beeinträchtigung der Lese- und Schreibfähigkeit.

Ursachen der Broca-Aphasie:

In den meisten Fällen ist die Ursache der Broca-Aphasie ein Schlaganfall (Ischämie oder eine intrazerebrale Blutung) in der linken Hemisphäre (die bei der Sprache dominant ist). Auch nach einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) oder bei einem Hirntumor kann es zu dieser Störung kommen.

Andererseits zeigen sich auch bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen Symptome, die mit der Broca-Aphasie assoziiert sind:

  • Primär-progressive nicht-flüssige Aphasie: hierbei handelt es sich um einen kontinuierlichen Verfall der Sprache. Zum Beginn zeigt die betroffene Person keine anderen Demenz-Symptome. Sie zeichnet sich durch fehlenden Redefluss und das Auftreten von Agrammatismus und Dysnomie aus.
  • Alzheimer-Krankheit: Neben den typischen Symptomen des kognitiven Verfalls der durch diese Krankheit entsteht, (Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprobleme, Orientierungslosigkeit, etc.) zeigen Betroffene ebenfalls eine reduzierte Spontansprache und Dysnomien, indem sie allgemeine Begriffe oder Periphrasen (einen Begriff mit anderen Wörtern umschreiben) nutzen.
  • Morbus Parkinson: Es zeigt sich ein verminderter Redefluss, eine sehr simple Syntax und ab und zu Agrammatismus.

Heilung der Broca-Aphasie:

Die Heilung oder Wiederherstellung der Fähigkeiten bei der Broca-Aphasie hängt von der Stärke der anfänglichen Symptome ab. In der Anfangsphase der kognitiven Störung kann es zu einer gewissen Spontanheilung und einer Restrukturierung von Gehirnarealen kommen, sodass die Defizite ausgeglichen werden können. Ab diesem Punkt beginnt der Prozess der Rehabilitation, der folgende Ziele verfolgt:

  • die gesprochene und geschrieben Sprache zu verbessern.
  • die alltägliche Kommunikation zu erleichtern.
  • einen effektiven Kommunikationsstil zu entwickeln, auch wenn es sich um einen simplifizierten Sprachstil handelt.
  • die Lebensqualität des Patienten zu verbessern.

Die Rehabilitation der Broca-Aphasie ist hauptsächlich die Aufgabe eines Logopäden, obwohl die neuropsychologische Betreuung ebenfalls eine grundlegende Rolle in diesem Prozess spielt. Dieser unterstützt die Arbeit des Logopäden und trainiert weitere kognitive Bereiche, die bei den linguistischen Kapazitäten eine Rolle spielen (Gedächtnis, Aufmerksamkeit und exekutive Funktionen). Für die kognitive Stimulation kann auf die klinische Übungsbatterie von CogniFit zurückgegriffen werden, bei der einzelne kognitive Fähigkeiten bewertet und später spezifisch gefördert und trainiert werden können. Der Grad und die Rate der Rehabilitationen variiert zwischen den verschieden Sprachbereichen. Es scheint, dass das Nachsprechen (Wiederholung) sich leichter wiederherstellen lässt als die Benennungsfähigkeit und der Redefluss. Je nachdem welche linguistischen Defizite die Person aufweist, wird ein spezifischer Interventionsplan erstellt. In diesen werden beispielsweise folgende Übungen integriert:

  • grundlegende neuropsychologische Stimulation (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, exekutive Funktionen, logisches Schlussfolgern, etc.).
  • Aufgaben zur Benennung, um die Dysnomie zu verbessern.  Dies geschieht mithilfe von phonologischen Hilfestellungen (beispielsweise der erste Buchstabe) oder semantischen Hilfestellungen (die Kategorie, zu welcher das gesuchte Wort gehört).
  • Übungen zur Satzkonstruktion.
  • Die sprachlichen Ausdrücke der Person zu verlängern. Bei einem Element beginnend und dann schrittweise erhöhen.

Dies sind Beispiele für die Arbeit die durchgeführt werden kann, um die Fähigkeiten von Personen mit einer Aphasie wiederherzustellen. Wichtig ist, sich nicht nur auf die spezifische Klassifikation der Aphasie zu konzentrieren, sondern viel mehr die nicht-beschädigten Fähigkeiten zu betrachten und mithilfe dieser zu arbeiten, um so die beeinträchtigten Fähigkeiten zu unterstützen.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Natalia Pasquín Mora, Psychologin bei CogniFit.

Kognitive Dissonanz: warum dem Fuchs die Trauben nicht schmecken

Haben Sie sich schon mal gefragt, warum Sie Ihre kostbare Zeit in einer (womöglich kostenpflichtigen) Warteschleife einer Hotline verbringen und es so schwierig ist aufzulegen? Warum finden die meisten Raucher Rauchen gut? Wieso gibt es quasi keine Eltern, die bereuen Kinder bekommen zu haben? Weshalb hört man diesen Satz von Autofahrern so gut wie gar nicht: „Ich habe ein schlechtes Auto gekauft.“? Die Antwort ist: kognitive Dissonanz. Doch was ist das?

In diesem Artikel wird übersichtsartig geklärt: 1. kognitive Dissonanz – was ist das? Beispiele 2. bekannte Experimente in der Forschung zur kognitiven Dissonanz 3. Was bedeutet das Wissen über kognitive Dissonanz für mich? 4. kognitive Dissonanz und Freud 5. Fazit zur kognitiven Dissonanz

Kognitive Dissonanz

Kognitive Dissonanz – was ist das? Beispiele

Kognitionen im engeren Sinn sind Gedanken. Im weiteren Sinn sind es auch Einstellungen, Wertvorstellungen, Wahrnehmungen, Absichten und Motivationen, also quasi alle inneren mentalen Zustände und Vorgänge, die man nicht als Emotion oder Intuition bezeichnen kann. (Im Lateinischen bedeutet cognoscere „erkennen“, „erfahren“). Dissonanz kommt aus der Musik und bedeutet das Gegenteil von Konsonanz oder Harmonie, bezeichnet also etwas, das in der Kompositionslehre der Auflösung bedarf. Kognitive Dissonanz könnte man also als „gedanklichen Spannungszustand“ übersetzen.

Kognitive Dissonanz ist ein unangenehmer mentaler Spannungszustand, der entsteht, wenn man sich widersprechende Gedanken, Einstellungen oder Motivationen hat.

Die Dissonanz ist um so größer, je vielzähliger oder/und wichtiger die Kognitionen sind, die sich widersprechen. Nehmen wir das Beispiel Telefonwarteschlange. Sie haben die Kognition(en) „Ich rufe da jetzt an und kläre mein Problem. Danach gehe ich Einkaufen.“ Sie wählen die Nummer und warten, warten und bezahlen. Es läuft Wartemusik. Irgendwann taucht eine widersprüchliche Kognition auf: „Das dauert zu lange. Die Geschäfte schließen um acht.“ Wir kennen alle diese unangenehme Gefühl, das dann entsteht. Wir nennen es gern Ungeduld. Wir sind im Zwiespalt: sollen wir weiter Zeit und Geld investieren oder die Aktion unter „sinnlos“ verbuchen und abbrechen. Diese Ungeduld gepaart mit diesem Zwiespalt (mache würden sagen: nur dieser Zwiespalt)  – das ist die kognitive Dissonanz. Nun gibt es 4 mögliche Folgen, wie wir diesen Spannungszustand auflösen:

  1.  Verhaltensänderung: wir legen auf.
  2. Einstellungsänderung: Trotzreaktion – jetzt erst recht!
  3. Addition oder Subtraktion von Kognitionen: „Ich muss heute nicht einkaufen.“ „Es ist wichtig, dass ich das Problem jetzt löse, denn dann weiß ich auch, wie ich mit xy umgehe.“
  4. Ersetzen von Kognitionen: „Ich habe jetzt so viel investiert, da muss ich jetzt dranbleiben. Einkaufen kann ich auch morgen.“

Merken Sie was? Wir haben schon rein quantitativ mehr Möglichkeiten, das Problem „innerlich“ zu lösen als „äußerlich“. Und wir alle kennen uns: wir lösen es innerlich und bleiben länger in der Leitung als gut ist. Warum ist das so? Dieses Beispiel zeigt im Kleinen, wie wir auch mit großen Lebensentscheidungen umgehen: Wenn wir einmal etwas investiert haben, soll das nicht umsonst gewesen sein. Wir bleiben länger bei dem Investment, hängen länger an der alten Situation als gut für uns und andere ist. Soll ich mit 40 meinen Job hinschmeißen und noch mal studieren? Oder soll ich die Beziehung nach 16 Jahren und 2 Kindern wirklich beenden? Soll ich in diesem Land bleiben? Wie Engelchen und Teufelchen auf der Schulter tauchen die unterschiedlichsten Kognitionen auf, um diese Dissonanz aufzulösen und in Harmonie umzuwandeln.

Das Paradebeispiel sind dabei die Kognitionen von Rauchern.

Nehmen wir an, Sie rauchen. Warum auch immer (Wahrscheinlich mussten Sie irgendwann mal der Umwelt signalisieren, dass sie alt genug für Sex sind, aber das ist nebensächlich). Sie sind also Raucher. Dann sehen Sie im Kino eine Werbung, dass Rauchen Gehirnzellen tötet oder sehen die schrecklichen Bilder auf den Zigarettenpackungen, die eindeutig zeigen, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist. Sie erleben Dissonanz.

Einerseits haben Sie die Kognition „Rauchen ist cool! Ich bin alt und cool genug zu rauchen!“ andererseits haben Sie nun die Kognition „Rauchen ist ungesund.“ Das erzeugt Spannung. Wieder ist Verhaltensänderung eine Option, die selten gewählt wird. Welcher Raucher hört schon auf, weil er eine Raucherlunge auf der Zigarettenpackung sieht? Viel wahrscheinlicher ist, dass Sie sich „überzeugen“ mit zusätzlichen Kognitionen: „So ungesund kann es gar nicht sein: mein Opa ist über 90 geworden und hat geraucht!“ oder „Rauchen ist ja nicht nur cool, sondern es entspannt auch!“ oder „Mich wird es schon nicht treffen, ich höre irgendwann rechtzeitig auf!“

Ein anderes Beispiel ist die Frau, die 10 Jahre mit dem gleichen Mann zusammen ist und sich nach Abwechslung sehnt.

Die wenigsten wissen, dass das normal ist und als Coolidge-Effekt bekannt. Sie hat die Kognition „Ich bin eine treue Frau.“ und „Ich betrüge meinen Freund nicht.“, andererseits sehnt sie sich nach neuen sexuellen Abenteuern und geht fremd. Hier passt das Verhalten nicht zum Selbstbild und erzeugt die Dissonanz. Was ist der Ausweg? Sie bildet ein neues Wertesystem und damit neue Kognitionen. Sie äußert sich feministisch und polyamor. „Treue ist ein überkommenes, patriarchalisches Konzept zur Unterdrückung der Frau!“ oder „Eifersucht ist eine ungesunde Reaktion des Egos!“ oder „Wer weiß, mit wem mich mein Freund betrügt.“

Und zum Schluss wieder ein Paradebeispiel: der Autokauf.

Viele Autokäufer lesen nach dem Kauf die Werbebroschüren über ihr erworbenes Modell, um sich selbst davon zu überzeugen, dass ihre Entscheidung richtig war. Oder kennen Sie jemanden, der jemals erzählt hätte: „Mein Autokauf war ein Reinfall – ich hätte besser ein anderes Modell gekauft.“? Das gibt es zwar, aber es ist eher der Ausnahmefall und kommt relativ selten vor.

Bekannte Experimente in der Forschung zur kognitiven Dissonanz

Die Theorie der kognitiven Dissonanz stammt von Leon Festinger, Schüler des Psychologiepioniers Kurt Lewin. Was bisher unerwähnt blieb: es ist wichtig, dass die Person, die die Dissonanz erlebt, das Gefühl hat, freiwillig zu entscheiden. Fehlt diese Freiwilligkeit, tritt das Phänomen (in der Psychologie spricht man gern vom „Effekt“) nicht auf. Denn dann kann man seine Kognitionen leicht in ein harmonisches System bringen: „Ich tue das, weil ich muss. Eigentlich will ich etwas anderes, aber die Umstände zwingen mich dazu.“ Das ist zwar auch kein angenehmes Gefühl, aber immerhin angenehmer als die kognitive Dissonanz aufgrund von Widersprüchlichkeiten zwischen Verhalten und Selbstbild oder verschiedenen Kognitionen.

Die frühen Experimente von Festinger in den 50er Jahren liefen folgendermaßen ab:

Studenten wurden gebeten, an einem Experiment teilzunehmen. Die Versuchspersonen bekamen eine langweilige und langwierige Aufgabe. Danach wurden sie gebeten, weitere Studenten von der Teilnahme an dem Experiment zu überzeugen. Aber ein Teil der Studenten bekam für diese „Anwerbung“ 20 Dollar. Der andere Teil bekam einen Dollar. Nun sollten die Studenten noch schnell die Langweiligkeit bzw. die Interessantheit des Experimentes einschätzen.

Und was glauben Sie, wie sich die beiden Gruppen unterschieden, nachdem was Sie über kognitive Dissonanz gelernt haben?

Genau. Die Gruppe, die für die „Anwerbung“ bezahlt wurde, fand das Experiment signifikant langweiliger als die Gruppe, die vergleichsweise wenig bekam. Warum? Die Theorie besagt: Die Studenten, die bezahlt wurden, logen bei ihrer Anwerbung dissonanzfreier als die andere Gruppe. Sie hatten ja einen Grund für ihr Verhalten: die Bezahlung. Die Gruppe, die ohne Bezahlung anwarb, musste eine kognitive Dissonanz bewältigen, nämlich aufgrund der Kognitionen: „Das Experiment war stinklangweilig.“ und „Ich lüge nicht.“ und „Ich muss meine Kommilitonen jetzt überzeugen, daran teilzunehmen.“ Um so interessanter Sie das Experiment fanden, um so weniger logen sie; also fanden sie das Experiment einfach interessanter – unbewusst.

Zahlreiche Experimente beschäftigten sich mit dem Unsinn harter und noch härterer Strafen.

Man denke hier an populistische Forderungen, die immer wieder durch das Netz gejagt werden. Oder gar an die Todesstrafe. Die kognitive Dissonanztheorie sagt: sinnlos. Warum? Weil die Leute eine externe Rechtfertigung haben, warum sie nicht zu schnell fahren, bei der Steuer nicht betrügen, etc. Das bedeutet aber auch: wenn sicher ist, dass sie nicht erwischt werden, machen sie es trotzdem. Haben sie diese Rechtfertigung nicht, müssen sie ihre Einstellung ändern. Sie bauen Kognitionen auf wie „Ich bin ein ehrlicher Mensch.“ oder „Ich bin ein besonnener, vernünftiger Autofahrer.“ Das tun sie bei drakonischen Strafen mit geringerer Wahrscheinlichkeit.

Investition und kognitive Dissonanz

Ein anderes Experiment (Axsom und Cooper, 1985)  beschäftigt sich mit der Investition und der damit verbundenen kognitiven Dissonanz (siehe Telefonwarteschleife). Es wurde eine Anzeige aufgegeben, dass VersuchspeIrsonen gesucht werden, die eine neuartige Methode ausprobieren könnten, Gewicht zu verlieren. Diejenigen, die sich meldeten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe erhielt schwierige, langwierige und komplizierte kognitive Aufgaben (die Psychologie hat davon Batterien voll im Schrank) und Ihnen wurde gesagt, dass die Vermutung bestünde, sie würden dadurch abnehmen, was totaler Quatsch war, aber die Leute glaubten es wohl. Und die andere Gruppe erhielt leichte, kurze Aufgaben, mussten sich also viel weniger anstrengen, viel weniger investieren. Nach 6 Monaten wurde gemessen, ob und wie viel Gewicht die Gruppen verloren hatten und siehe da: die Gruppe mit dem höheren (kognitiven) Aufwand hatte tatsächlich mehr Gewicht verloren. Erklärt wird das so: Sie hatten die größere kognitive Dissonanz, die aus den Kognitionen bestand: „Boah, ist das hier anstrengend!“ und „Ich will Gewicht verlieren.“ Das Ziel, abzunehmen gewann an Bedeutung, man hatte ja investiert. Also blieb man in der Folgezeit auch mehr am Ball.

Was bedeutet das Wissen über kognitive Dissonanz für mich?

Es bedeutet zweierlei: zum einen: seien sie nachsichtig mit ihren Mitmenschen. Üben Sie sich in Toleranz um Empathie, denn die anderen haben – und da können sie sicher sein – ein ausgeklügeltes System von konsonanten Kognitionen, die ihre Einstellungen und ihr Verhalten rechtfertigen, auch wenn Ihnen das schräg und unglaubwürdig vorkommt.

Es gibt in der Politik viele Lügen, aber als der Stasichef Erich Mielke 1989 in der Volkskammer sagte: „Ich liebe doch alle!“, war das wahrscheinlich ernst gemeint. Zu dieser Zeit revoltierten die Ostdeutschen gegen eine Militärdiktatur und einen Bespitzelungsstaat, in dem es extrem gefährlich war, eine von der Norm abweichende Meinung zu vertreten. Niemand konnte sicher sein, dass nicht der beste Freund oder Verwandte für die sogenannte Staatssicherheit (Stasi) arbeitete und Informationen nach „oben“ weitergab. Und der Chef dieser menschenverachtenden Stasi stellte sich hin und sagte, er würde doch alle (auch die Abweichler) lieben. Das erntete viel Hohn und Verachtung in der Bevölkerung. Aber wir können mit einiger Sicherheit sagen, dass Mielke ein ausgeklügeltes System (wirrer) Kognitionen hatte, die diesen Satz mit seinem Selbstbild vereinbaren ließen.

Oder nehmen wir Ihre Eltern. Viele Menschen werfen Ihren Eltern zu Recht vor, Fehler in der Erziehung gemacht zu haben. Aber kommt das bei den Eltern an? Es kann gar nicht ankommen. Ein Leben lang Investitionen, ein über Jahrzehnte geschaffenes Selbstbild können gar nicht umgestoßen werden, ohne dass es für die Eltern lebensbedrohlich wäre, würden sie die kognitive Dissonanz zulassen. Lassen Sie Ihre Eltern leben. Immerhin leben Sie durch sie.

Meinen Sie, der Pharmavertreter hätte nicht seinen Weg aus der kognitiven Dissonanz gefunden, wenn er damit konfrontiert würde, dass bei depressiven Jugendlichen und Kindern einige Antidepressiva die Suizidalität erhöhen können und oft gar keine Hauptwirkung haben? (Bei Erwachsenen dürfte das nicht anders sein.)

Seien Sie also nachsichtig. Zum anderen: seien Sie selbstreflexiv! Beobachten Sie sich! Machen Sie nicht die Fehler Ihrer Eltern. Versuchen Sie, sich bei kognitiver Dissonanzreduktion zu ertappen! Woran hängen Sie, weil sie vermeintlich schon viel investiert haben, was Sie aber zukünftig gesehen nur noch behindert? Seien Sie entscheidungsfroh! Sie werden sich Entscheidungen schon schön reden, um so endgültiger diese sind, um so wahrscheinlicher ist das. Haben Sie den Mut, glücklich zu sein!

Kognitive Dissonanz und Freud

Und noch etwas können Sie aus diesem Artikel mitnehmen: Sie kennen die falschen Namen! Haben Sie schon mal etwas von Kurt Lewin oder Leon Festinger gehört? Nein? Aber von Freud, oder? Lassen Sie die kognitive Dissonanz zu: in einem gerechten Universum wäre das umgekehrt. Warum? Freuds große Leistung besteht unbestritten in der Postulation der verschiedenen Abwehrmechanismen. Leider hört es dann aber auch schon auf.

Der ganze andere theoretische Überbau, das Instanzenmodell der Psyche (Es, Ich und Über-Ich), die Triebtheorie, die Katharsis und Karthexis, dass Träume Wunscherfüllung seien, dass geistige Prozesse Energie verbrauchen, – die Liste ist lang und ebenso unbelegt – ist hoch spekulativ. Seine Theorie ist ebenso populär wie esoterisch. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zur kognitiven Dissonanztheorie. Durch Mechanismen wie Rationalisierung, Verdrängung, Projektion und Sublimierung können wir kognitive Dissonanz reduzieren. Und das tun wir auch. Regelmäßig. Behalten Sie also diese 4 Begriffe und vergessen Sie, was Sie sonst von Freud gelernt haben.

Fazit zur kognitiven Dissonanz

Ich hoffe, ich habe sie gleichsam unterhalten und aufklären können mit diesem Artikel. Die Fabel mit dem Fuchs und den Trauben kennen Sie!? Der Fuchs befand sie für zu sauer, nachdem er vegeblich versucht hatte, sie zu ergattern. So sind so manche Trauben, die zu hoch hängen, sauer…

Sie müssen nicht in Allem meiner Meinung sein, ich freue mich über Kritik und andere Meinungen. Lassen Sie Ihrer Reaktanz freien Lauf! Jede Reaktion ist eine gute Reaktion!

Denken Sie daran: Wenn unsere Enkel uns einst fragen werden, wie wir die Überwachung und Einmischung in unsere Selbstbestimmung durch NSA, Google und Facebook dulden konnten, dann werden wir alle eine plausible Ausrede haben – kognitiver Dissonanzreduktion sei Dank!

In diesem Sinne! Es grüßt: Ihr Uwe Krüger.

Korsakow-Syndrom: Vergessenes neu erfinden

Korsakow-Syndrom: ein Gedächtnisproblem infolge von Alkoholmissbrauch oder extremen Diäten, bei denen es zu Vitaminmangel kommt. Finde heraus, welche Symptome und Ursachen es für dieses Syndrom gibt, wie es sich behandeln lässt und welche Formen der Prävention möglich sind.

Was ist das Korsakow-Syndrom?

Das Korsakow-Syndrom ist eine chronische Gedächtnisstörung deren Ursache ein starker Mangel an Thiamin (Vitamin B1) ist. 

Thiamin hilft dem Gehirn aus Zucker Energie zu gewinnen. Wenn der Thiamingehalt im Körper drastisch sinkt, generieren die Gehirnzellen nicht genug Energie, um korrekt funktionieren zu können. Die Folge dessen kann das Korsakow-Syndrom sein.

Man geht davon aus, dass dieser Mangel zu Schäden im Thalamus und an den Mammillarkörpern des Hypothalamus im Gehirn führt. Außerdem kommt es zu einem generellen Gewebeschwund im Gehirn (Atrophie) und zu neuronalen Schäden und Verlusten.

Forschungen haben ergeben, dass der Thiaminmangel die Substanzen verändert, die dafür verantwortlich sind Signale zwischen Gehirnzellen zu übertragen und Erinnerungen abzuspeichern. Diese Veränderungen können Neuronen zerstören und zu mikroskopisch kleinen Blutungen und Narben im Gehirngewebe führen.

Oft, aber nicht immer, geht diesem Syndrom eine Wernicke-Enzephalopathie voraus. Bei dieser kommt es aufgrund des starken Thiaminmangels zu einer akuten Reaktion des Gehirns. Die Wernicke-Enzephalopathie ist ein medizinischer Notfall, bei der es zu starken und lebensbedrohlichen Veränderungen im Gehirn kommt. Die Anzeichen sind mentale Verwirrung, Koordinationsprobleme der Bewegung und anormale, unfreiwillige Augenbewegungen.

Da das Korsakow-Syndrom häufig nach einer Episode der Wernicke-Enzephalopathie auftritt, wird das Syndrom auch als Wernicke-Korsakow bezeichnet. Nichtsdestotrotz kann das Korsakow-Syndrom auch ohne vorherige Wernicke-Enzephalopathie entstehen.

Symptome des Korsakow-Syndroms

Korsakow zeichnet sich durch Gedächtnisprobleme aus, während das Bewusstsein aber weitgehend erhalten bleibt. Bei einem Gespräch kann der Eindruck entstehen, dass die Person über alle Fähigkeiten verfügt. Dennoch zeigt die betroffene Person aber schwerwiegende Veränderungen in neueren Gedächtnisinhalten auf. Sie stellt immerzu die gleichen Fragen, liest die gleiche Seite eines Buches über Stunden und kann Personen, die sie während des Verlauf der Krankheit bereits mehrere Male gesehen hat, nicht wieder erkennen.

Die Gedächtnisprobleme können sehr stark sein, dabei kann sowohl das Kurzzeitgedächtnis als auch das Langzeitgedächtnis betroffen sein (Erinnerungslücken), während andere Fähigkeiten, wie die soziale Interaktion oder das Denken, relativ intakt bleiben.

Die Leitsymptome sind:

  • anterograde Amnesie: Unfähigkeit neue Gedächtnisinhalte zu generieren oder neue Informationen zu verarbeiten.
  • retrograde Amnesie: Unfähigkeit alte Gedächtnisinhalte abzurufen, die vor Krankheitsbeginn entstanden sind.
  • Erinnerungsverfälschungen: Erfundene Erinnerungen, die von dem Betroffenen selbst geglaubt werden. Ursache sind die Erinnerungslücken.
  • Fast inhaltslose Konversationsführung
  • Fehlende Introspektion
  • Apathie

Die Betroffenen des Korsakow-Syndroms können verschiedene Symptome zeigen. Einige Betroffene leben “in der Vergangenheit weiter”, überzeugt davon, dass ihr Leben und die Welt noch so ist, wie sie vor Krankheitsbeginn war. Andere zeigen eine große Bandbreite an Erinnerungsverfälschungen.

Die retrograde Amnesie tritt nicht bei allen Erinnerungen gleichermaßen auf, sondern betrifft eher neuere Erinnerungen. Je älter die Erinnerungen, desto eher bleiben sie. Der Grund dafür kann darin liegen, dass die neueren Erinnerungen noch nicht komplett im Gehirn konsolidiert sind und entsprechend vulnerabler gegenüber eines Verlusts sind.

Erinnerungsverfälschung beim Korsakow-Syndrom

Eines der charakteristischsten Symptome des Korsakow-Syndroms ist die Erinnerungsverfälschung. Die Betroffenen “verfälschen” Informationen oder denken sich welche aus, wenn sie die eigentliche Information nicht erinnern können. Dabei ist es nicht so, dass die Betroffenen “lügen”, sondern sie sind selbst davon überzeugt, dass ihre ausgedachten Erklärungen stimmen. Bislang gibt es noch keine wissenschaftliche Erklärung, wieso dieses Phänomen so auftritt.

Einige Personen zeigen konstant Erinnerungsverfälschungen. Sie denken sich stetig neue Identitäten aus, mit detaillierten Geschichten welche diese untermauern. Dadurch ersetzen sie die Realität, die sie vergessen haben.

Ursachen des Korsakow-Syndroms

Exzessiver Alkoholkonsum ist eine der Hauptursachen für das Auftreten des Korsakow-Syndroms

Man weiß, dass übermäßiger Alkoholkonsum das Nervensystem schädigen kann. In den allermeisten Fällen ist exzessiver Alkoholmissbrauch die Ursache für das Korsakow-Syndrom.

Es konnten zudem genetische Variationen identifiziert werden, die das Risiko für das Auftreten dieser Störung erhöhen. Eine nahrstoffarme Ernährung kann ebenfalls dazu beitragen.

Das Korsakow-Syndrom kann durch eine extreme Ernährung verursacht werden, wie es bei Anorexie, sehr restriktiven Diäten, Hungersnöten oder plötzlichem Gewichtsverlust nach einer Operation der Fall ist. Unkontrolliertes Erbrechen, eine HIV Infektion, eine andere chronische Infektion oder eine Krebserkrankung können ebenfalls eine mögliche Ursache darstellen.

Behandlung des Korsakow-Syndroms

Die Behandlung des Korsakow-Syndroms sollte multidisziplinär angegangen werden, bei welchem Ärzte, Psychologen und Neuropsychologen zusammenarbeiten, um eine möglichst effektive Intervention anbieten zu können.

Von einigen Experten wird empfohlen, dass Personen, die viel Alkohol konsumieren oder aus einem anderen Grund an Thiaminmangel leiden könnten, unter ärztlicher Aufsicht Ergänzungsmittel zu sich nehmen.

Ebenfalls ist es empfehlenswert, dass Menschen mit einer Geschichte von Alkoholmissbrauch und Symptomen, die mit der Wernicke-Enzephalopathie zusammenhängen, Thiamin injiziert bekommen, bis das klinische Krankheitsbild klarer ist.

Die Behandlung mit oraler Gabe von Thiamin, anderen Vitaminen und Magnesium kann bei Betroffenen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Symptome abnehmen.

Die psychologische Intervention besteht vor allem darin, die Alkoholabstinenz zu gewährleisten. Aus neuropsychologischer Sicht wird versucht dem Betroffenen zu helfen seine Defizite zu kompensieren, damit er sich sozial integrieren und ein so normales Leben wie möglich führen kann.

Korsakow-Syndrom: Prognose

Einige Daten zeigen, dass etwa 25% der Personen mit Korsakow-Syndrom wieder ganz gesunden, bei der Hälfte schwächen die Symptome ab und bei weiteren 25% lassen sich keine Verbesserungen erzielen.

Anderen Autoren zufolge ist die Mortalität hoch und liegt zwischen 10 und 20%. Das ist hauptsächlich auf Lungeninfektionen, Blutvergiftungen oder Leberschäden oder einen irreversiblen Thiaminmangel zurückzuführen.

Aus diesem Grund ist es sehr wichtig die Symptome des Korsakow-Syndroms so schnell wie möglich zu identifizieren und zu behandeln. Eine frühzeitige Behandlung der Wernicke-Enzephalopathie erhöht die Prognose der Genesung und kann das Auftreten des Korsakow-Syndroms verhindern. Beispielsweise lassen die Probleme der Augenbewegung bereits nach Stunden bis Tagen nachweislich nach, motorische Einschränken werden nach Tagen bis Wochen weniger. Bei etwa 60% der Betroffenen bleiben jedoch leichte Symptome.

Gemäß dieser Autoren ist die Prognose relativ schlecht, sobald das Korsakow-Syndrom einmal diagnostiziert wurde. Ungefähr 80% der Betroffenen leiden ihr Leben lang an chronischen Gedächtnisschäden.

Die kognitive Genesung ist langsam und nicht vollständig und erreicht nach etwa einem Behandlungsjahr das Maximum an möglicher Wiederherstellung. Es kann zu einer Genesung kommen, diese hängt jedoch von Faktoren wie dem Alter und der Alkoholabstinenz ab.

Korsakow-Syndrom: Präventionstipps

Eine ausgewogene und gesunde Ernährung kann helfen das Korsakow-Syndrom zu verhindern

  • Der wichtigste Ratschlag ist, den Alkoholkonsum auf ein Minimum zu reduzieren. Je weniger Alkohol, desto besser. Obwohl man vielleicht davon ausgeht wenig zu trinken, wird der Organismus bereits bei kleinen Mengen Alkohol beschädigt.
  • Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist wichtig, damit die Synthese von lebenswichtigen Vitaminen stattfinden kann, insbesondere des Thiamins (Vitamin B1).
  • Immer dann wenn Gedächtnisprobleme auftreten, sollte man einen Arzt aufsuchen. Dieser kann feststellen, ob es sich um einen normalen Alterungsprozess oder eine Form von Demenz handelt.
  • Man sollte sich ein gutes soziales unterstützendes Netzwerk aufrecht erhalten, da nahestehende Personen diejenigen sind, die helfen wenn ein besorgniserregendes Symptom auftritt.
  • Wenn man glaubt zu viel zu trinken, aber nicht weiß, wie man damit aufhören kann, sollte man professionelle Hilfe suchen.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Andrea García Cerdán, Psychologin bei CogniFit.

Spiegelneuronen: Imitation als Basis des Lernens

Spiegelneuronen. Die Imitation als wirksamste Form des Lernens. Das menschliche Gehirn verfügt über verschiedene Mechanismen, die es uns erlauben Handlungen nachzuahmen. Babys sind in der Lage Gesichtsausdrücke nachzumachen, später in der Entwicklung imitieren wir auch grundlegende Verhaltensweisen. Lachen ist ansteckend, ein emotionaler Film stimmt uns traurig… Es scheint so, als wären wir dafür gemacht, das zu fühlen was andere fühlen, um mit ihnen empathisch zu sein und sie besser zu verstehen. Was passiert in unserem Gehirn, damit es dazu kommt? Die Antwort liegt in den Spiegelneuronen.

In diesem Artikel wird erklärt, was die Spiegelneuronen sind, welche Rolle sie bei der Erziehung und der Empathie spielen, was passiert wenn uns die Gefühle anderer anstecken, Pathologien die mit einem Defizit in der Struktur der Spiegelneuronen zusammenhängen, und vieles mehr. 

Spiegelneuronen

Definition: Was sind Spiegelneuronen?

Im Gehirn des Menschen und des Affen finden sich sogenannte Spiegelneuronen. Diese Gehirnzellen werden aktiviert, wenn wir jemanden dabei beobachten, wie er etwas tut. Beispielsweise werden sie aktiviert, wenn ein Schimpanse seine Mutter beobachtet und sie später imitiert und es so schafft eine Nuss mit einem Stein zu öffnen. Die Spiegelneuronen stehen in Zusammenhang mit empathischem, sozialem und imitierendem Verhalten und bilden ein grundlegendes Werkzeug für das Lernen.   

“Wir sind soziale Wesen. Unser Überleben hängt davon ab, Handlungen, Intentionen und Emotionen von den anderen zu verstehen. Die Spiegelneuronen erlauben uns das Gegenüber zu verstehen. Das geschieht nicht nur durch konzeptuelles Denken, sondern ebenso anhand der direkten Simulation. Fühlend, nicht denkend”.
(frei übersetzt nach G. Rizzolatti)

In den 90’er Jahren entdeckte die Forschungsgruppe unter Leitung von Giacomo Rizzolatti der Universität von Parma in Italien etwas Erstaunliches. Eine bestimmte Gruppe von Neuronen in den Gehirnen von Makaken wurden nicht nur dann aktiviert, wenn ein Affe selbst eine Handlung ausführte, sondern auch dann, wenn er einen anderen Affen bei der Ausführung einer Handlung beobachtete. 

Spiegelneuronen lassen sich als eine Gruppe von Neuronen definieren, die bei Primaten und Menschen aktiviert werden wenn diese eine Handlung ausführen oder jemanden dabei beobachten, wie er diese Handlung ausführt.

Spiegelneuronen sind eine Schlüsselfunktion für das Lernen, sie sind unentbehrlich um andere imitieren zu können. 

Von Geburt an sind diese Gruppen von Neuronen aktiv, die es uns erlauben Essen und Sprechen zu lernen oder uns selbstständig anzuziehen. Die Spiegelneuronen sind ebenfalls sehr wichtig bei der Handlungsplanung und wenn es darum geht die Intention hinter einer Tat einer anderen Person zu verstehen.  

Im folgenden video erklärt der Neurowissenschaftler Ramachandran was Spiegelneuronen sind und weshalb diese so wichtig sind. 

Spiegelneuronen und Erziehung

Die Spiegelneuronen ermöglichen es durch Imitation zu lernen. Sie erlauben es, die Körpersprache, Gesichtsausdrücke und Emotionen widerzuspiegeln. Spiegelneuronen spielen eine zentrale Rolle in unserem Sozialleben. Sie sind für die kindliche Entwicklung, zwischenmenschliche Beziehungen und das Lernen unabdingbar.

Wir Menschen sind soziale Wesen und dafür geschaffen von anderen zu lernen. Wir alle kommen schneller und weiter voran, wenn wir mit anderen kooperieren. Zu sehen wie unsere Eltern, Lehrer oder andere Schüler eine kognitive Fähigkeit oder Fertigkeit zeigen, schafft uns eine viel komplettere Lernerfahrung, als es eine theoretische Erklärung tun würde. Deswegen sollten wir in der Erziehung immer mit Beispielen arbeiten. 

Wie greifen die Spiegelneuronen in unseren Alltag ein? 

  • Die Spiegelneuronen sind dafür verantwortlich, dass wir anfangen zu gähnen, wenn wir jemanden beobachten, der gähnt.
  • Diese Neuronen sind für das Gefühl der Trauer verantwortlich, die wir verspüren, wenn wir jemanden leiden oder weinen sehen.
  • Gleiches passiert, wenn wir anfangen zu lachen, weil wir jemanden lachen sehen, auch wenn wir den Grund gar nicht wissen. 
  • Einigen Studien zufolge wird eine bestimmte Hirnregion (die anteriore Insula) sowohl dann aktiviert wenn man Ekel verspürt, als auch wenn man eine andere Person mit dem Ausdruck von Ekel sieht. Die anteriore Insula ist für die Verarbeitung von Gerüchen verantwortlich.
  • Weitere Studien zeigen, dass sich ein Bereich des somatosensorischen Kortex bei den Studienteilnehmern aktiviert, wenn diese berührt wurden oder wenn sie jemanden anderen beobachteten, wie dieser berührt wurde.

8 Ratschläge: Wie beeinflussen die Spiegelneuronen die Erziehung? 

Dank der Spiegelneuronen haben die Emotionen die wir zeigen einen direkten Einfluss auf die Menschen, die uns umgeben. Dabei bilden das Klassenzimmer oder Wohnzimmer keine Ausnahme. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Lehrkräfte und Eltern ihre Emotionen kontrollieren, um die Spiegelneuronen als Verbündete nutzen zu können, der die Erziehung erleichtert – statt das Gegenteil zu tun. 

  1. Freude und Optimismus zeigen, da sich diese Gefühle auf die Kinder oder Schüler übertragen (Gefühlsansteckung).
  2. Negative Emotionen kontrollieren und vermeiden. Jeder hat mal schlechte Laune, man sollte aber versuchen den Einfluss auf die Kinder dabei so gering wie möglich zu halten, da sich das negativ auf deren Gemütszustand auswirkt. Dabei sollte man aber auch darauf achten, nicht die Unterdrückung der Gefühle zu fördern. Die Emotionen der Kleinen wahrnehmen und ihnen dabei helfen diese zu erkennen und so gut wie möglich zu kontrollieren.  
  3. So oft wie möglich visuelle Darstellungen und “Lernen durch Nachmachen” ermöglichen. Theorie im Unterricht oder zuhause durch beispielhafte Vorführungen begleiten und den Kindern erlauben diese nachzumachen. 
  4. Die Interaktion der Kinder mit so vielen Menschen wie möglich fördern. Die Spiegelneuronen werden sich dadurch deutlich mehr aktivieren und erhöhen das Erlernen von sozialen Fähigkeiten und Empathie.
  5. Das Vorstellungsvermögen bei jeder Aktivität nutzen, welche die Kinder erlernen sollen (die Zähne zu putzen, das Zimmer aufzuräumen…)
  6. Gewalt vermeiden. Kinder lernen das was sie sehen. Wenn sie in einer Umgebung groß werden, in der gewalttätiges Verhalten geäußert wird, werden die entsprechenden Spiegelneuronen aktiviert und es wird wahrscheinlicher, dass die Kinder das Verhalten nachahmen.
  7. Kindern beibringen, dass es wichtig ist auf die Körpersprache der anderen zu achten. So lernen Kinder, wann jemand etwas mit anderen teilen möchte oder wann jemand Hilfe braucht. Spiegelneuronen sind der Schlüssel für die Empathie
  8. Kindern beibringen ihre eigenen Gefühle und die der anderen zu identifizieren.

Spiegelneuronen und die Gefühlsansteckung

Bist du glücklich, wenn dich fröhliche Menschen umgeben? Deprimiert es dich, wenn du mit pessimistischen und negativen Personen zusammen bist? Das ist auf die Gefühlsansteckung zurückzuführen, die durch die Spiegelneuronen erleichtert wird.

Die Gefühlsansteckung ist ein Prozess durch welchen eine Person oder eine Gruppe die Emotionen und das affektive Verhalten einer anderen Person oder Gruppe, durch die bewusste oder unbewusste emotionale Induktion, beeinflusst.

Wir tendieren dazu die Gesten und die Mimik der Leute zu imitieren mit denen wir kommunizieren und in vielen Fällen fühlen wir das, was diese fühlen.

Obwohl sich der Einfluss der Gefühlsansteckung auf persönliche und arbeitsbezogene Beziehungen bestätigt hat, sind wir uns immer noch nicht darüber bewusst, welche Fähigkeit wir eigentlich besitzen. 

Die Spiegelneuronen erlauben uns wortwörtlich das zu spüren, was die andere Person spürt, ihre Emotionen “zu leben”. Spiegelneuronen sind die Basis der Empathie.

Die Empathie ist die Fähigkeit, welche die meisten Menschen besitzen, sich in die Situation einer anderen Person zu versetzen und zu verstehen was sie aus ihrer Perspektive heraus fühlt.

Sie ermöglicht es uns, die anderen als “nicht anders als wir selbst” anzusehen. Ein weiterer Beleg dafür, dass wir soziale Wesen sind. Die Empathie war schon immer grundlegend für das Überleben unserer Spezies, welche ohne die Bindung und den Schutz der anderen nicht in der Lage gewesen wäre zu überleben.

Wie können wir uns die Gefühlsansteckung zu Nutze machen?

Man kann es sich zum Vorteil machen, dass sich Emotionen auf andere übertragen lassen und sich von anderen auf uns übertragen.

  • Glücklicherweise ist Freude ansteckender als Trauer, weshalb es gut ist, sich mit fröhlichen Personen zu umgeben. Traurige oder depressive Person sollte man  deshalb aber nicht vermeiden, denn diese Leute brauchen die Unterstützung und Hilfe von nahestehenden Menschen, um gesunden werden zu können.
  • Imitiere fröhliche und glückliche Menschen. Tu das, was sie machen. Treibe Sport und lache mehr (obwohl du vielleicht keine Lust hast – im Anschluss wirst du dich besser fühlen). 
  • Denke nach bevor du handelst, vor allem dann, wenn du etwas Negatives über jemanden sagen wirst. Sag es auf ruhige und diplomatische Art, denn dein Ärger kann sich leicht auf das Gegenüber übertragen.
  •  

Eine Filmaufnahme aus der Berliner U-Bahn. Siehe hier, wie ansteckend Lachen sein kann:

https://www.youtube.com/watch?v=fM45JMTpkBU

Spiegelneuronen und Kultur

Hat die Kultur in der wir aufwachsen einen Einfluss auf unser Gehirn? Die Frage scheint sich mit “ja” beantworten zu lassen. 

Gemäß einer Studie, die an der Universität von Kalifornien – Los Angeles durchgeführt wurde, reagiert unser Netz an Spiegelneuronen unterschiedlich, je nachdem ob das Gegenüber aus der gleichen Kultur wie man selbst stammt, oder nicht. 

Die Forscher nutzten zwei Schauspieler, einen kaukasischen Amerikaner und einen Nicaraguaner, um einer Gruppe von amerikanischen Teilnehmern einige Gesten zu zeigen. (Amerikanische, nicaraguanische und andere Gesten ohne Bedeutung)

Mithilfe der Magnetresonanztomographie untersuchten die Wissenschaftler die Neuronenaktivität. Dabei zeigte sich, dass die amerikanischen Teilnehmer eine höhere Aktivität der Spiegelneuronen aufwiesen, wenn sie den Amerikaner im Vergleich zu dem Nicaraguaner die Gesten vollführen sahen. Wenn letzerer amerikanische Gesten vorzeigte sank die Aktivität der Spiegelneuronen drastisch.

Hier zeigt sich, dass die Kultur einen messbaren Einfluss auf unser Gehirn hat und sich folglich auch in unserem Verhalten widerspiegelt. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass wir besser darauf vorbereitet sind Personen unseres eigenen Kulturkreises zu verstehen und empathisch mit ihnen zu sein als bei Mitgliedern fremder Kulturen. Das erklärt auch, wieso wir leichter Beziehungen zu Personen aus der gleichen Kultur aufbauen.

Spiegelneuronen, Empathie und Psychopathie

Die Psychopathie ist eine Persönlichkeitsstörung (schwere Form der antisozialen Persönlichkeitsstörung) die sich durch einen oberflächlichen Charme, pathologisches Lügen und eine deutlich verringerte Kapazität Reue oder Empathie zu spüren, auszeichnet.

Es sticht hervor, dass viele psychopathische Personen eine kriminelle Laufbahn einschlagen, aber natürlich nicht alle. Viele sind sozialisiert und führen ein ganz normales Leben.

Aber wenn Psychopathen nicht in der Lage sind Empathie zu verspüren, funktionieren dann ihre Spiegelneuronen? Eine Studie hat dies untersucht.

In der Studie wurde die Gehirnaktivität von zwei Gruppen untersucht. (18 Teilnehmer mit Psychopathie, 26 Gesunde) während sie kurze Videos anschauten. Dabei wurde ein Hand gezeigt, die auf zärtliche, schmerzvolle, soziale Weise eine andere berührte, abwies oder neutral behandelte. Zunächst sahen die Teilnehmer das Video, anschließend erhielten sie die Instruktion, sich in die Lage der Person zu versetzten und zu versuchen, das zu spüren, was die Person spürt. Im dritten Teil der Studie wurden die Teilnehmer mit einem Lineal auf die Hand geschlagen, um die Gehirnregion zu lokalisieren, die bei Schmerzen aktiviert wird.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Gruppe der Personen mit Psychopathie nur dann eine Reaktion der Spiegelneuronen zeigte, wenn diese die Instruktion erhielten, empathisch zu sein. Dann zeigte sich ein Aktivierungsmuster der Spiegelneuronen, das genauso stark wie bei der Gruppe der Gesunden war. Ohne Instruktion jedoch, zeigten sie eine sehr geringe Aktivierung der Gehirnregionen, die mit Schmerzen assoziiert sind.

Daraus kann man schließen, dass Menschen mit Psychopathie nicht empathielos sind, sondern so etwas wie einen Schalter haben, der die Empathie aktiviert und deaktiviert. Dabei scheint diese normalerweise deaktiviert zu sein.

Spiegelneuronen und Autismus

Personen mit Autismus haben neben weiteren Symptomen einen verspäteten Spracherwerb und Probleme in der Emotionserkennung. Für sie ist es schwierig ihre eignen Gefühle und die Gefühle anderer Menschen zu erkennen.

Deshalb wurde in der Wissenschaft angenommen, dass bei Personen mit Autismus das System der Spiegelneuronen “kaputt” ist. Mittlerweile weiß man, dass dem nicht so ist. Das System ist nicht kaputt, es ist jedoch in seiner Entwicklung verzögert. Während die meisten von uns eine sehr hohe Aktivierung der Spiegelneuronen in der Kindheit haben, ist diese Aktivierung bei Kindern mit Autismus viel schwächer. Diese Aktivität steigt aber mit dem Alter bei Menschen mit Autismus an.

Andere Studien jedoch zeigen, dass diese Neuronengruppe bei Kindern mit Autismus nicht weniger aktiviert ist. Wenn das Experiment mit Personen durchgeführt wird, welche die Kinder kennen, ist die Aktivität ihrer Spiegelneuronen ganz normal.

Vielen Dank fürs Lesen! Bei Fragen oder Anregungen kann gerne ein Kommentar hinterlassen werden.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Andrea García Cerdán, Psychologin bei CogniFit.

Referenzen:

Molnar-Szakacs, I., Wu, A. D., Robles, F. J., & Iacoboni, M. (2007). Do you see what I mean? Corticospinal excitability during observation of culture-specific gestures. PLoS One, 2(7), e626.

Meffert, H., Gazzola, V., den Boer, J. A., Bartels, A. A., & Keysers, C. (2013). Reduced spontaneous but relatively normal deliberate vicarious representations in psychopathy. Brain, 136(8), 2550-2562.

Hemineglect: Wenn die Hälfte der Welt verloren geht

Die Aufmerksamkeit ist einer der wichtigsten kognitiven Prozesse der menschlichen Entwicklung. Veränderungen in diesem Aufmerksamkeitsprozess beispielsweise nach einer Läsion oder einem Hirnschaden kann schwerwiegende Folgen haben. Dies zeigt sich beispielsweise bei dem Hemineglect. Im Folgenden wird diese Aufmerksamkeitsstörung näher beschrieben: Was bedeutet sie genau, welche neurologische Basis liegt ihr zugrunde, welche Formen gibt es und wie lässt sich diese Störung diagnostizieren und behandeln?

Was ist das Hemineglect?

Eine der bekanntesten Aufmerksamkeitsstörungen ist das Hemineglect. Wie Mesualam 1981 beschrieb, verhalten sich Personen, die an der Aufmerksamkeitsstörung Hemineglect leiden so, als würde die gegenüberliegende Seite des halben Wahrnehmungsfeldes nicht existieren. Wenn sich der Gehirnschaden in der rechten Hemisphäre zugetragen hat, kann der Patient der linken Hälfte von dem was seine Augen sehen, keine Aufmerksamkeit schenken. Das Hemineglect tritt in der Regel nach einseitigen Gehirnläsionen auf, vor allem nach solchen in der rechten Hemisphäre. Diese Störung äußert sich konkret in der Unfähigkeit auf die Reize im kontraläsionären Raum zu reagieren, sich auf diese zu beziehen oder sich ihnen zuzuwenden. Bei einem Schaden in der rechten Hemisphäre hört die Umgebung auf der linken Seite des Patienten also sozusagen auf “zu existieren”.

Hemineglect und Aufmerksamkeit

Es gibt verschiedene Theorien, die alle gemeinsam haben, dass das Hemineglect nicht als ein einzelnes Defizit zu verstehen ist, sondern bei diesem verschiedene kognitive Bereiche beeinträchtigt sind.

Ein Versuch diese Aufmerksamkteisverzerrungen zu erklären erfolgt mithilfe der “Theorie der Abkupplung”, aufgrund der Auswirkungen bei der Aufmerksamkeitslenkung. Diese Verzerrung tritt vor allem dann auf, wenn Mechanismen involviert sind, die eine exogene Aufmerksamkeit implizieren. Die Reize die auf der ipsilateralen Seite präsentiert werden (also die, die rechts dargestellt werden, bei Läsion der rechten Hemisphäre) beeinflussten die Zeit, welche die Patienten mit Läsionen des rechten Parietallappens benötigen, um Stimuli auf der linken Seite wahrzunehmen.

Es lässt sich hervorheben, dass Betroffene des Hemineglects die gesamte Information in ihrer Umgeben wahrnehmen, das Problem liegt also nicht in der Wahrnehmung, sondern sich dieser bewusst zu werden. Es gibt eine Veränderung in der Aufmerksamkeitsverlagerung (die Fähigkeit diese von einem auf den nächsten Reiz zu wechseln). Der Patient empfängt ein sensorisch vollständiges und komplettes Bild, richtet sich aber nur auf eine der beiden Hälften.

Zusammenfassend bedeutet das, dass eine Person mit Hemineglect das bevorzugt, was von der unbeschädigten Gehirnhälfte kontrolliert wird.

Hemineglect und Aufmerksamkeit

Formen des Hemineglects

Im Folgenden werden die verschiedenen Formen dieser Störung genauer beschrieben:

  • aufmerksamkeitsbezogenes oder sensorisches Hemineglect: tritt auf, wenn die selektive Aufmerksamkeit nicht dazu in der Lage ist, die Aufmerksamkeit auf die externen Reize (extrakorporalen) oder die des eigenen Körpers (personal) zu verteilen. Es manifestiert sich durch die Schwierigkeit auf einen Reiz zu reagieren, der sich auf der gegenüberliegenden Seite der zerebralen Läsion befindet.
  • Hemiasomatognosie: auch als Anton-Babinski-Syndrom bekannt. Dieses Defizit ist auf den eigenen Körper bezogen. Es handelt sich also um das halbseitige Nichtwahrnehmen des eigenen Körpers. Dabei treten Symptome auf wie, sich nur auf einer Seite des Körpers zu rasieren, zu schminken oder zu kleiden.
  • intentionales Hemineglect oder motorisches Neglect: auch bekannt als Hemiakinesie. Hier besteht die Schwierigkeit die Aufmerksamkeit auf die Aktionen oder Intentionen des eigenen Körpers im Raum zu verteilen. Es kann auch zur Verlangsamung oder zum Fehlen von Bewegungen kommen, was einer Hemiparese (halbseitige Lähmung des Körpers) ähnelt.
  • Motorische Impersistenz: besteht aus der Unfähigkeit eine durch den Versuchsleiter vorgegebene Körperposition mehr als 10 Sekunden halten zu können.
  • Affektives Hemineglect: das Verhalten des Patienten ist so, als würde nichts Wichtiges passieren (Anosognosie oder Defizitsbewusstsein). In einigen Fällen weiß der Patient von seiner Hemiplegie, aber sie ist ihm egal (Anosodiaphorie), bei anderen ist die Störung stärker ausgeprägt und es besteht eine Abweisung und Misshandlung gegenüber einer Körperhälfte (Misoplegie).
  • repräsentatives Hemineglect: Ist die Vernachlässigung der Hälfte eines Objekts, einer Repräsentation, eines mentalen Bildes oder einer realen Situation.

Neurologische Basis des Hemineglects

In den allermeisten Fällen ist die Ursache des Hemineglects eine Läsion oder Schädigung in der rechten Hemisphäre des Gehirns.

Man geht davon aus, dass Ausfälle in der mittleren Gehirnschlagader, die in Zusammenhang mit dem Parietal- und Frontallappen steht, eine wichtige Rolle in der Symptomatologie dieser Patienten spielt.

Neuere Studien zeigen, dass der geschädigte Hirnbereich bei Patienten mit Hemineglect der mediale Gyros Temporalis superior ist, der sich auf der seitlichen Oberfläche des inferioren Parietallappen befindet und bei 50% der untersuchten Fälle beschädigt ist. Diese Hirnregion ist bei Personen mit bilateralen Schädigungen mit Defiziten in der Raumwahrnehmung assoziiert.

Die beim Hemineglect am meisten betroffenen Hirnregionen sind folgende:

  • Gyrus angularis: ist mit der Raumwahrnehmung und dem Erhalte der Aufmerksamkeit auf räumliche Anordnungen assoziiert.
  • Lobulus parietalis superior: an den Veränderungen der räumlichen Aufmerksamkeit beteiligt.
  • temporoparietaler Übergang: für die räumliche Neuorientierung und die Detektion ausgehender Reize verantwortlich. In den angrenzenden Arealen kann die Ursache für sekundäre Defizite liegen, die einige Patienten äußern, wie die Neuorientierung der Aufmerksamkeit oder der Detektion der Salienz eines Reizes.

Bewertung des Hemineglects

Die größte Schwierigkeit bei der Bewertung des Hemineglects besteht darin, dass es aufgrund der hohen Variabilität zwischen den Betroffenen, wenige Tests gibt, welche die Patienten auf vergleichende Weise bewerten können.

Die Paradeaufgabe zur Bewertung des Hemineglects ist die Reizentfernung. Der Patient muss einen Reiz in Mitten von Distraktoren finden. Typisch ist, dass es bei den Reizen zu Detektionsfehlern kommt, die im linken Blickfeld positioniert sind.

Der am meisten genutzte Test ist der BIT (Behavioral Inatention Test), der aus sechs verschiedenen Untertests besteht: Linien Durchstreichen, Buchstaben entfernen, Figuren abzeichnen, Sterne entfernen, Linien zweiteilen und repräsentative Zeichnungen.

Die Zweiteilung von Linien ist neben dem Durchstreichen eine der am häufigsten angewendeten Aufgaben. Dem Patienten werden horizontale Linien präsentiert, bei denen er den Mittelpunkt dieser markieren soll. Die Patienten tendieren dazu die Markierung viel weiter rechts zu setzen, als richtig wäre.

Ebenfalls werden Zeichenaufgaben mit den Patienten gemacht. Dabei müssen Figuren abgezeichnet oder spontan geometrische Figuren von der Mitte ausgehend gezeichnet werden. Es kommt in der Regel zur Verfälschung oder Auslassung von Teilen des Bildes.

Es hat sich gezeigt, dass die Patienten ohne visuelles Feedback, also wenn sie mit geschlossenen Augen zeichnen sollen, weniger Fehler machen und die Aufgabe besser durchführen.

Eine weitere typische Aufgabe ist der Uhrentest, bei dem die Ziffern in der richtigen Reihenfolge in eine Uhr eingetragen werden müssen, entweder geschieht dies aus dem Kopf (wie in dem Anfangsbild zu sehen) oder soll abgezeichnet werden.

Rehabilitierung des Hemineglects

Die Wiederherstellung bei Patienten mit Hemineglect ist wichtig, vor allem da erlernt werden kann die geschädigte Zone zu kompensieren.

Hierzu werden Suchaufgaben gestellt, die sich auf den Teil beziehen, dem keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Mit einigen Übungen steigt das Bewusstsein der Patienten und sie können Lernstrategien entwickeln, um eine systematischere Suche zu realisieren.

Eine weitere Technik ist die der Kompensation. Beispielsweise wird mit bunten Farben eine Linie auf der linken Seite gezeichnet, um sie darauf hinzuweisen dort anzufangen zu lesen. Es dient also der Erlangung ihrer Aufmerksamkeit.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass die effektivsten Techniken diejenigen sind, die das Visuelle Scanning fördern, beispielsweise die Suche nach Unterschieden, Bilder abzeichnen oder Lesen.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Sara Morales Alonso, Neuropsychologin bei CogniFit.

Der Hippocampus: das Tor zum Gedächtnis

Hippocampus. Ein bekanntes Gefühl: auf einmal hat man einen Blackout und weiß nicht mehr, was man eigentlich sagen wollte. Unser Gehirn ist voller wichtiger Informationen und Daten, die wir über die Jahre dort abspeichern. Ab und zu haben wir so viel Informationen zur Verfügung, dass unser Gehirn einige davon ignoriert oder löscht.

Der Gehirnteil, der für solch wichtige Prozesse wie dem Lernen und Gedächtnis verantwortlich ist, heißt Hippocampus. Ohne diese Gehirnstruktur wäre es unmöglich sich an Dinge zu erinnern und die assoziierten Gefühle der Erinnerungen zu spüren. Im Folgenden wird erklärt, wie er, obwohl er so klein ist, eine so große Rolle für uns spielt.

Der Hippocampus: eine grundlegende Struktur im Gehirn

Was ist der Hippocampus?

Er verdankt seinen Namen dem Anatom Giulio Cesare Aranzio, der diese Hirnstruktur im 16 Jahrhundert entdeckte, die in ihrer Form einem Seepferdchen ähnlich sieht. Der Name stammt aus dem Griechischen und wird aus dem Wörtern Hippos (Pferd) und Kampos (Seeungeheuer) zusammengesetzt.

Bei seiner Entdeckung wurde dieser Gehirnteil mit dem Geruchssinn assoziiert und man ging davon aus, dass seine Hauptfunktion die Verarbeitung olfaktorischer Reize ist. Diese Annahme wurde bis zum Jahre 1890 verteidigt. In diesem Jahr konnte Vladimir Béjterev zeigen, dass die wahre Funktion des Hippocampus mit dem Gedächtnis und den kognitiven Prozessen zusammenhängt.

Der Hippocampus ist einer der wichtigsten Gehirnteile, weil er sehr weitläufig mit den Funktionsweisen des Gedächtnis und den Emotionen verbunden ist. Es handelt sich um ein kleines Organ welches im Temporallappen zu finden ist, das mit verschieden Teilen des Kortex kommuniziert.

Der Hippocampus  ist erwiesenermaßen die Hauptstruktur des Gedächtnisses.

Es handelt sich um ein kleines längliches und kurviges Organ. Im inneren unseres Gehirns haben wir zwei Hippocampi, einen in jeder Hemisphäre (linken und rechten).

Wo befindet sich der Hippocampus?

Er hat eine gute Lage, in welcher er mit verschiedenen Regionen des Gehirns verbunden ist. Er befindet sich im medialen Temporallappen.

Zusammen mit anderen Gehirnstrukturen, wie der Amygdala und dem Hypothalamus formt er das limbische System, welches die primitiven physiologischen Reaktionen reguliert.

Sie gehören zu den “ältesten, tiefen und primitiven” Teilen des Gehirns, welche auch als Archicortex bekannt ist und die älteste menschliche Gehirnregion darstellt und vor Millionen von Jahren in unseren Vorfahren erschien, um deren grundlegende Bedürfnisse erfüllen zu können.

Der Hippocampus befindet sich im mittleren Temporallappen

Wozu dient der Hippocampus?

Zu seinen Hauptfunktionen zählen die Gedächtnisprozesse, die mit der Konsolidierung von Erinnerungen, Lernprozessen und räumlicher Orientierung zusammenhängen. Zentral ist auch die Regulation und Produktion von emotionalen ZuständenWie lernt das Gehirn?

Einige Untersuchungen sehen ebenfalls einen Zusammenhang dieser Hirnstruktur mit der Inhibition von Verhalten, welcher aber noch nicht endgültig bestätigt werden konnte, da diese Befunde relativ neu sind.

Hippocampus und Gedächtnis

Er ist vor allem mit dem emotionalen Gedächtnis und dem deklarativen Gedächtnis verbunden.

Er erlaubt es uns Gesichter zu erkennen, Dinge zu beschreiben und positive oder negative Gefühle mit den Erinnerungen von erlebten Ereignissen in Zusammenhang zu bringen.

Der Hippocampus greift sowohl bei der Bildung von episodischen und autobiografischen Erinnerungen ein. Als Basis dienen die Erfahrungen, die wir erleben. Um all die Informationen über Jahre hinweg abzuspeichern benötigt unser Gehirn “Platz”. Aus diesem Grund überträgt der Hippocampus temporäre Erinnerungen an andere Gehirnbereiche, wo diese im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden.

Wenn der Hippocampus beschädigt wird, verliert sich die Fähigkeit zu lernen und Informationen im Gedächtnis zu behalten. Neben der Übertragung der Informationen ins Langzeitgedächtnis, verbindet der Hippocampus die Gedächtnisinhalte mit den positiven oder negativen Bewertungen. Dies geschieht in Abhängigkeit davon ob die Erinnerungen mit guten oder schlechten Erfahrungen assoziiert sind.

Es gibt viele verschiedene Gedächtnisformen: das semantische Gedächtnis, das episodische Gedächtnis, das prozedurale Gedächtnis, das implizite Gedächtnis, das deklarative Gedächtnis… Im Falle des Hippocampus ist er konkret für das deklarativen Gedächtnis (umfasst unsere persönlichen Erfahrungen und Wissen über die Welt) zuständig und verwaltet die Inhalte, die verbal ausgedrückt werden können. Die verschiedenen Gedächtnisformen werden nicht nur vom Hippocampus beherrscht, sondern sind ebenfalls mit anderen Hirnregionen verbunden. Der Hippocampus ist nicht für alle mit Gedächtnisverlust assoziierten Prozesse verantwortlich, umfasst aber einen großen Teil davon.

Hippocampus und Lernen

Diese Gehirnstruktur ermöglicht das Lernen und das Behalten von Information, da es sich um eine der wenigen Gehirnregion handelt, in welcher Neurogenese das gesamte Leben lang stattfindet. Der Hippocampus besitzt die Fähigkeit, neue Neuronen zu produzieren und neue Verbindungen zwischen ihnen herzustellen – das ganze Leben lang.

Damit die neuen Informationen im Gedächtnis gefestigt (konsolidiert) werden können, müssen neue Verbindungen zwischen Neuronen entstehen. Aus diesem Grund spielt diese Gehirnstruktur eine entscheidende Rolle in Lernprozessen.

Kuriosität: Stimmt es, dass der Hippocampus von Taxifahrern in London größer beziehungsweise besser entwickelt ist? Weshalb? Taxifahrer in London müssen für ihre Lizenz eine schwierige Prüfung bestehen, bei der sie 25.000 Straßen und 20.000 Sehenswürdigkeiten auswendig kennen müssen. Im Jahre 2000 führten Maguire et al. eine Studie mit Londoner Taxifahrer durch. Es zeigte sich, dass ihr posteriorer Hippocampus vergrößert war. Dabei war die Größe des Hippocampus direkt proportional zu der Anzahl von Jahren, welche die Teilnehmer bereits als Taxifahrer arbeiteten. Das lässt sich darauf zurückführen, dass der Trainingseffekt, das Lernen und die Erfahrung das Gehirn verändern und modellieren.

Räumliche Orientierung und der Zusammenhang mit dem Hippocampus

Eine weitere wichtige Funktion, bei welcher diese Hirnstruktur eine Rolle spielt, ist die räumliche Orientierung.

Die räumliche Orientierung hilft uns, unseren Körper in einem dreidimensionalen Raum zu koordinieren. Dadurch können wir uns bewegen und mit der Welt um uns herum in Verbindung treten.

Unterschiedliche Studien mit Nagetieren haben gezeigt, dass der Hippocampus ein Gehirnareal ist, das von lebenswichtiger Bedeutung für die Orientierung und das räumliche Gedächtnis ist. Dank seiner korrekten Funktionsweise sind wir in der Lage uns an verschiedene Orte zu bewegen oder uns in Städten zurecht zu finden, die wir nicht kennen… Allerdings sind die Informationen in Bezug auf Befunde mit Menschen sehr limitiert. Hierzu muss weiter geforscht werden.

Was passiert, wenn sich der Hippocampus verändert?

Eine Läsion des Hippocampus kann zu Problemen führen, neue Gedächtnisinhalte zu generieren. Eine Läsion kann zu einer Amnesie führen, bei der die spezifischen Erinnerungen betroffen sind, jedoch das Erlernen von Fertigkeiten und Kapazitäten intakt bleibt.

Läsionen im Hippocampus können anterograde oder retrograde Amnesien auslösen . Diese beziehen sich auf die Erstellung oder dem Abruf von deklarativen Erinnerungen. Das non-deklarative Gedächtnis bleibt in diesen Fällen entsprechend unbeeinträchtigt und ohne Läsionen. Eine Person mit hippocampalen Schädigungen kann danach also beispielsweise lernen Fahrrad zu fahren, sich aber nicht daran erinnern jemals ein Fahrrad gesehen zu haben. Das bedeutet, Fähigkeiten sind weiterhin erlernbar, die betroffene Person wird sich jedoch nicht an den Prozess des Lernens erinnern können.

Die anterograde Amnesie ist ein Gedächtnisverlust, der sich auf Begebenheiten nach der Läsion bezieht. Es können also keine neuen Erinnerungen generiert werden. Im Gegensatz dazu können bei der retrograden Amnesie Dinge vor der Läsion nicht mehr erinnert werden.

An diesem Punkt stellt sich die Frage, wieso der Hippocampus geschädigt ist, wenn Amnesien auftreten. Das ist einfach: dieser Teil des Gehirns agiert wie eine Eingangstor zu den zerebralen Mustern. Diese speichern einen Teil der Ereignisse, bis diese in den Frontallappen übergehen.  Er spielt eine Schlüsselfunktion bei der Gedächtniskonsolidierung, in dem er die Gedächtnisinhalte von dem Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis überträgt. Wenn dieses “Tor” beschädigt ist und dadurch eine Abspeicherung der Informationen nicht möglich ist, können keine langfristigen Erinnerungen generiert oder abgerufen werden.

Neben dem Verlust der Fähigkeit Dinge zu erinnern, kann es auch passieren, dass es bei Schädigungen des Hippocampus zum Verlust der Fähigkeit kommt, die Emotionen zu verspüren, die mit den Erinnerungen assoziiert sind. Das bedeutet, dass man unfähig ist, die Erinnerungen mit den dazugehörigen Emotionen in Verbindung zu bringen.

Wieso entstehen Schäden im Hippocampus?

Die Großzahl der Veränderungen, die in diesem Hirnareal auftreten können sind Konsequenzen des Älterwerdens und der neurodegenerativen Erkrankungen, Stress, Schlaganfällen, Epilepsie, Aneurysmen, Enzephalitis, Schizophrenie….

Alterungsprozess und Demenzen

Beim Alterungsprozess allgemein und bei Demenzen wie der Alzheimer-Krankheit im speziellen ist der Hippocampus eine der Hirnregionen, die als erste betroffen ist. Neue Erinnerungen zu generieren oder relativ neue biografische Erinnerungen abzurufen ist schwierig, da sich diese Fähigkeit beeinträchtigt sieht. Die Gedächtnisprobleme sind in diesem Fall mit dem Tod der Neuronen im Hippocampus assoziiert. Wie kann man der Demenz entgegenwirken?

Die Mehrheit von uns kennt irgendeine Person, die an einer Form von Demenz leidet oder gelitten hat und bei der es zu Gedächtnisverlust gekommen ist. Dabei ist es interessant, dass die Erinnerungen, die bei diesen Menschen am ehesten erhalten bleiben, jene aus der Kindheit oder der Jugend sind. Wie kann das sein, wenn der Hippocampus beschädigt ist?

Selbst wenn diese Gehirnstruktur stark beschädigt ist (aufgrund von Demenz oder einer anderen Krankheit), sind die Erinnerungen die vorherrschen, die Ältesten und Relevantesten aus dem Leben der Person. Das hängt damit zusammen, dass sich diese Erinnerungen im Laufe der Zeit “unabhängig” vom Hippocampus gemacht haben. Sie werden Teil anderer Strukturen, die mit dem Langzeitgedächtnis assoziiert sind.

Hippocampus und Stress

Diese Hirnregion ist gegenüber Episoden von Stress sehr empfindlich, da der Stress die Neuronen im Hippocampus inhibiert und verkümmern lässt.

Vielleicht ist es schon einmal aufgefallen: Wenn wir sehr gestresst sind und tausend Dinge zutun haben, verspüren wir Gedächtnisprobleme.

Stress und insbesondere Cortisol (ein Hormon, das bei Stress ausgeschüttet wird) schädigt die Gehirnstrukturen, was zum Tod von Neuronen führen kann. Dieses Phänomen kann auch bei der posttraumatischen Belastungsstörung eine Rolle spielen. In Alltagssituation ist es wichtig zu lernen, die Ruhe zu bewahren und unsere Emotionen zu verwalten, um zu gewährleisten, dass unser Hippocampus stark und leistungsfähig bleibt.

Weiteres…

Wen das Thema interessiert: im Film “Momento” leidet der Protagonist an einer anterograden Amnesie, gegen die er während des Films ankämpft, um das was ihm widerfährt nicht zu vergessen.

Bei Fragen oder Anregungen kann gerne die Kommentarfunktion genutzt werden.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Mairena Vázquez, Psychologin bei CogniFit.

Was ist Aberglaube? Die Psychologie hinter abergläubischem Verhalten

Horoskope, schwarze Katzen, kaputte Spiegel, auf Holz klopfen, vierblättrige Kleeblätter… Der Aberglaube umgibt uns und beeinflusst bei vielen Menschen den Alltag. Aber wieso sind wir abergläubisch? Im folgenden Artikel beschreiben wir was Aberglaube ist und welche psychologischen Mechanismen abergläubischem Verhalten zugrunde liegen.

Aberglaube: vierblättrige Kleeblätter bringen Glück

Bist du eine abergläubische Person? Die meisten von uns sind es zumindest teilweise, die einen mehr, die anderen weniger. Abergläubische Verhaltensweisen finden sich überall. Jede Kultur hat dabei seine eigenen. In China bringt beispielsweise nächtliches Fingernagelschneiden Unglück, da dadurch Geister angezogen werden sollen. Neben der Kultur kann jede Person ihren eigenen Aberglauben entwickeln, der auf den eigenen Erfahrungen basiert.

Unter Symbolen, die Glück bringen sollen, also für positiven Aberglauben stehen, ist Folgendes bekannt:

  • Vierblättrige Kleeblätter; auf Hochzeiten etwas Neues, Altes, Ausgeliehenes und etwas Blaues zu tragen; auf Holz zu klopfen; die Daumen zu drücken; Geldstücke in einen Brunnen zu werfen; sich bei einer herausgefallenen Wimper, einer Sternschnuppe oder beim Ausblasen von Geburtstagskerzen etwas zu wünschen…

Pech bringt dagegen:

  • ein schwarzer Kater; unter einer Leiter durchzugehen; einen Spiegel kaputt zu machen; Freitag der 13; einen Regenschirm innerhalb eines geschlossenen Raumes zu öffnen…

Was ist Aberglaube?

Aberglaube ist der Glaube, dass ein Ereignis (Ereignis 1) auf irgendeine Art und Weise ein anderes Ereignis (Ereignis 2) beeinflusst, ohne dass diese bewiesenermaßen miteinander in Verbindung stehen. Im Folgenden einige Beispiele von Aberglaube:

  • Wir können beispielsweise überzeugt davon sein, dass wir durch das Tragen unseres Glückspullovers (Ereignis 1) einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit haben, dass ein romantisches Date erfolgreich verlaufen wird (Ereignis 2).
  • Oder wir glauben, dass durch das Ausblasen der Kerzen am Geburtstag (Ereignis 1) unser Wunsch in Erfüllung geht (Ereignis 2).
  • Ebenfalls können wir davon überzeugt sein, dass ein vierblättriges Kleeblatt in unserem Geldbeutel (Ereignis 1) uns vor dem Eintreten einer schlimmen Situation schützt (Ereignis 2).
Sich beim Kerzen ausblasen etwas zu wünschen ist ein abergläubisches Ritual

Wie entsteht Aberglaube? Die Theorie von Skinner: Operante Konditionierung

Dem Aberglaube liegt ein sehr bedeutendes psychologisches Phänomen zugrunde, das sich operante Konditionierung nennt und erstmals von B.F. Skinner untersucht wurde.

Skinner führte ein Experiment mit Tauben durch. Während ein paar Minuten am Tag wurde in regelmäßigen Abständen in ihrem Käfig automatisch Futter ausgegeben. Was sich dann beobachten ließ war folgendes: Die Tauben entwickelten einen Aberglauben, weil sie glaubten, dass sie selbst durch ein bestimmtes Verhalten den Mechanismus der Futterausgabe aktivierten. Nach Studienende waren dreiviertel der Tauben abergläubisch.

Wie konnte das passieren? Wieso entwickelten Skinners Tauben Aberglaube? 

In dem Moment in welchem das Essen ausgegeben wurde, zeigten die Tauben irgendein Verhalten, beispielsweise bewegten sie zufälligerweise den Kopf oder ähnliches. Durch das Erscheinen des Essens wurde dieses Verhalten verstärkt. Auf diese Art und Weise entstand eine Verbindung zwischen beiden Ereignissen (dem Essen und der Kopfbewegung). Das ließ die Tauben glauben, dass die Kopfbewegung der Grund dafür war, dass das Essen erschien. Die Tauben bewegten also weiterhin den Kopf, in dem Glauben, dass daraufhin Essen erscheinen würde.

Das gleiche Phänomen lässt sich beim Menschen beobachten. Wenn ein romantisches Date gut lief und wir dabei unseren Lieblingspullover trugen, kann es dazu kommen, dass wir schlussfolgern, dass der Pullover der Grund für das erfolgreiche Date gewesen sei. Das führt dazu, dass wir in diesen Situationen den Pullover zukünftig öfter tragen, damit das Date positiv verläuft.

Es gibt noch ein weiteres Phänomen, welches den Aberglauben unterstützt. Der sogenannte Bestätigungsfehler (confirmation bias). Aufgrund dieser Wahrnehmungsverzerrung tendieren wir dazu, den Dingen Beachtung zu schenken, die unsere Theorie oder unseren Aberglauben unterstützen und gegenteilige Erfahrungen eher zu ignorieren. Auf diese Weise “vergessen” wir die Male bei denen eine schwarze Katze an uns vorbeigelaufen ist und nichts passiert ist und erinnern die Male bei denen uns danach etwas Schlechtes widerfahren ist.

Das trägt zum Erhalt des Aberglaubens bei.

Wieso sind wir abergläubisch?

Laut einer Studie der Universität von Kansas gibt es drei Gründe weswegen Menschen Aberglaube entwickeln:

  •       Um Kontrolle über unsichere Situationen zu gewinnen (beziehungsweise zu glauben, die Kontrolle zu haben).
  •       Um Gefühle der Machtlosigkeit zu reduzieren.
  •    Weil es einfacher ist abergläubisches Verhalten zu zeigen, anstatt Konfrontrationstechniken zu erlernen und anzuwenden.

Wie sind abergläubische Personen?

Diesen Wissenschaftlern zufolge ist es wahrscheinlicher, dass Leute abergläubisch sind, die an ein Schicksal glauben und dass dieses die Kontrolle über sie hat.

Der Aberglaube zeigt sich häufiger bei Personen mit einer externalen Kontrollüberzeugung. Diese Menschen attribuieren den Grund für Ereignisse auf externe Ursachen (andere Personen, die Situation).

Personen mit einer internalen Kontrollüberzeugung sind im Vergleich weniger häufig abergläubisch. Sie gehen davon aus, dass sie selbst verantwortlich für das sind, was passiert.

Frauen tendieren häufiger zu Aberglaube als Männer. Das könnte auf die traditionelle kulturelle Rolle der Frau zurückzuführen sein. Traditionell gesehen waren Frauen auf den Haushalt beschränkt und standen in Abhängigkeit ihrer Ehemänner. Die fehlende Autonomie eigene Entscheidungen treffen zu können führt dazu, dass Frauen eine Art Kontrollverlust über ihr eigenes Leben verspüren.

Eine schwarze Katze bringt Unglück – heißt es im Volksmund.

Probleme von Aberglaube

In den meisten Fällen ist der Aberglaube harmlos, er kann sogar dazu beitragen bestimmte Ängste unter Kontrolle zu bringen. Nichtsdestotrotz kann der Aberglaube, ab einer bestimmten Intensität zu Vorurteilen führen

  • Aberglaube kann dazu führen, dass wir von einem Objekt abhängig werden, wie einem Amulett oder einem ähnlichen Glücksbringer. Wenn wir dieses vergessen oder verlieren, kann das zu immenser Angst führen.
  • Wenn man daran gewöhnt ist dieses Objekt bei wichtigen Terminen bei sich zu tragen, wie einem Vorstellungsgespräch oder einer Prüfung, es dann aber einmal nicht mitnehmen zu können, kann das zu deutlichen Leistungseinbußen führen. Diese sind lassen sich darauf zurückzuführen, dass geglaubt wird, ohne den Glücksbringer nicht mehr in der Lage sein zu können, die Situation zu bewältigen.
  • Aberglaube kann auch dazu führen, dass man glaubt, sogenannte Pseudo-Therapien und Pseudowissenschaften würden funktionieren, wenn sie es in Realität nicht tun. Das ist beispielsweise bei der Homöopathie oder der Bachblüten-Therapie der Fall. Problematisch werden diese Therapien, wenn Leute mit ernst zu nehmenden Krankheiten eine schulmedizinische Therapie ablehnen und nur Pseudotherapien machen. Dabei riskieren sie ihre Gesundheit und in vielen Fällen auch ihr Leben.

Wie verhindert man abergläubisches Verhalten?

Laut dem Wissenschaftler Donald Saucier gibt es Dinge, die man tun kann, um abergläubisches Verhalten zu unterbinden.

1- Ergreife die Kontrolle in deinem Leben

Um abergläubisches Verhalten zu unterbinden, sollte man aufhören an Unglück oder Pech zu glauben und versuchen die Kontrolle über die Dinge zu gewinnen, die man tut und annehmen, die Situation selbst unter Kontrolle zu haben. Manchmal nutzt man Sätze wie “ich habe halt immer Pech” als Entschuldigung für das, was im eigenen Leben passiert. Selbstverständlich kann man nicht auf alle Aspekte des Lebens direkten Einfluss nehmen, es ist aber hilfreich sich auf das zu konzentrieren was man beeinflussen und verändern kann, um schwierige Situationen zu vermeiden.

2- Entscheide dich und sei proaktiv

Entscheidungsunfreudige Personen haben mehr Probleme mit ihren Entscheidungen und neigen häufiger zu abergläubische Annahmen. Proaktive und entscheidungsfreudige Personen ergreifen im Gegensatz dazu die Initiative und sind in der Regel weniger abergläubisch. Durch aktives Handeln hat man sein Glück selbst in der Hand, nicht mithilfe von Ritualen und Glücksbringern.

3- Kontrolliere deine Ängste auf andere Art

Löse dich von deinen abergläubischen Verhalten und Ritualen. Wenn die Tatsache, dass du nicht dein Glücks-T-Shirt oder deinen Glücks-Kugelschreiber bei dir hast, dich nervös macht, probiere Entspannungstechniken oder Achtsamkeitsübungen aus, um deine Angst zu kontrollieren.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Andrea García Cerdán, Psychologin bei CogniFit.

Die Posttraumatische Belastungsstörung und das Gedächtnis

Wie Traumata unsere Erinnerung löschen: „Es war das schlimmste Ereignis meines Lebens – und ich habe es vergessen.“ Einige Personen, die schreckliche Situationen erlebt haben, können sich an diese oft nicht mehr genau erinnern – dies liegt nicht nur Verdrängung zugrunde. Das Erleben eines traumatischen Ereignisses und eine darauf folgende posttraumatische Belastungsstörung löst heftige Stressreaktionen in unserem Körper aus, die sogar so weitreichende Folgen haben können, dass sie unser Gedächtnis verändern.

Eine Posttraumatische Belastungsstörung hat weitreichende Folgen für das Gehirn

Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung?

Eine posttraumatische Belastungsstörung (kurz: PTBS) entsteht, wie der Name bereits nahelegt, nach dem Erleben oder Beobachten eines extrem traumatischen Ereignisses. Dieses Ereignis wird von den Betroffenen in der Regel als lebensbedrohlich wahrgenommen und geht oft mit schweren Verletzungen einher. Solche traumatischen Ereignisse können beispielsweise Krieg, Naturkatastrophen, schwere Unfälle, Geiselnahmen oder Missbrauch sein.

Man unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Ursachen und somit Typen der posttraumatischen Belastungsstörung:

  • Typ I: einmalige, eher kurzfristige Ereignisse (z.B. Unfall, Vergewaltigung, Naturkatastrophe
  • Typ II: wiederholte, länger andauernde Stressoren (z.B. körperliche und sexuelle Misshandlungen, Krieg, Gefangenschaft

Bei einer rein akuten posttraumatischen Belastungsstörung halten die Symptome in der Regel weniger als 3 Monate an. Danach nehmen sie aus eigener Kraft oder mithilfe von Therapie ab.

Halten die Symptome jedoch länger an, kann sich eine chronische PTBS entwickeln, welche wesentlich schwieriger zu bewältigen ist.
In einigen Fällen tritt die Posttraumatische Belastungsstörung nicht unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis ein, sondern folgt später mit verzögertem Beginn; so können Monate oder auch Jahre vergehen, bis ein Ereignis oder eine Situation, die der ursprünglichen traumatischen Situation ähnelt, den Betroffenen an das Trauma erinnert und eine heftige Reaktion auslöst.

Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung

Vermeidungsverhalten bei einer posttraumatischen Belastungsstörung

Nach dem Erleben und Überleben der traumatischen Situation versuchen die Betroffenen in der Regel, sich den neuen Umständen ihres Lebens anzupassen, und entwickeln hierzu Strategien wie dissoziatives Abspalten vom Geschehen oder emotionales Abstumpfen, um ihren Schmerz zu vermindern. Durch diese teilweise vollkommene Unterdrückung von Emotionen und Schmerz kann es zu einer tiefgreifenden Veränderung der gesamten Persönlichkeit der Person kommen, die nur noch darauf bedacht ist, ihre Emotionen zu unterdrücken und somit ihre gesamte Energie darauf ausrichtet.

Betroffene zeigen daher oft ein stark vermindertes Interesse an Alltagsaktivitäten und berichten von einem Gefühl der Entfremdung vom Leben, an dem sie kaum noch bewusst teilnehmen. Mit diesem emotionalen Abstumpfen geht oft eine eingeschränkte Affektbandbreite wie zum Beispiel die Unfähigkeit, zärtliche Gefühle zu empfinden und zu zeigen, einher. Viele Betroffene verlieren und vermeiden daher soziale Kontakte und werden einsam.

Verdrängung und posttraumatische Belastungsstörung

Die Bewältigung und Verarbeitung des traumatischen Ereignisses wird dabei häufig über viele Jahre hinweg durch wiederkehrende und stark belastende Erinnerungen an das Ereignis, Halluzinationen, Alpträume oder Flashbacks erschwert.

Um diese quälenden Erinnerungen zu umgehen entwickeln viele Betroffene ein geradezu phobisches Vermeidungsverhalten, um allen Hinweisreizen, die die Erinnerung an das Geschehene wieder wecken könnten, auszuweichen. Dieses Vermeidungsverhalten kann das gesamte alltägliche Leben der Person einschränken und belastet ihre Beziehungen zu Familie und Freunden stark.
Sollte eine Person, die unter der PTBS leidet, trotzdem einer Situation begegnen, die sie an das belastende Ereignis erinnert, so kann es zu heftigen psychischen Belastungen und körperlichen Reaktionen wie beispielsweise Panikattacken kommen.

Körperliche und emotionale Symptome der PTBS

Weitere körperliche Reaktionen, die oft mit einer Belastungsstörung einhergehen, sind Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, und ein ständiger Zustand der Aktivierung und Erregung, welcher zu teilweise übertrieben starken Schreckreaktionen führen kann.

Viele Patienten, die ein traumatisches Ereignis überstanden haben, berichten von teilweise qualvollen Schuldgefühlen, zum Beispiel da sie überlebt haben und andere Menschen nicht. Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und ein ständiges Gefühl der Bedrohung sind weitere Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, die teilweise in selbstschädigendem Verhalten enden können.

Posttraumatische Belastungsstörung: Diagnose

Um eine posttraumatische Belastungsstörung sicher diagnostizieren zu können muss die beschriebene Symptomatik länger als einen Monat andauern, da diese sich nach einem traumatischen Ereignis oft innerhalb eines Monats zurückbildet.
Wenn einige der Symptome wie Vermeidung, Empfindungslosigkeit oder erhöhte Angst schon vor dem traumatischen Ereignis auffällig waren, sind die Kriterien für eine PTBS ebenfalls nicht erfüllt; es kann eventuell eine andere affektive Störung oder Angststörung vorliegen.

Die soziale Unterstützung durch Familie und Freunde, positive und stärkende Erfahrungen sowie verschiedene Persönlichkeitsmerkmale der Betroffen, wie zum Beispiel ihre Belastbarkeit und Nervenstärke, können die Entstehung und auch die Dauer einer Belastungsstörung sowohl positiv als auch negativ beeinflussen.

Die Posttraumatische Belastungsstörung und das Gedächtnis

Wie zuvor bereits erläutert sind Vermeidungsverhalten und das Verdrängen von Gedanken an das Ereignis verschiedene Möglichkeiten für Betroffene, mit dem traumatischen Ereignis umzugehen. Während manche Personen, die eine solche Situation überstanden haben, von Flashbacks und Erinnerungen geradezu gejagt werden, berichten andere jedoch von einer schwammigen oder teilweise völlig fehlenden Erinnerung an das Ereignis selbst; sie können sich an die Situation kaum noch zurückerinnern.
Um zu verstehen, wie dieser Gedächtnisverlust zustande kommt, ist es wichtig, einen Blick auf unser Gehirn und Hormonsystem zu werfen und zu untersuchen, wie der Körper auf solche belastenden Ereignisse reagiert.

Die Rolle des Hippocampus bei PTBS

Der Hippocampus ist eine Struktur, die sich relativ mittig im Temporallappen (auch Schläfenlappen genannt) des Gehirns befindet; jeder von uns hat zwei von ihnen – in jeder Gehirnhälfte einen. Gemeinsam mit einigen anderen Strukturen bildet er das sogenannte limbische System, welches unter anderem eine große Rolle bei Emotionen spielt.
Der Hippocampus selbst hat viele verschiedene Aufgaben, besonders wichtig ist er allerdings für das Gedächtnis. Durch seine weiten Verbindungen zu vielen anderen Bereichen des Gehirns erhält er diverse Informationen, die hier vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übertragen werden. Unsere Erinnerungen werden zwar nicht nur im Hippocampus, sondern auch in diversen anderen Bereichen des Gehirns gespeichert, wie zum Beispiel in der Großhirnrinde, aber der Hippocampus ist enorm wichtig, um diese Erinnerungen zu speichern und wieder aufzurufen.

Posttraumatische Belastungsstörung – die Lage des Hippocampus im Gehirn.

Posttraumatische Belastungsstörung: Das Hormonsystem

Durch ein traumatisches Ereignis und die darauffolgenden Belastungen wie Angst und Trauer stehen Betroffene oft unter starkem, langanhaltendem Stress.
Dieser Stress führt zu einer vermehrten Aktivierung des menschlichen Hormonsystems und einige Hormone werden in großen Mengen produziert – unter anderem das Stresshormon Cortisol. Bei der Posttraumatischen Belastungsstörung spielt dieses Hormon dementsprechend eine wichtige Rolle.

Die sogenannte HPA – Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) ist eine Verbindung zwischen verschiedenen Strukturen unseres Körpers, die vor allem bei Stress aktiviert wird.
Der Hypothalamus, eine Struktur im Gehirn, die zur Steuerung unseres Körpers und enorm wichtig ist, wird bei starkem Stress aktiviert und sendet seine Botenstoffe in den Körper. Diese Botenstoffe aktivieren weitere Bereiche im Körper, unter anderem die Nebennierenrinde.
Die Nebenniere ist eine hormonproduzierende Drüse, die bei uns Menschen auf den eigentlichen Nieren aufsitzt und verschiedene Hormone produziert, unter anderem Cortisol.

Cortisol ist in der Medizin allgemein als Entzündungshemmer bekannt und wird dafür oft vom Arzt verschrieben. Dies liegt daran, dass Cortisol vor allem die Eigenschaft hat, Stoffwechselvorgänge zu aktivieren, die zum Abbau von bestimmten Stoffen in unserem Körper führen.

Das Gedächtnis unter Stress – Was passiert bei einer posttraumatischen Belastungsstörung?

Der Hippocampus hat viele Bindungsstellen für dieses Cortisol. Wird also durch den Stress, der mit einer posttraumatischen Belastungsstörung einhergeht, viel Cortisol im Körper ausgeschüttet, so gelangt auch viel davon in den Hippocampus – wo durch die übergroße Menge an Cortisol die Nervenzellen absterben indem sie abgebaut werden.
Der dauerhaft hohe Cortisolspiegel verhindert dabei ebenfalls die Neubildung von Nervenzellen, sodass das Volumen des Hippocampus um bis zu über 20% reduziert werden kann.

Berichtet also eine Person, die ein traumatisches Ereignis erlebt hat, davon, dass sie sich an dieses Ereignis nicht erinnern kann, hängt dies nicht nur mit der bewussten Verdrängung der Situation zusammen, sondern gibt es tatsächlich eine neuronale Erklärung für diesen Gedächtnisverlust im Gehirn.
Durch die Zerstörung von Nervenzellen im Hippocampus wird es dem Gehirn unmöglich gemacht oder zumindest erschwert, auf das Gedächtnis zuzugreifen und die Erinnerungen hervorzuholen.
Untersuchungen von Soldaten haben beispielsweise gezeigt, dass die Größe ihrer Hippocampi abgenommen hat, je länger sie im Einsatz waren und je mehr traumatische Ereignisse und Stress sie somit erlebt haben.

Posttraumatische Belastungsstörung: Vergessen oder Flashbacks – wem passiert was?

Die aktuelle Forschung liefert viele verschiedene Berichte zu posttraumatischen Belastungsstörungen, mit teilweise völlig entgegengesetzten Ausgängen. Während einige Personen von Alpträumen und qualvollen Flashbacks heimgesucht werden, erinnern sich andere kaum an das Ereignis – was bleibt ist jedoch die Angst und Panik und der innere Druck, ähnlichen Situationen aus dem Weg zu gehen.

Doch wie entscheidet sich genau, wie eine Belastungsstörung verläuft?

Es gibt verschiedene individuelle Risiko – und Schutzfaktoren, die den Umgang mit einem traumatischen Ereignis erleichtern oder erschweren können.
Viele Faktoren wie das Geschlecht oder die kognitive Verarbeitungskapazität wurden untersucht, aber auch Merkmale des Ereignisses selbst, zum Beispiel Intoxikation, die Art des Ereignisses, emotionale und physiologische Reaktionen auf das Geschehen sowie der Umgang mit dem entstandenen Trauma (soziale Unterstützung, Persönlichkeitsmerkmale).
Keiner dieser untersuchten Faktoren konnte jedoch eine ausreichende und eindeutige Erklärung liefern für die Unterschiede, die bei der Entstehung einer posttraumatischen Belastungsstörung vorliegen. Es scheint eine Mischung aus verschiedenen Faktoren der Person und der Situation zu sein, die bestimmt, wie verschiedene Menschen auf ein traumatisches Ereignis reagieren.

Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung

Gut zu wissen ist jedoch, dass die posttraumatische Belastungsstörung trotz all ihrer Unterschiede zu den gut therapierbaren Störungen zählt. Viele verschiedene Therapieformen schlagen gut an, unter anderem die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie, bei der es vor allem um die Konfrontation der belastenden Erinnerung und eine strukturierte Veränderung der damit einhergehenden schädigenden Verhaltensweisen geht.

Zunächst ist es bei der Behandlungs einer akuten posttraumatischen Belastungsstörung jedoch wichtig, bei den Betroffenen das Gefühl von Schutz und Sicherheit wiederherzustellen und die erste, unmittelbare Schockreaktion zu überwinden. Erst danach kann gemeinsam mit dem Therapeut an Copingstrategien gearbeitet werden, um potenzielle Flashbacks und Angstzustände zu reduzieren und ein Zurückkehren zum Leben vor dem Traumata zu ermöglichen.

Vor allem aber auch ein unterstützendes soziales Umfeld ist enorm wichtig für das erfolgreiche Überwinden der Belastungsstörung und kann Betroffenen dabei helfen, ihr Trauma zu überwinden und ihr Leben wieder ohne Angst und Stress zu gestalten.