Burnout: was tun? Bekämpfe es mit diesen Tipps zur Selbsthilfe

Burnout: Was tun? Das Burnout-Syndrom ist in unserer heutigen Gesellschaft eine der Störungen mit der höchsten Prävalenz. In sehr vielen verschiedenen Arbeitsbereichen leiden Menschen darunter, außerdem scheint es immer mehr Leute zu geben, die davon betroffen sind. In diesem Artikel nennt die Neuropsychologin Cristina Martínez wichtige Tipps und Strategien, was man bei Burnout tun kann. 

Es steht fest, dass es sich nicht einfach vermeiden lässt, an dieser Störung zu erkranken. Denn im Prinzip ist jeder anfällig dafür ein potentielles Opfer des Burnout-Syndroms zu werden. Fast jeder muss arbeiten, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Einige haben dabei mehr Glück als andere was die Arbeitsbedingungen angeht. Für wen ein möglicher Arbeitswechsel keine Option ist, der findet im Folgenden hilfreiche Tipps und Ratschläge, um gegen Burnout zu kämpfen und Symptome wie das Ausgebranntsein so gut wie möglich zu vermeiden.

Burnout. Was kann man dagegen unternehmen?

Was ist Burnout?

Das Burnout-Syndrom ist eine affektive Störung mit schwerwiegenden Folgen für die psychische und körperliche Gesundheit. Sie zeichnet sich durch eine körperliche, mentale und emotionale Erschöpfung aus. Schritt für Schritt geht das Interesse an den Aufgaben und Verantwortungen bei der Arbeit verloren, wodurch es zu Veränderungen im Verhalten kommt. Die Verhaltensveränderung ist einer der Hauptfaktoren, an denen sich Burnout erkennen lässt.

Paradoxerweise trifft diese Störung häufiger bei Menschen auf, die aus ihrer Leidenschaft einen Beruf gemacht haben und mit Menschen zusammenarbeiten. Beispielsweise sind häufig Ärzte, Krankenpfleger, Sozialarbeiter, Psychologen und Lehrkräfte betroffen.

Weshalb ist das so? Eine der größten Risikofaktoren ein Burnout-Syndrom zu entwickeln ist, die Differenz zwischen der eigenen Erwartungshaltung und der realen Arbeitsleistung.

Burnout: in der modernen Arbeitswelt eine der häufigsten Gründe für Krankschreibungen

Das Burnout-Syndrom ist neben Mobbing und der Depression der Hauptgrund für Krankschreibungen und betrifft häufig Menschen unter 35 Jahren in ihrer ersten Arbeitserfahrung. Leider nehmen viele Leute die Niederlage ihrer Ideale hin, entfremden sich von ihrer Arbeit und entwickeln allmählich das Burnout-Syndrom.

Burnout: was tun? Symptome des Syndroms

Schwierigkeiten beim morgendlichen Aufstehen, das Gefühl der Erschöpfung und einfach nicht genug Schlaf zu bekommen sind die ersten Alarmsignale.

Gefühle wie Frustration, den Eindruck zu haben nicht effizient zu sein, zu scheitern oder hilflos und kraftlos zu sein sind weit verbreitet. Lange Zeit unter dem Burnout-Syndrom zu leiden kann schwerwiegende Folgen haben und kann zu Angststörungen, Depressionen oder sogar Suizid führen.

Körperlich kommt es zu Veränderungen des Schlafverhaltens, es können Verdauungsprobleme auftreten, es kann zu Herzrasen kommen oder Schwierigkeiten beim Einschlafen oder Durchschlafen entstehen. Wenn sich diese Symptome über einen längeren Zeitraum erstrecken, können dadurch Kopfschmerzen auftreten, die Leistungsfähigkeit sinkt und die Betroffenen tendieren dazu sich sozial zu isolieren und weniger zu kommunizieren.

Diese Symptome können den Missbrauch von Medikamenten, Drogen oder Alkohol zur Folge haben. Dadurch versuchen Betroffene sich von ihren Anspannungen und ihrem Überdruss zu befreien, was jedoch wenig effizient ist.

Sollte man diese Symptome verspüren, ist es ratsam sich professionell beraten zu lassen. Wie bei allen anderen Störungen, lässt sich das Burnout am besten bekämpfen, wenn die Symptome noch nicht zu schwerwiegend oder gar chronisch sind. Die Dinge früh in Angriff zu nehmen garantiert bessere Erfolge.

“Wie bei der Mehrzahl der Störungen, fördern Unwissenheit und Abstreiten die hohe Epidemiologie”

Burnout: was tun? Test zur Detektion des Burnout-Syndroms. Ich fühle mich ausgebrannt durch die Arbeit….

Das Maslach-Inventory untersucht die drei Konstrukte des Burnout-Syndroms: Emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung und die reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit. Dabei muss den Aussagen auf einer Skala von 0 bis 6 zugestimmt werden (0= niemals, 6= immer). Es ist wichtig dabei ehrlich zu antworten:

  1. Ich fühle mich durch meine Arbeit emotional erschöpft.
  2. Ich fühle mich am Ende eines Arbeitstages verbraucht.
  3. Ich fühle mich bereits ermüdet, wenn ich morgens aufstehe und einen neuen Arbeitstag vor mir liegen sehe.
  4. Ich kann es leicht verstehen, wie andere Menschen über bestimmte Themen denken.
  5. Ich habe das Gefühl, einige andere Menschen so zu behandeln, als wären sie Objekte.
  6. Den ganzen Tag mit Menschen zu arbeiten, strengt mich an.
  7. Ich gehe erfolgreich mit den Problemen anderer Menschen um.
  8. Ich fühle mich durch meine Arbeit ausgebrannt.
  9. Ich habe das Gefühl, durch meine Arbeit das Leben anderer Menschen zu beeinflussen.
  10. Ich bin Menschen gegenüber abgestumpfter geworden, seit ich diese Arbeit ausübe.
  11. Ich befürchte, dass mich meine Arbeit weniger mitfühlend macht.
  12. Ich fühle mich sehr energiegeladen.
  13. Ich fühle mich durch meine Arbeit frustriert.
  14. Ich habe das Gefühl, in meinem Beruf zu hart zu arbeiten.
  15. Es interessiert mich nicht wirklich, was mit anderen Menschen geschieht.
  16. Bei der Arbeit in direktem Kontakt zu Menschen zu stehen, stresst mich zu sehr.
  17. Mir fällt es leicht, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen.
  18. Ich fühle mich angeregt, wenn ich eng mit anderen Menschen zusammengearbeitet habe.
  19. Ich habe viele lohnende Ziele bei meiner Arbeit erreicht.
  20. Ich habe das Gefühl, am Ende meiner Weisheit zu sein.
  21. Bei meiner Arbeit gehe ich mit emotionalen Problemen gelassen um.
  22. Ich habe das Gefühl, dass mir manche Menschen bzw. deren Angehörige für manche ihrer Probleme die Schuld geben.

Im Anschluss werden die Punkte zusammengezählt. Die Werte der Items  4,7,9,12, 17,18,19 und 21 müssen dabei umgekehrt werden (0->6, 1->5, 2->4, 3->4, etc.). Punktwerte über 33 sind ein Zeichen dafür, dass ein Burnout-Syndrom vorliegen könnte. Betroffen sollten sich professionelle Hilfe suchen, um weiteres in einer Diagnose abklären zu können.

  1. Skala Emotionale Erschöpfung: Bewertung des persönlichen Erschöpfungserlebens.
  • –          Items: 1,2,3,6,8,13,14,16,20
  • –          Maximale Punktzahl: 54
  1. Despersonalisierungsskala: Spiegelt die Einstellung zur Arbeit wider, inwieweit man sich von dieser distanziert,
  • –        Items: 5,10,11,15,22
  • –       Maximale Punktzahl: 30
  1. Skala persönliche Leistungsfähigkeit: Selbsterlebte Selbstwirksamkeit.
  • –          Items: 4, 7, 9, 12, 17, 18, 19, 21
  • –         Maximale Punktzahl: 48
Burnout: Bewältigungsstrategien

Burnout: was tun? Tipps zur Bekämpfung des Burnout-Syndroms

Die Prävention bei dieser Störung ist fundamental. Für eine Bewältigung des Burnout-Syndroms sollte immer ein Spezialist aufgesucht werden. Diese Tipps können ergänzend eine Hilfe während der Therapie sein, oder bei der Prävention helfen:

Burnout: was tun? – Eine selbstbewusste Haltung entwickeln 

Mithilfe von Selbstbehauptungstechniken können effiziente Strategien erlernt werden, um sich nicht mit Arbeit zu überladen, keine Verantwortung für etwas zu übernehmen, was man nicht zu verantworten hat und das wichtigste: Nein sagen zu können, ohne sich schuldig zu fühlen.

Durchsetzungsfähige Kommunikationstrategien zu entwickeln, erleichtert den Umgang mit Kollegen und dem Chef, da so die eigenen Ansichten und Meinungen auf konstruktive Art kommuniziert werden können.

Burnout: was tun? – Anpassung der Erwartungen an den Job

Aufgepasst, das soll nicht bedeuten, dass man sich von seinen persönlichen Zielen oder Vorstellungen verabschieden soll. Es geht lediglich darum, diese neu zu bewerten und sich fragen, ob diese für einen persönlich richtig ausgerichtet sind und ob sie in dem professionellen Umfeld beziehungsweise im eigenen Arbeitsumfeld verwirklichbar sind.

Einen Punkt in der Mitte zu finden, der sich an die Realität anpasst, ohne dabei die eigenen Ziele zu vernachlässigen ist das Ziel. Es kann auch als persönliche Herausforderung und als neuen Lerneffekt gesehen werden, mit solch einer Situation umzugehen.

Burnout: was tun? – Veränderung der Verteilung zwischen Arbeit, Schlaf und Freizeit

Um das Burnout-Syndrom zu vermeiden ist es wichtig, dass das Leben sich nicht nur um die Arbeit dreht. Man sollte sich täglich die Zeit nehmen etwas zutun, das einem wirklich Spaß macht, also einem Hobby oder einer anderen Leidenschaft nachgehen. Ebenso sollte man geregelte Schlafenszeiten einhalten und so einen angepassten Arbeit-Freizeit-Schlaf-Rhythmus entwickeln und der Routine anpassen.

Ebenso sollte man seine persönlichen Kontakte pflegen und dabei abschalten, das heißt nicht von der Arbeit sprechen. Man sollte sich darauf konzentrieren einfach die Gesellschaft  zu genießen.

Burnout: was tun? – Entspannungsübungen praktizieren

Entspannungsübungen helfen die Stress- und Angstsymptome, die mit dem Burnout-Syndrom assoziiert sind, zu bekämpfen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, man kann beispielsweise entspannende Musik hören, Atemübungen machen, malen, lesen, spazieren gehen…

Eine bekannte und empfehlenswerte Praktik ist es Achtsamkeitübungen (engl. Mindfulness) durchzuführen, diese haben sich bei Störungen wie der Depression als wirksam erwiesen.

Burnout:was tun? Entspannungsübungen können helfen

Burnout: was tun? – : Halte dein Gehirn fit

Seine eigenen kognitiven Fähigkeiten zu kennen und einschätzen zu können, kann sehr hilfreich sein, um zu wissen in welchen Bereichen man seine Stärken hat und wie man diese für seine Arbeit nutzen kann. CogniFit bietet die Möglichkeit eine Vielzahl an kognitiven Fähigkeiten zu messen und anschließend zu trainieren. Durch das gezielte personalisierte Training können Defizite ausgeglichen werden, was bei der Bewältigung des Alltags und den Anforderungen auf der Arbeit für Erleichterung sorgt.

Burnout: was tun? – : Spiel Lotto

Dieser letzte Tipp ist selbstverständlich nicht ernst gemeint. Es besteht eine hohe Gefahr der Abhängigkeit bei Glücksspielen. Das letzte was wir wollen, ist dass jemand in diesen Teufelskreis gerät. Arbeite und strenge dich an, aber frustriere dich nicht. Wenn dir etwas nicht gefällt, versuche es zu verbessern. Vielleicht kann eine der Ratschläge dabei helfen über den eigenen Schatten zu springen.

Und Du? Lebst Du, um zu arbeiten oder arbeitest Du, um zu leben?

 

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Cristina Martínez de Toda, Psychologin bei CogniFit.

Emotionaler Missbrauch: Wie erkennt man ihn und was sollte man tun?

Obwohl er nicht so offensichtlich ist wie die körperliche Misshandlung, kann emotionaler Missbrauch große Schäden anrichten, die oftmals genauso schlimm oder sogar noch schlimmer sind. Emotionaler Missbrauch wirkt sich auf die Gefühle, Gedanken und das Gefühl der Kontrolle über das eigene Leben aus. Psychische Gewalt kann dazu führen, dass man sich in seiner Umgebung, sogar zuhause, unsicher fühlt. Emotionaler Missbrauch kann Beziehungen oder Freundschaften und sogar die Beziehung zu sich selbst zerstören. In diesem Artikel wird erklärt, was emotionaler Missbrauch ist, wie dieser verhindert werden kann und wie man sich von ihm befreien kann. 

Emotionaler Missbrauch hinterlässt unsichtbare Wunden

Emotionaler Missbrauch ist meistens schwieriger zu erkennen als körperlicher Missbrauch. Körperliche Gewalt wird in den meisten Fällen von psychischer Gewalt begleitet. Sowohl die Opfer als auch die misshandelnde Person können eine Weile brauchen, bis sie bemerken was passiert, da es keine äußerlich sichtbaren Wunden gibt. Selbstverständlich gibt es aber Anzeichen, die helfen können psychische Gewalt und emotionalen Missbrauch zu erkennen.

In jeder Altersklasse und jeder Art von Beziehung kann es zu emotionalem Missbrauch kommen. Hervorzuheben sind Partnerschaften, aber auch in Freundschaften, auf der Arbeit (hier bekannt als Mobbing), zwischen Eltern und Kindern und in jeglicher Familienkonstellation kann es zu psychischer Gewalt kommen. Es sind sowohl Frauen als auch Männer betroffen und auch bei älteren Menschen kommt dies vor.

Emotionaler Missbrauch in der Kindheit kann schwerwiegende Folgen haben und stellt ein hohes Risiko für die psychische Entwicklung des Kindes dar. In Fällen von kindlichem emotionalem Missbrauch sollte immer und sofort professionelle Hilfe gesucht werden.

Was ist emotionaler Missbrauch?

Emotionaler Missbrauch zeichnet sich durch ein regelmäßiges Muster verbaler Angriffe, konstanter Kritik, Manipulation und weiteren ähnlichen Verhaltensweisen aus. Hierbei herrscht immer ein Ungleichgewicht zwischen Täter und Opfer.  Der Täter ist in einer übergeordneten Position und verfügt über mehr Macht.

Im folgenden Video erklärt Kati Morton die fünf Anzeichen, mit denen sich emotionaler Missbrauch erkennen lässt. (Im Video lassen sich Untertitel aktivieren).

Um einen Fall von emotionalem Missbrauch zu erkennen, sind die folgenden Aspekte von Bedeutung. So verhält sich jemand Dir gegenüber, der psychische Gewalt ausübt:

Erniedrigung, Kritik

  • Lacht in der Anwesenheit anderer über dich, oder macht sich über dich lustig.
  • Verspottet dich, beschimpft dich und nutzt Sarkasmus um dich zu erniedrigen.
  • Wenn du dich beschwerst, sagt er/sie dir, dass es “ein Witz war” und beschuldigt dich, dass du zu sensibel bist.
  • Sagt dir, dass deine Meinung und Gefühle falsch sind.
  • Ignoriert deine Gefühle, Meinung, Gedanken und Vorschläge.

Dominanz, Kontrolle

  • Du fühlst, dass er/sie dich wie ein Kind behandelt.
  • Korrigiert dich die ganze Zeit, weil dein Verhalten “unangemessen” ist.
  • Du fühlst, dass du um Erlaubnis bitten musst, bevor du ausgehst oder eine kleine Entscheidung treffen kannst.
  • Kontrolliert deine Ausgaben
  • Behandelt dich, als wärst du schlechter als sie/er
  • Gibt dir das Gefühl, dass er/sie immer Recht hat
  • Erinnert dich ständig an deine Fehler
  • Verachtet deine Erfolge, Ziele, Pläne und sogar deine Person.
  • Seine/ihre Blicke und die Art mit dir zu sprechen sind missbilligend, herablassend und abwertend.

Anschuldigungen, Schuld

  • Wirft dir Dinge vor, bei denen du weißt, dass sie nicht stimmen.
  • Ist nicht in der Lage über sich selbst zu lachen.
  • Ist sehr sensibel, wenn jemand ihn/sie verspottet oder einen Kommentar über ihn/sie macht, welcher respektlos erscheinen kann.
  • Ist unfähig sich die eigenen Fehler einzugestehen oder sich zu entschuldigen.
  • Hat nie die Schuld an irgendwas. Die anderen sind Schuld, er/sie trägt nie Verantwortung.
  • Beschuldigt dich für seine/ihre Probleme oder die eigene Unglücklichkeit
  • Überschreitet deine Grenzen und respektiert deine Bitten nicht.

Isolierung und emotionale Distanzierung

  • Wird sauer oder entzieht dir seine/ihre Aufmerksamkeit und Zuneigung.
  • Nutzt als Strafe den Entzug von grundlegenden Bedürfnissen oder die Vernachlässigung und Nachlässigkeit (das passiert vor allem gegenüber Kindern).
  • Bemerkt nicht, oder interessiert sich nicht dafür, wie du dich fühlst.
  • Zeigt keine Empathie und fragt nichts über dich oder wie es dir geht.

Co-Abhängigkeit

  • Statt dich wie eine Person zu behandeln, behandelt er/sie dich, als wärst du Teil von ihm/ihr.
  • Schützt deine persönlichen Grenzen nicht. Gibt Informationen über dich Preis, zu denen du nicht deine Erlaubnis gegeben hast.
  • Respektiert deine Bitten nicht und macht das, was er/sie denkt, was das beste für dich ist.

Profil des Opfers

Es ist ganz wichtig hervorzuheben, dass ein Opfer emotionaler Misshandlung keinerlei Schuld daran trägt, misshandelt zu werden. Die Person hat sich das weder ausgesucht, noch genießt sie es abgewertet oder beschimpft zu werden.

Es ist jedoch der Fall, dass sich die Täter, wenn es Erwachsene sind, meistens Personen als Opfer aussucht, die bestimmte psychologische Eigenschaften haben. Sie nutzen die Leute aus, bei denen sie wissen, dass sie sich nicht wehren werden. Es gibt also eine Gruppe von Menschen, die anfälliger dafür ist, emotionalen Missbrauch zu erfahren. Es ist wichtig, dass wir das in uns selbst und den Personen in unserem Umfeld wahrnehmen, um uns und ihnen helfen zu können, eine mögliche Misshandlung zu erkennen, sich zu verteidigen und sie so zu vermeiden.

Die Personen haben oft einige der folgenden Eigenschaften:

  • Sie haben oft ein niedriges Selbstwertgefühl
  • Fühlen sich nicht in der Lage problematische Situationen zu bewältigen und haben eine geringe Selbstwirksamkeit.
  • Neigen dazu von anderen abzuhängen, um Entscheidungen zu treffen.
  • Sind häufig emotional abhängige Personen.
  • Haben oft einen passiven Kommunikationsstil.
  • Verteidigen ihre Rechte nicht und es fällt ihnen häufig schwer nein zu sagen.
  • Beschuldigen sich oft für die Probleme anderer.

Profil des Täters

Selten sind sich die misshandelnden Personen wirklich darüber bewusst, was sie tun. Sie sehen es als normal an, so mit anderen umzugehen. Sie haben keine gesunden Bewältigungsstrategien gelernt, sondern reagieren schnell aggressiv. Sie haben gelernt auf diese Weise die eigenen Unsicherheiten und Ängste zu kompensieren. Indem sie die anderen misshandeln haben sie das Gefühl der Kontrolle, ein Gefühl, dass sie in anderen Lebensbereichen wahrscheinlich nicht verspüren.

Sie fühlen sich selbst unsicher, und sind deshalb darauf angewiesen, dass ihr Opfer komplett von ihnen abhängt. Jeden Akt des “Protests” sehen sie als eine Bedrohung für ihre privilegierte Situation an.

  • Sind kontrollsüchtig, besitzergreifend und eifersüchtig.
  • Haben eine niedrige Frustrationstoleranz.
  • Beschuldigen andere für ihre Probleme.
  • Sind sich in der Regel nicht darüber bewusst, welchen Schaden sie anrichten, wenn sie sich aber darüber bewusst sind, ist es ihnen egal.
  • Haben wenig Empathie.
  • Können ihre Emotionen schlecht regulieren.
  • Können in verschiedenen Situationen sehr liebenswert und charmant sein.
  • Häufig haben diese Menschen eine Persönlichkeitsstörung. Beispielsweise eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung oder eine antisoziale Persönlichkeitsstörung.

Das sind Eigenschaften, welche die misshandelnde Person haben kann. Es ist aber wichtig hervorzuheben, dass alle Menschen unterschiedlich sind und deswegen die Profile der Menschen die emotional misshandeln, ebenso unterschiedlich sein können, wie die Personen selbst.

Folgen emotionalen Missbrauchs

Psychische Folgen 

  • Geringes Selbstwertgefühl
  • Schuldgefühle
  • Hilflosigkeit
  • Trauer
  • Reizbarkeit
  • Depressionen
  • Angst

Soziale Folgen

  • Soziale Isolierung
  • Verlust der Kontakte zu Freunden und Verwandten
  • Verlust der sozialen und ökonomischen Unabhängigkeit
  • Verringerte Leistung im akademischen Bereich und auf der Arbeit

Körperliche Folgen

körperliche Störungen, als Folge der Angst:

  • Schlafstörungen
  • Verdauungsprobleme und -beschwerden
  • Kopfschmerzen

Emotionaler Missbrauch: Was tun?

Was sollte ich tun, wenn ich denke, dass ich jemanden misshandle?

Es ist schwierig sein Verhalten zu ändern, das über Jahre hinweg ausgeübt wurde und die einzige bekannte Art ist, mit anderen Menschen zu interagieren. Es ist wichtig zu wissen, dass niemand sich von heute auf morgen ändert, sondern eine Veränderung ein langer Prozess ist. Das Beste ist es, sich psychologische Hilfe zu suchen. Ergänzend können auch die folgenden Ratschläge helfen:

  • Das allerwichtigste ist, zu erkennen was man gemacht hat und sich des angerichteten Schadens bewusst zu werden und als solchen anzuerkennen.
  • Versuche aufzuhören Ausreden zu nennen und andere zu beschuldigen.
  • Versuche den angerichteten Schaden wieder gut zu machen.
  • Trage die Verantwortung, für das was du getan hast. Egal wie schlecht es dir ergangen ist oder wie hart dein Leben war, man hat die Wahl jemanden emotional zu missbrauchen oder es nicht zu tun.
  • Entferne dich von der Person, die du missbrauchst zumindest so lange, bis ein Psychologe dir hilft, mit ihr auf gesunde Weise zu interagieren.

Was sollte ich tun, wenn ich denke, dass ich misshandelt werde? 

  • Sei dir darüber bewusst, dass sich die Täter nicht ändern werden, wenn sie keine professionelle Hilfe aufsuchen, auch wenn sie dir das immer wieder glaubhaft versichern.
  • Umgib dich mit dir nahe stehenden Personen. Baue den Kontakt zu deinen Freunden und Verwandten wieder auf, wenn die misshandelnde Person dich von ihnen entfernt hat.
  • Hör auf die Person zu verteidigen, zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Sie selbst ist für ihr Verhalten verantwortlich.
  • Entferne dich von der Person, die dich missbraucht. Brich den Kontakt ab. Diesen Schritt zu gehen ist vielleicht der schwierigste, aber er ist absolut notwendig. Eine schädliche Beziehung aufrechtzuerhalten führt zu nichts. Wenn du die Möglichkeit hast, spare Geld und suche dir einen eigenen Ort zum wohnen.
  • Suche psychologische Hilfe auf, um dein Selbstwertgefühl zu stärken und die Kontrolle über dein Leben zurückzugelangen.
  • Gib dir auf keinen Fall die Schuld für irgendetwas. Du hast keine Schuld dafür, dass er/sie dich misshandelt. Er/sie behandelt dich schlecht, weil er/sie nicht sich selbst schlecht behandeln kann, obwohl das eigentliche Problem in ihm/ihr liegt.

Emotionaler Missbrauch: Wie kann man ihn vorbeugen?

Emotionaler Missbrauch beziehungsweise psychische Gewalt ist eine Form der “Gehirnwäsche”, die Schritt für Schritt den Selbstwert und das Selbstvertrauen des Opfers zerstört. Dadurch kommt es zu emotionalen Narben und emotionalen Schmerzen und Leiden. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dagegen anzukämpfen und ihn zu verhindern. Es ist wichtig das eigene Selbstwertgefühl und das der eigenen Kinder zu pflegen. Die eigenen Sozialkompetenzen zu verbessern und Selbstbehauptungstechniken unseren Kindern schon von klein auf beizubringen, kann helfen emotionalen Missbrauch von vorne herein zu vermeiden.

 

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Andrea García Cerdán, Psychologin bei CogniFit.

Panikattacke: Symptome und Ursachen

“Ich kann nicht atmen”, “meine Füße und Hände werden taub”, “ich werde ohnmächtig”, “ich verliere die Kontrolle”, “mein Herz schlägt so schnell, dass ich einen Herzinfarkt bekommen werde”, “ich werde sterben”…. Hast Du schon einmal diese Gedanken und Gefühle gehabt? Oft wissen Personen, die eine Panikattacke erleiden nicht, was ihnen passiert. Im folgenden Artikel wird erklärt, was eine Panikattacke ist, welches ihre Symptome sind und welche Ursachen es für die Panikstörung gibt und wieso sie auftritt. 

Panikattacke

Was ist eine Panikattacke?

Panikattacken treten in der Regel unerwartet und ohne offensichtlichen Auslöser auf. Bei diesen Episoden empfindet die betroffene Person ein starkes Unwohlsein und unkontrollierbare Angst, wodurch es zu Verzweiflung kommen kann. Eine Panikattacke dauert in der Regel etwa 10 Minuten (diese Minuten erscheinen für die Betroffenen jedoch unendlich). Einige der Symptome können sich auf etwa 20 Minuten oder länger ausweiten.

Eine Panikattacke ist eine sehr starke Angstreaktion, bei der es zu einem Gefühl des kompletten Kontrollverlusts kommt. Es handelt sich um eine schreckliche und sehr unangenehme Erfahrung, bei welchen die Betroffenen teilweise davon überzeugt sind in diesem Moment zu sterben. Während einer Panikattacke kommt es zu starken körperlichen Symptomen: Das Atmen fällt schwer, Schwindel tritt auf, Betroffene zittern, schwitzen und verspüren einen Schmerz in der Brust, spannen ihre Muskulatur an und es kann zu Übelkeit kommen. Das Gefühl dieser Situation physisch nicht entkommen zu können, generiert eine extreme Angst in den Betroffenen, wodurch die erlebten Panik-Symptome noch stärker werden.

Eine Panikattacke kann in verschiedensten Situationen auftreten (auf der Straße, im Kino, beim Auto fahren, im Supermarkt, auf der Arbeit). Situationen die entsprechend vermieden werden, um auf jeden Fall zu verhindern, dass diese in uns eine neue Panikattacke auslösen. Das Vermeidungsverhalten, also das Handeln einzuschränken und bestimmte Situationen zu vermeiden, kann dazu führen, dass eine Agoraphobie entwickelt wird.

Das Gehirn besitzt die Fähigkeit eine Situation schnell wahrzunehmen und zu analysieren. Dabei werden wie bei einem Computer Ähnlichkeiten dieser Situation mit anderen gespeicherten “schon erlebten” Situationen gesucht. Wenn dabei ähnliche Erfahrungen gefunden werden, so wird gleich gehandelt.

Wie entsteht eine Panikattacke: die Ursachen

Einige Personen sind anfälliger dafür eine Panikattacke zu bekommen als andere. Von Grund auf ängstliche, um ihre Gesundheit besorgte oder nervöse Personen, haben eine größere Wahrscheinlichkeit, eine Panikattacke zu erleiden. Sie treten ebenso häufiger bei Frauen als bei Männern auf.

Die erste Panikattacke steht meistens mit einer psycholgischen Stressreaktion in Zusammenhang (viel Arbeit, ein wichtiger Termin der einen überfordert, Partnerschaftsprobleme, Prüfungsstress, etc.) und/ oder mit körperlichen Symptomen, die zuvor so nicht erlebt wurden und als unangenehm empfunden werden (niedriger Blutdruck, Unterzuckerung, Verdauungsprobleme, Hitzeschlag, etc.)

Der Auslöser einer Panikattacke ist meistens ein unangenehmes körperliches Gefühl (Angstsymptome). Dieses unangenehme körperliche Gefühl ist an sich weder negativ noch gefährlich. Wenn sich die Person jedoch erschrickt dieses zu verspüren (beispielsweise denkt, dass sie ohnmächtig wird oder eine Attacke erleidet), steigt die Angst, was dazu führt, dass der Organismus aktiviert wird und in den “Flight or Fight” (Fliehen oder Kämpfen) Zustand versetzt wird. Katastrophenartige Gedanken lösen die Alarmbereitschaft im Teufelskreis der Angst aus. Dadurch werden, ohne dass sich die Betroffenen darüber bewusst sind, körperliche Veränderungen hervorgerufen: der Adrenalinspiegel steigt, das Herz schlägt schneller, die Körpertemperatur wird höher, das Blut wird schneller durch die Adern gepumpt, etc… Ein Gefühl der extremen Gefahr überkommt die Betroffenen, das Alarmsystem wird aktiviert und dadurch lähmt der Teufelskreis der Angst die Person. Wie sich die Angstgefühle kontrollieren lassen, kann hier nachgelesen werden.

Es gibt drei verschiedene Ebenen, auf denen die Symptomen einer Panikattacke auftreten:

  • Kognitive Symptome einer Panikattacke: bezieht sich auf das, was wir “denken”. Konstante Besorgnis, generalisierte Angst, negative Gedanken, Gefühl der Derealisation, Schwierigkeit sich zu kontrollieren: Beispielsweise “und wenn genau das Thema in der Prüfung dran kommt, das ich nicht gelernt habe?” , “und wenn ich etwas gefragt werde und ins Stocken gerate?”…. etc.
  •  Physiologische Symptome einer Panikattacke: umfasst das, was in unserem Körper passiert: Herzrasen, Schweißausbrüche, Zittern, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Muskelanspannung, Hyperventilation,…
  • Verhaltenssymptome bei einer Panikattacke: Unruhe, Schlafstörungen, Vermeidungsverhalten, etc.

Aufrechterhaltung einer Panikattacke

Wer schon mal eine Panikattacke erlebt hat weiß, was auf ihn zukommt. Deshalb tendieren Betroffene dazu aus der Situation zu fliehen, indem sie beispielsweise den Raum verlassen, Beruhigungsmittel zu sich nehmen, Wasser trinken, etc.

Wer Unwohlsein verspürt und denkt, dass wie in vorherigen Situationen, die Konsequenz eine Panikattacke sein wird, versucht den Prozess zu unterbinden indem er flieht. Doch genau dieses Vermeidungsverhalten ist das, was den Prozess der Panikattacke aufrecht erhält. Beispielsweise: Erhöhter Puls – “ich sterbe” – der Puls steigt weiter→ es kommt zu einer Panikattacke.

Aufgrund der schlechten Erfahrung ergreifen viele Maßnahmen, um das zu vermeiden. Sie hören auf Kaffee zu trinken, Sport zu machen, um vermeintlich einer Angstattacke aus dem Weg zu gehen.

Durch die Unterbrechung diese Prozesses, verlieren die Personen die Möglichkeit zu überprüfen, dass die Angst, nachdem sie ansteigt und einige Zeit gleich bleibt, auch wieder abfällt.

Panikattacke Symptome

Die Angstattacken oder Panikattacken sind Teil der Angststörungen (Reaktion auf kognitiver, physiologischer und motorischer Ebene in bestimmten Situationen, die Unwohlsein auslösen und verschiedene Bereiche des Alltags der Person beeinträchtigen). Wenn sich diese Attacken wiederholen, kann von einer Panikstörung oder von einer Agopraphobie mit Panikattacken gesprochen werden.

ICD-10 Kriterien für eine Panikstörung:

Eine Panikstörung wird diagnostiziert, wenn Betroffene unter wiederholt auftretenden Panikattacken leiden, die weder auf eine spezifische Situation oder ein spezifisches Objekt bezogen sind und unvorhersehbar und spontan auftreten. Dabei treten die Paniksymptome in nicht gefährlichen und nicht lebensbedrohlichen Situationen auf.

Die Panikattacke selbst zeichnet sich durch folgende Kriterien aus: sie ist eine einzelne Episode intensiver Angst oder Unbehagen und beginnt abrupt. Sie erreicht ihr Maximum nach wenigen Minuten und dauert mindestens ein paar Minuten an. Es müssen mindestens vier der nachstehenden Symptome (davon mindestens ein vegetatives Symptom) in dieser Zeit auftreten:

  • Vegetative Symptome:
    • Schweißausbrüche
    • Herzklopfen, erhöhte Herzfrequenz, Palpitationen
    • Grob- oder feinschlägiger Tremor
    • Mundtrockenheit (nicht als Folge von Medikamenten oder Flüssigkeitsmangel)
  • Symptome in Abdomen oder Thorax:
    • Atembeschwerden
    • Thoraxmissempfindungen oder -schmerzen
    • Beklemmungsgefühl
    • Übelkeit (Nausea) oder abdominelle Missempfindungen
  • Psychische Symptome:
    • Gefühl von Unsicherheit, Schwäche, Schwindel oder Benommenheit
    • Angst davor verrückt zu werden oder auszuflippen, oder vor Kontrollverlust
    • Derealisation (Gefühl, dass Objekte unwirklich sind) oder Depersonalisation (Gefühl nicht man selbst oder nicht wirklich da zu sein)
    • Angst zu sterben
  • Allgemeinsymptome:
    • Taubheitsgefühl oder Gefühle des Kribbelns
    • Kälteschauer oder Hitzewallungen

die Symptome sind nicht die Folge einer körperlichen Störung und lassen sich nicht besser durch eine organische psychische Störung, affektive Störung, Schizophrenie oder somatoforme Störung erklären.

Panikattacke Schlussfolgerungen

  1. Eine Panikattacke zu vermeiden, führt nur zu mehr Leiden: Einige Personen konzentrieren ihr Leben darauf “gefährliche” Situationen zu vermeiden, durch welche eine Attacke ausgelöst werden kann. Dieses Verhalten ist hochgradig schädlich, da immer mehr Situationen oder Aktivitäten gemieden werden. Es ist wichtig zu lernen, die Ruhe zu bewahren und sich den Situationen nicht zu entziehen.
    2. Panikattacken entwickeln sich vor allem durch die Interpretation von dem was wir tun, fühlen oder denken. Bei jedem schlägt das Herz schneller, wenn er nervös ist, sich anstrengt, überrascht wird, etc… Doch wieso löst dieses Gefühl bei einigen Personen eine Panikattacke aus und bei anderen nicht? Das ist auf die Interpretation jedes einzelnen zurückzuführen. Wenn man davon ausgeht, dass der Stich in der Brust auf etwas Luft in der Speiseröhre zurückzuführen ist, ist es sehr viel weniger wahrscheinlich eine Panikattacke zu entwickeln, als wenn man davon ausgeht, dass dieses Gefühl nicht normal ist und das Anzeichen eines Herzinfarkts sein muss. 

Im Folgenden Video wird illustriert, wie eine erste Panikattacke ablaufen kann.

Bei Fragen oder Anregungen, kann gerne ein Kommentar hinterlassen werden.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Patricia Sanchez Seisdedos, Psychologin bei CogniFit.

Lerntheorien: Wie lernen wir eigentlich?

Ab dem ersten Tag unseres Lebens beginnen wir zu lernen. Gerade in den ersten Jahren machen wir fast täglich Fortschritte und erweitern unser Können. Doch wie funktioniert das Lernen eigentlich? Es gibt eine Vielzahl an Lerntheorien, welche die Lernvorgänge beschreiben und erklären. Im Folgenden Artikel findet sich eine Übersicht und Zusammenfassung bekannter Lerntheorien.

Lerntheorien: Wie lernen wir?

Definition Lernen

Der Begriff Lernen hat indogermanische Wurzeln, deren Bedeutung “Furche, Spur oder Bahn” ist. Bereits die Wortherkunft deutet also darauf hin, dass Lernen etwas damit zutun hat “Spuren zu hinterlassen”.

Lernen beschreibt den bewussten oder unbewussten Vorgang der Aneignung oder Änderung von kognitiven Strukturen oder Verhaltensweisen. Das Lernen ist also ein Prozess der Verhalten, Denken und Fühlen formt und den Erwerb von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten beschreibt.

Welche Lerntheorien gibt es?

Es gibt eine Vielzahl an Modellen und Hypothesen, die versuchen den Prozess des Lernens zu beschreiben. Bei den meisten dieser lerntheoretischen Ansätze wird eine einzelne, besondere Form des Lernens beschrieben und erklärt. Im Folgenden geben wir eine Übersicht über die klassischen Lerntheorien.

Klassische Lerntheorien:

Die klassischen Lerntheorien lassen sich in zwei Hauptzweige unterteilen:

  • Bei den behavioristischen Lerntheorien steht das beobachtbare Verhalten im Vordergrund des Lernprozesses, wobei die mentalen Prozesse im Gehirn nicht von Interesse sind.
  • Dem gegenüber stehen die kognitivistischen Lerntheorien, bei welchen die Kognitionen und Emotionen mit in das Modell des Lernprozesses eingebunden werden.

Im nächsten Abschnitt werden die bekanntesten Lerntheorien des Behaviorismus und Kognitivismus beispielhaft erklärt.

Behavioristische Lerntheorien

Bei diesen lerntheoretischen Ansätzen steht der Mensch, als Ergebnis seiner Umwelt, im Fokus. Es wird zunächst das beobachtet, was das lernende Wesen aufnimmt (einen Reiz) und anschließend die Antwort auf den Reiz in Form von Verhalten. Was dazwischen passiert, also wie der Reiz im Gehirn bearbeitet wird, ist nicht von Bedeutung.

Klassische Konditionierung

Die klassische Konditionierung, die von dem russischen Physiologen Iwan Pawlow begründet wurde, wird auch als Reiz(Stimuli)-Reaktion(Response)-Lernen bezeichnet. Diese Lerntheorie besagt, dass zwei Reize aneinander gekoppelt werden können.

Das Experiment von Iwan Pawlow

Pawlow führte sein Experiment mit Hunden durch. Dabei ließ Pawlow Hunden Essen bringen (US: unconditiones stimulus – Unbedingter Reiz: löst ohne Konditionierung eine Reaktion aus), wodurch diese beim Anblick und Geruch des Essens Speichel produzierten. (UR: unconditioned response – Angeborene Reaktion: wird durch den US ausgelöst). Dieser Reiz ist von Natur aus mit dieser Reaktion verbunden.

Nun wurde das Erklingen eines Glöckchen vor der Essensausgabe hinzugefügt (NS: neutral Stimulus, Neutraler Reiz: zieht keine spezifische Reaktion mit sich). Das Erklingen des Glöckchens löste zu Beginn des Experiments keine Reaktion bei den Hunden aus, sie nahmen das Erklingen der Glocke jedoch wahr. Pawlow wiederholte nun den Ablauf einige Male, zuerst ließ er die Glocke erklingen, dann folgte die Essensausgabe. Nach einiger Zeit begannen die Hunde bereits beim Erklingen der Glocke Speichel zu produzieren. Sie hatten also gelernt, dass auf die Glocke das Essen folgte. Aus dem neutralen Reiz wurde demnach ein bedingter Reiz (CS: conditioned Stimulus: ehemals neutraler Reiz löst durch mehrmalige Koppelung an den US eine Reaktion aus) auf den eine bedingte Reaktion folgte (CR: conditioned response: erlernte Reaktion).

Klein Albert: Das Experiment von J.B Watson

Kurze Zeit nach dem Experiment von Pawlow wurde die klassische Konditionierung erstmals am Menschen untersucht. Das Experiment wurde mit einem 9 Monate alten Jungen namens Albert durchgeführt. Albert wurden mehrere Tiere präsentiert (eine weiße Ratte, ein Kaninchen, ein Affe…) und seine Reaktion beobachtet. Albert zeigte keine Angst und keine besondere Reaktion auf diese Reize (NS). Daraufhin wurde Albert die weiße Ratte in Verbindung mit einem lauten Knall (US) präsentiert, woraufhin Albert sich erschrak und anfing zu weinen (UR). Jedes Mal wenn Albert nach der Ratte griff wurde der laute Knall ausgelöst. Nach dieser Konditionierungsphase wurde Albert die Ratte wieder, diesmal ohne Knallen, präsentiert. Albert begann beim bloßen Anblick der Ratte zu weinen und versuchte sich von ihr zu entfernen. Der vorher neutrale Reiz wurde also zu einem konditionierten Angstreiz (NS-> CS) und löste Furcht (CR) bei Albert aus. Im Anschluss fürchtete sich Albert nicht nur vor der Ratte, sondern vor ähnlichen weißen pelzigen Gegenständen. Die Forscher glaubten, dass sie eine generalisierte Angstreaktion bei dem kleinen Albert konditioniert hatten.

Beispiel Klassischer Konditionierung im Alltag: Beim Anblick einer Zitrone, zieht sich einem der Mund zusammen. Obwohl man nur an etwas Saures denkt oder es sieht, entsteht das Gefühl, etwas Saures zu sich zu nehmen

 

Was kann die klassische Konditionierung nicht erklären? Es kann mithilfe der klassischen Konditionierung nicht die Entstehung von neuen Verhaltensweisen erklärt werden. Ebenso wenig lassen sich Verhaltensänderungen erklären, die unabhängig von vorangehenden Bedingungen des Reizes sind.

Operante Konditionierung

wird auch als Lernen durch Belohnung oder Bestrafung bezeichnet. Bei dieser Lerntheorie werden Reiz-Reaktions-Muster aus zunächst spontanem Verhalten gebildet. Die Häufigkeit des Verhaltens wird durch eine anschließende positive oder negative Konsequenz nachhaltig verändert. Die operante Konditionierung stellt im Vergleich zur klassischen Konditionierung einen selektiven Lernprozess dar. Hierbei können das Verhalten oder Handlungen auf Dauer geändert werden.

Das Experiment von Skinner

Frederik Skinner sperrte jeweils zwei Ratten in seine sogenannte “Skinner-Box”. In dieser Box befand sich ein Hebel und ein Fressnapf. Für beide Ratten hatte der Hebel eine unterschiedliche Funktion. Für die erste Ratte wurde durch das Betätigen des Hebels Futter in den Fressnapf gelassen und die zweite Ratte erhielt durch betätigen des Hebels einen Stromschlag. Die erste Ratte betätigte regelmäßig den Hebel, während die zweite Ratte den Hebel nach anfänglichem Ausprobieren nicht wieder antastete.

Die Ratten hatten also gelernt, dass nach dem Betätigen des Hebels eine Reaktion folgte und wussten dadurch, welche Funktion der Hebel hat. Bei einer positiven Reaktion (Futter) wurde das zunächst spontane Verhalten des Betätigen des Hebels verstärkt, wobei es bei einer negativen Reaktion (Stromschlag) verringert, beziehungsweise unterbunden wurde. Skinner bezeichnet diesen Lerneffekt auch als “Lernen am Erfolg” oder als “Lernen durch Verstärkung”. Der bei der zweiten Ratte ausgelöste Effekt wird auch als bedingte Hemmung bezeichnet.

Kognitivistische Lerntheorien

Zentraler Punkt des Kognitivismus ist die individuelle Informationsverarbeitung der lernenden Person. Dazu gehören sowohl die Verarbeitungs- und Denkprozesse. Die kognitivistischen Lerntheorien nehmen an, dass das Lernen von Prozessen beeinflusst wird, die zwischen dem Reiz und der Reaktion stattfinden. Im Gegensatz zum Behaviorismus sind die mentalen Prozesse und innerpsychischen Vorgänge also von zentraler Bedeutung. Dem Lernenden kommt außerdem eine aktivere Rolle zu. Der Prozess der Imitation hängt stark mit den Spiegelneuronen zusammen.

Die Sozial-kognitive Lerntheorie (Modelllernen)

Die auch Lernen am Modell genannte Lerntheorie von Albert Bandura beschreibt Lernvorgänge, die auf der Verhaltensbeobachtung von Vorbildern (Modellen) beruhen. Bandura spezifiziert in seiner Theorie des Modell-Lernens zwei verschiedene Phasen und vier Prozesse:

1. Aneignungsphase (Kompetenz, Akquisition): 

  • Aufmerksamkeitsprozesse: Die lernende Person richtet ihre Aufmerksamkeit auf die für sie wichtigen Bestandteile des Verhaltens des Modells. Die Aufmerksamkeitsprozesse sind einerseits abhängig von Eigenschaften des Modells (ist es sympathisch? ist die Handlung deutlich? ist die Handlung erfolgreich?) und zudem von Eigenschaften des Beobachters (seinen Fertigkeiten, seinen Erwartungen und seinem Erregungsniveau)
  • Gedächtnisprozesse, Behalten: Die Information wird dabei vom Beobachter sowohl sensorisch als auch symbolisch kodiert. Um diese Information zu behalten wird sie entweder kognitiv oder aktional wiederholt. Die symbolische als auch die motorische Nachahmung des Gelernten ist förderlich für das Erinnern.

2. Ausführungsphase (Performanz)

  • motorische Reproduktionsprozesse: Die lernende Person erinnert sich an das beobachtete Verhalten und ahmt dabei ihr vorteilhaft erscheinende Verhaltensweisen nach. Wie gut die Nachahmung gelingt hängt von ihren Fähigkeiten ab. Die Einübung des Modellverhaltens erfolgt dabei auch durch Selbstbeobachtung und es erfolgen Korrekturen, die auch von Feedback aus der Umgebung abhängen.
  • Verstärkungs- und Motivationsprozesse: Ob ein Verhalten überhaupt beachtet und imitiert wird, hängt von der Motivation ab. Diese spielt sowohl in der Aneignungs- als auch Ausführungsphase eine Rolle. Nur wenn eine Person davon ausgeht, dass ihr ein Verhalten einen Vorteil bringt, wird sie das entsprechende Verhalten nachahmen. Die Motivation hängt also eng mit der Verstärkung des Verhaltens zusammen. Es lassen sich nach Bandura vier verschiedene Arten der Verstärkung unterscheiden:
    • Externe Verstärkung: Das Verhalten wird belohnt oder dadurch wird einer Bestrafung entgangen.
    • Stellvertretende Verstärkung: Das Modell wurde für sein Verhalten belohnt (Hatte Erfolg). Die beobachtende Person nimmt dies wahr.
    • Direkte Selbstverstärkung: Die beobachtende Person belohnt sich selbst.
    • Stellvertretende Selbstverstärkung: Das Modell belohnt sich selbst für sein Verhalten. Die beobachtende Person nimmt dies wahr.

Im Folgenden Video ist das bekannte Rocky-Experiment von Bandura mit einer Puppe, exemplarisch für das Erlernen von aggressivem Verhalten am Modell, zu sehen.

Lerntheorie: die kognitive Entwicklung nach Piaget

Die Grundlage Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung ist die Annahme zweier angeborener Tendenzen. Piaget geht davon aus, dass der Mensch sich an seine Umgebung anpasst (Adaptation). Um diese Anpassung zu erreichen kann entweder die Umwelt an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden (Assimilation) oder das eigene Verhalten an die Umwelt (Akkomodation). Die zweite Tendenz ist die zur Organisation, also die Einordnung des eigenen Verhaltens in kohärente Systeme. Der Mensch kann also zwei Verhaltensweisen integrieren. Ein Baby kann zunächst ein Objekt angucken oder nach ihm greifen, später kann es diese beiden Prozesse in einen integrieren und beides gleichzeitig ausführen. Menschen streben laut Piaget durch Adaptation und Assimilation ein Gleichgewicht an. Durch die grundlegenden Tendenzen schreitet nach Piagets Theorie die kindliche Entwicklung in Stufen voran. Die Theorie von Piaget kann hier im Detail nachgelesen werden.

Weitere Lerntheorien:

Neben den Lerntheorien des Behaviorismus und des Kognitivismus gibt es weitere lerntheoretische Ansätze, die sich vor allem im pädagogischen Rahmen wiederfinden. Von diesen sind vor allem die beiden folgenden Lerntheorien hervorzuheben:

Instruktionistische Lerntheorie:

Beim Instruktionalismus wird die lernende Person dazu aufgefordert etwas zu tun. Der Person wird Wissen vermittelt, was passiv aufgenommen wird. Das Wissen wird entsprechend durch Üben vertieft. Dabei wird häufig auf Methoden wie “Vormachen, Erklären, Nachmachen, Üben” zurückgegriffen. Die instruktionistische Lerntheorie folgt den Modellen des Behaviorismus. Auf einen bestimmten Reiz folgt eine bestimmte Reaktion. Die Vorteile an dieser Art des Lernens ist die Einfachheit des Prozesses. Es muss kaum Eigenverantwortung getragen werden, der Lernprozess ist vorgegeben und gut kontrollierbar, wovon gerade im akademischen Bereich sehr profitiert wird. Nachteilig an diesem Lernmodell ist, dass individuelle Erfahrungen, Stärken und Vorwissen kaum berücksichtigt werden. Das erlernte Wissen ist also sehr wenig individuell, wodurch es schlechter erinnert werden kann.

Konstruktivistische Lerntheorie:

Beim Konstruktivismus wird das menschliche Lernen als etwas gesehen, das bestimmten Konstruktionsprozessen unterworfen ist. Dabei beeinflussen soziale, neuronale, kognitive und Wahrnehmungs- Prozesse die Konstruktionsprozesse. Die lernende Person erschafft sich von der Welt eine individuelle Repräsentation. Der Lernprozess hängt also, im Gegensatz zum Lernmodell des Instruktionalismus, stark von der lernenden Person und ihren bisherigen Erfahrungen ab. Im Sinne des Konstruktivismus ist Lernen dann am effektivsten, wenn die Lernenden den Lernprozess selbst steuern können.

Konstruktivistische Lerntheorien: Die Lehrkraft berät den Lernprozess

Lerntheorien in der Pädagogik: Anwendung im Unterricht

Das Schulsystem wurde lange Zeit von instruktionistischen Verfahren dominiert. Doch seit Ende des 20. Jahrhunderts finden in Deutschland pädagogische Umstrukturierungen statt, bei welchen konstruktivistische Verfahren in allen Schulfächern und in jedem Schultyp implementiert werden. Der Konstruktivismus plädiert vor allem für Unterrichtsformen in denen die Lehrkraft nicht als bloße Wissensvermittlung dient, sondern vielmehr den Lernprozess berät. Dabei verändert sich die Aufgabe der Lehrkraft dahingehend, dass sich diese, im Vergleich zum Frontalunterricht, eher im Hintergrund hält. Die Lehrkraft soll Lehrangebote und Wissensquellen schaffen, beziehungsweise bereitstellen und den Lernprozess beobachten und unterstützen. Die Schüler lernen durch diese offenen Unterrichtssituationen das selbst konstruierte Wissen zu festigen und vor allem auch zu abstrahieren.

Lernen durch Lehren

Eine sehr bekannte konstruktivistisch Methode, die sich in Deutschland an großer Beliebtheit erfreut und daher redlich Anwendung findet, ist das Lernen durch Lehren. Bei dieser handlungsorientierten Unterrichtsmethode lernen die Schüler indem sie sich den Stoff gegenseitig vermitteln. Hierbei wird der Unterricht so strukturiert, dass sich das Wissen kollektiv konstruiert. Neben dem reinen Wissenserwerb werden durch diese Lernform auch die Empathie und das Miteinander gestärkt.

Umgang mit individuellen Stärken und Schwächen oder Lernschwierigkeiten im Unterricht

Obwohl konstruktivistische Lernverfahren das Lernen im Allgemeinen erleichtern, gibt es verschiedene Lernbehinderungen, durch welche die akademische Leistung einzelner Schüler beeinträchtigt werden kann. Dabei können beispielsweise gerade bei Kindern mit Legasthenie oder Dyskalkulie große Schwierigkeiten auftreten, wenn diese nicht individuell gefördert werden. CogniFit bietet spezielle kognitive Bewertungs- und Stimulationsprogramme an, von denen diese Kinder profitieren können. CogniFit bietet außerdem die Möglichkeit für Schulen und Lehrkräfte die kognitiven Fähigkeiten ihrer Schulklassen zu bewerten und speziell zu trainieren. Als Lehrkraft die Stärken und Schwächen der eigenen Schüler einschätzen zu können, kann helfen auf Grundlage des Konstruktivismus individuelle Lernerfahrungen für die Schüler zu schaffen.

Facebook = Face-Boost? Wie stark wirkt sich unser virtuelles auf unser echtes Sozialleben aus?

Facebook = Face-Boost? Welchen Einfluss haben die Interaktionen mit unseren Freunden bei Facebook auf unser echtes Sozialleben?

Die meisten von uns können spontan mindestens drei gute Gründe für die Nutzung von Facebook nennen:

Mit alten SchulfreundInnen und Urlaubsbekanntschaften in Kontakt bleiben, aktuelle Themen und witzige Videos mit den FreundInnen teilen usw. Und auch der Begriff „Jäger und Sammler“ hat dank Facebook eine neue Bedeutung bekommen. 1.000 FreundInnen und mehr ist heute keine Seltenheit. Doch wie stark wirkt sich unser virtuelles Sozialleben auf unser echtes aus? Und welche Rolle spielen dabei die Quantität und Qualität der FreundInnen? Diesen Fragen sind Wissenschaftler aus Innsbruck nachgegangen.

Sozialleben? Facebook gehört bei vielen längst zum Alltag

Das Aufrechterhalten von Freundschaften und der regelmäßige Austausch mit FreundInnen sind zwei schlagkräftige Gründe für das beliebte soziale Netzwerk. Dies gilt vor allem bei den jungen Facebook-NutzerInnen. Und von ihnen gibt es reichlich: 55% der Internet-UserInnen sind es- um genau zu sein. Facebook gehört bei vielen längst zum Alltag. Aber neben den positiven Interaktionseffekten mit den Facebook-FreundInnen werden auch verstärkt Erfahrungen der Isolation und Zurückweisung gemacht. Erfahrungen, wie das „unfrienden“ rufen negative Emotionen hervor, die sogar an den grundlegenden Bedürfnissen wie Zugehörigkeit, Anerkennung, Kontrolle und einem positiven Selbstbild rütteln können.

„Wir haben online so viele Freunde, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen“

So formulierte es die Welt Kompakt einmal sehr treffend. Ihr Ziel dabei war es, den Fokus weg von den quantitativ hohen und frei zugänglichen Medien im Internet und hin auf die Qualität gedruckter Printmedien zu lenken. Auch in der psychologischen Forschung wurde darauf hingewiesen, dass es nicht allein die Anzahl der FreundInnen in den sozialen Netzwerken ist, die das Selbstbild boostet. Eine Forschungsgruppe der Universität Innsbruck hat diese Erkenntnis nun aufgegriffen. Außerdem hat sie sie um die Annahme erweitert, dass vor allem die Qualität, also die Aufgeschlossenheit im Antwortverhalten der FreundInnen, positiv zur Bedürfnisbefriedigung beiträgt.

ForscherInnen untersuchen die Auswirkungen der Facebook-Nutzung auf das Gefühl von Zugehörigkeit und das Selbstwertgefühl

Hierfür wurden zwei Versuche durchgeführt. Die erste Studie untersuchte dabei, ob es einen Unterschied in der Bedürfnisbefriedigung zwischen der Quantität und der Qualität gibt. Die Quantität meint dabei die Anzahl der FreundInnen. Unter Qualität sind die FreundInnen gemeint, die auf Posts, Geburtstage, etc. antworten. Studierende wurden gebeten, die Anzahl der GratulantInnen ihres letzten Geburtstages zu zählen. Anschließend beantworteten sie unter anderem Fragen zu ihren aktuellen Emotionen, ihrem Selbstwertgefühl und dem Gefühl von Einsamkeit. Die Ergebnisse bestätigten die Annahme, dass das Antwortverhalten der FreundInnen eine eindeutige Auswirkung auf die Gefühle und Bedürfnislage der Studierenden hat. Die reine Anzahl an Facebook-FreundInnen wirkte sich hingegen nicht automatisch positiv auf die eigenen Emotionen aus.

In der zweiten Studie wurde zusätzlich die Art und Weise der Antwort untersucht. Dafür wurden die Studierenden gebeten, die Kommentare ihrer FreundInnen zu ihren eigenen letzten drei Posts in negativ und positiv zu unterteilen. Ob die Antwort eher negativ oder positiv war, wirkte sich zwar auch auf den User und seine Emotionen aus, allerdings nicht in großem Maße- getreu dem Motto: „Hauptsache ich bekomme irgendeine Antwort.“

Zusammengefasst – Was kann ich tun?

Die Auswirkung virtueller Interaktionen auf das Sozialleben eines Einzelnen sind also nicht zu unterschätzen. Deswegen sollten wir uns der Konsequenzen unserer Handlungen im Internet genauso bewusst sein, als würde wir unseren FreundInnen auf der Straße treffen. Aber eins hat die Studie noch gezeigt: Effekte realer Begegnungen sind deutlich stärker als die, der virtuellen Zusammentreffen. Sie können daher auch negative Gefühle verbessern. Vielleicht sollten wir daher beim nächsten Geburtstag eines Freundes/ einer Freundin unsere Anerkennung lieber gleich durch einen Blumenstrauß zum Ausdruck bringen. …denn Blumen sagen bekanntlich mehr als 1.000 Facebook-Kommentare.

 

Referenz:

Greitemeyer, T., Mügge, D. O., & Bollermann, I. (2014). Having responsive Facebook friends affects the satisfaction of psychological needs more than having many Facebook friends. Basic and Applied Social Psychology36(3), 252-258.

Bewusstseinsstörungen als Folge von Hirnschäden

Ist Dir eigentlich bewusst, was Du gerade tust? Wenn Du diese Frage mit „Ja, ich lese gerade einen Artikel über Bewusstseinsstörungen.“ beantwortet hast, dann stehen die Chancen, dass Du gerade bei Bewusstsein bist, sehr gut. Aber ist jemand, der diese Frage nicht beantworten kann, automatisch bewusstlos? Und wenn nicht, in welchem Zustand befindet er sich dann? Die Begriffe Koma, Wachkoma, minimaler Bewusstseinszustand und Locked-In Syndrom sind den meisten geläufig. Aber wo genau liegen die Unterschiede und woher weiß man, dass ein Mensch tatsächlich im Koma liegt und seine Umgebung nicht wahrnehmen kann? Dieser Artikel beschäftigt sich mit Bewusstseinsstörungen als Folge von Hirnschäden und beschreibt die verschiedenen Zustandsformen des Bewusstseins und wie man diese erkennt.

Personen mit Bewusstseinsstörungen leiden häufig unter Einschränkung bzw. dem Verlust ihrer kognitiven, affektiven, psychomotorischen und wahrnehmungsbezogenen Fähigkeiten

Bewusstseinsstörungen: Was ist Bewusstsein?

Bewusstsein ist die subjektive Wahrnehmung des Selbst und der Umwelt. Einige Beispiele sind, eigene Gedanken oder auch sein eigenes Magenknurren zu erkennen sowie in einem lauten Café die Aufmerksamkeit auf das Gesagte des Gegenübers richten zu können. Im Englischen lassen sich die Begriffe awareness, attention und consciousness unterscheiden. Awareness bezieht sich dabei auf all die Gefühle, Wahrnehmungen, Gedanken und Motive, die ins Bewusstsein treten können, sofern die Aufmerksamkeit (attention) auf sie gerichtet wird. Attention ist demnach der Prozess der bewussten Fokussierung. Und consciousness (Bewusstsein) bezeichnet schließlich, dass etwas, zum Beispiel ein Geräusch, nicht nur wahrgenommen wird, sondern dass es auch in das Zentrum der Aufmerksamkeit gelangt. Bewusstsein setzt demnach awareness voraus. Ein weiteres Zeichen von Bewusstsein ist die Erregung. Damit ist die Aktivierung des zentralen Nervensystems gemeint. Hierzu gehört neben der Aufmerksamkeit auch die Wachheit und Reaktionsbereitschaft.

Bewusstseinsstörungen: Wie kommt es zu Hirnschäden?

Neurologisch betrachtet, lässt sich das Bewusstsein nicht im Sinne eines bestimmten Abschnittes im Gehirn lokalisieren, vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel verschiedener Areale. Hirnschäden, auch Hirnläsionen genannt, können demnach ganz unterschiedliche Folgen für das Bewusstsein haben, je nachdem welche Bereiche betroffen sind. Mögliche Ursache für solche Läsionen sind unter anderem Schlaganfälle, Verletzungen mit Schädel-Hirn-Trauma als Folge oder neurologische Erkrankungen. Schwere Fälle führen häufig zu einem komatösen Zustand zwischen zwei und vier Wochen. Das bedeutet, dass der Koma-Patient keine Erregung und keine awareness zeigt. Ein Zeichen für Erregung wäre zum Beispiel das Gesicht aufgrund eines Schmerzreizes zu verziehen.

Welche Arten von Bewusstseinszuständen gibt es und wie unterscheiden sie sich?

Je nach Art und Schwere der Läsion kann der Patient aus dem Koma erwachen oder in verschiedene Bewusstseinszustände verfallen. Hierbei werden das Locked-In Syndrom, der minimale Bewusstseinszustand, der vegetative Zustand (Wachkoma), das chronische Koma und der Hirntod unterschieden. Genau genommen, handelt es sich bei dem chronischen Koma und dem Hirntod nicht mehr um Bewusstseinszustände, da hier keinerlei oder nur noch minimale Gehirnaktivität vorliegt. Das bedeutet, dass sowohl die awareness als auch die Erregung nicht vorhanden beziehungsweise nicht messbar sind.

Ein Patient im vegetativen Zustand kann hingegen auf einfache Umweltreize reagieren, zeigt aber keine awareness und damit kein Bewusstsein. Beim minimalen Bewusstseinszustand liegt neben der Reaktionsfähigkeit auf reflexartige Reize noch eine leichte awareness vor. Der Patient ist minimal bewusst und kann zum Beispiel minimale, gezielte Bewegungen ausführen.

Bei dem Locked-In Syndrom ist sowohl die Erregung als auch die awareness vorhanden. Der Patient ist bei Bewusstsein aber, abgesehen von der Augenbewegung, bewegungsunfähig. Zusammengefasst lassen sich die Bewusstseinsstörungen also am Grad der Erregbarkeit und der awareness messen.

Bewusstseinsstörungen: Wie kann der Bewusstseinszustand eines Patienten überprüft werden?

Wenn ein Patient also nicht in der Lage ist, sich überhaupt oder verständlich, verbal über seinen Zustand zu berichten, bietet die Neurologie eine Reihe von Möglichkeiten, um den Bewusstseinszustand zu messen und eine Diagnose zu stellen.

Meistens werden bildgebende Verfahren, wie das EEG und das fMRT, eingesetzt, um die Aktivität der einzelnen Hirnregionen zu messen. Ein weiteres wichtiges, standardisiertes Vorgehen zur Einordnung des Bewusstseinszustandes ist die revidierte Coma Recovery Scale (CRS-R). Diese Skala unterscheidet unter anderem auditive, visuelle und motorische Funktionen. Dem Patienten wird zum Beispiel ein lautes Geräusch direkt über dem Kopf, aber außerhalb des Sehfeldes präsentiert. Bei einem anderen Test wird starker Druck auf die Nagelbetten der Extremitäten ausgeübt. Anhand der Skala wird dann die Stärke der Reaktion auf die Reize anhand eines Punktesystems zugeordnet. Zum Schluss werden die Punkte aller Funktions-Skalen zu einer Gesamtpunktzahl aufsummiert. Diese Punktzahl liefert somit Hinweise darauf, wo sich der Patient auf der Skala von tiefstem Koma bis hin zu wach und voll kontaktfähig befindet.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Patient erholt und das Bewusstsein wiedererlangt?

Die CRS-R ist nicht nur für die Einordnung des Bewusstseinszustandes und für die Planung der weiteren Behandlung nützlich, sie hat auch einen prognostischer Wert und kann Hinweise zum weiteren Verlauf der Störung liefern. Grundsätzlich gilt, dass eine effektive und schnelle Behandlung zur Verbesserung des Zustandes wesentlich beiträgt, da sie verhindert, dass weiteres Gehirngewebe beschädigt wird. Dies setzt eine akkurate Diagnostik voraus. Aktuell werden allerdings noch 30 bis 40% Fehldiagnosen gestellt, die die Wahl der richtigen Therapie erschweren. Weiterhin sind die ersten Wochen nach der Hirnschädigung, hinsichtlich der Verbesserung des Zustandes, entscheidend. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass noch nach mehr als einem Jahr das Bewusstsein zurückerlangt werden kann.

Prinzipiell haben Patienten mit minimalen Bewusstseinszustand die besten Chancen sich teilweise oder ganz zu erholen. Die Chancen, dass sich der Zustand des Patienten verbessert, stehen bei traumatischen Ursachen bei knapp 50%. Der Hirntod ist hingegen irreversibel und auch beim Locked-In Syndrom ist nicht davon auszugehen, dass die Lähmungen zurückgehen. Die meisten Patienten überleben das erste Jahr nach der Hirnschädigung nicht, es gibt aber immer wieder „Wunderpatienten“, sogenannte Spontanerholungen, die die Wissenschaft dazu antreiben, weiter und intensiver zu der Diagnostik und den Behandlungsmöglichkeiten von Bewusstseinsstörungen zu forschen.

Bewusstseinsstörungen: Zusammenfassung

Zusammenfassend lassen sich das Koma, der vegetative Zustand, der minimale Bewusstseinszustand und Locked-In Syndrom als mögliche Folgen von Hirnschäden unterteilen. Die Lokalisierung der Läsion gibt nur bedingt Aufschluss über die zu erwartenden Folgen und den Bewusstseinszustand des Patienten. Bildgebende Messverfahren zeigen unter anderen die Aktivierung der Hirnareale, die Hinweise zum Bewusstseinszustand liefern können. Weiterhin werden standardisierte Verfahren, wie die CRS-R, zur Testung der Reflexe und des Bewusstseins der Patienten eingesetzt. Für eine Verbesserung des Zustandes sind vor allem schnell und effektiv eingesetzte Behandlungen entscheidend. Auch wenn die Forschung bereits viele Methoden zur Feststellung des Bewusstseinszustandes hervorgebracht hat, sind in diesem Bereich noch viele Untersuchungen und Erkenntnisse nötig, um Fehldiagnosen zu reduzieren und bessere Heilungschancen zu erreichen.

Evaluative Konditionierung: Das Wie und Warum der Meinungsbildung ohne Wissensbasis

Es heißt, man soll ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen. Doch weshalb tun wir das und vor allem wie? Ein Prozess namens evaluativer Konditionierung gibt eine Erklärung weshalb das Buch mit dem hübschen Umschlag besser geschrieben ist.

Evaluative Konditionierung

Täglich sind wir einer Vielzahl von Eindrücken, darunter oftmals neue, ausgesetzt. Dies ist nicht weiter verwunderlich, schließlich leben wir in einer komplexen und dynamischen Welt mit den unterschiedlichsten Sachen, Zuständen und Situationen. Und dann ist morgen alles wieder ein Stückchen anders. Gerade gestern hat drei Blöcke weiter ein neuer Laden aufgemacht, Katie ist nun übrigens mit einem neuen Freund zusammen und das neuste Album unseres Lieblingsmusikers wurde endlich nach langem warten veröffentlicht. Doch diesmal ertappen wir uns dabei, wie wir mit selbstsicher Überzeugung und ohne jegliche faktische Grundlage behaupten: „Ich sag‘s dir, dieser neue Laden wird nicht länger als sein Vorgänger durchhalten bevor er pleite geht. Dafür ist Katies neuer Freund bestimmt ein sehr hübscher Bursche und das neue Album? Oh, das wird bestimmt unglaublich gut!“ Doch stimmt das? Werden sich unsere Prophezeiungen als wahr erweisen? Und auf welcher Basis äußern wir diese Behauptungen so selbstsicher? Für die psychologische und industrielle Wissenschaft sind diese Fragen von Interesse, denn die Bewertung unserer Umwelt beeinflusst unser Verhalten ihr gegenüber. Wer also den zugrunde liegenden Mechanismus der Bildung von Bewertungen versteht und es schafft ihn aktiv zu lenken, könnte entweder einen Patienten dazu bringen pathologisches Verhalten aufzugeben, oder einen Kunden dazu lenken ein bestimmtes Produkt zu kaufen.

Klassische Konditionierung: Lernen anhand von Erfahrungen

Klassische Konditionierung

Ein relevanter Mechanismus der Bildung von Bewertungen wurde evaluative Konditionierung getauft. Sie wurde in Anlehnung an die zuvor schon etablierte klassische Konditionierung nach Pavlov benannt. Die letztere beschreibt einen Lernprozess der Erwartungen auf der Basis wiederkehrender Muster generiert. Wenn auf ein bestimmtes Geschehen immer das selbe Ereignis folgt, reicht nach einiger Zeit schon das Erste als Indiz, dass das Zweite gleich folgt.

Wann immer wir zum Beispiel das Lichtsignal des linken Blinkers eines Autos wahrnehmen, wissen wir automatisch, dass dieses Auto gleich nach Links abbiegen wird. Wir sind erfahren genug um zu sagen: Wenn ein fahrendes Auto an einer Kreuzung blinkt, dann wird es in die Richtung abbiegen. Das ist die natürlich Abfolge: blinken, dann abbiegen.

Klassische Konditionierung

Die ersten empirischen Belege für diesen Mechanismus wurden wie folgend an Hunden erhoben: Vor jeder ihnen servierten Mahlzeit ertönte das selbe Klingeln einer Glocke. Die Hunde begrüßten die Nahrung natürlich freudig, schließlich ließ der bloße Anblick des Essens Ihnen den Speichel im Munde zusammenlaufen. Doch nach einiger Zeit wurde etwas Interessantes beobachtet. Schon der einfache Klang der Glocke brachte deren Speichel zum fließen. Sie hatten mit der Zeit gelernt, dass ihnen kurze Zeit nach dem ertönen der Glocke die nächste Mahlzeit serviert werden würde. Der Klang der Glocke wurde hinterher als konditionierter Stimulus (conditioned stimulus, CS) und das Essen als unkonditionierter Stimulus (unconditioned stimulus, US) kategorisiert. Die Funktionsweise der klassischen Konditionierung wurde so beschrieben: Sobald eine belanglose Sache, ein neutraler Stimulus, zuverlässig oft vor einem bedeutsamen Ereignis, einem unkonditionierten Stimulus, auftritt, wird die Bedeutung des folgenden unkonditionierten Stimulus auf den vorherigen neutralen Stimulus übertragen. Durch diesen Transfer löst der neutrale Stimulus nun auch die selbe Reaktion im Organismus aus, den der unkonditionierte Stimulus auslösen würde. Sobald diese Assoziation geknüpft ist wird der neutrale Stimulus als konditionierter Stimulus bezeichnet. Wenn wir dies nun auf unser Beispiel mit dem Auto übertragen, dann sieht das so aus: Das wenden des Autos ist der unkonditionierte Stimulus. Das wiederholte aufleuchten des Lichts eines Autoblinkers ist ein neutraler Stimulus. Da es aber vor jedem Wenden eines Autos erscheint, und somit zu einem Vorboten des Wendens wird, wird es zu einem konditionierten Stimulus. Würde dieses Lichtsignal jedoch nie vor dem Wenden eines Autos erscheinen, wäre das Leuchten vollkommen Bedeutungslos für uns.

Hinterher wurden mehrere Studien durchgeführt um die Eigenschaften der klassischen Konditionierung zu ergründen. Es stellte sich heraus, dass die Stimuli nicht jedes einzelne Mal in der gemeinsamen Kombination auftreten müssen damit konditioniert wird, jedoch oft genug. Wie häufig das sein muss hängt von der Natur der Stimulation ab. Manche Signale sind stärkere Indikatoren als andere. Auch wurde gezeigt, dass die Assoziation wieder getrennt werden kann, wenn die Stimuli zu selten gemeinsam erscheinen. Ab diesem Moment ist der konditionierte Stimulus wieder ein neutraler Stimulus.

Evaluative Konditionierung: Bewertung anhand von Erfahrungen

Evaluative Konditionierung

Obwohl die evaluative Konditionierung auf der Klassischen basiert, reicht ihre Geschichte weiter zurück. Sie geht aus der Erforschung von Einstellungen hervor und ist zu einem eigenständigen Forschungsthema geworden, als feststand, dass sie einen Einfluss auf die Bildung und Änderung von Einstellungen haben könnte. Die evaluative Konditionierung zeigt einige Parallelen zur klassische Konditionierung. Beide Mechanismen haben einen konditionierten und unkonditionierten Stimulus, jedoch treten bei der evaluativen Konditionierung beide Stimuli gleichzeitig auf, anstatt in zeitlicher Abfolge. Auch wird kein unmittelbares Ereignis vorhergesagt um die entsprechende Reaktion darauf vorzubereiten. Hier wird ein langfristiger Einfluss prophezeit und die entsprechende Haltung demgegenüber ausgewählt.

Wertungen beeinflussen das Verhalten

Die Bewertung einer Sache anhand einer zweidimensionalen Skala (z.B.: gut und schlecht, angenehm und unangenehm), die sogenannte Valenz die etwas für uns hat, beeinflusst unser Verhalten dem gegenüber. Wir nähern uns dem was uns gefällt und distanzieren uns von dem was uns missfällt. Da auch Verteidigungs- und Selbsterhaltungsmechanismen einen Einfluss auf das Verhalten des Individuums haben, müssen direkt schädliche oder sogar lebensbedrohliche Situationen in der gesamten Betrachtung außen vorgelassen werden, da sonst keine fehlerfreie Analyse der evaluativen Konditionierung möglich wäre. Wir fassen zusammen: Man nähert sich oder distanziert sich von Sachen die einen längerfristigen positiven oder negativen Einfluss auf einen haben könnten. Um dies zu verdeutlichen nehmen wir nun also an, wir hätten kürzlich einen Thomas kennen gelernt, mit dem wir uns leider nicht so gut verstehen. Er vertritt Ansichten die unseren widersprechen. Fairerweise sollte ich erwähnen, dass er keine Ansichten vertritt die gegen irgendein Grundrecht verstößt, trotz dessen denken wir, dass er einen „schlechten“ Einfluss auf uns haben könnte. Logischerweise versuchen wir also von ihm fern zu bleiben. (Ich bitte jeden Thomas um Verzeihung, dies ist nur ein Beispiel, nehmt es also nicht persönlich.)

Grundlose Annahmen?

Erscheint nun solch eine bereits bewertete Sache oder Situation gemeinsam mit einem neuen und unbekannten Faktor, so wird im Laufe der evaluativen Konditionierung die Wertung des Bekannten herangezogen um eine Vorhersage über den langfristigen Einfluss des Neuen zu generieren. Mit anderen Worten, anhand der Kategorisierung eines bekannten Sachverhalts wird ein damit zusammenhängender, aber neuer Reiz in die selbe subjektive zweidimensionale Skala eingeordnet (Also gut und schlecht, angenehm und unangenehm).

Um eine gewisse Vergleichbarkeit zu schaffen wurden die jeweiligen Aspekte der evaluativen Konditionierung ähnlich denen der klassischen Konditionierung benannt. So gibt es sowohl einen unkonditionierten Stimulus mit positiver oder negativer Valenz als auch einen konditionierten Stimulus mit einer neutralen Valenz, oder zumindest einer schwächeren positiven oder negativen Valenz als sein unkonditionierter Mitwirker. Sobald beide Stimuli zusammen erscheinen, und somit den Eindruck vermitteln miteinander verbunden zu sein, wird die Wertung des unkonditionierten Stimulus auf den Konditionierten übertragen.

Erneut muss ich mich bei Dir entschuldigen, Thomas, denn wir kommen auf unser vorheriges Beispiel zurück. Leider wird dieses Mal eine weitere unschuldige Seele hineingezogen, denn, wie wir unschwer erkennen, unterhält sich Thomas eifrig mit einem Freund. Wir werden wahrscheinlich nicht erpicht darauf sein, den zweiten im Bunde kennen zu lernen. Vermutlich vertritt er ähnliche Ansichten wie Thomas und würde demnach bestimmt auch ein „schlechter“ Einfluss auf uns sein. Folglich ist er uns genauso unlieb wie Thomas und auch von ihm halten wir uns fern. Dem zu Grunde liegt eine kognitive Assoziation zwischen den zweien, die den Fremden ähnlich kategorisiert wie den uns bekannten Thomas. Dadurch wird das selbe Verhaltensschema in uns ausgelöst. Trotz alledem gilt: Wir haben keine faktische Basis, dass dieser Unbekannte genauso „schlecht“ wäre, wie sein Kamerad. Nicht nur das, wir können nicht einmal nachweisen, dass Thomas für uns schädlich wäre.

Eigenschaften der evaluativen Konditionierung

Weiteren Analysen zu folge wird die Wertung extremerer Valenz auf die neutralere übertragen. Ein leicht negativer Stimulus wird hinterher positiver gewertet, wenn er mit einem starken positiven Stimulus gekoppelt wird. Sollte uns unsere beste Freundin Rebecca auf einmal einen neuen Bekannten vorstellt, überraschender Weise derselbe Fremde der sich vorhin kameradschaftlich mit Thomas unterhalten hat, werden wir wahrscheinlich unsere Meinung ändern und ihm eine Chance geben. Rebecca ist wirklich wunderbar! Unmöglich, dass er dann eine Enttäuschung ist. Klar, mit Thomas schien er sich zwar auch zu verstehen, aber da er auch mit Rebecca verkehrt muss er respektabel sein.

Vor allem in Anbetracht unseres Beispiels mit dem armen Thomas sollte man aber bedenken, dass die Frage ob die Änderung der Valenz bewusst oder unbewusst stattfindet zurzeit noch immer heiß diskutiert wird. Auch steht die Frage offen, ob man dem Prozess bewusst entgegenwirken kann. Es wurden auch keine stichhaltigen Beweise geliefert, wie positiv oder negativ konditionierte Stimuli nach wiederholter Präsentation mit neutralen Stimuli bewertet werden, also nach der sogenannten Extinktionsphase. Leider zeigten einige Studien, dass konditionierte Stimuli nach wiederholter Kopplung mit neutralen Stimuli wieder als neutral empfunden wurden, während andere Studien eine Stabilität der Wertung gegenüber der Extinktionsphase fanden. Zumindest scheint aber ein zeitlicher Aspekt eine Rolle zu spielen. Es wurde gezeigt, dass die Konditionierung am besten funktioniert, wenn beide Stimuli gleichzeitig präsentiert werden. Trotzdem kann noch konditioniert werden, wenn der konditionierte Stimulus kurz vor oder nach dem unkonditionierten Stimulus gezeigt wird.

Ausblick

Evaluative Konditionierung

Das Bewerten und Ändern von Wertungen ist ein ernst zu nehmendes Thema und muss, wie viele Andere, verantwortungsvoll gehandhabt werden. Wahrscheinlich forschen private Firmen schon in diesem Bereich, da das effiziente assoziieren eines Produktes mit etwas Angenehmen die Verkaufszahlen enorm steigern könnte. Hierbei ergeben sich jedoch zwei Hauptprobleme:

  1. Zum einen sind die hierbei erlangten Erkenntnisse sowohl für die Öffentlichkeit als auch für andere Wissenschaftler nicht einsehbar.
  2. Zum anderen können die Resultate der Forschung ungehindert angewendet werden um die Masse zu beeinflussen.

Da ein unvollständiges Bild der Eigenschaften der Konditionierung im nicht-industriellen Forschungssektor vorliegen, würde jeglicher Einsatz und dessen Folgen auch dem Auge eines Spezialisten entgehen. Nehmen wir an es stelle sich heraus, die evaluative Konditionierung finde nur unbewusst statt. In diesem Fall würden Werbungen in einem kleinen Nebenfenster parallel zur Fernsehserie laufen, anstatt zwischen den Programmen, oder Produkte würden vermehrt im Hintergrund eines Filmes auftauchen. Die Auswirkungen dieser kleinen Änderungen würden in den Augen eines unwissenden Betrachters nicht auffallen, während sie den Verkauf stark beeinflussen könnten. In Anbetracht dessen sollten Forschungsgelder in Themen wie diese fließen, um einen Missbrauch für persönliche Zwecke (in dem Fall sogar ein mögliches Propaganda-Werkzeug) zu verhindern.

Gleichzeitig könnte man sich dadurch deren enormes Potenzial zu nutze machen. Bedenken wir den therapeutischen Zugewinn. Durch die entsprechenden Assoziationen könnte ungesundes Verhalten (zum Beispiel verschiedene Abhängigkeiten) geheilt oder die Produktivität und Motivation einer Person erhöht werden. Sollte jemand also an einer schrecklichen Phobie leiden die seine Lebensqualität deutlich einschränkt, zum Beispiel der arme Botaniker Stefan mit seiner plötzlichen Spinnenphobie nach einem unerwarteten Urlaubsereignis, so könnten simple Assoziationen mit stark positiven Themen eine schnelle Heilung seiner unvorteilhaften Situation bewirken. Einsatz könnten diese Erkenntnisse auch an unserer heutigen Jugend finden. Da Mediale Abhängigkeit ein zunehmendes Problem darstellt, könnte man die Einstellung gegenüber realen Erfahrungen graduell verbessern und dadurch erneute Lebensfreude in den jungen Herzen entfachen. Auch könnten die Ergebnisse eine Gegenmaßnahme zu Vorurteilen bergen, wodurch der gesamten Menschheit ein Vorteil zu Nutze kommen würde.

Nichtsdestotrotz haben wir bis dahin noch einen langen Weg vor uns. Die derzeitigen Ergebnisse sind teilweise mehrdeutig oder widersprechen sich. Die meisten Versuche wurden an Menschen durchgeführt wodurch risikoreiche Ergebnisse zustande kommen. Wenn Teilnehmer zum Beispiel ahnen was von Ihnen verlangt wird, und entsprechend handeln, entstehen artifizielle Resultate. Im Englischen nennt man diesen Risikofaktor „demand awareness“, was so viel heißt wie „Bewusstsein über das Verlangte“. Studien aus anderen Bereichen wiederum betonen, dass auch Tiere Angenehmes und Unangenehmes empfinden und über das Können verfügen, darüber zu berichten. Deshalb schlage ich vor, zusätzliche Versuche am Tiermodell durchzuführen. Dadurch würde man einige Risiken umgehen und die Studien sowohl mit parallel laufenden Experimenten evaluativer Konditionierung, als auch mit bereits erhobenen Versuchen der klassischen Konditionierung vergleichbarer machen. Trotz allem müssen wir die bisherigen Erkenntnisse Wert schätzen und die Wissenschaftler dieses Bereiches weiterhin anfeuern bei deren fleißiger Arbeit zu bleiben, Kreativität zu bewahren und nicht aufzugeben, wenn alles wieder mal anders läuft als erwartet. Der erste Schritt den Weg zur oben genannten Vision zu verkürzen und den Missbrauch wichtiger Erkenntnisse zu verhindern ist ein Bewusstsein über dieses Thema zu vermitteln. Dadurch könnten weiteren Wissenschaftlern Gelder bereitgestellt werden um tiefer in die Materie einzudringen.

 

Schaut Euch folgende Artikel an, falls Ihr mehr über das Thema erfahren wollt und ihr den tapferen Wissenschaftler/innen die hart für diese Ergebnisse gearbeitet haben Anerkennung schenken möchtet:

Referenzen

Bethell, E. J. (2015). A “how-to” guide for designing judgment bias studies to assess captive animal welfare. Journal of applied animal welfare science, 18 Suppl 1, S18-42. doi:10.1080/10888705.2015.1075833

Bohner, G., & Dickel, N. (2011). Attitudes and attitude change. Annual review of psychology, 62, 391–417. doi:10.1146/annurev.psych.121208.131609

Davey, G. C. (1994). Is evaluative conditioning a qualitatively distinct form of classical conditioning? Behavior research and therapy, 32(3), 291–299.

De Houwer, J., Thomas, S., & Baeyens, F. (2001). Association learning of likes and dislikes: A review of 25 years of research on human evaluative conditioning. Psychological bulletin, 127(6), 853–869. doi:10.1037//0033-2909.127.6.853

Field, A. P. (2000). Evaluative conditioning is pavlovian conditioning: Issues of definition, measurement, and the theoretical importance of contingency awareness. Consciousness and cognition, 9(1), 41–49. doi:10.1006/ccog.1999.0412

Gawronski, B., & Bodenhausen, G. V. (2006). Associative and propositional processes in evaluation: An integrative review of implicit and explicit attitude change. Psychological bulletin, 132(5), 692–731. doi:10.1037/0033-2909.132.5.692

Havermans, R. C., & Jansen, A. (2007). Evaluative conditioning: A review and a model. Netherlands journal of psychology, 63(2), 31–41. doi:10.1007/BF03061060

Rozin, P., Wrzesniewski, A., & Byrnes, D. (1998). The elusiveness of evaluative conditioning. Learning and motivation, 29(4), 397–415. doi:10.1006/lmot.1998.1012

Erlernte Hilflosigkeit – Lernen wir, depressiv zu sein?

Einigen psychischen Krankheiten, vor allem der Depression, liegt ein Gefühl des Kontrollverlusts und der Hilflosigkeit zugrunde. Tatsächlich ist dieses Gefühl nicht einfach nur eine Begleiterscheinung, sondern laut der Theorie des amerikanischen Psychologen Martin Seligman ist die erlernte Hilflosigkeit sogar eine Ursache für diese Krankheiten.

Erlernte Hilflosigkeit

Erlernte Hilflosigkeit bei Tieren – die Shuttlebox

Seligmans Theorie der erlernten Hilflosigkeit beruht auf einer Reihe von Tierexperimenten, deren Ergebnisse anschließend auf den Menschen übertragen wurden.

Versuchsaufbau

Die Tiere, zumeist Hunde, wurden dabei in eine sogenannte Shuttle Box gesetzt. Diese besteht aus zwei aneinandergrenzenden Boxen, welche über einen Durchgang miteinander verbunden sind. Der Boden dieser Boxen besteht aus Draht, welcher eingeschaltet werden kann und Elektroschocks verabreichen kann.
Für das Experiment gab es drei Gruppen von Tieren, die unter verschiedenen Bedingungen getestet wurden.

  • Gruppe 1:  Die Tiere wurden in der ersten Phase des Experiments Elektroschocks ausgesetzt, konnten jedoch mit der Pfote einen Hebel betätigen, der den Durchgang zur anderen Box öffnete und ihnen so die Möglichkeit zur Flucht vor den Elektroschocks gab. Die Tiere erlernten dieses Verhalten sehr schnell und wendeten es unmittelbar nach Eintreten der Schocks an.
  • Gruppe 2: Tiere in Gruppe zwei erhielten genauso viele Elektroschocks wie die Tiere der ersten Gruppe, sie konnten diesen Schocks jedoch nicht ausweichen. Ihr Verhalten hatte keinerlei Auswirkung auf die Schocks, sie konnten also lediglich ausharren und abwarten, bis die Schocks vorbei waren.
  • Gruppe 3: Bei Gruppe drei handelte es sich um die sogenannte Kontrollgruppe, welche während der ersten Versuchsphase zwar in einer Shuttle Box eingeschlossen war, aber keinerlei Schocks erhielt.

In Phase zwei, der eigentlichen Experimentalphase, wurden die Tiere aus allen drei Gruppen nun Elektroschocks ausgesetzt. Alle drei Gruppen hatten jetzt die Möglichkeit, durch das Drücken eines Hebels den Durchgang zwischen den zwei Boxen zu öffnen und den Schocks zu entfliehen.

Ergebnisse

Die Tiere der ersten Gruppe, welche ja bereits an die Situation und das Hebeldrücken gewöhnt waren, zeigten dieses Verhalten auch wie erwartet in der Experimentalphase. Sie erlernten teilweise sogar, den Hebel schon vor dem nächsten Schock zu drücken, und vermieden damit effektiv jeden Schock.
Tiere der Kontrollgruppe, also Gruppe 3, brauchten etwas länger, bis sie das Hebeldrücken erlernten, doch sobald sie verstanden, dass das Drücken des Hebels eine Flucht vor den Elektroschocks ermöglicht, zeigten auch sie dieses Verhalten unmittelbar nach Beginn eines jeden Schocks.
Interessant ist jedoch das Verhalten der zweiten Gruppe, welche in der ersten Phase die Erfahrung machte, dass ihr Verhalten keinerlei Auswirkungen auf die Elektroschocks hat. Die Tiere dieser Gruppe lernten das Hebeldrücken entweder enorm langsam, oder aber größtenteils gar nicht. Die meisten dieser Tiere blieben, obwohl sie jetzt die Möglichkeit hatten, den Schocks zu entfliehen, lethargisch am Boden der Box liegen und ließen die Elektroschocks über sich ergehen. Dies liegt daran, dass sie vorher gelernt hatten, dass sie mit ihrem Verhalten an den negativen Auswirkungen der Situation nichts ändern können – sie gingen also auch jetzt davon aus, dass sie nach wie vor hilflos waren und das Geschehen außerhalb ihrer Kontrolle liegt.

Bei den Ergebnissen des Experiments handelt es sich um ein eindrückliches Beispiel zur erlernten Hilflosigkeit.

Depression – erlernte Hilflosigkeit bei Menschen?

Die Ergebnisse der Shuttle Box Experimente lassen sich gut auf depressive Personen übertragen. Durch die Erfahrung, dass die Ergebnisse einer Situation außerhalb ihrer Kontrolle liegen und ihr Verhalten keinerlei Auswirkungen hat, haben die Hunde aus Gruppe 2 nach einer gewissen Zeit aufgegeben und sich der Situation hilflos ausgesetzt.

Martin Seligman sieht in dieser erlernten Hilflosigkeit eine mögliche Erklärung von Depression.

Er überträgt die Ergebnisse seiner Experimente auf uns Menschen und geht er davon aus, dass Menschen depressiv werden, wenn sie das Gefühl haben, keine Kontrolle mehr über die Ereignisse in ihrem Leben zu haben.

Geschieht also im Leben einer Person ein negatives Ereignis, welches sie nicht kontrollieren kann, so lernt die betroffene Person beim Auftreten einer Mehrzahl dieser Ereignisse, dass ihr Verhalten nichts an den Ereignissen ändern kann – sie fühlt sich also hilflos.
Diese erlernte Hilflosigkeit entsteht bei uns Menschen also, wenn wir gefühlt keine Möglichkeit haben, eine Situation zu verändern oder zu verhindern. Dadurch entwickeln wir die Erwartung, dass wir auch keine Kontrolle mehr über zukünftige Ereignisse haben.

Wichtig für die erlernte Hilflosigkeit ist jedoch, dass sich die betroffenen Personen für den Kontrollverlust und den Ausgang der Situationen selbst verantwortlich machen. Denn nicht alle Personen, denen im Leben negative Situationen begegnen, werden depressiv. Seligman und seine Kollegen gehen demnach davon aus, dass die Depression nicht nur von der erlernten Hilflosigkeit selbst kommt, sondern vor allem auch vom sogenannten Attributionsstil der betroffenen Person.
Die Attribution, das heißt die Zuschreibung von Verantwortlichkeit, von depressiven Personen ist vermehrt pessimistisch, sie machen also sich selbst und ihre scheinbar mangelnden Fähigkeiten für den Ausgang der Situation verantwortlich. Damit es zu einer Depression kommt, muss die Attribution laut der Theorie von Seligman drei Merkmale erfüllen:

  • Sie muss intern sein, d.h. die Person muss in sich selbst das Problem sehen, und nicht in möglichen äußeren Umständen
  • Sie muss global sein, d.h. das Problem ist allumfassend und nicht auf eine bestimmte Situation beschränkt
  • Sie muss stabil sein, d.h. das Problem ist überdauernd und nicht zeitlich begrenzt.

Wenn jemand seine Freunde zum Grillen zu sich nach Hause einlädt und dann feststellt, dass es an genau dem Nachmittag regnet, würde sich diese Person gemäß den oben genannten Attributionen also selbst für den Regen verantwortlich machen: „Ich bin ja auch immer dumm, warum habe ich genau diesen Tag ausgewählt? Ich mache immer alles falsch.“

Erlebt eine Person also negative Ereignisse, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen und für die sie sich selbst verantwortlich hält, kann sie in einen Zustand der erlernten Hilflosigkeit verfallen, in dem sie ihr eigenes Verhalten für nutzlos hält und sich so keinerlei Mühe mehr gibt, an zukünftigen Situationen etwas zu ändern. Die Person geht also davon aus, dass ihre Anstrengungen ohnehin vergebens sind, gibt sich den negativen Ereignissen kampflos hin und verfällt in depressive Stimmungen und Denkmuster.

Erlernte Hilflosigkeit – wie verlerne ich sie wieder?

Um die Depression zu vermeiden oder zu überwinden gibt es eine Vielzahl von Therapieansätzen, von Psychopharmaka bis hin zur Verhaltenstherapie.
Geht man allerdings davon aus, dass die erlernte Hilflosigkeit, wie Seligman sie vorschlägt, wirklich die Grundlage der Depression ist, so ist es vor allem wichtig, die Selbstwirksamkeitserwartung der Betroffenen zu erhöhen. Selbstwirksamkeit ist dabei ein Begriff, der die Erwartung einer Person beschreibt, dass sie kompetent genug ist, ein bestimmtes Verhalten auszuführen und damit den Ausgang einer Situation zu beeinflussen. Eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung geht also mit dem Gefühl von Kontrolle einher, welches depressiven Personen fehlt. Sie setzt sich der pessimistischen Attribution von erlernt hilflosen Personen entgegen und zielt darauf ab, dass die Person selbst handlungsfähig ist und die Kraft hat, sich mit ihrer Handlung gegen andere Umstände durchzusetzen.

Um die erwartete Selbstwirksamkeit der betroffenen Personen zu erhöhen, eignet sich besonders die kognitive Verhaltenstherapie, bei der vor allem Wert darauf gelegt wird, schädigende Verhaltensweisen und Denkmuster zu löschen und durch positive zu ersetzen.
Indem man der Person also dabei hilft zu erkennen, dass ihr Verhalten durchaus zum Ausgang einer Situation beitragen kann oder es nicht unbedingt ihr eigener Fehler ist, wenn sie die Situation nicht beeinflussen kann, kann man ihr helfen, die erlernte Hilflosigkeit nach und nach wieder zu verlernen und Ereignissen mit freudigeren Erwartungen entgegenzublicken.

Kognitives Lernen: Ein pädagogischer Leitfaden

Kognitives Lernen ist grundlegend für unser Leben. Wir lernen durch Erfahrungen, Emotionen, durch unsere Beziehung zu Menschen und durch vieles mehr… Die Erziehung die wir erfahren und die Lernprozesse die wir durchlaufen, definieren wer wir sind. In dem folgenden Artikel werden die Entdeckungen über das Gehirn auf die Erziehung und Pädagogik angewendet. 

Neurodidaktik: Verstehen wie das Gehirn funktioniert, um besser lernen und lehren zu können. In diesem Artikel finden sich die verschiedenen Formen des kognitiven Lernens. 

Kognitives Lernen

In der Schule wird einem oft beigebracht Daten immer wieder zu wiederholen, bis man geschafft hat, sich die Informationen zu merken. Aber wie lernt unser Gehirn eigentlich? Informationen auswendig zu lernen hilft uns weder dabei uns in der Welt zurecht zu finden, noch unser Potential und unsere Persönlichkeit zu entfalten oder dabei bestimmte Herausforderungen anzugehen.

Unsere Erziehung und das was wir lernen, definiert wer wir sind. Aber trotz der Fortschritte und Entdeckungen die im Bereich “kognitives Lernen” beim Menschen gemacht werden, sind diese noch nicht in die Pädagogik und den Unterricht integriert. Wir müssen lernen die Charakteristika unseres Verstandes zu beachten, um so unser Gehirn richtig zu unterrichten.

Erfolgreiches kognitives Lernen geschieht mithilfe von Emotionen, Überraschung, Bewegung und spezifischen neuroedukativen Programmen, welche die individuelle kognitive Entwicklung begünstigen.

Kognitives Lernen: Der Begriff Lernen bezieht sich darauf, sich Wissen oder Fähigkeiten durch aktives Lernen oder Erfahrungen anzueignen. “Kognitiv” bezieht sich auf die “Kognition”. Das ist die Fähigkeit, Dinge mittels der Wahrnehmung und mentaler Prozesse kennen zu lernen. Das Konzept “kognitives Lernen” definiert die Prozesse der Informationsverarbeitung und beginnt bei der sensorischen Wahrnehmung, über das kognitive System bis hin zur produzieren Antwort.

Lernen ist vielleicht der Begriff, der die menschliche Spezies im Laufe ihrer Entwicklung am meisten geprägt hat. Wir sind der lebende Beweis dafür, dass kontinuierliches Lernen das menschliche Leben zu dem gemacht hat, was es heute ist. 

Unser Gehirn führt und leitet unsere Lernprozesse.

Je weiter wir Menschen vorankommen, desto mehr Wissen sammeln wir an. “Wir machen uns laufend intelligenter”. Das könnte uns zu dem Schluss kommen lassen, dass unser Gehirn sich immer weiter verfeinert, je weiter wir uns entwickeln – dem ist jedoch nicht so. Das was sich verändert ist die Form des Lernens. Da wir mittlerweile mehr darüber wissen, wie unser Gehirn funktioniert, können wir davon profitieren und das Potential des Gehirns besser ausschöpfen.

Lernformen

1. Implizites Lernen

Das implizite Lernen ist ein “blinder” Lernprozess, weil wir uns nicht darüber bewusst sind, dass wir lernen.

Das wichtigste Merkmal dieser Form des kognitiven Lernens ist, dass dieses nicht-intentional geschieht. Die lernende Person hat kein Bewusstsein darüber, dass sie gerade lernt. Zudem äußert sich das Erlernte durch eine automatische Ausführung motorischen Verhaltens.

Bestimmte Aktivitäten verlangen ein nicht-intentionales Lernen, wie beispielsweise das Sprechen oder Laufen. Vieles von dem was wir Lernen, tun wir auf implizite und unbewusste Art.

2. Explizites Lernen

Dem impliziten Lernen gegenüber steht das explizite Lernen, welches sich dadurch auszeichnet, dass es beabsichtigt und mit Bewusstsein über den Lernprozess geschieht. Für das kognitive Lernen in dieser Form gibt es viele Beispiele, unter anderem ist das Lesen dieses Artikels ein Beispiel für explizites Lernen, da eine Absicht zu Lernen dahinter steckt.

Da es sich beim expliziten Lernen um einen beabsichtigten Lernprozess handelt, braucht dieser Daueraufmerksamkeit. Also eine Anstrengung, um die Absicht zu lernen aufrecht zu erhalten.

3. Kollaboratives oder kooperatives Lernen 

Das kooperative Lernen ist eine Lernform in der Gruppe. Ein Schüler lernt beispielsweise zusammen mit seinen Klassenkameraden. Das Ziel dieser Lernform ist, dass jedes Gruppenmitglied in Abhängigkeit seiner Fähigkeiten lernt und außerdem die Arbeit in der Gruppe gefördert wird.

Die vier Grundpfeiler, die diese Form des kognitiven Lernens stützen, sind die positive Interdependenz, die persönliche Verantwortung, die ausgeglichene Beteiligung und die simultane Interaktion.

Eine Lernform, die dieser ähnlich ist (aber nicht identisch), ist das kollaborative Lernen. Bei dieser Lernform ist in der Regel eine Person (Lehrkraft oder Erzieher), die nicht zur Gruppe gehört, diejenige die ein Thema vorschlägt, das im Anschluss in der Gruppe entwickelt wird.

In Gruppen lernt es sich besser

4. Kumulatives Lernen

Bei dieser Lernform wird die kognitive, emotionale und emotionale Ebene angesprochen. Dieser Lernform liegt ein Prozess der Organisation der zu lernenden Informationen zugrunde. Zudem wird zwischen der neuen Information eine Verbindung zu Wissen und vorherigen Erfahrungen hergestellt. Die neue Information wird also in Zusammenhang mit unserer bisherigen Erfahrung gebracht. Das führt dazu, dass das neu erlangte Wissen für jede Person einzigartig wird, da jede Person es mit eigenen Erfahrungen verknüpft.

5. Assoziatives Lernen 

Wem die Hunde von Pavlov etwas sagen, der weiß vielleicht, worum es sich bei dieser Lernform handelt. Kognitives Lernen kann auch assoziativ geschehen. Diese Lernform zeichnet sich dadurch aus, dass es eine Verbindung zwischen einem bestimmten Reiz und einem präzisen Verhalten gibt. Im Falle des Experiments von Pavlov ist dies das Klingeln einer Glocke und die Fütterung. Dies führt dazu, dass die Hunde noch bevor das Essen kommt bereits beginnen Speichel abzusondern, sobald sie die Klingel hören.

6. Habituation und Sensibilisierung: Nicht-assoziatives Lernen

Diese beiden Prozesse gehören zur gleichen Lernform, dem nicht-assoziativen Lernen. Diese Lernform definiert eine Veränderung gegenüber eines kontinuierlichen Reizes.

Die Habituation ist eine primitive Lernform, die uns erlaubt uns an die Umwelt anzupassen. Sie ist ein alltägliches Phänomen. Dieser Prozess findet statt, wenn wir aufhören einem Reiz Aufmerksamkeit zu schenken, da dieser zu keiner relevanten Veränderung führt (die Reaktion auf den Reiz verringert sich). Ein Beispiel hierfür findet sich bei den Menschen, die an einer lauten Straße wohnen. Am ersten Tag hören sie den Straßenlärm, doch nach einiger Zeit sind sie in der Lage diesen gut auszublenden.

Dem gegenüber steht die Sensibilisierung als Lernform: Unsere Reaktion steigt durch die wiederholte Präsentierung des Reizes. Je öfter uns dieser Reiz präsentiert wird, desto häufiger werden wir die gleiche Reaktion zeigen. Die Sensibilisierung ist eine sehr adaptive und primitive Lernform.

7. Lernen durch entdecken

Wenn aktiv nach Informationen gesucht wird und das was uns antreibt die Neugierde ist, lernen wir durch Entdecken. Das kognitive Lernen in dieser Form zeichnet sich dadurch aus, dass das Individuum interessiert ist, entdeckt, lernt, Konzepte verknüpft und das Gelernte an das eigene kognitiven Schema anpasst.

8. Imitationslernen oder Lernen durch Beobachtung 

Bei dieser Lernform, wird eine Handlung bei einem Modell beobachtet, die im Anschluss imitiert wird. Kognitives Lernen in dieser Form hat einen engen Zusammenhang zu den Spiegelneuronen. Die Imitation, auch Modelllernen genannt ist eine sehr wichtige Lernform.

9. Emotionales Lernen

Das Kognitive Lernen impliziert in diesem Fall eine emotionale Entwicklung des Individuums. Die emotionale Intelligenz entwickelt sich von dieser Lernform ausgehend, welche erlaubt, die eigenen Emotionen zu regulieren(Test zur emotionalen Intelligenz).

Außerdem spielt die Emotion eine entscheidende Rolle bei der Lernform, die später erläutert wird.

10. Erfahrungsbasiertes Lernen 

Aus den Erfahrungen die wir im Laufe unseres Lebens machen, lernen wir unsere Lektionen. Durch unsere Erfahrungen lernen wir am besten. Das kognitive Lernen in dieser Form ist sehr stark, aber auch sehr subjektiv. Denn jeder Mensch macht seine eigenen Erfahrungen und interpretiert diese auch auf persönliche Weise.

11. Auswendiglernen 

Das Auswendiglernen ist eine Form des kognitiven Lernens bei der wir versuchen uns bestimmte Daten einzuprägen und zu merken. Im Gegensatz zum kumulativen Lernen zeichnet unser Gedächtnis einfach nur Informationen auf, ohne dass die betreffende Person zwangsläufig verstehen muss was sie lernt.

12. Rezeptives Lernen 

Kognitives Lernen in dieser Form ist rein passiv, die Person empfängt dabei nur die Information, die zu lernen ist. Ein Beispiel hierfür ist der Vortrag einer Lehrkraft, während die Schüler sitzen und zuhören.

13. Metakognitive Strategien

Es ist wichtig, diese Lernstrategie zu erwähnen, um unsere Art zu Lernen besser zu verstehen. Diese Strategien setzen die Kenntnis über den eigentlichen Lernprozess voraus. Das Lernen zu lernen.

Kenne Dich selbst und deine eigenen Einstellungen und Fähigkeiten, um zu wissen wie Du selbst am besten Lernen kannst.

Jede Person ist einzigartig. Es gibt keine ideale Lernmethode, die für alle Menschen am besten funktioniert. Deshalb ist es ein großer Vorteil beim Lernen, die eigenen Stärken und Schwächen zu kennen.

Kognitives Lernen: Wie lassen sich die Kenntnisse über das Gehirn auf die Pädagogik übertragen?

Obwohl die Erkenntnisse über das Gehirn und wie dieses lernt in den letzten 30 Jahren deutlich zugenommen haben, basieren die allermeisten Bildungssysteme auf einem fehlerhaften Lernmodell. Zu Lesen und sich Sätze aus einem Buch zu merken ist nicht der richtige Weg um zu Lernen. Die Studienlage ist klar: andere Dinge wie Sport, Emotionen, Überraschung, Experimentieren sind wichtige Faktoren, wenn es darum geht sich Wissen anzueignen.

Kognitives Lernen: Die Bedeutung der Emotionen

Emotionen sind die Basis, um sich erinnern zu können. Die Information, die wir über unsere Sinne aufnehmen, passiert das limbische System, bevor sie in der Hirnrinde landet. Im limbischen System befindet sich eine der primitivsten Teile unseres Organismus, die Amygdala. Diese wird in Situationen aktiviert, die als wichtig für das Überleben wahrgenommen werden. Die Amygdala ist elementar wichtig für die Gedächtniskonsolidierung.

Man erinnert sich wahrscheinlich besser an seinen letzten Geburtstag, als an den Arbeits- oder Schultag von vor zwei Wochen.

Kognitives Lernen: Sport machen und Lernen 

Studien haben gezeigt, dass Sport nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit stärkt, sondern auch die Leistungen des kognitiven Lernens verbessert. Durch Sport werden bestimmte Proteine freigesetzt, welche die Gehirnplastizität fördern. Dadurch werden neue Neuronen, Synapsen und Verbindungen generiert.

Körperliche Betätigung erhält und verbessert Aspekte, die mit der kognitiven Leistung und der mentalen Gesundheit zusammenhängen.

Unter den vielen Vorteilen von sportlicher Betätigung, ergeben sich auf kognitiver Ebene folgende:

– Eine bessere akademische Leistung und eine bessere Aufmerksamkeitskapazität

– Ein niedrigeres Risiko beispielsweise an Depressionen oder Angststörungen zu leiden.

– Eine bessere Laune und eine höhere emotionale Stabilität.

Sich zu bewegen ist wichtig, um zu Lernen.

Neben körperlicher Aktivität kann auch aktives Gehirntraining die Gehirnplastizität anregen und die kognitiven Fähigkeiten verbessern. Das kognitive Stimulationsprogramm von CogniFit bietet personalisierte Trainingseinheiten an, um schwächer ausgeprägte Fähigkeiten individuell zu fördern.

Neuronales Fenster

Wenn vom Lernen gesprochen wird, darf das neuronalen Fenster nicht unerwähnt bleiben. Dieses beschreibt die Zeitfenster, in denen bestimmte neuronale Entwicklungsprozesse ablaufen. Diese Zeiträume sind kritische Phasen der Entwicklung, in denen bestimmte Dinge schneller und besser gelernt werden können, als zu anderen Zeitpunkten.

Im Prinzip können wir das Sprechen in jedem Alter erlernen, jedoch ist zwischen dem 1 und dem 3 Lebensjahr der optimale Zeitpunkt. Das Sprechen später zu erlernen ist viel mühsamer und es ist unmöglich die gleichen Lernergebnisse zu erzielen.

Es ist bekannt, dass es sich negativ auf das Gehirn auswirkt, Kinder von Klein auf still in einem Klassenzimmer sitzen zu lassen. Entdecke hier die Entwicklungsstufen von Piaget.

Fehler in unserem Bildungssystem

Missachtung des neuronalen Fensters

Wenn man bedenkt, was über das Gehirn und optimale Lernstrategien bekannt ist, müsste man meinen, dass im Bildungssystem bereits grundlegende Reformen durchgeführt wurden. Das ist jedoch nicht der Fall. Wir lehren falsch. Wenn man die neuronalen Fenster beachten würde, säßen keine kleinen Kinder still auf dem Stuhl. Um zu lernen ist es für sich nämlich wichtig sich zu bewegen. Ebenso wenig gäbe es trockenen Physikunterricht für Jugendliche, denn deren Gehirn ist in diesem Alter sehr emotional.

Anwendung der immer gleichen Lernformen

Es scheint, als wären die dominierenden Lernformen in der Schule weiterhin das rezeptive Lernen und das Auswendiglernen. Die Pädagogik fördert also weiterhin hauptsächlich mechanische und passive Lernformen und macht sich die Art wie wir wirklich lernen nicht zu Nutzen.

Wie sollten wir lernen?

Das ist eine gute Frage. Es ist ganz klar, dass viele der nötigen Veränderungen schwer umzusetzen sind. Jedoch lassen sich mit dem Wissen darüber wie das Gehirn funktioniert, bereits viele Dinge in Angriff nehmen.

Die Bewegung, Emotionen und die Überraschung zu nutzen, um das Interesse im Kopf der Schüler zu wecken, hilft ungemein. Wir haben in den letzten Jahren viel über unser Gehirn gelernt. Es wird Zeit, das Gelernte anzuwenden und unser Gehirn richtig zu unterrichten.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Mario de Vicente, Psychologe bei CogniFit.

Broca-Aphasie: Diagnose, Ursache und Therapie

Eine Aphasie ist eine erworbene neurologische Störung der Sprache, bei der Kommunikationsfähigkeiten verloren gehen. Diese kann sich sowohl durch eine Einschränkung im Sprachausdruck als auch im Sprachverständnis bemerkbar machen. Abhängig von den Symptomen die eine Person zeigt, erfolgt die spezifische Klassifikation der Form der Aphasie. In diesem Artikel wird die Broca-Aphasie näher beschrieben. Bei dieser Aphasie leiden die Betroffenen an moderaten oder starken Kommunikationsschwierigkeiten, die auf eine Veränderung im Sprachausdruck zurückzuführen sind.

Broca-Aphasie

Sprachstörungen: Was ist die Broca-Aphasie

Die Broca-Aphasie beeinträchtigt die gesprochene Sprache. Am charakteristischsten für Betroffene ist, dass sie nicht in der Lage sind sich flüssig auszudrücken, komplette Sätze zu bilden oder diese richtig zu artikulieren. Das Sprachverständnis bleibt hingegen weitestgehend erhalten.

Die Sprache ist in vier verschiedene Systeme, beziehungsweise Komponenten, unterteilt. Dies sind die Ebenen der natürlichen Sprache:

  • Phonetische System: reguliert auf zerebraler Ebene die Interpretation eines akustischen Signals, das in Silben und Wörtern organisiert ist.
  • Morphologische System: gibt den Wörtern eine interne Struktur, mithilfe der richtigen morphologischen Kombinationen die ihnen zugrunde liegen.
  • Syntax-System: bezieht sich auf die Reihenfolge der Wörter. Dieses System garantiert dass die Wörter so kombiniert werden, dass die Sätze und das Gesagte kohärent sind.
  • Semantische oder lexikalische System: besteht aus einer Gruppe von Ideen und mentalen Repräsentationen mit Bedeutung.

Dem klassischen Modell zufolge werden die Aphasien in Abhängigkeit des Ortes der zugrunde liegenden zerebralen Läsion klassifiziert. Mit diesem Modell als Grundlage, ist die Broca-Aphasie demnach die Konsequenz einer Läsion im Broca-Areal. Das Broca-Areal befindet sich auf der Großhirnrinde und ist meist im linken Frontrallappen angesiedelt. Das Broca-Areal ist für verschiedene Sprachkomponenten verantwortlich: die Anordnung der Phoneme (Laute) in Wörtern, die Organisation der Wörter im Satz (Syntax), die semantische Integration und die motorische Planung der Sprache.

Diagnostik der Broca-Aphasie:

Für die Diagnosestellung der Broca-Aphasie können sowohl generelle als auch spezifische neuropsychologische Bewertungsinstrumente genutzt werden, um die Störung zu detektieren. Bei einer neuropsychologischen Bewertung müssen zwei wichtige Kriterien beachtet werden, die einen Einfluss auf die orale Kommunikation haben können (vor allem bei der Diagnose einer Broca-Aphasie):

  1. Bildungsniveau: Es wird das Bildungsniveau in Betracht gezogen, das die Person vor der Läsion hatte.
  2. Die Ätiologie (Ursache) und der Umfang der Läsion: Der Patient könnte kognitive Defizite zeigen, die mit einer diffuseren Läsion einhergehen. Es können beispielsweise Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsprobleme auftreten, die mit der kommunikativen Fähigkeit interferieren würden.

Die Diagnostik der Broca-Aphasie basiert auf der Exploration diverser Sprachbereiche. Es wird bewertet, ob jeder dieser Bereiche erhalten oder beschädigt wurde und in Abhängigkeit davon wird festgestellt, um welche Art der Aphasie es sich handelt. Obwohl heutzutage die Behandlung der Symptome im Vordergrund steht, ist es wichtig das Syndrom genau zu klassifizieren.

Die untersuchten Bereiche sind die folgenden:

Spontansprache bei der Broca-Aphasie

Dabei handelt es sich um die Fähigkeit ein Gespräch zu beginnen und aufrecht zu erhalten. Die Bewertung der Spontansprache konzentriert sich auf die Flüssigkeit der gesprochenen Sprache. Der Redefluss ist ein Kontinuum, bei welchem die folgenden beiden Bedingungen hervorgehoben werden:

  • Nicht-flüssige Sprache: besteht in der Schwierigkeit Sprache von sich zu geben. Die betroffene Person kann nur mit viel artikulatorischer Anstrengung kurze Sätze von sich geben. Die Sprache zeichnet sich durch Dysprosodie (die Sprache hat keinen emotionalen Gehalt mehr, keine Sprachmelodie oder Intonation) und  Agrammatismus (Veränderungen in der syntaktischen Konstruktion und Struktur) aus.
  • Flüssige oder sehr flüssige Sprache: es handelt sich um einen normalen oder erhöhten Sprachausstoß (mehr als 200 Wörter pro Minute), der sich durch eine normale Satzmelodie und einer normalen Artikulation auszeichnet. Die Beeinträchtigung ist hier im Inhalt des Gesagten, diese nennt sich Paraphasie. Diese kann semantischer Art (das benutzte Wort ist falsch, gehört in der Regel aber zur Kategorie des eigentlich korrekten Wortes) oder phonematischer (phonetische Fehler, wie das Vertauschen einer Silbe oder eines Buchstaben innerhalb eines Wortes) Natur sein.

Im Falle der Broca-Aphasie ist die Spontansprache nicht flüssig.

Sprachverstehen bei der Broca-Aphasie

Es handelt sich hierbei um eine schwierig zu bewertende Fähigkeit, da die Betroffenen nicht richtig antworten oder falsche Antworten geben, die aber nicht auf Unverständnis zurückzuführen sind, sondern auf die Schwierigkeit der Sprachproduktion. Deshalb sind die Tests hier so gestaltet, dass die Personen keine linguistischen Fertigkeiten nutzen müssen. In diesem Fall ist das diagnostische Kriterium: verändertes Verständnis oder unbeschädigtes Sprachverständnis. Personen mit Broca-Aphasie haben ein unbeschädigtes Sprachverstehen.

Nachsprechen bei der Broca-Aphasie

Hierbei handelt es sich um die Fähigkeit auditive Informationen zu dekodieren, den korrespondierend phonologischen Code zu suchen und diesen anschließend mithilfe des artikulatorischen Prozesses wiederzugeben. Wenn einer dieser Teilprozesse beschädigt ist, wird die Fähigkeit des Nachsprechens beeinträchtigt. Mithilfe von Tests wie dem Nachsprechen von Buchstaben, Wörtern, Pseudowörten (ausgedachte Wörter) und Sätzen wird beobachtet, ob Schwierigkeiten bei der Wiederholung bestehen, wie es bei der Broca-Aphasie der Fall ist, oder ob diese Fähigkeit intakt ist.

Benennung bei der Broca-Aphasie

Bezieht sich auf die Fähigkeit der Benennung, also den Zugang zu einem mentalen Lexikon, um ein passendes linguistisches Element abrufen zu können. Betroffene der Broca-Aphasie haben hier merkbare Schwierigkeiten. Diese Beeinträchtigung wird auch Dysnomie genannt.

Automatisierte Sequenzen bei der Broca-Aphasie

Die Fähigkeit automatische Sequenzen wiedergeben zu können ist eine grundlegende linguistische Kapazität. Diese Sequenzen wurden in der Regel früh erlernt, wie beispielsweise das Zählen, das Aufzählen der Monate oder Wochentage. Es kann sich dabei auch um affektive und automatisierte Sprache handeln, wie beispielsweise Füllwörter (Bspw.:”ähm”) oder Ausdrücke. Diese automatisierte Sprache bleibt im Gegensatz zur willentlichen Sprache bei den meisten Aphasien erhalten.

Symptome der Broca-Aphasie:

Zuvor wurden die verschiedenen Bereiche beschrieben, die bei der Detektion und Diagnostik einer Aphasie betrachtet werden müssen. Demzufolge sind im Folgenden die spezifischen Symptome aufgelistet, die helfen, die Broca-Aphasie zu erkennen:

  1. Fehlender Redefluss: langsamer Sprachausdruck, der mit großer Anstrengung verbunden ist. Äußerung von nur sehr wenigen Worten in einem Gespräch.
  2. Dysnomie: Schwierigkeit sich an die Namen von Dingen zu erinnern.
  3. Agrammatismus: Unfähigkeit die Sätze komplett und richtig zu konstruieren.
  4. Schwierigkeiten beim Nachsprechen: Betroffene verstehen das Gesagte, sind aber nicht in der Lage es zu wiederholen.
  5. Bewusstsein des Defizits: Im Gegensatz zu anderen Aphasien, bei welchen die Personen das Gespräch aufrechterhalten und sich ihrer Fehlern nicht bewusst sind, haben die Betroffenen der Broca-Aphasie das Bewusstsein über ihr Problem, da sie merken, welche Schwierigkeiten ihnen das Sprechen bereitet.

Neben diesen Symptomen, kann die Broca-Aphasie außerdem folgende assoziierte Symptome neurologischen Ursprungs zur Folge haben:

  • Apraxie der Sprechwerkzeuge: Unfähigkeit koordinierte Bewegungen im Gesichts- und Mundbereich auszuführen. Hierbei gibt es keine physische Ursache.
  • Hemiparese: unvollständige Lähmung einer Körperseite.
  • Hemiplegie: vollständige Lähmung einer Körperseite.
  • Beeinträchtigung der Lese- und Schreibfähigkeit.

Ursachen der Broca-Aphasie:

In den meisten Fällen ist die Ursache der Broca-Aphasie ein Schlaganfall (Ischämie oder eine intrazerebrale Blutung) in der linken Hemisphäre (die bei der Sprache dominant ist). Auch nach einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) oder bei einem Hirntumor kann es zu dieser Störung kommen.

Andererseits zeigen sich auch bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen Symptome, die mit der Broca-Aphasie assoziiert sind:

  • Primär-progressive nicht-flüssige Aphasie: hierbei handelt es sich um einen kontinuierlichen Verfall der Sprache. Zum Beginn zeigt die betroffene Person keine anderen Demenz-Symptome. Sie zeichnet sich durch fehlenden Redefluss und das Auftreten von Agrammatismus und Dysnomie aus.
  • Alzheimer-Krankheit: Neben den typischen Symptomen des kognitiven Verfalls der durch diese Krankheit entsteht, (Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprobleme, Orientierungslosigkeit, etc.) zeigen Betroffene ebenfalls eine reduzierte Spontansprache und Dysnomien, indem sie allgemeine Begriffe oder Periphrasen (einen Begriff mit anderen Wörtern umschreiben) nutzen.
  • Morbus Parkinson: Es zeigt sich ein verminderter Redefluss, eine sehr simple Syntax und ab und zu Agrammatismus.

Heilung der Broca-Aphasie:

Die Heilung oder Wiederherstellung der Fähigkeiten bei der Broca-Aphasie hängt von der Stärke der anfänglichen Symptome ab. In der Anfangsphase der kognitiven Störung kann es zu einer gewissen Spontanheilung und einer Restrukturierung von Gehirnarealen kommen, sodass die Defizite ausgeglichen werden können. Ab diesem Punkt beginnt der Prozess der Rehabilitation, der folgende Ziele verfolgt:

  • die gesprochene und geschrieben Sprache zu verbessern.
  • die alltägliche Kommunikation zu erleichtern.
  • einen effektiven Kommunikationsstil zu entwickeln, auch wenn es sich um einen simplifizierten Sprachstil handelt.
  • die Lebensqualität des Patienten zu verbessern.

Die Rehabilitation der Broca-Aphasie ist hauptsächlich die Aufgabe eines Logopäden, obwohl die neuropsychologische Betreuung ebenfalls eine grundlegende Rolle in diesem Prozess spielt. Dieser unterstützt die Arbeit des Logopäden und trainiert weitere kognitive Bereiche, die bei den linguistischen Kapazitäten eine Rolle spielen (Gedächtnis, Aufmerksamkeit und exekutive Funktionen). Für die kognitive Stimulation kann auf die klinische Übungsbatterie von CogniFit zurückgegriffen werden, bei der einzelne kognitive Fähigkeiten bewertet und später spezifisch gefördert und trainiert werden können. Der Grad und die Rate der Rehabilitationen variiert zwischen den verschieden Sprachbereichen. Es scheint, dass das Nachsprechen (Wiederholung) sich leichter wiederherstellen lässt als die Benennungsfähigkeit und der Redefluss. Je nachdem welche linguistischen Defizite die Person aufweist, wird ein spezifischer Interventionsplan erstellt. In diesen werden beispielsweise folgende Übungen integriert:

  • grundlegende neuropsychologische Stimulation (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, exekutive Funktionen, logisches Schlussfolgern, etc.).
  • Aufgaben zur Benennung, um die Dysnomie zu verbessern.  Dies geschieht mithilfe von phonologischen Hilfestellungen (beispielsweise der erste Buchstabe) oder semantischen Hilfestellungen (die Kategorie, zu welcher das gesuchte Wort gehört).
  • Übungen zur Satzkonstruktion.
  • Die sprachlichen Ausdrücke der Person zu verlängern. Bei einem Element beginnend und dann schrittweise erhöhen.

Dies sind Beispiele für die Arbeit die durchgeführt werden kann, um die Fähigkeiten von Personen mit einer Aphasie wiederherzustellen. Wichtig ist, sich nicht nur auf die spezifische Klassifikation der Aphasie zu konzentrieren, sondern viel mehr die nicht-beschädigten Fähigkeiten zu betrachten und mithilfe dieser zu arbeiten, um so die beeinträchtigten Fähigkeiten zu unterstützen.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Natalia Pasquín Mora, Psychologin bei CogniFit.

Die Mutter-Kind-Bindung. Wieso ist sie so wichtig?

Beeinflusst die Mutter-Kind-Bindung die Entwicklung des Kindes für den Rest des Lebens? Welche positive Auswirkung hat die Mutter-Kind-Bindung auf die Mutter? Diesen Fragen gehen viele Psychologen und Wissenschaftler schon lange nach und finden immer wieder überraschende Erkenntnisse.

Für die Mutter-Kind-Bindung wichtig: Blickkontakt

Was ist Bindung?

Die Bindung, im englischen auch “Attachment” genannt, bezeichnet die spezielle Verbindung zwischen Eltern und ihrem neugeborenen Kind. Durch die Formung der emotionalen Bindung können die Grundbedürfnisse des Neugeborenen befriedigt werden. Diese Bedürfnisse sind auch der Antrieb der nachfolgenden sozialen, emotionalen und kognitiven Entwicklung. Die frühen Erfahrungen des Säuglings stimulieren das Wachstum neuronaler Pfade, die einen Einfluss darauf haben, wie das Kind später auf viele Dinge reagiert.

Die Bindungserfahrung hat auch im Sinne der Sicherheit einen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung. Forschung hat ergeben, dass der Mangel an Bindung in frühen Lebensmonaten die Fähigkeit stabile Beziehungen einzugehen, ein Leben lang beeinflusst. In den meisten Fällen entsteht eine unmittelbare Bindung zwischen Eltern und Kind, diese verlieben sich direkt, wenn sie ihr Neugeborenes zum ersten mal sehen.

Mutter-Kind-Bindung: Unsicherer und sichererer Bindungsstil

Die Bindungsstile sind wichtig, um zu verstehen weshalb die Bindung zum Kind eine so große Bedeutung hat. Ein sicherer Bindungsstil von Kindern zeichnet sich dadurch aus, dass diese Unwohlsein empfinden, wenn die Eltern das Kind alleine lassen. Gleichzeitig sind sie aber in der Lage sich zu entspannen und abzulenken, mit dem Wissen, dass die Eltern zurückkehren. Kinder mit einem sicheren Bindungsstil zu ihren Eltern fühlen sich beschützt, weil sie sich darauf verlassen können, dass ihre Eltern zurückkehren. Diese Bindungsstile werden von Geburt an bis in die frühe Kindheit hinein geformt.

Ein Kind mit einem unsicheren Bindungsstil wird die Eltern vermeiden oder ignorieren und wenige Emotionen zeigen, wenn die Eltern gehen oder zurückkehren. Diese Kinder neigen dazu Ärger, Angstsymptome oder Furcht zu zeigen. Es kann sein, dass sie andere Leute ab und zu vermeiden und sich weigern mit anderen in Kontakt zu treten. Dieser Bindungsstil wirkt sich negativ auf die soziale, emotionale und kognitive Entwicklung des Kindes aus.

Wie kommt es zur Mutter-Kind-Bindung?

• Die Berührungen der Haut ist eine der ersten “Sprachen” für ein Kind, da es auf den Haut-zu-Haut-Kontakt reagiert, was beruhigend auf das Baby und die Eltern wirkt.
• Durch das Füttern des Babys.
• Das Baby in den Schlaf schaukeln oder wippen.
• Dem Baby vorsingen, die Stimme der Eltern wirkt meistens sehr tröstend und beruhigend.

Körperkontakt stärkt die Mutter-Kind-Bindung

Wie profitierst du von der Mutter-Kind-Bindung?

Es gibt viele Vorteil mit einem Neugeborenen eine Bindung aufzubauen. Inwiefern profitieren die Eltern, in den folgenden Beispielen vor allem die Mutter, von dieser Bindung?

Studien zufolge ist das Stillen nicht nur für das Neugeborene von Vorteil, sondern auch für die Mutter. Das Baby profitiert allgemein von der körperlichen Nähe beim Stillen. Bei der Mutter werden durch das Stillen Hormone ausgeschüttet, die mütterliches Verhalten fördern.

Es ist gut bekannt, dass beim Stillen die Stimulation der Brustwarze dafür sorgt, dass das Hormon Oxytocin ausgeschüttet wird, welches wiederum dafür sorgt, dass die Milch ausgestoßen wird. Oxytocin ist auch als “Liebeshormon” bekannt, da es auch während des Orgasmus und anderen innigen Momenten produziert wird. Oxytocin wirkt dabei im Gehirn genauso wie es Morphium tut, es lindert Schmerzen, führt zu Wohlbefinden und hat als Konsequenz, dass wir dieses emotionale Hoch wieder erleben wollen. Mütter die nicht stillen, sondern das Fläschchen geben, produzieren dennoch Oxytocin, indem sie während dem Füttern Blickkontakt mit dem Baby aufbauen oder anschließend mit dem Baby kuscheln.

Das Stillen ist eine der ersten Formen der Bindung, welche die Neugeborenen kennenlernen.

Was passiert, wenn keine Bindung aufgebaut wird?

Rund 20% der Eltern bilden keine emotionale Bindung zu ihrem Neugeborenen. Das ist okay und passiert manchmal. Wichtig ist, sich Zeit zu lassen und sich nicht schuldig zu fühlen!

Eine Bindung aufzubauen kann für Mütter die einen Kaiserschnitt hatten oder ihr Kind nicht direkt nach der Geburt sehen konnten schwierig sein. Ebenfalls schwierig ist es oft, wenn das Kind als Frühchen zur Welt gekommen ist und einige Zeit im Brutkasten verbringen musste, oder wenn es sich um ein adoptiertes Kind handelt.

Nach vielen Schmerzen und der Erschöpfung durch die Geburt, sind viele Mütter überwältigt von einem neugeborenen Baby. Hormonveränderungen können Symptome der postpartalen Depression auslösen, die verhindern dass die Mutter eine richtige Bindung zu ihrem Baby aufbauen kann. Während der Schwangerschaft steigt der Hormonspiegel von Östrogen und Progesteron im Körper signifikant an. In den ersten 24 Stunden nach der Geburt sinkt der Hormonspiegel wieder auf sein Ausgangsniveau zurück. Forscher glauben, dass diese schnelle Veränderung eine Depression auslösen kann.

Tipps wie eine sichere Mutter-Kind-Bindung aufgebaut werden kann

1. Während der ersten 6 Lebensmonaten sollte es eine einzelne primäre Bezugsperson für das Baby geben. Obwohl die Mutter in den meisten Fällen die erste Bezugsperson des Neugeborenen ist, ist die Wahrscheinlichkeit eine sichere Bindung aufzubauen bei einer anderen Person, die sich durchgängig und liebevoll um das Baby kümmert, genauso groß. Eine durchgängige primäre Bezugsperson führt zu einer sichereren Bindung, als wenn die Fürsorge auf mehrere Personen wie Mutter, Vater, Großeltern und Babysitter aufgeteilt wird.
2. Synchronisierte Essens-, Schlafens- und Interaktions-Routinen vor allem während der ersten Monate. Die Schlaf- und Essenszeiten sollten in den ersten sechs Monaten an den Rhythmus des Babys angepasst werden.
3. Zeige dich deinem Baby gegenüber liebevoll, durch Lächeln und Berührungen. Das berühmte Experiment von Harry Harlow mit Rhesus Affen zeigt, dass die Babyaffen ein Stofftier als Mutter bevorzugen und sich diesem eher annähern als einer Drahtfigur. Und das, selbst wenn die Drahtfigur diejenige ist, die sie mit Futter versorgt. Futter ist also nicht wichtiger, als die Berührungen die zwischen einer Mutterfigur und dem Baby stattfinden.

4. Reagiere auf das Unwohlsein deines Babys mit konstantem Trost, Wärme und mit Kompetenz. Forschungen haben ergeben, dass wenn überfürsorgliche Eltern unmittelbar auf jedes Quengeln, Jammern und jeden Schluckauf reagieren, diese Kinder einen weniger sicheren Bindungsstil entwickelten. Überfürsorge behindert Kinder darin selbständig zu werden und ihre Selbstregulation auszubilden.

Bei Anregungen und Fragen kann gerne ein Kommentar unter dem Artikel hinterlassen werden.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Jennifer Burgos, Psychologin bei CogniFit.

 

References:

Forming a Bond with Your Baby — Why It Isn’t Always Immediate. Retrieved from http://www.webmd.com/parenting/baby/forming-a-bond-with-your-baby-why-it-isnt-always-immediate#3

Attachment Security: Born or Made? January 06, 2009. Retrieved from https://www.psychologytoday.com/blog/family-affair/200901/attachment-security-born-or-made

Depression during and after pregnancy fact sheet. Retrieved from https://www.womenshealth.gov/publications/our-publications/fact-sheet/depression-pregnancy.html

Five Ways to Create a Secure Attachment with You Baby, Without Sharing Your Bed. Retrieved from https://psychcentral.com/lib/five-ways-to-create-a-secure-attachment-with-your-baby-without-sharing-your-bed/

Kognitive Dissonanz: warum dem Fuchs die Trauben nicht schmecken

Haben Sie sich schon mal gefragt, warum Sie Ihre kostbare Zeit in einer (womöglich kostenpflichtigen) Warteschleife einer Hotline verbringen und es so schwierig ist aufzulegen? Warum finden die meisten Raucher Rauchen gut? Wieso gibt es quasi keine Eltern, die bereuen Kinder bekommen zu haben? Weshalb hört man diesen Satz von Autofahrern so gut wie gar nicht: „Ich habe ein schlechtes Auto gekauft.“? Die Antwort ist: kognitive Dissonanz. Doch was ist das?

In diesem Artikel wird übersichtsartig geklärt: 1. kognitive Dissonanz – was ist das? Beispiele 2. bekannte Experimente in der Forschung zur kognitiven Dissonanz 3. Was bedeutet das Wissen über kognitive Dissonanz für mich? 4. kognitive Dissonanz und Freud 5. Fazit zur kognitiven Dissonanz

Kognitive Dissonanz

Kognitive Dissonanz – was ist das? Beispiele

Kognitionen im engeren Sinn sind Gedanken. Im weiteren Sinn sind es auch Einstellungen, Wertvorstellungen, Wahrnehmungen, Absichten und Motivationen, also quasi alle inneren mentalen Zustände und Vorgänge, die man nicht als Emotion oder Intuition bezeichnen kann. (Im Lateinischen bedeutet cognoscere „erkennen“, „erfahren“). Dissonanz kommt aus der Musik und bedeutet das Gegenteil von Konsonanz oder Harmonie, bezeichnet also etwas, das in der Kompositionslehre der Auflösung bedarf. Kognitive Dissonanz könnte man also als „gedanklichen Spannungszustand“ übersetzen.

Kognitive Dissonanz ist ein unangenehmer mentaler Spannungszustand, der entsteht, wenn man sich widersprechende Gedanken, Einstellungen oder Motivationen hat.

Die Dissonanz ist um so größer, je vielzähliger oder/und wichtiger die Kognitionen sind, die sich widersprechen. Nehmen wir das Beispiel Telefonwarteschlange. Sie haben die Kognition(en) „Ich rufe da jetzt an und kläre mein Problem. Danach gehe ich Einkaufen.“ Sie wählen die Nummer und warten, warten und bezahlen. Es läuft Wartemusik. Irgendwann taucht eine widersprüchliche Kognition auf: „Das dauert zu lange. Die Geschäfte schließen um acht.“ Wir kennen alle diese unangenehme Gefühl, das dann entsteht. Wir nennen es gern Ungeduld. Wir sind im Zwiespalt: sollen wir weiter Zeit und Geld investieren oder die Aktion unter „sinnlos“ verbuchen und abbrechen. Diese Ungeduld gepaart mit diesem Zwiespalt (mache würden sagen: nur dieser Zwiespalt)  – das ist die kognitive Dissonanz. Nun gibt es 4 mögliche Folgen, wie wir diesen Spannungszustand auflösen:

  1.  Verhaltensänderung: wir legen auf.
  2. Einstellungsänderung: Trotzreaktion – jetzt erst recht!
  3. Addition oder Subtraktion von Kognitionen: „Ich muss heute nicht einkaufen.“ „Es ist wichtig, dass ich das Problem jetzt löse, denn dann weiß ich auch, wie ich mit xy umgehe.“
  4. Ersetzen von Kognitionen: „Ich habe jetzt so viel investiert, da muss ich jetzt dranbleiben. Einkaufen kann ich auch morgen.“

Merken Sie was? Wir haben schon rein quantitativ mehr Möglichkeiten, das Problem „innerlich“ zu lösen als „äußerlich“. Und wir alle kennen uns: wir lösen es innerlich und bleiben länger in der Leitung als gut ist. Warum ist das so? Dieses Beispiel zeigt im Kleinen, wie wir auch mit großen Lebensentscheidungen umgehen: Wenn wir einmal etwas investiert haben, soll das nicht umsonst gewesen sein. Wir bleiben länger bei dem Investment, hängen länger an der alten Situation als gut für uns und andere ist. Soll ich mit 40 meinen Job hinschmeißen und noch mal studieren? Oder soll ich die Beziehung nach 16 Jahren und 2 Kindern wirklich beenden? Soll ich in diesem Land bleiben? Wie Engelchen und Teufelchen auf der Schulter tauchen die unterschiedlichsten Kognitionen auf, um diese Dissonanz aufzulösen und in Harmonie umzuwandeln.

Das Paradebeispiel sind dabei die Kognitionen von Rauchern.

Nehmen wir an, Sie rauchen. Warum auch immer (Wahrscheinlich mussten Sie irgendwann mal der Umwelt signalisieren, dass sie alt genug für Sex sind, aber das ist nebensächlich). Sie sind also Raucher. Dann sehen Sie im Kino eine Werbung, dass Rauchen Gehirnzellen tötet oder sehen die schrecklichen Bilder auf den Zigarettenpackungen, die eindeutig zeigen, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist. Sie erleben Dissonanz.

Einerseits haben Sie die Kognition „Rauchen ist cool! Ich bin alt und cool genug zu rauchen!“ andererseits haben Sie nun die Kognition „Rauchen ist ungesund.“ Das erzeugt Spannung. Wieder ist Verhaltensänderung eine Option, die selten gewählt wird. Welcher Raucher hört schon auf, weil er eine Raucherlunge auf der Zigarettenpackung sieht? Viel wahrscheinlicher ist, dass Sie sich „überzeugen“ mit zusätzlichen Kognitionen: „So ungesund kann es gar nicht sein: mein Opa ist über 90 geworden und hat geraucht!“ oder „Rauchen ist ja nicht nur cool, sondern es entspannt auch!“ oder „Mich wird es schon nicht treffen, ich höre irgendwann rechtzeitig auf!“

Ein anderes Beispiel ist die Frau, die 10 Jahre mit dem gleichen Mann zusammen ist und sich nach Abwechslung sehnt.

Die wenigsten wissen, dass das normal ist und als Coolidge-Effekt bekannt. Sie hat die Kognition „Ich bin eine treue Frau.“ und „Ich betrüge meinen Freund nicht.“, andererseits sehnt sie sich nach neuen sexuellen Abenteuern und geht fremd. Hier passt das Verhalten nicht zum Selbstbild und erzeugt die Dissonanz. Was ist der Ausweg? Sie bildet ein neues Wertesystem und damit neue Kognitionen. Sie äußert sich feministisch und polyamor. „Treue ist ein überkommenes, patriarchalisches Konzept zur Unterdrückung der Frau!“ oder „Eifersucht ist eine ungesunde Reaktion des Egos!“ oder „Wer weiß, mit wem mich mein Freund betrügt.“

Und zum Schluss wieder ein Paradebeispiel: der Autokauf.

Viele Autokäufer lesen nach dem Kauf die Werbebroschüren über ihr erworbenes Modell, um sich selbst davon zu überzeugen, dass ihre Entscheidung richtig war. Oder kennen Sie jemanden, der jemals erzählt hätte: „Mein Autokauf war ein Reinfall – ich hätte besser ein anderes Modell gekauft.“? Das gibt es zwar, aber es ist eher der Ausnahmefall und kommt relativ selten vor.

Bekannte Experimente in der Forschung zur kognitiven Dissonanz

Die Theorie der kognitiven Dissonanz stammt von Leon Festinger, Schüler des Psychologiepioniers Kurt Lewin. Was bisher unerwähnt blieb: es ist wichtig, dass die Person, die die Dissonanz erlebt, das Gefühl hat, freiwillig zu entscheiden. Fehlt diese Freiwilligkeit, tritt das Phänomen (in der Psychologie spricht man gern vom „Effekt“) nicht auf. Denn dann kann man seine Kognitionen leicht in ein harmonisches System bringen: „Ich tue das, weil ich muss. Eigentlich will ich etwas anderes, aber die Umstände zwingen mich dazu.“ Das ist zwar auch kein angenehmes Gefühl, aber immerhin angenehmer als die kognitive Dissonanz aufgrund von Widersprüchlichkeiten zwischen Verhalten und Selbstbild oder verschiedenen Kognitionen.

Die frühen Experimente von Festinger in den 50er Jahren liefen folgendermaßen ab:

Studenten wurden gebeten, an einem Experiment teilzunehmen. Die Versuchspersonen bekamen eine langweilige und langwierige Aufgabe. Danach wurden sie gebeten, weitere Studenten von der Teilnahme an dem Experiment zu überzeugen. Aber ein Teil der Studenten bekam für diese „Anwerbung“ 20 Dollar. Der andere Teil bekam einen Dollar. Nun sollten die Studenten noch schnell die Langweiligkeit bzw. die Interessantheit des Experimentes einschätzen.

Und was glauben Sie, wie sich die beiden Gruppen unterschieden, nachdem was Sie über kognitive Dissonanz gelernt haben?

Genau. Die Gruppe, die für die „Anwerbung“ bezahlt wurde, fand das Experiment signifikant langweiliger als die Gruppe, die vergleichsweise wenig bekam. Warum? Die Theorie besagt: Die Studenten, die bezahlt wurden, logen bei ihrer Anwerbung dissonanzfreier als die andere Gruppe. Sie hatten ja einen Grund für ihr Verhalten: die Bezahlung. Die Gruppe, die ohne Bezahlung anwarb, musste eine kognitive Dissonanz bewältigen, nämlich aufgrund der Kognitionen: „Das Experiment war stinklangweilig.“ und „Ich lüge nicht.“ und „Ich muss meine Kommilitonen jetzt überzeugen, daran teilzunehmen.“ Um so interessanter Sie das Experiment fanden, um so weniger logen sie; also fanden sie das Experiment einfach interessanter – unbewusst.

Zahlreiche Experimente beschäftigten sich mit dem Unsinn harter und noch härterer Strafen.

Man denke hier an populistische Forderungen, die immer wieder durch das Netz gejagt werden. Oder gar an die Todesstrafe. Die kognitive Dissonanztheorie sagt: sinnlos. Warum? Weil die Leute eine externe Rechtfertigung haben, warum sie nicht zu schnell fahren, bei der Steuer nicht betrügen, etc. Das bedeutet aber auch: wenn sicher ist, dass sie nicht erwischt werden, machen sie es trotzdem. Haben sie diese Rechtfertigung nicht, müssen sie ihre Einstellung ändern. Sie bauen Kognitionen auf wie „Ich bin ein ehrlicher Mensch.“ oder „Ich bin ein besonnener, vernünftiger Autofahrer.“ Das tun sie bei drakonischen Strafen mit geringerer Wahrscheinlichkeit.

Investition und kognitive Dissonanz

Ein anderes Experiment (Axsom und Cooper, 1985)  beschäftigt sich mit der Investition und der damit verbundenen kognitiven Dissonanz (siehe Telefonwarteschleife). Es wurde eine Anzeige aufgegeben, dass VersuchspeIrsonen gesucht werden, die eine neuartige Methode ausprobieren könnten, Gewicht zu verlieren. Diejenigen, die sich meldeten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe erhielt schwierige, langwierige und komplizierte kognitive Aufgaben (die Psychologie hat davon Batterien voll im Schrank) und Ihnen wurde gesagt, dass die Vermutung bestünde, sie würden dadurch abnehmen, was totaler Quatsch war, aber die Leute glaubten es wohl. Und die andere Gruppe erhielt leichte, kurze Aufgaben, mussten sich also viel weniger anstrengen, viel weniger investieren. Nach 6 Monaten wurde gemessen, ob und wie viel Gewicht die Gruppen verloren hatten und siehe da: die Gruppe mit dem höheren (kognitiven) Aufwand hatte tatsächlich mehr Gewicht verloren. Erklärt wird das so: Sie hatten die größere kognitive Dissonanz, die aus den Kognitionen bestand: „Boah, ist das hier anstrengend!“ und „Ich will Gewicht verlieren.“ Das Ziel, abzunehmen gewann an Bedeutung, man hatte ja investiert. Also blieb man in der Folgezeit auch mehr am Ball.

Was bedeutet das Wissen über kognitive Dissonanz für mich?

Es bedeutet zweierlei: zum einen: seien sie nachsichtig mit ihren Mitmenschen. Üben Sie sich in Toleranz um Empathie, denn die anderen haben – und da können sie sicher sein – ein ausgeklügeltes System von konsonanten Kognitionen, die ihre Einstellungen und ihr Verhalten rechtfertigen, auch wenn Ihnen das schräg und unglaubwürdig vorkommt.

Es gibt in der Politik viele Lügen, aber als der Stasichef Erich Mielke 1989 in der Volkskammer sagte: „Ich liebe doch alle!“, war das wahrscheinlich ernst gemeint. Zu dieser Zeit revoltierten die Ostdeutschen gegen eine Militärdiktatur und einen Bespitzelungsstaat, in dem es extrem gefährlich war, eine von der Norm abweichende Meinung zu vertreten. Niemand konnte sicher sein, dass nicht der beste Freund oder Verwandte für die sogenannte Staatssicherheit (Stasi) arbeitete und Informationen nach „oben“ weitergab. Und der Chef dieser menschenverachtenden Stasi stellte sich hin und sagte, er würde doch alle (auch die Abweichler) lieben. Das erntete viel Hohn und Verachtung in der Bevölkerung. Aber wir können mit einiger Sicherheit sagen, dass Mielke ein ausgeklügeltes System (wirrer) Kognitionen hatte, die diesen Satz mit seinem Selbstbild vereinbaren ließen.

Oder nehmen wir Ihre Eltern. Viele Menschen werfen Ihren Eltern zu Recht vor, Fehler in der Erziehung gemacht zu haben. Aber kommt das bei den Eltern an? Es kann gar nicht ankommen. Ein Leben lang Investitionen, ein über Jahrzehnte geschaffenes Selbstbild können gar nicht umgestoßen werden, ohne dass es für die Eltern lebensbedrohlich wäre, würden sie die kognitive Dissonanz zulassen. Lassen Sie Ihre Eltern leben. Immerhin leben Sie durch sie.

Meinen Sie, der Pharmavertreter hätte nicht seinen Weg aus der kognitiven Dissonanz gefunden, wenn er damit konfrontiert würde, dass bei depressiven Jugendlichen und Kindern einige Antidepressiva die Suizidalität erhöhen können und oft gar keine Hauptwirkung haben? (Bei Erwachsenen dürfte das nicht anders sein.)

Seien Sie also nachsichtig. Zum anderen: seien Sie selbstreflexiv! Beobachten Sie sich! Machen Sie nicht die Fehler Ihrer Eltern. Versuchen Sie, sich bei kognitiver Dissonanzreduktion zu ertappen! Woran hängen Sie, weil sie vermeintlich schon viel investiert haben, was Sie aber zukünftig gesehen nur noch behindert? Seien Sie entscheidungsfroh! Sie werden sich Entscheidungen schon schön reden, um so endgültiger diese sind, um so wahrscheinlicher ist das. Haben Sie den Mut, glücklich zu sein!

Kognitive Dissonanz und Freud

Und noch etwas können Sie aus diesem Artikel mitnehmen: Sie kennen die falschen Namen! Haben Sie schon mal etwas von Kurt Lewin oder Leon Festinger gehört? Nein? Aber von Freud, oder? Lassen Sie die kognitive Dissonanz zu: in einem gerechten Universum wäre das umgekehrt. Warum? Freuds große Leistung besteht unbestritten in der Postulation der verschiedenen Abwehrmechanismen. Leider hört es dann aber auch schon auf.

Der ganze andere theoretische Überbau, das Instanzenmodell der Psyche (Es, Ich und Über-Ich), die Triebtheorie, die Katharsis und Karthexis, dass Träume Wunscherfüllung seien, dass geistige Prozesse Energie verbrauchen, – die Liste ist lang und ebenso unbelegt – ist hoch spekulativ. Seine Theorie ist ebenso populär wie esoterisch. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zur kognitiven Dissonanztheorie. Durch Mechanismen wie Rationalisierung, Verdrängung, Projektion und Sublimierung können wir kognitive Dissonanz reduzieren. Und das tun wir auch. Regelmäßig. Behalten Sie also diese 4 Begriffe und vergessen Sie, was Sie sonst von Freud gelernt haben.

Fazit zur kognitiven Dissonanz

Ich hoffe, ich habe sie gleichsam unterhalten und aufklären können mit diesem Artikel. Die Fabel mit dem Fuchs und den Trauben kennen Sie!? Der Fuchs befand sie für zu sauer, nachdem er vegeblich versucht hatte, sie zu ergattern. So sind so manche Trauben, die zu hoch hängen, sauer…

Sie müssen nicht in Allem meiner Meinung sein, ich freue mich über Kritik und andere Meinungen. Lassen Sie Ihrer Reaktanz freien Lauf! Jede Reaktion ist eine gute Reaktion!

Denken Sie daran: Wenn unsere Enkel uns einst fragen werden, wie wir die Überwachung und Einmischung in unsere Selbstbestimmung durch NSA, Google und Facebook dulden konnten, dann werden wir alle eine plausible Ausrede haben – kognitiver Dissonanzreduktion sei Dank!

In diesem Sinne! Es grüßt: Ihr Uwe Krüger.

Korsakow-Syndrom: Vergessenes neu erfinden

Korsakow-Syndrom: ein Gedächtnisproblem infolge von Alkoholmissbrauch oder extremen Diäten, bei denen es zu Vitaminmangel kommt. Finde heraus, welche Symptome und Ursachen es für dieses Syndrom gibt, wie es sich behandeln lässt und welche Formen der Prävention möglich sind.

Was ist das Korsakow-Syndrom?

Das Korsakow-Syndrom ist eine chronische Gedächtnisstörung deren Ursache ein starker Mangel an Thiamin (Vitamin B1) ist. 

Thiamin hilft dem Gehirn aus Zucker Energie zu gewinnen. Wenn der Thiamingehalt im Körper drastisch sinkt, generieren die Gehirnzellen nicht genug Energie, um korrekt funktionieren zu können. Die Folge dessen kann das Korsakow-Syndrom sein.

Man geht davon aus, dass dieser Mangel zu Schäden im Thalamus und an den Mammillarkörpern des Hypothalamus im Gehirn führt. Außerdem kommt es zu einem generellen Gewebeschwund im Gehirn (Atrophie) und zu neuronalen Schäden und Verlusten.

Forschungen haben ergeben, dass der Thiaminmangel die Substanzen verändert, die dafür verantwortlich sind Signale zwischen Gehirnzellen zu übertragen und Erinnerungen abzuspeichern. Diese Veränderungen können Neuronen zerstören und zu mikroskopisch kleinen Blutungen und Narben im Gehirngewebe führen.

Oft, aber nicht immer, geht diesem Syndrom eine Wernicke-Enzephalopathie voraus. Bei dieser kommt es aufgrund des starken Thiaminmangels zu einer akuten Reaktion des Gehirns. Die Wernicke-Enzephalopathie ist ein medizinischer Notfall, bei der es zu starken und lebensbedrohlichen Veränderungen im Gehirn kommt. Die Anzeichen sind mentale Verwirrung, Koordinationsprobleme der Bewegung und anormale, unfreiwillige Augenbewegungen.

Da das Korsakow-Syndrom häufig nach einer Episode der Wernicke-Enzephalopathie auftritt, wird das Syndrom auch als Wernicke-Korsakow bezeichnet. Nichtsdestotrotz kann das Korsakow-Syndrom auch ohne vorherige Wernicke-Enzephalopathie entstehen.

Symptome des Korsakow-Syndroms

Korsakow zeichnet sich durch Gedächtnisprobleme aus, während das Bewusstsein aber weitgehend erhalten bleibt. Bei einem Gespräch kann der Eindruck entstehen, dass die Person über alle Fähigkeiten verfügt. Dennoch zeigt die betroffene Person aber schwerwiegende Veränderungen in neueren Gedächtnisinhalten auf. Sie stellt immerzu die gleichen Fragen, liest die gleiche Seite eines Buches über Stunden und kann Personen, die sie während des Verlauf der Krankheit bereits mehrere Male gesehen hat, nicht wieder erkennen.

Die Gedächtnisprobleme können sehr stark sein, dabei kann sowohl das Kurzzeitgedächtnis als auch das Langzeitgedächtnis betroffen sein (Erinnerungslücken), während andere Fähigkeiten, wie die soziale Interaktion oder das Denken, relativ intakt bleiben.

Die Leitsymptome sind:

  • anterograde Amnesie: Unfähigkeit neue Gedächtnisinhalte zu generieren oder neue Informationen zu verarbeiten.
  • retrograde Amnesie: Unfähigkeit alte Gedächtnisinhalte abzurufen, die vor Krankheitsbeginn entstanden sind.
  • Erinnerungsverfälschungen: Erfundene Erinnerungen, die von dem Betroffenen selbst geglaubt werden. Ursache sind die Erinnerungslücken.
  • Fast inhaltslose Konversationsführung
  • Fehlende Introspektion
  • Apathie

Die Betroffenen des Korsakow-Syndroms können verschiedene Symptome zeigen. Einige Betroffene leben “in der Vergangenheit weiter”, überzeugt davon, dass ihr Leben und die Welt noch so ist, wie sie vor Krankheitsbeginn war. Andere zeigen eine große Bandbreite an Erinnerungsverfälschungen.

Die retrograde Amnesie tritt nicht bei allen Erinnerungen gleichermaßen auf, sondern betrifft eher neuere Erinnerungen. Je älter die Erinnerungen, desto eher bleiben sie. Der Grund dafür kann darin liegen, dass die neueren Erinnerungen noch nicht komplett im Gehirn konsolidiert sind und entsprechend vulnerabler gegenüber eines Verlusts sind.

Erinnerungsverfälschung beim Korsakow-Syndrom

Eines der charakteristischsten Symptome des Korsakow-Syndroms ist die Erinnerungsverfälschung. Die Betroffenen “verfälschen” Informationen oder denken sich welche aus, wenn sie die eigentliche Information nicht erinnern können. Dabei ist es nicht so, dass die Betroffenen “lügen”, sondern sie sind selbst davon überzeugt, dass ihre ausgedachten Erklärungen stimmen. Bislang gibt es noch keine wissenschaftliche Erklärung, wieso dieses Phänomen so auftritt.

Einige Personen zeigen konstant Erinnerungsverfälschungen. Sie denken sich stetig neue Identitäten aus, mit detaillierten Geschichten welche diese untermauern. Dadurch ersetzen sie die Realität, die sie vergessen haben.

Ursachen des Korsakow-Syndroms

Exzessiver Alkoholkonsum ist eine der Hauptursachen für das Auftreten des Korsakow-Syndroms

Man weiß, dass übermäßiger Alkoholkonsum das Nervensystem schädigen kann. In den allermeisten Fällen ist exzessiver Alkoholmissbrauch die Ursache für das Korsakow-Syndrom.

Es konnten zudem genetische Variationen identifiziert werden, die das Risiko für das Auftreten dieser Störung erhöhen. Eine nahrstoffarme Ernährung kann ebenfalls dazu beitragen.

Das Korsakow-Syndrom kann durch eine extreme Ernährung verursacht werden, wie es bei Anorexie, sehr restriktiven Diäten, Hungersnöten oder plötzlichem Gewichtsverlust nach einer Operation der Fall ist. Unkontrolliertes Erbrechen, eine HIV Infektion, eine andere chronische Infektion oder eine Krebserkrankung können ebenfalls eine mögliche Ursache darstellen.

Behandlung des Korsakow-Syndroms

Die Behandlung des Korsakow-Syndroms sollte multidisziplinär angegangen werden, bei welchem Ärzte, Psychologen und Neuropsychologen zusammenarbeiten, um eine möglichst effektive Intervention anbieten zu können.

Von einigen Experten wird empfohlen, dass Personen, die viel Alkohol konsumieren oder aus einem anderen Grund an Thiaminmangel leiden könnten, unter ärztlicher Aufsicht Ergänzungsmittel zu sich nehmen.

Ebenfalls ist es empfehlenswert, dass Menschen mit einer Geschichte von Alkoholmissbrauch und Symptomen, die mit der Wernicke-Enzephalopathie zusammenhängen, Thiamin injiziert bekommen, bis das klinische Krankheitsbild klarer ist.

Die Behandlung mit oraler Gabe von Thiamin, anderen Vitaminen und Magnesium kann bei Betroffenen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Symptome abnehmen.

Die psychologische Intervention besteht vor allem darin, die Alkoholabstinenz zu gewährleisten. Aus neuropsychologischer Sicht wird versucht dem Betroffenen zu helfen seine Defizite zu kompensieren, damit er sich sozial integrieren und ein so normales Leben wie möglich führen kann.

Korsakow-Syndrom: Prognose

Einige Daten zeigen, dass etwa 25% der Personen mit Korsakow-Syndrom wieder ganz gesunden, bei der Hälfte schwächen die Symptome ab und bei weiteren 25% lassen sich keine Verbesserungen erzielen.

Anderen Autoren zufolge ist die Mortalität hoch und liegt zwischen 10 und 20%. Das ist hauptsächlich auf Lungeninfektionen, Blutvergiftungen oder Leberschäden oder einen irreversiblen Thiaminmangel zurückzuführen.

Aus diesem Grund ist es sehr wichtig die Symptome des Korsakow-Syndroms so schnell wie möglich zu identifizieren und zu behandeln. Eine frühzeitige Behandlung der Wernicke-Enzephalopathie erhöht die Prognose der Genesung und kann das Auftreten des Korsakow-Syndroms verhindern. Beispielsweise lassen die Probleme der Augenbewegung bereits nach Stunden bis Tagen nachweislich nach, motorische Einschränken werden nach Tagen bis Wochen weniger. Bei etwa 60% der Betroffenen bleiben jedoch leichte Symptome.

Gemäß dieser Autoren ist die Prognose relativ schlecht, sobald das Korsakow-Syndrom einmal diagnostiziert wurde. Ungefähr 80% der Betroffenen leiden ihr Leben lang an chronischen Gedächtnisschäden.

Die kognitive Genesung ist langsam und nicht vollständig und erreicht nach etwa einem Behandlungsjahr das Maximum an möglicher Wiederherstellung. Es kann zu einer Genesung kommen, diese hängt jedoch von Faktoren wie dem Alter und der Alkoholabstinenz ab.

Korsakow-Syndrom: Präventionstipps

Eine ausgewogene und gesunde Ernährung kann helfen das Korsakow-Syndrom zu verhindern

  • Der wichtigste Ratschlag ist, den Alkoholkonsum auf ein Minimum zu reduzieren. Je weniger Alkohol, desto besser. Obwohl man vielleicht davon ausgeht wenig zu trinken, wird der Organismus bereits bei kleinen Mengen Alkohol beschädigt.
  • Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist wichtig, damit die Synthese von lebenswichtigen Vitaminen stattfinden kann, insbesondere des Thiamins (Vitamin B1).
  • Immer dann wenn Gedächtnisprobleme auftreten, sollte man einen Arzt aufsuchen. Dieser kann feststellen, ob es sich um einen normalen Alterungsprozess oder eine Form von Demenz handelt.
  • Man sollte sich ein gutes soziales unterstützendes Netzwerk aufrecht erhalten, da nahestehende Personen diejenigen sind, die helfen wenn ein besorgniserregendes Symptom auftritt.
  • Wenn man glaubt zu viel zu trinken, aber nicht weiß, wie man damit aufhören kann, sollte man professionelle Hilfe suchen.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Andrea García Cerdán, Psychologin bei CogniFit.

Was ist Altruismus? Ein Mythos oder gibt es das wirklich?

Altruismus: Anderen zu helfen ist eine bewusste Entscheidung, die man
jeden Tag treffen kann. Jemandem auf der Straße Geld zu geben, einem älteren Menschen über die Straße zu helfen, im Supermarkt etwas für jemanden aus dem Regal zu holen…. All das sind Beispiele für altruistisches Verhalten. Gibt es denn echten Altruismus, oder stehen am Ende immer eigenen Motive dahinter? Stellen wir andere an erste Stelle und handeln wirklich uneigennützig? Oder haben wir irgendeinen Nutzen davon, altruistisch zu handeln? Wenn ja, was? All diese Fragen versuchen wir im folgenden Artikel zu beantworten.

“Every man must decide whether he will walk in the light of creative altruism or in the darkness of destructive selfishness.” -Martin Luther King Jr.

Altruismus: Anderen zu helfen

Was bedeutet Altruismus?

Altruismus wird als uneigennütziges Verhalten definiert, welches zugunsten einer anderen Person gezeigt wird und nicht im Zusammenhang mit dem eigenen Wohlbefinden steht. Das sind großzügige Verhaltensweisen, Nettigkeit und Hilfsbereitschaft. Das Wort Altruismus stammt aus dem Latein, alter bedeutet “der Andere”.

Was ist Altruismus?

Altruistisches Verhalten sind selbstlose Taten, welche das Wohlbefinden anderer vor das eigene stellen und keine Gegenleistungen erwarten. Das kann jegliches Verhalten sein, von einer kleinen Hilfe im Supermarkt oder einer Knochenmarkspende. Altruismus wird von manchen Leuten als vorteilhaft für beide Seiten angesehen. Beispielsweise kann man als freiwilliger Helfer im Krankenhaus arbeiten, zieht selbst daraus dann den Vorteil es als Plus auf dem Lebenslauf stehen zu haben, was bei jeder Bewerbung gut ankommt. Was ist der Unterschied zwischen Empathie und altruistischem Verhalten?

Empathie ist das Verstehen der Perspektive des Gegenübers, beziehungsweise die Fähigkeit sich in seine Situation zu versetzen. Empathie setzt den Fokus mehr auf die Emotionen. Das Wort Empathie stammt aus dem Griechischen und lässt sich auf die Wörter em– und pathos zurückführen, die “Gefühle” und “Emotionen” bedeuten. Wie bereits erwähnt, basiert der Altruismus nicht auf Emotionen. Wenn aber jemand Empathie zeigt wird neurologisch das Emotionszentrum im Gehirn aktiviert. Es besteht aus der Amygdala, der Insula und dem Striatum. Dabei gibt es sogar spezielle Neuronen, die bei Empathie feuern: sogenannte Spiegelneuronen. Spiegelneuronen helfen Emotionen nachzuempfinden, die man bei anderen sieht.

Wie sieht Altruismus aus?

Nimm an, du fährst an einem regnerischen Tag mit dem Auto die Straße entlang und entdeckst auf einmal ein Auto, das umgekippt auf der Fahrbahn liegt. Automatisch fährst du rechts ran und rennst zum Auto, um zu helfen. Das wäre ein Beispiel für Altruismus, manche würden es auch als selbstlos oder einen Akt der Nettigkeit bezeichnen. Das ist ein extremes Beispiel, aber altruistisches Verhalten zeigen wir die ganze Zeit. Soziale Projekte durch Geld oder Hilfe zu unterstützen, gilt als altruistisch. Ein anderes Beispiel wäre beispielsweise die Spende einer Niere oder von Knochenmark.

Wie wird Altruismus in der Gesellschaft aufrecht erhalten?

Die Gesellschaft trägt dazu bei, dass bestimmtes Verhalten gezeigt, gefördert und aufrechterhalten wird. Darunter ist auch der Altruismus. Soziales Engagement und Freiwilligenarbeit machen sich heutzutage sehr gut im Lebenslauf und können einem Türen öffnen. Macht es altruistisches Verhalten weniger altruistisch? Gehen wir zurück zu dem Beispiel des Autounfalls. Wahrscheinlich wird in der Lokalzeitung und anderen Plattformen über diesen Fall berichtet. Das altruistische Verhalten könnte sogar als heldenhaft angesehen werden. Die Gesellschaft lobt und fördert altruistisches Verhalten tagtäglich, sodass anderen zu helfen einem selbst hilft.

Wieso Altruismus? Biologische Argumentation

Altruistisches Verhalten steht in Zusammenhang mit Empathie. Es hat einen starken Einfluss darauf, ob Altruismus gezeigt wird. Die Basis der Sympathie und moralischer Anliegen führt zu altruistischem Verhalten.

Wenn man Altruismus zeigt, fühlt man sich energetischer und erfüllter. Das gleiche Gefühl tritt auch auf, wenn man jemanden anderen sieht, wie er altruistisches Verhalten zeigt – dank der Spiegelneuronen. Obwohl Altruismus und Empathie nicht das Gleiche sind, sind sie miteinander verbunden.

Wieso zeigen wir altruistisches Verhalten? Evolutionäre Sicht

Menschen sind nicht die einzige Spezies, die altruistisches Verhalten zeigt. Bestimmte Fledermäuse helfen sich untereinander indem sie Blut erbrechen und es anderen Fledermäusen geben, die in jener Nacht nicht erfolgreich Blut saugen konnten. Oder auch die südliche Grünmeerkatze, eine Primatenart. Wenn Gefahr droht stoßen sie einen Schrei aus, um andere zu warnen, bringen sich selbst dadurch aber gleichzeitig in Gefahr. Auch bei Insekten wird Altruismus gezeigt: bei Insekten Kolonien steht das Leben der König von dem eigenen Leben. Sie stellen Futter bereit, beschützen das Nest und kümmern sich um die Larven. Aber wieso tun Tiere das? Wieso sollten sie anderen helfen und dabei selbst einen Nachteil von sich tragen?

Altruistisches Verhalten: Eine Grünmeerkatze stößt einen Warnschrei aus

Charles Darwin prägte den Begriff der natürlichen Selektion, “the survival of the fittest” (das Überleben des Stärksten). Laut dieser Annahmen verhalten sich Tiere so, dass sie selbst einen Vorteil haben und ihr eigenes Überleben sichern. Über Zeit und Spezies hinweg wurde diese Annahme bestätigt. Wieso sollten Tiere also altruistisch handeln, wenn es doch so weit weg vom Ideal der natürlichen Selektion ist? Was gewinnen Tiere aus evolutionärer Sicht durch altruistisches Verhalten? Haben sie denn etwas zu gewinnen?

Sowohl Mensch als auch Tier zeigen kooperatives Verhalten seit Anbeginn der Zeiten. Dieses Verhalten hat also zum Erhalt der Spezies beigetragen. Auf individueller Ebene ergibt das keinen Sinn. Wenn Individuen Altruismus zeigten, würden sie nicht überleben.

Wie konnte sich altruistisches Verhalten also bis zur heutigen Generation durchsetzen?

Wenn sich viele Individuen altruistisch verhalten, wird das zum Vorteil der gesamten Gruppe. Diese Art des selbstlosen Verhaltens trägt zum Überleben der Gruppe bei. Das wird Gruppenselektion genannt und hilft, weiteres altruistisches Verhalten zu generieren. Das Phänomen der Gruppenselektion galt zunächst als schwach und Biologen waren unsicher, ob es evolutionäre Ziele hat. Was häufig bei der Eigengruppenselektion auftritt, ist die Idee “des Überlebens von innerhalb“, bei welcher die Mitglieder möglicherweise durch die anderen Individuen der Gruppe ausgenutzt werden, die sich nicht altruistisch verhalten. Die egoistischen Individuen können Profit aus dem altruistischen Verhalten der anderen schlagen, ohne irgendwelche Kosten aufwenden zu müssen. Das kann dazu führen, dass die gesamte Gruppe aufgrund eines einzelnen Individuums unter Angstsymptomen und Stress leidet. Selbstaufopferung und Altruismus helfen nicht dem einzelnen Individuum, können aber in größeren Maßstäben, wie auf der Gemeinschaftsebene helfen.

Die Verwandtenselektion oder Sippenselektion ist die erweiterte Theorie der natürlichen Auslese, die 1964 durch William Hamilton entwickelt wurde. Dabei gingen sie einen Schritt weg von der Gruppenselektion und konzentrierten sich darauf, wie Altruismus sich innerhalb einer Sippe oder Familie entwickeln kann. Individuen zeigen eher altruistische Verhalten innerhalb ihrer Sippe, als außerhalb. Der Grad an Altruismus hängt von der Stärke der Beziehung ab. Dadurch können die altruistischen Gene innerhalb der Sippe von Generation zu Generation weitergegeben werden. Diese Theorie ergibt Sinn, wenn man aus Sicht der Genetik argumentiert. Das Ziel der Gene ist es, weitergegeben zu werden und in die nächste Generation zu gelangen. Foster et.al postuliert, dass bei den Insektengemeinschaften die Verwandtenselektion den Haupterklärungsansatz für die Entwicklung von Altruismus darstellt.

Gibt es echten Altruismus?

In der Friends-Folge “Harte Bedingungen” behauptet einer der Charaktere namens Joey, dass es keine selbstlosen Handlungen gebe und fordert Phoebe heraus. In dem folgenden Video könnt ihr sehen, wie sie versucht ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Nach all diesen Informationen: kann man davon ausgehen, dass es wahre altruistische Handlungen gibt? Es konnte belegt werden, dass es eine evolutionäre und biologische Basis für altruistisches Verhalten gibt, aber ist es wirklich selbstlos? Es gibt Menschen, die nicht an so etwas glauben und der Meinung sind, dass jeder -egal ob bewusst oder unbewusst- etwas tut um sich selbst zu helfen. Ob es dabei um Anerkennung geht, sich gut fühlen zu wollen, oder die Vorstellung, dass die andere Person einem nach der geleisteten Hilfe etwas schuldet… Auf der anderen Seite ergibt sich die Frage, ob es dementsprechend richtigen Egoismus gibt. Jemand kann etwas tun, das egoistisch wirkt, langfristig aber nicht nur der “egoistischen” Person sondern auch anderen hilft. Ist es dann wirklich egoistisch? Vielleicht sollte man, statt die Existenz von wahrem Altruismus infrage zu stellen, lieber altruistisches Verhalten fördern und Menschen dazu ermuntern, zumindest scheinbar Selbstloses zu tun.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Rebekah Nerenberg, Psychologin bei CogniFit.

Referenzen:
“Altruism.” Merriam-Webster. Merriam-Webster, n.d. Web. 03 June 2017.

“Altruism.” Psychology Today. Sussex Publishers, n.d. Web. 03 June 2017.

“Why Do We Help Others? Reciprocal Altruism Explained.” Psychologist
World, http://www.psychologistworld.com/behavior/altruism. Accessed 4 June 2017.

“Empathy.” Psychology Today. Sussex Publishers, n.d. Web. 03 June 2017.

Farsides, Tom. “The psychology of altruism.” The psychology of altruism | The Psychologist. N.p., n.d. Web. 05 June 2017.

Gonzalez, Karin. “Altruistic Behavior: Definition & Examples.” Study.com. Study.com, n.d. Web. 04 June 2017.

Okasha, Samir. “Biological Altruism.” Stanford Encyclopedia of Philosophy. Stanford University, 03 June 2003. Web. 05 June 2017.

 

Spiegelneuronen: Imitation als Basis des Lernens

Spiegelneuronen. Die Imitation als wirksamste Form des Lernens. Das menschliche Gehirn verfügt über verschiedene Mechanismen, die es uns erlauben Handlungen nachzuahmen. Babys sind in der Lage Gesichtsausdrücke nachzumachen, später in der Entwicklung imitieren wir auch grundlegende Verhaltensweisen. Lachen ist ansteckend, ein emotionaler Film stimmt uns traurig… Es scheint so, als wären wir dafür gemacht, das zu fühlen was andere fühlen, um mit ihnen empathisch zu sein und sie besser zu verstehen. Was passiert in unserem Gehirn, damit es dazu kommt? Die Antwort liegt in den Spiegelneuronen.

In diesem Artikel wird erklärt, was die Spiegelneuronen sind, welche Rolle sie bei der Erziehung und der Empathie spielen, was passiert wenn uns die Gefühle anderer anstecken, Pathologien die mit einem Defizit in der Struktur der Spiegelneuronen zusammenhängen, und vieles mehr. 

Spiegelneuronen

Definition: Was sind Spiegelneuronen?

Im Gehirn des Menschen und des Affen finden sich sogenannte Spiegelneuronen. Diese Gehirnzellen werden aktiviert, wenn wir jemanden dabei beobachten, wie er etwas tut. Beispielsweise werden sie aktiviert, wenn ein Schimpanse seine Mutter beobachtet und sie später imitiert und es so schafft eine Nuss mit einem Stein zu öffnen. Die Spiegelneuronen stehen in Zusammenhang mit empathischem, sozialem und imitierendem Verhalten und bilden ein grundlegendes Werkzeug für das Lernen.   

“Wir sind soziale Wesen. Unser Überleben hängt davon ab, Handlungen, Intentionen und Emotionen von den anderen zu verstehen. Die Spiegelneuronen erlauben uns das Gegenüber zu verstehen. Das geschieht nicht nur durch konzeptuelles Denken, sondern ebenso anhand der direkten Simulation. Fühlend, nicht denkend”.
(frei übersetzt nach G. Rizzolatti)

In den 90’er Jahren entdeckte die Forschungsgruppe unter Leitung von Giacomo Rizzolatti der Universität von Parma in Italien etwas Erstaunliches. Eine bestimmte Gruppe von Neuronen in den Gehirnen von Makaken wurden nicht nur dann aktiviert, wenn ein Affe selbst eine Handlung ausführte, sondern auch dann, wenn er einen anderen Affen bei der Ausführung einer Handlung beobachtete. 

Spiegelneuronen lassen sich als eine Gruppe von Neuronen definieren, die bei Primaten und Menschen aktiviert werden wenn diese eine Handlung ausführen oder jemanden dabei beobachten, wie er diese Handlung ausführt.

Spiegelneuronen sind eine Schlüsselfunktion für das Lernen, sie sind unentbehrlich um andere imitieren zu können. 

Von Geburt an sind diese Gruppen von Neuronen aktiv, die es uns erlauben Essen und Sprechen zu lernen oder uns selbstständig anzuziehen. Die Spiegelneuronen sind ebenfalls sehr wichtig bei der Handlungsplanung und wenn es darum geht die Intention hinter einer Tat einer anderen Person zu verstehen.  

Im folgenden video erklärt der Neurowissenschaftler Ramachandran was Spiegelneuronen sind und weshalb diese so wichtig sind. 

Spiegelneuronen und Erziehung

Die Spiegelneuronen ermöglichen es durch Imitation zu lernen. Sie erlauben es, die Körpersprache, Gesichtsausdrücke und Emotionen widerzuspiegeln. Spiegelneuronen spielen eine zentrale Rolle in unserem Sozialleben. Sie sind für die kindliche Entwicklung, zwischenmenschliche Beziehungen und das Lernen unabdingbar.

Wir Menschen sind soziale Wesen und dafür geschaffen von anderen zu lernen. Wir alle kommen schneller und weiter voran, wenn wir mit anderen kooperieren. Zu sehen wie unsere Eltern, Lehrer oder andere Schüler eine kognitive Fähigkeit oder Fertigkeit zeigen, schafft uns eine viel komplettere Lernerfahrung, als es eine theoretische Erklärung tun würde. Deswegen sollten wir in der Erziehung immer mit Beispielen arbeiten. 

Wie greifen die Spiegelneuronen in unseren Alltag ein? 

  • Die Spiegelneuronen sind dafür verantwortlich, dass wir anfangen zu gähnen, wenn wir jemanden beobachten, der gähnt.
  • Diese Neuronen sind für das Gefühl der Trauer verantwortlich, die wir verspüren, wenn wir jemanden leiden oder weinen sehen.
  • Gleiches passiert, wenn wir anfangen zu lachen, weil wir jemanden lachen sehen, auch wenn wir den Grund gar nicht wissen. 
  • Einigen Studien zufolge wird eine bestimmte Hirnregion (die anteriore Insula) sowohl dann aktiviert wenn man Ekel verspürt, als auch wenn man eine andere Person mit dem Ausdruck von Ekel sieht. Die anteriore Insula ist für die Verarbeitung von Gerüchen verantwortlich.
  • Weitere Studien zeigen, dass sich ein Bereich des somatosensorischen Kortex bei den Studienteilnehmern aktiviert, wenn diese berührt wurden oder wenn sie jemanden anderen beobachteten, wie dieser berührt wurde.

8 Ratschläge: Wie beeinflussen die Spiegelneuronen die Erziehung? 

Dank der Spiegelneuronen haben die Emotionen die wir zeigen einen direkten Einfluss auf die Menschen, die uns umgeben. Dabei bilden das Klassenzimmer oder Wohnzimmer keine Ausnahme. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Lehrkräfte und Eltern ihre Emotionen kontrollieren, um die Spiegelneuronen als Verbündete nutzen zu können, der die Erziehung erleichtert – statt das Gegenteil zu tun. 

  1. Freude und Optimismus zeigen, da sich diese Gefühle auf die Kinder oder Schüler übertragen (Gefühlsansteckung).
  2. Negative Emotionen kontrollieren und vermeiden. Jeder hat mal schlechte Laune, man sollte aber versuchen den Einfluss auf die Kinder dabei so gering wie möglich zu halten, da sich das negativ auf deren Gemütszustand auswirkt. Dabei sollte man aber auch darauf achten, nicht die Unterdrückung der Gefühle zu fördern. Die Emotionen der Kleinen wahrnehmen und ihnen dabei helfen diese zu erkennen und so gut wie möglich zu kontrollieren.  
  3. So oft wie möglich visuelle Darstellungen und “Lernen durch Nachmachen” ermöglichen. Theorie im Unterricht oder zuhause durch beispielhafte Vorführungen begleiten und den Kindern erlauben diese nachzumachen. 
  4. Die Interaktion der Kinder mit so vielen Menschen wie möglich fördern. Die Spiegelneuronen werden sich dadurch deutlich mehr aktivieren und erhöhen das Erlernen von sozialen Fähigkeiten und Empathie.
  5. Das Vorstellungsvermögen bei jeder Aktivität nutzen, welche die Kinder erlernen sollen (die Zähne zu putzen, das Zimmer aufzuräumen…)
  6. Gewalt vermeiden. Kinder lernen das was sie sehen. Wenn sie in einer Umgebung groß werden, in der gewalttätiges Verhalten geäußert wird, werden die entsprechenden Spiegelneuronen aktiviert und es wird wahrscheinlicher, dass die Kinder das Verhalten nachahmen.
  7. Kindern beibringen, dass es wichtig ist auf die Körpersprache der anderen zu achten. So lernen Kinder, wann jemand etwas mit anderen teilen möchte oder wann jemand Hilfe braucht. Spiegelneuronen sind der Schlüssel für die Empathie
  8. Kindern beibringen ihre eigenen Gefühle und die der anderen zu identifizieren.

Spiegelneuronen und die Gefühlsansteckung

Bist du glücklich, wenn dich fröhliche Menschen umgeben? Deprimiert es dich, wenn du mit pessimistischen und negativen Personen zusammen bist? Das ist auf die Gefühlsansteckung zurückzuführen, die durch die Spiegelneuronen erleichtert wird.

Die Gefühlsansteckung ist ein Prozess durch welchen eine Person oder eine Gruppe die Emotionen und das affektive Verhalten einer anderen Person oder Gruppe, durch die bewusste oder unbewusste emotionale Induktion, beeinflusst.

Wir tendieren dazu die Gesten und die Mimik der Leute zu imitieren mit denen wir kommunizieren und in vielen Fällen fühlen wir das, was diese fühlen.

Obwohl sich der Einfluss der Gefühlsansteckung auf persönliche und arbeitsbezogene Beziehungen bestätigt hat, sind wir uns immer noch nicht darüber bewusst, welche Fähigkeit wir eigentlich besitzen. 

Die Spiegelneuronen erlauben uns wortwörtlich das zu spüren, was die andere Person spürt, ihre Emotionen “zu leben”. Spiegelneuronen sind die Basis der Empathie.

Die Empathie ist die Fähigkeit, welche die meisten Menschen besitzen, sich in die Situation einer anderen Person zu versetzen und zu verstehen was sie aus ihrer Perspektive heraus fühlt.

Sie ermöglicht es uns, die anderen als “nicht anders als wir selbst” anzusehen. Ein weiterer Beleg dafür, dass wir soziale Wesen sind. Die Empathie war schon immer grundlegend für das Überleben unserer Spezies, welche ohne die Bindung und den Schutz der anderen nicht in der Lage gewesen wäre zu überleben.

Wie können wir uns die Gefühlsansteckung zu Nutze machen?

Man kann es sich zum Vorteil machen, dass sich Emotionen auf andere übertragen lassen und sich von anderen auf uns übertragen.

  • Glücklicherweise ist Freude ansteckender als Trauer, weshalb es gut ist, sich mit fröhlichen Personen zu umgeben. Traurige oder depressive Person sollte man  deshalb aber nicht vermeiden, denn diese Leute brauchen die Unterstützung und Hilfe von nahestehenden Menschen, um gesunden werden zu können.
  • Imitiere fröhliche und glückliche Menschen. Tu das, was sie machen. Treibe Sport und lache mehr (obwohl du vielleicht keine Lust hast – im Anschluss wirst du dich besser fühlen). 
  • Denke nach bevor du handelst, vor allem dann, wenn du etwas Negatives über jemanden sagen wirst. Sag es auf ruhige und diplomatische Art, denn dein Ärger kann sich leicht auf das Gegenüber übertragen.
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Eine Filmaufnahme aus der Berliner U-Bahn. Siehe hier, wie ansteckend Lachen sein kann:

https://www.youtube.com/watch?v=fM45JMTpkBU

Spiegelneuronen und Kultur

Hat die Kultur in der wir aufwachsen einen Einfluss auf unser Gehirn? Die Frage scheint sich mit “ja” beantworten zu lassen. 

Gemäß einer Studie, die an der Universität von Kalifornien – Los Angeles durchgeführt wurde, reagiert unser Netz an Spiegelneuronen unterschiedlich, je nachdem ob das Gegenüber aus der gleichen Kultur wie man selbst stammt, oder nicht. 

Die Forscher nutzten zwei Schauspieler, einen kaukasischen Amerikaner und einen Nicaraguaner, um einer Gruppe von amerikanischen Teilnehmern einige Gesten zu zeigen. (Amerikanische, nicaraguanische und andere Gesten ohne Bedeutung)

Mithilfe der Magnetresonanztomographie untersuchten die Wissenschaftler die Neuronenaktivität. Dabei zeigte sich, dass die amerikanischen Teilnehmer eine höhere Aktivität der Spiegelneuronen aufwiesen, wenn sie den Amerikaner im Vergleich zu dem Nicaraguaner die Gesten vollführen sahen. Wenn letzerer amerikanische Gesten vorzeigte sank die Aktivität der Spiegelneuronen drastisch.

Hier zeigt sich, dass die Kultur einen messbaren Einfluss auf unser Gehirn hat und sich folglich auch in unserem Verhalten widerspiegelt. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass wir besser darauf vorbereitet sind Personen unseres eigenen Kulturkreises zu verstehen und empathisch mit ihnen zu sein als bei Mitgliedern fremder Kulturen. Das erklärt auch, wieso wir leichter Beziehungen zu Personen aus der gleichen Kultur aufbauen.

Spiegelneuronen, Empathie und Psychopathie

Die Psychopathie ist eine Persönlichkeitsstörung (schwere Form der antisozialen Persönlichkeitsstörung) die sich durch einen oberflächlichen Charme, pathologisches Lügen und eine deutlich verringerte Kapazität Reue oder Empathie zu spüren, auszeichnet.

Es sticht hervor, dass viele psychopathische Personen eine kriminelle Laufbahn einschlagen, aber natürlich nicht alle. Viele sind sozialisiert und führen ein ganz normales Leben.

Aber wenn Psychopathen nicht in der Lage sind Empathie zu verspüren, funktionieren dann ihre Spiegelneuronen? Eine Studie hat dies untersucht.

In der Studie wurde die Gehirnaktivität von zwei Gruppen untersucht. (18 Teilnehmer mit Psychopathie, 26 Gesunde) während sie kurze Videos anschauten. Dabei wurde ein Hand gezeigt, die auf zärtliche, schmerzvolle, soziale Weise eine andere berührte, abwies oder neutral behandelte. Zunächst sahen die Teilnehmer das Video, anschließend erhielten sie die Instruktion, sich in die Lage der Person zu versetzten und zu versuchen, das zu spüren, was die Person spürt. Im dritten Teil der Studie wurden die Teilnehmer mit einem Lineal auf die Hand geschlagen, um die Gehirnregion zu lokalisieren, die bei Schmerzen aktiviert wird.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Gruppe der Personen mit Psychopathie nur dann eine Reaktion der Spiegelneuronen zeigte, wenn diese die Instruktion erhielten, empathisch zu sein. Dann zeigte sich ein Aktivierungsmuster der Spiegelneuronen, das genauso stark wie bei der Gruppe der Gesunden war. Ohne Instruktion jedoch, zeigten sie eine sehr geringe Aktivierung der Gehirnregionen, die mit Schmerzen assoziiert sind.

Daraus kann man schließen, dass Menschen mit Psychopathie nicht empathielos sind, sondern so etwas wie einen Schalter haben, der die Empathie aktiviert und deaktiviert. Dabei scheint diese normalerweise deaktiviert zu sein.

Spiegelneuronen und Autismus

Personen mit Autismus haben neben weiteren Symptomen einen verspäteten Spracherwerb und Probleme in der Emotionserkennung. Für sie ist es schwierig ihre eignen Gefühle und die Gefühle anderer Menschen zu erkennen.

Deshalb wurde in der Wissenschaft angenommen, dass bei Personen mit Autismus das System der Spiegelneuronen “kaputt” ist. Mittlerweile weiß man, dass dem nicht so ist. Das System ist nicht kaputt, es ist jedoch in seiner Entwicklung verzögert. Während die meisten von uns eine sehr hohe Aktivierung der Spiegelneuronen in der Kindheit haben, ist diese Aktivierung bei Kindern mit Autismus viel schwächer. Diese Aktivität steigt aber mit dem Alter bei Menschen mit Autismus an.

Andere Studien jedoch zeigen, dass diese Neuronengruppe bei Kindern mit Autismus nicht weniger aktiviert ist. Wenn das Experiment mit Personen durchgeführt wird, welche die Kinder kennen, ist die Aktivität ihrer Spiegelneuronen ganz normal.

Vielen Dank fürs Lesen! Bei Fragen oder Anregungen kann gerne ein Kommentar hinterlassen werden.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Andrea García Cerdán, Psychologin bei CogniFit.

Referenzen:

Molnar-Szakacs, I., Wu, A. D., Robles, F. J., & Iacoboni, M. (2007). Do you see what I mean? Corticospinal excitability during observation of culture-specific gestures. PLoS One, 2(7), e626.

Meffert, H., Gazzola, V., den Boer, J. A., Bartels, A. A., & Keysers, C. (2013). Reduced spontaneous but relatively normal deliberate vicarious representations in psychopathy. Brain, 136(8), 2550-2562.

Hemineglect: Wenn die Hälfte der Welt verloren geht

Die Aufmerksamkeit ist einer der wichtigsten kognitiven Prozesse der menschlichen Entwicklung. Veränderungen in diesem Aufmerksamkeitsprozess beispielsweise nach einer Läsion oder einem Hirnschaden kann schwerwiegende Folgen haben. Dies zeigt sich beispielsweise bei dem Hemineglect. Im Folgenden wird diese Aufmerksamkeitsstörung näher beschrieben: Was bedeutet sie genau, welche neurologische Basis liegt ihr zugrunde, welche Formen gibt es und wie lässt sich diese Störung diagnostizieren und behandeln?

Was ist das Hemineglect?

Eine der bekanntesten Aufmerksamkeitsstörungen ist das Hemineglect. Wie Mesualam 1981 beschrieb, verhalten sich Personen, die an der Aufmerksamkeitsstörung Hemineglect leiden so, als würde die gegenüberliegende Seite des halben Wahrnehmungsfeldes nicht existieren. Wenn sich der Gehirnschaden in der rechten Hemisphäre zugetragen hat, kann der Patient der linken Hälfte von dem was seine Augen sehen, keine Aufmerksamkeit schenken. Das Hemineglect tritt in der Regel nach einseitigen Gehirnläsionen auf, vor allem nach solchen in der rechten Hemisphäre. Diese Störung äußert sich konkret in der Unfähigkeit auf die Reize im kontraläsionären Raum zu reagieren, sich auf diese zu beziehen oder sich ihnen zuzuwenden. Bei einem Schaden in der rechten Hemisphäre hört die Umgebung auf der linken Seite des Patienten also sozusagen auf “zu existieren”.

Hemineglect und Aufmerksamkeit

Es gibt verschiedene Theorien, die alle gemeinsam haben, dass das Hemineglect nicht als ein einzelnes Defizit zu verstehen ist, sondern bei diesem verschiedene kognitive Bereiche beeinträchtigt sind.

Ein Versuch diese Aufmerksamkteisverzerrungen zu erklären erfolgt mithilfe der “Theorie der Abkupplung”, aufgrund der Auswirkungen bei der Aufmerksamkeitslenkung. Diese Verzerrung tritt vor allem dann auf, wenn Mechanismen involviert sind, die eine exogene Aufmerksamkeit implizieren. Die Reize die auf der ipsilateralen Seite präsentiert werden (also die, die rechts dargestellt werden, bei Läsion der rechten Hemisphäre) beeinflussten die Zeit, welche die Patienten mit Läsionen des rechten Parietallappens benötigen, um Stimuli auf der linken Seite wahrzunehmen.

Es lässt sich hervorheben, dass Betroffene des Hemineglects die gesamte Information in ihrer Umgeben wahrnehmen, das Problem liegt also nicht in der Wahrnehmung, sondern sich dieser bewusst zu werden. Es gibt eine Veränderung in der Aufmerksamkeitsverlagerung (die Fähigkeit diese von einem auf den nächsten Reiz zu wechseln). Der Patient empfängt ein sensorisch vollständiges und komplettes Bild, richtet sich aber nur auf eine der beiden Hälften.

Zusammenfassend bedeutet das, dass eine Person mit Hemineglect das bevorzugt, was von der unbeschädigten Gehirnhälfte kontrolliert wird.

Hemineglect und Aufmerksamkeit

Formen des Hemineglects

Im Folgenden werden die verschiedenen Formen dieser Störung genauer beschrieben:

  • aufmerksamkeitsbezogenes oder sensorisches Hemineglect: tritt auf, wenn die selektive Aufmerksamkeit nicht dazu in der Lage ist, die Aufmerksamkeit auf die externen Reize (extrakorporalen) oder die des eigenen Körpers (personal) zu verteilen. Es manifestiert sich durch die Schwierigkeit auf einen Reiz zu reagieren, der sich auf der gegenüberliegenden Seite der zerebralen Läsion befindet.
  • Hemiasomatognosie: auch als Anton-Babinski-Syndrom bekannt. Dieses Defizit ist auf den eigenen Körper bezogen. Es handelt sich also um das halbseitige Nichtwahrnehmen des eigenen Körpers. Dabei treten Symptome auf wie, sich nur auf einer Seite des Körpers zu rasieren, zu schminken oder zu kleiden.
  • intentionales Hemineglect oder motorisches Neglect: auch bekannt als Hemiakinesie. Hier besteht die Schwierigkeit die Aufmerksamkeit auf die Aktionen oder Intentionen des eigenen Körpers im Raum zu verteilen. Es kann auch zur Verlangsamung oder zum Fehlen von Bewegungen kommen, was einer Hemiparese (halbseitige Lähmung des Körpers) ähnelt.
  • Motorische Impersistenz: besteht aus der Unfähigkeit eine durch den Versuchsleiter vorgegebene Körperposition mehr als 10 Sekunden halten zu können.
  • Affektives Hemineglect: das Verhalten des Patienten ist so, als würde nichts Wichtiges passieren (Anosognosie oder Defizitsbewusstsein). In einigen Fällen weiß der Patient von seiner Hemiplegie, aber sie ist ihm egal (Anosodiaphorie), bei anderen ist die Störung stärker ausgeprägt und es besteht eine Abweisung und Misshandlung gegenüber einer Körperhälfte (Misoplegie).
  • repräsentatives Hemineglect: Ist die Vernachlässigung der Hälfte eines Objekts, einer Repräsentation, eines mentalen Bildes oder einer realen Situation.

Neurologische Basis des Hemineglects

In den allermeisten Fällen ist die Ursache des Hemineglects eine Läsion oder Schädigung in der rechten Hemisphäre des Gehirns.

Man geht davon aus, dass Ausfälle in der mittleren Gehirnschlagader, die in Zusammenhang mit dem Parietal- und Frontallappen steht, eine wichtige Rolle in der Symptomatologie dieser Patienten spielt.

Neuere Studien zeigen, dass der geschädigte Hirnbereich bei Patienten mit Hemineglect der mediale Gyros Temporalis superior ist, der sich auf der seitlichen Oberfläche des inferioren Parietallappen befindet und bei 50% der untersuchten Fälle beschädigt ist. Diese Hirnregion ist bei Personen mit bilateralen Schädigungen mit Defiziten in der Raumwahrnehmung assoziiert.

Die beim Hemineglect am meisten betroffenen Hirnregionen sind folgende:

  • Gyrus angularis: ist mit der Raumwahrnehmung und dem Erhalte der Aufmerksamkeit auf räumliche Anordnungen assoziiert.
  • Lobulus parietalis superior: an den Veränderungen der räumlichen Aufmerksamkeit beteiligt.
  • temporoparietaler Übergang: für die räumliche Neuorientierung und die Detektion ausgehender Reize verantwortlich. In den angrenzenden Arealen kann die Ursache für sekundäre Defizite liegen, die einige Patienten äußern, wie die Neuorientierung der Aufmerksamkeit oder der Detektion der Salienz eines Reizes.

Bewertung des Hemineglects

Die größte Schwierigkeit bei der Bewertung des Hemineglects besteht darin, dass es aufgrund der hohen Variabilität zwischen den Betroffenen, wenige Tests gibt, welche die Patienten auf vergleichende Weise bewerten können.

Die Paradeaufgabe zur Bewertung des Hemineglects ist die Reizentfernung. Der Patient muss einen Reiz in Mitten von Distraktoren finden. Typisch ist, dass es bei den Reizen zu Detektionsfehlern kommt, die im linken Blickfeld positioniert sind.

Der am meisten genutzte Test ist der BIT (Behavioral Inatention Test), der aus sechs verschiedenen Untertests besteht: Linien Durchstreichen, Buchstaben entfernen, Figuren abzeichnen, Sterne entfernen, Linien zweiteilen und repräsentative Zeichnungen.

Die Zweiteilung von Linien ist neben dem Durchstreichen eine der am häufigsten angewendeten Aufgaben. Dem Patienten werden horizontale Linien präsentiert, bei denen er den Mittelpunkt dieser markieren soll. Die Patienten tendieren dazu die Markierung viel weiter rechts zu setzen, als richtig wäre.

Ebenfalls werden Zeichenaufgaben mit den Patienten gemacht. Dabei müssen Figuren abgezeichnet oder spontan geometrische Figuren von der Mitte ausgehend gezeichnet werden. Es kommt in der Regel zur Verfälschung oder Auslassung von Teilen des Bildes.

Es hat sich gezeigt, dass die Patienten ohne visuelles Feedback, also wenn sie mit geschlossenen Augen zeichnen sollen, weniger Fehler machen und die Aufgabe besser durchführen.

Eine weitere typische Aufgabe ist der Uhrentest, bei dem die Ziffern in der richtigen Reihenfolge in eine Uhr eingetragen werden müssen, entweder geschieht dies aus dem Kopf (wie in dem Anfangsbild zu sehen) oder soll abgezeichnet werden.

Rehabilitierung des Hemineglects

Die Wiederherstellung bei Patienten mit Hemineglect ist wichtig, vor allem da erlernt werden kann die geschädigte Zone zu kompensieren.

Hierzu werden Suchaufgaben gestellt, die sich auf den Teil beziehen, dem keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Mit einigen Übungen steigt das Bewusstsein der Patienten und sie können Lernstrategien entwickeln, um eine systematischere Suche zu realisieren.

Eine weitere Technik ist die der Kompensation. Beispielsweise wird mit bunten Farben eine Linie auf der linken Seite gezeichnet, um sie darauf hinzuweisen dort anzufangen zu lesen. Es dient also der Erlangung ihrer Aufmerksamkeit.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass die effektivsten Techniken diejenigen sind, die das Visuelle Scanning fördern, beispielsweise die Suche nach Unterschieden, Bilder abzeichnen oder Lesen.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Sara Morales Alonso, Neuropsychologin bei CogniFit.

Der Hippocampus: das Tor zum Gedächtnis

Hippocampus. Ein bekanntes Gefühl: auf einmal hat man einen Blackout und weiß nicht mehr, was man eigentlich sagen wollte. Unser Gehirn ist voller wichtiger Informationen und Daten, die wir über die Jahre dort abspeichern. Ab und zu haben wir so viel Informationen zur Verfügung, dass unser Gehirn einige davon ignoriert oder löscht.

Der Gehirnteil, der für solch wichtige Prozesse wie dem Lernen und Gedächtnis verantwortlich ist, heißt Hippocampus. Ohne diese Gehirnstruktur wäre es unmöglich sich an Dinge zu erinnern und die assoziierten Gefühle der Erinnerungen zu spüren. Im Folgenden wird erklärt, wie er, obwohl er so klein ist, eine so große Rolle für uns spielt.

Der Hippocampus: eine grundlegende Struktur im Gehirn

Was ist der Hippocampus?

Er verdankt seinen Namen dem Anatom Giulio Cesare Aranzio, der diese Hirnstruktur im 16 Jahrhundert entdeckte, die in ihrer Form einem Seepferdchen ähnlich sieht. Der Name stammt aus dem Griechischen und wird aus dem Wörtern Hippos (Pferd) und Kampos (Seeungeheuer) zusammengesetzt.

Bei seiner Entdeckung wurde dieser Gehirnteil mit dem Geruchssinn assoziiert und man ging davon aus, dass seine Hauptfunktion die Verarbeitung olfaktorischer Reize ist. Diese Annahme wurde bis zum Jahre 1890 verteidigt. In diesem Jahr konnte Vladimir Béjterev zeigen, dass die wahre Funktion des Hippocampus mit dem Gedächtnis und den kognitiven Prozessen zusammenhängt.

Der Hippocampus ist einer der wichtigsten Gehirnteile, weil er sehr weitläufig mit den Funktionsweisen des Gedächtnis und den Emotionen verbunden ist. Es handelt sich um ein kleines Organ welches im Temporallappen zu finden ist, das mit verschieden Teilen des Kortex kommuniziert.

Der Hippocampus  ist erwiesenermaßen die Hauptstruktur des Gedächtnisses.

Es handelt sich um ein kleines längliches und kurviges Organ. Im inneren unseres Gehirns haben wir zwei Hippocampi, einen in jeder Hemisphäre (linken und rechten).

Wo befindet sich der Hippocampus?

Er hat eine gute Lage, in welcher er mit verschiedenen Regionen des Gehirns verbunden ist. Er befindet sich im medialen Temporallappen.

Zusammen mit anderen Gehirnstrukturen, wie der Amygdala und dem Hypothalamus formt er das limbische System, welches die primitiven physiologischen Reaktionen reguliert.

Sie gehören zu den “ältesten, tiefen und primitiven” Teilen des Gehirns, welche auch als Archicortex bekannt ist und die älteste menschliche Gehirnregion darstellt und vor Millionen von Jahren in unseren Vorfahren erschien, um deren grundlegende Bedürfnisse erfüllen zu können.

Der Hippocampus befindet sich im mittleren Temporallappen

Wozu dient der Hippocampus?

Zu seinen Hauptfunktionen zählen die Gedächtnisprozesse, die mit der Konsolidierung von Erinnerungen, Lernprozessen und räumlicher Orientierung zusammenhängen. Zentral ist auch die Regulation und Produktion von emotionalen ZuständenWie lernt das Gehirn?

Einige Untersuchungen sehen ebenfalls einen Zusammenhang dieser Hirnstruktur mit der Inhibition von Verhalten, welcher aber noch nicht endgültig bestätigt werden konnte, da diese Befunde relativ neu sind.

Hippocampus und Gedächtnis

Er ist vor allem mit dem emotionalen Gedächtnis und dem deklarativen Gedächtnis verbunden.

Er erlaubt es uns Gesichter zu erkennen, Dinge zu beschreiben und positive oder negative Gefühle mit den Erinnerungen von erlebten Ereignissen in Zusammenhang zu bringen.

Der Hippocampus greift sowohl bei der Bildung von episodischen und autobiografischen Erinnerungen ein. Als Basis dienen die Erfahrungen, die wir erleben. Um all die Informationen über Jahre hinweg abzuspeichern benötigt unser Gehirn “Platz”. Aus diesem Grund überträgt der Hippocampus temporäre Erinnerungen an andere Gehirnbereiche, wo diese im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden.

Wenn der Hippocampus beschädigt wird, verliert sich die Fähigkeit zu lernen und Informationen im Gedächtnis zu behalten. Neben der Übertragung der Informationen ins Langzeitgedächtnis, verbindet der Hippocampus die Gedächtnisinhalte mit den positiven oder negativen Bewertungen. Dies geschieht in Abhängigkeit davon ob die Erinnerungen mit guten oder schlechten Erfahrungen assoziiert sind.

Es gibt viele verschiedene Gedächtnisformen: das semantische Gedächtnis, das episodische Gedächtnis, das prozedurale Gedächtnis, das implizite Gedächtnis, das deklarative Gedächtnis… Im Falle des Hippocampus ist er konkret für das deklarativen Gedächtnis (umfasst unsere persönlichen Erfahrungen und Wissen über die Welt) zuständig und verwaltet die Inhalte, die verbal ausgedrückt werden können. Die verschiedenen Gedächtnisformen werden nicht nur vom Hippocampus beherrscht, sondern sind ebenfalls mit anderen Hirnregionen verbunden. Der Hippocampus ist nicht für alle mit Gedächtnisverlust assoziierten Prozesse verantwortlich, umfasst aber einen großen Teil davon.

Hippocampus und Lernen

Diese Gehirnstruktur ermöglicht das Lernen und das Behalten von Information, da es sich um eine der wenigen Gehirnregion handelt, in welcher Neurogenese das gesamte Leben lang stattfindet. Der Hippocampus besitzt die Fähigkeit, neue Neuronen zu produzieren und neue Verbindungen zwischen ihnen herzustellen – das ganze Leben lang.

Damit die neuen Informationen im Gedächtnis gefestigt (konsolidiert) werden können, müssen neue Verbindungen zwischen Neuronen entstehen. Aus diesem Grund spielt diese Gehirnstruktur eine entscheidende Rolle in Lernprozessen.

Kuriosität: Stimmt es, dass der Hippocampus von Taxifahrern in London größer beziehungsweise besser entwickelt ist? Weshalb? Taxifahrer in London müssen für ihre Lizenz eine schwierige Prüfung bestehen, bei der sie 25.000 Straßen und 20.000 Sehenswürdigkeiten auswendig kennen müssen. Im Jahre 2000 führten Maguire et al. eine Studie mit Londoner Taxifahrer durch. Es zeigte sich, dass ihr posteriorer Hippocampus vergrößert war. Dabei war die Größe des Hippocampus direkt proportional zu der Anzahl von Jahren, welche die Teilnehmer bereits als Taxifahrer arbeiteten. Das lässt sich darauf zurückführen, dass der Trainingseffekt, das Lernen und die Erfahrung das Gehirn verändern und modellieren.

Räumliche Orientierung und der Zusammenhang mit dem Hippocampus

Eine weitere wichtige Funktion, bei welcher diese Hirnstruktur eine Rolle spielt, ist die räumliche Orientierung.

Die räumliche Orientierung hilft uns, unseren Körper in einem dreidimensionalen Raum zu koordinieren. Dadurch können wir uns bewegen und mit der Welt um uns herum in Verbindung treten.

Unterschiedliche Studien mit Nagetieren haben gezeigt, dass der Hippocampus ein Gehirnareal ist, das von lebenswichtiger Bedeutung für die Orientierung und das räumliche Gedächtnis ist. Dank seiner korrekten Funktionsweise sind wir in der Lage uns an verschiedene Orte zu bewegen oder uns in Städten zurecht zu finden, die wir nicht kennen… Allerdings sind die Informationen in Bezug auf Befunde mit Menschen sehr limitiert. Hierzu muss weiter geforscht werden.

Was passiert, wenn sich der Hippocampus verändert?

Eine Läsion des Hippocampus kann zu Problemen führen, neue Gedächtnisinhalte zu generieren. Eine Läsion kann zu einer Amnesie führen, bei der die spezifischen Erinnerungen betroffen sind, jedoch das Erlernen von Fertigkeiten und Kapazitäten intakt bleibt.

Läsionen im Hippocampus können anterograde oder retrograde Amnesien auslösen . Diese beziehen sich auf die Erstellung oder dem Abruf von deklarativen Erinnerungen. Das non-deklarative Gedächtnis bleibt in diesen Fällen entsprechend unbeeinträchtigt und ohne Läsionen. Eine Person mit hippocampalen Schädigungen kann danach also beispielsweise lernen Fahrrad zu fahren, sich aber nicht daran erinnern jemals ein Fahrrad gesehen zu haben. Das bedeutet, Fähigkeiten sind weiterhin erlernbar, die betroffene Person wird sich jedoch nicht an den Prozess des Lernens erinnern können.

Die anterograde Amnesie ist ein Gedächtnisverlust, der sich auf Begebenheiten nach der Läsion bezieht. Es können also keine neuen Erinnerungen generiert werden. Im Gegensatz dazu können bei der retrograden Amnesie Dinge vor der Läsion nicht mehr erinnert werden.

An diesem Punkt stellt sich die Frage, wieso der Hippocampus geschädigt ist, wenn Amnesien auftreten. Das ist einfach: dieser Teil des Gehirns agiert wie eine Eingangstor zu den zerebralen Mustern. Diese speichern einen Teil der Ereignisse, bis diese in den Frontallappen übergehen.  Er spielt eine Schlüsselfunktion bei der Gedächtniskonsolidierung, in dem er die Gedächtnisinhalte von dem Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis überträgt. Wenn dieses “Tor” beschädigt ist und dadurch eine Abspeicherung der Informationen nicht möglich ist, können keine langfristigen Erinnerungen generiert oder abgerufen werden.

Neben dem Verlust der Fähigkeit Dinge zu erinnern, kann es auch passieren, dass es bei Schädigungen des Hippocampus zum Verlust der Fähigkeit kommt, die Emotionen zu verspüren, die mit den Erinnerungen assoziiert sind. Das bedeutet, dass man unfähig ist, die Erinnerungen mit den dazugehörigen Emotionen in Verbindung zu bringen.

Wieso entstehen Schäden im Hippocampus?

Die Großzahl der Veränderungen, die in diesem Hirnareal auftreten können sind Konsequenzen des Älterwerdens und der neurodegenerativen Erkrankungen, Stress, Schlaganfällen, Epilepsie, Aneurysmen, Enzephalitis, Schizophrenie….

Alterungsprozess und Demenzen

Beim Alterungsprozess allgemein und bei Demenzen wie der Alzheimer-Krankheit im speziellen ist der Hippocampus eine der Hirnregionen, die als erste betroffen ist. Neue Erinnerungen zu generieren oder relativ neue biografische Erinnerungen abzurufen ist schwierig, da sich diese Fähigkeit beeinträchtigt sieht. Die Gedächtnisprobleme sind in diesem Fall mit dem Tod der Neuronen im Hippocampus assoziiert. Wie kann man der Demenz entgegenwirken?

Die Mehrheit von uns kennt irgendeine Person, die an einer Form von Demenz leidet oder gelitten hat und bei der es zu Gedächtnisverlust gekommen ist. Dabei ist es interessant, dass die Erinnerungen, die bei diesen Menschen am ehesten erhalten bleiben, jene aus der Kindheit oder der Jugend sind. Wie kann das sein, wenn der Hippocampus beschädigt ist?

Selbst wenn diese Gehirnstruktur stark beschädigt ist (aufgrund von Demenz oder einer anderen Krankheit), sind die Erinnerungen die vorherrschen, die Ältesten und Relevantesten aus dem Leben der Person. Das hängt damit zusammen, dass sich diese Erinnerungen im Laufe der Zeit “unabhängig” vom Hippocampus gemacht haben. Sie werden Teil anderer Strukturen, die mit dem Langzeitgedächtnis assoziiert sind.

Hippocampus und Stress

Diese Hirnregion ist gegenüber Episoden von Stress sehr empfindlich, da der Stress die Neuronen im Hippocampus inhibiert und verkümmern lässt.

Vielleicht ist es schon einmal aufgefallen: Wenn wir sehr gestresst sind und tausend Dinge zutun haben, verspüren wir Gedächtnisprobleme.

Stress und insbesondere Cortisol (ein Hormon, das bei Stress ausgeschüttet wird) schädigt die Gehirnstrukturen, was zum Tod von Neuronen führen kann. Dieses Phänomen kann auch bei der posttraumatischen Belastungsstörung eine Rolle spielen. In Alltagssituation ist es wichtig zu lernen, die Ruhe zu bewahren und unsere Emotionen zu verwalten, um zu gewährleisten, dass unser Hippocampus stark und leistungsfähig bleibt.

Weiteres…

Wen das Thema interessiert: im Film “Momento” leidet der Protagonist an einer anterograden Amnesie, gegen die er während des Films ankämpft, um das was ihm widerfährt nicht zu vergessen.

Bei Fragen oder Anregungen kann gerne die Kommentarfunktion genutzt werden.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Mairena Vázquez, Psychologin bei CogniFit.

Was ist Aberglaube? Die Psychologie hinter abergläubischem Verhalten

Horoskope, schwarze Katzen, kaputte Spiegel, auf Holz klopfen, vierblättrige Kleeblätter… Der Aberglaube umgibt uns und beeinflusst bei vielen Menschen den Alltag. Aber wieso sind wir abergläubisch? Im folgenden Artikel beschreiben wir was Aberglaube ist und welche psychologischen Mechanismen abergläubischem Verhalten zugrunde liegen.

Aberglaube: vierblättrige Kleeblätter bringen Glück

Bist du eine abergläubische Person? Die meisten von uns sind es zumindest teilweise, die einen mehr, die anderen weniger. Abergläubische Verhaltensweisen finden sich überall. Jede Kultur hat dabei seine eigenen. In China bringt beispielsweise nächtliches Fingernagelschneiden Unglück, da dadurch Geister angezogen werden sollen. Neben der Kultur kann jede Person ihren eigenen Aberglauben entwickeln, der auf den eigenen Erfahrungen basiert.

Unter Symbolen, die Glück bringen sollen, also für positiven Aberglauben stehen, ist Folgendes bekannt:

  • Vierblättrige Kleeblätter; auf Hochzeiten etwas Neues, Altes, Ausgeliehenes und etwas Blaues zu tragen; auf Holz zu klopfen; die Daumen zu drücken; Geldstücke in einen Brunnen zu werfen; sich bei einer herausgefallenen Wimper, einer Sternschnuppe oder beim Ausblasen von Geburtstagskerzen etwas zu wünschen…

Pech bringt dagegen:

  • ein schwarzer Kater; unter einer Leiter durchzugehen; einen Spiegel kaputt zu machen; Freitag der 13; einen Regenschirm innerhalb eines geschlossenen Raumes zu öffnen…

Was ist Aberglaube?

Aberglaube ist der Glaube, dass ein Ereignis (Ereignis 1) auf irgendeine Art und Weise ein anderes Ereignis (Ereignis 2) beeinflusst, ohne dass diese bewiesenermaßen miteinander in Verbindung stehen. Im Folgenden einige Beispiele von Aberglaube:

  • Wir können beispielsweise überzeugt davon sein, dass wir durch das Tragen unseres Glückspullovers (Ereignis 1) einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit haben, dass ein romantisches Date erfolgreich verlaufen wird (Ereignis 2).
  • Oder wir glauben, dass durch das Ausblasen der Kerzen am Geburtstag (Ereignis 1) unser Wunsch in Erfüllung geht (Ereignis 2).
  • Ebenfalls können wir davon überzeugt sein, dass ein vierblättriges Kleeblatt in unserem Geldbeutel (Ereignis 1) uns vor dem Eintreten einer schlimmen Situation schützt (Ereignis 2).
Sich beim Kerzen ausblasen etwas zu wünschen ist ein abergläubisches Ritual

Wie entsteht Aberglaube? Die Theorie von Skinner: Operante Konditionierung

Dem Aberglaube liegt ein sehr bedeutendes psychologisches Phänomen zugrunde, das sich operante Konditionierung nennt und erstmals von B.F. Skinner untersucht wurde.

Skinner führte ein Experiment mit Tauben durch. Während ein paar Minuten am Tag wurde in regelmäßigen Abständen in ihrem Käfig automatisch Futter ausgegeben. Was sich dann beobachten ließ war folgendes: Die Tauben entwickelten einen Aberglauben, weil sie glaubten, dass sie selbst durch ein bestimmtes Verhalten den Mechanismus der Futterausgabe aktivierten. Nach Studienende waren dreiviertel der Tauben abergläubisch.

Wie konnte das passieren? Wieso entwickelten Skinners Tauben Aberglaube? 

In dem Moment in welchem das Essen ausgegeben wurde, zeigten die Tauben irgendein Verhalten, beispielsweise bewegten sie zufälligerweise den Kopf oder ähnliches. Durch das Erscheinen des Essens wurde dieses Verhalten verstärkt. Auf diese Art und Weise entstand eine Verbindung zwischen beiden Ereignissen (dem Essen und der Kopfbewegung). Das ließ die Tauben glauben, dass die Kopfbewegung der Grund dafür war, dass das Essen erschien. Die Tauben bewegten also weiterhin den Kopf, in dem Glauben, dass daraufhin Essen erscheinen würde.

Das gleiche Phänomen lässt sich beim Menschen beobachten. Wenn ein romantisches Date gut lief und wir dabei unseren Lieblingspullover trugen, kann es dazu kommen, dass wir schlussfolgern, dass der Pullover der Grund für das erfolgreiche Date gewesen sei. Das führt dazu, dass wir in diesen Situationen den Pullover zukünftig öfter tragen, damit das Date positiv verläuft.

Es gibt noch ein weiteres Phänomen, welches den Aberglauben unterstützt. Der sogenannte Bestätigungsfehler (confirmation bias). Aufgrund dieser Wahrnehmungsverzerrung tendieren wir dazu, den Dingen Beachtung zu schenken, die unsere Theorie oder unseren Aberglauben unterstützen und gegenteilige Erfahrungen eher zu ignorieren. Auf diese Weise “vergessen” wir die Male bei denen eine schwarze Katze an uns vorbeigelaufen ist und nichts passiert ist und erinnern die Male bei denen uns danach etwas Schlechtes widerfahren ist.

Das trägt zum Erhalt des Aberglaubens bei.

Wieso sind wir abergläubisch?

Laut einer Studie der Universität von Kansas gibt es drei Gründe weswegen Menschen Aberglaube entwickeln:

  •       Um Kontrolle über unsichere Situationen zu gewinnen (beziehungsweise zu glauben, die Kontrolle zu haben).
  •       Um Gefühle der Machtlosigkeit zu reduzieren.
  •    Weil es einfacher ist abergläubisches Verhalten zu zeigen, anstatt Konfrontrationstechniken zu erlernen und anzuwenden.

Wie sind abergläubische Personen?

Diesen Wissenschaftlern zufolge ist es wahrscheinlicher, dass Leute abergläubisch sind, die an ein Schicksal glauben und dass dieses die Kontrolle über sie hat.

Der Aberglaube zeigt sich häufiger bei Personen mit einer externalen Kontrollüberzeugung. Diese Menschen attribuieren den Grund für Ereignisse auf externe Ursachen (andere Personen, die Situation).

Personen mit einer internalen Kontrollüberzeugung sind im Vergleich weniger häufig abergläubisch. Sie gehen davon aus, dass sie selbst verantwortlich für das sind, was passiert.

Frauen tendieren häufiger zu Aberglaube als Männer. Das könnte auf die traditionelle kulturelle Rolle der Frau zurückzuführen sein. Traditionell gesehen waren Frauen auf den Haushalt beschränkt und standen in Abhängigkeit ihrer Ehemänner. Die fehlende Autonomie eigene Entscheidungen treffen zu können führt dazu, dass Frauen eine Art Kontrollverlust über ihr eigenes Leben verspüren.

Eine schwarze Katze bringt Unglück – heißt es im Volksmund.

Probleme von Aberglaube

In den meisten Fällen ist der Aberglaube harmlos, er kann sogar dazu beitragen bestimmte Ängste unter Kontrolle zu bringen. Nichtsdestotrotz kann der Aberglaube, ab einer bestimmten Intensität zu Vorurteilen führen

  • Aberglaube kann dazu führen, dass wir von einem Objekt abhängig werden, wie einem Amulett oder einem ähnlichen Glücksbringer. Wenn wir dieses vergessen oder verlieren, kann das zu immenser Angst führen.
  • Wenn man daran gewöhnt ist dieses Objekt bei wichtigen Terminen bei sich zu tragen, wie einem Vorstellungsgespräch oder einer Prüfung, es dann aber einmal nicht mitnehmen zu können, kann das zu deutlichen Leistungseinbußen führen. Diese sind lassen sich darauf zurückzuführen, dass geglaubt wird, ohne den Glücksbringer nicht mehr in der Lage sein zu können, die Situation zu bewältigen.
  • Aberglaube kann auch dazu führen, dass man glaubt, sogenannte Pseudo-Therapien und Pseudowissenschaften würden funktionieren, wenn sie es in Realität nicht tun. Das ist beispielsweise bei der Homöopathie oder der Bachblüten-Therapie der Fall. Problematisch werden diese Therapien, wenn Leute mit ernst zu nehmenden Krankheiten eine schulmedizinische Therapie ablehnen und nur Pseudotherapien machen. Dabei riskieren sie ihre Gesundheit und in vielen Fällen auch ihr Leben.

Wie verhindert man abergläubisches Verhalten?

Laut dem Wissenschaftler Donald Saucier gibt es Dinge, die man tun kann, um abergläubisches Verhalten zu unterbinden.

1- Ergreife die Kontrolle in deinem Leben

Um abergläubisches Verhalten zu unterbinden, sollte man aufhören an Unglück oder Pech zu glauben und versuchen die Kontrolle über die Dinge zu gewinnen, die man tut und annehmen, die Situation selbst unter Kontrolle zu haben. Manchmal nutzt man Sätze wie “ich habe halt immer Pech” als Entschuldigung für das, was im eigenen Leben passiert. Selbstverständlich kann man nicht auf alle Aspekte des Lebens direkten Einfluss nehmen, es ist aber hilfreich sich auf das zu konzentrieren was man beeinflussen und verändern kann, um schwierige Situationen zu vermeiden.

2- Entscheide dich und sei proaktiv

Entscheidungsunfreudige Personen haben mehr Probleme mit ihren Entscheidungen und neigen häufiger zu abergläubische Annahmen. Proaktive und entscheidungsfreudige Personen ergreifen im Gegensatz dazu die Initiative und sind in der Regel weniger abergläubisch. Durch aktives Handeln hat man sein Glück selbst in der Hand, nicht mithilfe von Ritualen und Glücksbringern.

3- Kontrolliere deine Ängste auf andere Art

Löse dich von deinen abergläubischen Verhalten und Ritualen. Wenn die Tatsache, dass du nicht dein Glücks-T-Shirt oder deinen Glücks-Kugelschreiber bei dir hast, dich nervös macht, probiere Entspannungstechniken oder Achtsamkeitsübungen aus, um deine Angst zu kontrollieren.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Andrea García Cerdán, Psychologin bei CogniFit.

Die Posttraumatische Belastungsstörung und das Gedächtnis

Wie Traumata unsere Erinnerung löschen: „Es war das schlimmste Ereignis meines Lebens – und ich habe es vergessen.“ Einige Personen, die schreckliche Situationen erlebt haben, können sich an diese oft nicht mehr genau erinnern – dies liegt nicht nur Verdrängung zugrunde. Das Erleben eines traumatischen Ereignisses und eine darauf folgende posttraumatische Belastungsstörung löst heftige Stressreaktionen in unserem Körper aus, die sogar so weitreichende Folgen haben können, dass sie unser Gedächtnis verändern.

Eine Posttraumatische Belastungsstörung hat weitreichende Folgen für das Gehirn

Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung?

Eine posttraumatische Belastungsstörung (kurz: PTBS) entsteht, wie der Name bereits nahelegt, nach dem Erleben oder Beobachten eines extrem traumatischen Ereignisses. Dieses Ereignis wird von den Betroffenen in der Regel als lebensbedrohlich wahrgenommen und geht oft mit schweren Verletzungen einher. Solche traumatischen Ereignisse können beispielsweise Krieg, Naturkatastrophen, schwere Unfälle, Geiselnahmen oder Missbrauch sein.

Man unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Ursachen und somit Typen der posttraumatischen Belastungsstörung:

  • Typ I: einmalige, eher kurzfristige Ereignisse (z.B. Unfall, Vergewaltigung, Naturkatastrophe
  • Typ II: wiederholte, länger andauernde Stressoren (z.B. körperliche und sexuelle Misshandlungen, Krieg, Gefangenschaft

Bei einer rein akuten posttraumatischen Belastungsstörung halten die Symptome in der Regel weniger als 3 Monate an. Danach nehmen sie aus eigener Kraft oder mithilfe von Therapie ab.

Halten die Symptome jedoch länger an, kann sich eine chronische PTBS entwickeln, welche wesentlich schwieriger zu bewältigen ist.
In einigen Fällen tritt die Posttraumatische Belastungsstörung nicht unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis ein, sondern folgt später mit verzögertem Beginn; so können Monate oder auch Jahre vergehen, bis ein Ereignis oder eine Situation, die der ursprünglichen traumatischen Situation ähnelt, den Betroffenen an das Trauma erinnert und eine heftige Reaktion auslöst.

Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung

Vermeidungsverhalten bei einer posttraumatischen Belastungsstörung

Nach dem Erleben und Überleben der traumatischen Situation versuchen die Betroffenen in der Regel, sich den neuen Umständen ihres Lebens anzupassen, und entwickeln hierzu Strategien wie dissoziatives Abspalten vom Geschehen oder emotionales Abstumpfen, um ihren Schmerz zu vermindern. Durch diese teilweise vollkommene Unterdrückung von Emotionen und Schmerz kann es zu einer tiefgreifenden Veränderung der gesamten Persönlichkeit der Person kommen, die nur noch darauf bedacht ist, ihre Emotionen zu unterdrücken und somit ihre gesamte Energie darauf ausrichtet.

Betroffene zeigen daher oft ein stark vermindertes Interesse an Alltagsaktivitäten und berichten von einem Gefühl der Entfremdung vom Leben, an dem sie kaum noch bewusst teilnehmen. Mit diesem emotionalen Abstumpfen geht oft eine eingeschränkte Affektbandbreite wie zum Beispiel die Unfähigkeit, zärtliche Gefühle zu empfinden und zu zeigen, einher. Viele Betroffene verlieren und vermeiden daher soziale Kontakte und werden einsam.

Verdrängung und posttraumatische Belastungsstörung

Die Bewältigung und Verarbeitung des traumatischen Ereignisses wird dabei häufig über viele Jahre hinweg durch wiederkehrende und stark belastende Erinnerungen an das Ereignis, Halluzinationen, Alpträume oder Flashbacks erschwert.

Um diese quälenden Erinnerungen zu umgehen entwickeln viele Betroffene ein geradezu phobisches Vermeidungsverhalten, um allen Hinweisreizen, die die Erinnerung an das Geschehene wieder wecken könnten, auszuweichen. Dieses Vermeidungsverhalten kann das gesamte alltägliche Leben der Person einschränken und belastet ihre Beziehungen zu Familie und Freunden stark.
Sollte eine Person, die unter der PTBS leidet, trotzdem einer Situation begegnen, die sie an das belastende Ereignis erinnert, so kann es zu heftigen psychischen Belastungen und körperlichen Reaktionen wie beispielsweise Panikattacken kommen.

Körperliche und emotionale Symptome der PTBS

Weitere körperliche Reaktionen, die oft mit einer Belastungsstörung einhergehen, sind Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, und ein ständiger Zustand der Aktivierung und Erregung, welcher zu teilweise übertrieben starken Schreckreaktionen führen kann.

Viele Patienten, die ein traumatisches Ereignis überstanden haben, berichten von teilweise qualvollen Schuldgefühlen, zum Beispiel da sie überlebt haben und andere Menschen nicht. Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und ein ständiges Gefühl der Bedrohung sind weitere Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, die teilweise in selbstschädigendem Verhalten enden können.

Posttraumatische Belastungsstörung: Diagnose

Um eine posttraumatische Belastungsstörung sicher diagnostizieren zu können muss die beschriebene Symptomatik länger als einen Monat andauern, da diese sich nach einem traumatischen Ereignis oft innerhalb eines Monats zurückbildet.
Wenn einige der Symptome wie Vermeidung, Empfindungslosigkeit oder erhöhte Angst schon vor dem traumatischen Ereignis auffällig waren, sind die Kriterien für eine PTBS ebenfalls nicht erfüllt; es kann eventuell eine andere affektive Störung oder Angststörung vorliegen.

Die soziale Unterstützung durch Familie und Freunde, positive und stärkende Erfahrungen sowie verschiedene Persönlichkeitsmerkmale der Betroffen, wie zum Beispiel ihre Belastbarkeit und Nervenstärke, können die Entstehung und auch die Dauer einer Belastungsstörung sowohl positiv als auch negativ beeinflussen.

Die Posttraumatische Belastungsstörung und das Gedächtnis

Wie zuvor bereits erläutert sind Vermeidungsverhalten und das Verdrängen von Gedanken an das Ereignis verschiedene Möglichkeiten für Betroffene, mit dem traumatischen Ereignis umzugehen. Während manche Personen, die eine solche Situation überstanden haben, von Flashbacks und Erinnerungen geradezu gejagt werden, berichten andere jedoch von einer schwammigen oder teilweise völlig fehlenden Erinnerung an das Ereignis selbst; sie können sich an die Situation kaum noch zurückerinnern.
Um zu verstehen, wie dieser Gedächtnisverlust zustande kommt, ist es wichtig, einen Blick auf unser Gehirn und Hormonsystem zu werfen und zu untersuchen, wie der Körper auf solche belastenden Ereignisse reagiert.

Die Rolle des Hippocampus bei PTBS

Der Hippocampus ist eine Struktur, die sich relativ mittig im Temporallappen (auch Schläfenlappen genannt) des Gehirns befindet; jeder von uns hat zwei von ihnen – in jeder Gehirnhälfte einen. Gemeinsam mit einigen anderen Strukturen bildet er das sogenannte limbische System, welches unter anderem eine große Rolle bei Emotionen spielt.
Der Hippocampus selbst hat viele verschiedene Aufgaben, besonders wichtig ist er allerdings für das Gedächtnis. Durch seine weiten Verbindungen zu vielen anderen Bereichen des Gehirns erhält er diverse Informationen, die hier vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übertragen werden. Unsere Erinnerungen werden zwar nicht nur im Hippocampus, sondern auch in diversen anderen Bereichen des Gehirns gespeichert, wie zum Beispiel in der Großhirnrinde, aber der Hippocampus ist enorm wichtig, um diese Erinnerungen zu speichern und wieder aufzurufen.

Posttraumatische Belastungsstörung – die Lage des Hippocampus im Gehirn.

Posttraumatische Belastungsstörung: Das Hormonsystem

Durch ein traumatisches Ereignis und die darauffolgenden Belastungen wie Angst und Trauer stehen Betroffene oft unter starkem, langanhaltendem Stress.
Dieser Stress führt zu einer vermehrten Aktivierung des menschlichen Hormonsystems und einige Hormone werden in großen Mengen produziert – unter anderem das Stresshormon Cortisol. Bei der Posttraumatischen Belastungsstörung spielt dieses Hormon dementsprechend eine wichtige Rolle.

Die sogenannte HPA – Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) ist eine Verbindung zwischen verschiedenen Strukturen unseres Körpers, die vor allem bei Stress aktiviert wird.
Der Hypothalamus, eine Struktur im Gehirn, die zur Steuerung unseres Körpers und enorm wichtig ist, wird bei starkem Stress aktiviert und sendet seine Botenstoffe in den Körper. Diese Botenstoffe aktivieren weitere Bereiche im Körper, unter anderem die Nebennierenrinde.
Die Nebenniere ist eine hormonproduzierende Drüse, die bei uns Menschen auf den eigentlichen Nieren aufsitzt und verschiedene Hormone produziert, unter anderem Cortisol.

Cortisol ist in der Medizin allgemein als Entzündungshemmer bekannt und wird dafür oft vom Arzt verschrieben. Dies liegt daran, dass Cortisol vor allem die Eigenschaft hat, Stoffwechselvorgänge zu aktivieren, die zum Abbau von bestimmten Stoffen in unserem Körper führen.

Das Gedächtnis unter Stress – Was passiert bei einer posttraumatischen Belastungsstörung?

Der Hippocampus hat viele Bindungsstellen für dieses Cortisol. Wird also durch den Stress, der mit einer posttraumatischen Belastungsstörung einhergeht, viel Cortisol im Körper ausgeschüttet, so gelangt auch viel davon in den Hippocampus – wo durch die übergroße Menge an Cortisol die Nervenzellen absterben indem sie abgebaut werden.
Der dauerhaft hohe Cortisolspiegel verhindert dabei ebenfalls die Neubildung von Nervenzellen, sodass das Volumen des Hippocampus um bis zu über 20% reduziert werden kann.

Berichtet also eine Person, die ein traumatisches Ereignis erlebt hat, davon, dass sie sich an dieses Ereignis nicht erinnern kann, hängt dies nicht nur mit der bewussten Verdrängung der Situation zusammen, sondern gibt es tatsächlich eine neuronale Erklärung für diesen Gedächtnisverlust im Gehirn.
Durch die Zerstörung von Nervenzellen im Hippocampus wird es dem Gehirn unmöglich gemacht oder zumindest erschwert, auf das Gedächtnis zuzugreifen und die Erinnerungen hervorzuholen.
Untersuchungen von Soldaten haben beispielsweise gezeigt, dass die Größe ihrer Hippocampi abgenommen hat, je länger sie im Einsatz waren und je mehr traumatische Ereignisse und Stress sie somit erlebt haben.

Posttraumatische Belastungsstörung: Vergessen oder Flashbacks – wem passiert was?

Die aktuelle Forschung liefert viele verschiedene Berichte zu posttraumatischen Belastungsstörungen, mit teilweise völlig entgegengesetzten Ausgängen. Während einige Personen von Alpträumen und qualvollen Flashbacks heimgesucht werden, erinnern sich andere kaum an das Ereignis – was bleibt ist jedoch die Angst und Panik und der innere Druck, ähnlichen Situationen aus dem Weg zu gehen.

Doch wie entscheidet sich genau, wie eine Belastungsstörung verläuft?

Es gibt verschiedene individuelle Risiko – und Schutzfaktoren, die den Umgang mit einem traumatischen Ereignis erleichtern oder erschweren können.
Viele Faktoren wie das Geschlecht oder die kognitive Verarbeitungskapazität wurden untersucht, aber auch Merkmale des Ereignisses selbst, zum Beispiel Intoxikation, die Art des Ereignisses, emotionale und physiologische Reaktionen auf das Geschehen sowie der Umgang mit dem entstandenen Trauma (soziale Unterstützung, Persönlichkeitsmerkmale).
Keiner dieser untersuchten Faktoren konnte jedoch eine ausreichende und eindeutige Erklärung liefern für die Unterschiede, die bei der Entstehung einer posttraumatischen Belastungsstörung vorliegen. Es scheint eine Mischung aus verschiedenen Faktoren der Person und der Situation zu sein, die bestimmt, wie verschiedene Menschen auf ein traumatisches Ereignis reagieren.

Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung

Gut zu wissen ist jedoch, dass die posttraumatische Belastungsstörung trotz all ihrer Unterschiede zu den gut therapierbaren Störungen zählt. Viele verschiedene Therapieformen schlagen gut an, unter anderem die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie, bei der es vor allem um die Konfrontation der belastenden Erinnerung und eine strukturierte Veränderung der damit einhergehenden schädigenden Verhaltensweisen geht.

Zunächst ist es bei der Behandlungs einer akuten posttraumatischen Belastungsstörung jedoch wichtig, bei den Betroffenen das Gefühl von Schutz und Sicherheit wiederherzustellen und die erste, unmittelbare Schockreaktion zu überwinden. Erst danach kann gemeinsam mit dem Therapeut an Copingstrategien gearbeitet werden, um potenzielle Flashbacks und Angstzustände zu reduzieren und ein Zurückkehren zum Leben vor dem Traumata zu ermöglichen.

Vor allem aber auch ein unterstützendes soziales Umfeld ist enorm wichtig für das erfolgreiche Überwinden der Belastungsstörung und kann Betroffenen dabei helfen, ihr Trauma zu überwinden und ihr Leben wieder ohne Angst und Stress zu gestalten.

Funktion der Nervenzellen: Welchen Zweck erfüllen sie?

Unser Körper besteht aus unzähligen Zellen. Ungefähr 100.000.000 von ihnen sind Nervenzellen, auch Neuronen genannt. Was ist die Funktion der Nervenzellen? Im Folgenden werden ihre Bestandteile, ihr Aufbau und ihre Funktionen erläutert.  

Welche Funktion erfüllen die Neuronen?

Bestimmt hast Du Dich schon einmal gefragt, wie sich die Information durch unseren Körper bewegt. Wie kommt es dazu, dass wir, wenn wir aus Versehen auf eine heiße Herdplatte fassen, sofort reflexartig die Hand zurückziehen, ohne erst einmal bewusst darüber nachzudenken? Wie und wann bewerten wir diese Situation? Wie bewerten wir, ob etwas heiß oder kalt ist,… weich ist oder kratzt? Unsere Nervenzellen (Neuronen) sind verantwortlich dafür, diese Signale zu empfangen und durch unseren Körper zu leiten.

Im Laufe dieses Artikels werden wir vertiefen, was eine Nervenzelle bzw. ein Neuron ist, aus welchen Teilen sie besteht, ihre Klassifikationen erläutern und beschreiben wie ihre Bildung verbessert werden kann.

Grundlegende Konzepte, um die Funktion der Nervenzellen zu verstehen

Bevor wir die Funktion der Nervenzellen näher kennen lernen ist es wichtig, den Begriff Nervenzelle (Neuron) zu definieren und die Teile zu erklären, aus denen sie besteht.

Die Nervenzellen (Neuronen) sind Zellen des Nervensystems. Die grundlegenden Funktionen der Nervenzellen sind der Erhalt und die Weiterleitung von Informationen durch elektrische Impulse über lange Kommunikationsnetzwerke, die im ganzen Nervensystem verteilt sind. Um diese Funktion der Nervenzellen ausführen zu können, muss diese aus verschiedenen Teilen bestehen:

Zellkörper (Soma): ist der Hauptteil der Nervenzelle, dort befindet sich der Zellkern.

Axon: Ist eine Nervenfaser, welche die elektrischen Signale an andere Nervenzellen (Neuronen) weiterleitet. An seinem Ende, das am weitesten vom Zellkörper entfernt ist, besitzt es eine Vielzahl an Endigungen, sogenannte Axonterminale, die an viele weitere Nervenzellen angeknüpft sind.

Dendriten: sind Verlängerungen der Nervenzelle in Form von kleinen Ästchen, durch welche die Nervenzelle ankommende Information von anderen Nervenzellen empfangen.

Den Nervenzellen kommunizieren untereinander (empfangen und verschicken von Information an andere Nervenzellen) über eine Synapse. Dabei handelt es sich um eine Stelle die sich zwischen dem Axon einer Nervenzelle und den Dendriten einer anderen Nervenzelle befindet, über welche Information gesendet wird. Diese Lücke zwischen den beiden Nervenzellen wird synaptischer Spalt genannt.

Funktion der Nervenzellen

Es gibt unzählige Aufgaben, die unser Körper erledigt und unzählige Informationen, die von unserem Gehirn an unser Nervensystem gesendet werden müssen. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass sich die einzelnen Nervenzellen spezialisieren. Obwohl die Funktion der Nervenzellen generell gesehen das Senden und Empfangen von Informationen ist, gibt es sehr viel verschiedene Arten von Nervenzellen (Neuronen). Diese lassen sich in Abhängigkeit von folgenden Eigenschaften klassifizieren:

Funktion der Nervenzellen:

  • Motorische Neuronen/ efferente Nervenzellen: Sind dafür verantwortlich die Information in Form von elektrischen Impulsen aus dem zentralen Nervensystem (ZNS) zu den Muskeln und Drüsen zu schicken.
  • Sensorische Neuronen/ afferente Nervenzellen: Neuronen, die unser Gehirn mit der Umwelt verbinden. Sie nehmen die Informationen über unsere Sinne auf; wie Druck, Schmerzen, Temperatur, Geschmäcker, Gerüche, etc.
  • Interneuronen/ Schaltneurone, Zwischenneurone: Nervenzellen, die afferente Neuronen mit efferenten Neuronen verbinden.

Struktur:

  1. Unipolare Nervenzellen: Sind Neuronen die nur einen einzigen kurzen Fortsatz besitzen, der aus dem Zellkörper austritt und gleichzeitig als Dendrit und Axon agiert (Informationseingang- und ausgang). Meistens sind das sensorische Neuronen.
  2. Bipolare Nervenzellen: besitzen zwei Fortsätze, einer fungiert als Dendrit (Informationseingang) und der andere als Axon (Informationsausgang). Diese Nervenzellen befinden sich vor allem in der Retina, der Innenohrschnecke (Cochlea) und der Riechschleimhaut.
  3. Multipolare Nervenzellen: Sind die am häufigsten vorkommenden Neuronen im zentralen Nervensystem (ZNS). Sie besitzen zahlreiche Dendriten (Informationseingänge) und ein Axon (Informationsausgang). Diese Nervenzellen befinden sich im Gehirn und dem Rückenmark.

Typen von Neurotransmittern, welche die Funktion der Nervenzellen unterstützen:

  1. Serotonerge – sondern Serotonin ab (steht im Zusammenhang mit dem Gemütszustand).
  2. Dopaminerge – sondern Dopamin ab (mit der Freude und dem Spaß assoziiert).
  3. GABAerge – sondern GABA ab (wichtigster inhibitorischer Neurotransmitter).
  4. Glutamaterge – sondern Glutamat ab (wichtigster exzitatorischer Neurotransmitter, steht in Zusammenhang mit dem Gedächtnis)
  5. Cholingerge – sondern Acetylcholin ab (weit verbreiteter Neurotransmitter im zentralen Nervensystem. Vielfältige Funktionen)
  6. Noradrenerge – sondern Noradrenalin ab (wirkt als Neurotransmitter und Hormon. Mit der Herzfrequenz und dem Blutdruck assoziiert).
  7. Vasopressinerge – sondern Vasopressin ab (Schlüsselfunktion als Regulator der Homöostase von Flüssigkeiten, Zucker und Salzen im Blut).
  8. Oxyitocinerge – sondern Oxytocin ab (mit der emotionalen Bindung und dem Sexualverhalten assoziiert).

Können neue Nervenzellen entstehen, um die Funktion der Nervenzellen zu verbessern?

Lange Zeit wurde geglaubt, dass im Laufe des Lebens keine neuen Nervenzellen im Gehirn entstehen können. Ein Wissenschaftlerteam des medizinischen Karolinska-Instituts (Schweden) führten mithilfe der Radiokarbonmethode ein Experiment zur Neurogenese durch. Laut dieser Studie lassen sich täglich bis zu 1400 Zellen im menschlichen Gehirn, genauer im Hippocampus, produzieren. Die Anzahl nimmt mit dem Alter jedoch stetig ab.

Dieser Prozess der Neuronenbildung wird Neurogenese genannt. Die Tatsache, dass sich selbst im Erwachsenenalter noch neue Nervenzellen bilden, spielt eine entscheidende Rolle in der Funktion der Nervenzellen, der Neuroplastizität (Gehirnplastizität), um sich an neue Situationen anpassen zu können.

Tipps, die helfen die Funktion der Nervenzellen zu fördern.

Wie immer spielen gesunde Lebensgewohnheiten eine entscheidende Rolle in der optimalen Entwicklung der Funktionen der Nervenzellen. Unser Gehirn dankt uns, wenn wir unseren Körper pflegen. “Mens sana in corpore sano” (Latein für: ein gesunder Geist in einem gesunden Körper).

Was können wir tun, um die Gehirnplastizität und Neurogenese zu unterstützen?

  1. Erholsamer Schlaf: Es ist nicht zwangsläufig notwendig genau 8 Stunden zu schlafen. Jede Person hat individuelle Bedürfnisse. Es gibt Menschen die mit 7 oder 7,5 Stunden Schlaf auskommen. Ein erholsamer Schlaf ist jedoch essenziell.
  2. Moderate Übungen und stimulierende Aktivitäten: Neurogenese entsteht dann, wenn wir uns an unsere Umgebung anpassen. Dies geht mit Erfolgserlebnissen einher, herausfordernden Zielen, welche die Problemlösekapazitäten und Fertigkeiten erfordern.
  3. Ein hohes Stresslevel vermeiden: Ein gewisses Maß an Stress kann positiv sein, ein dauerhaft erhöhtes Stressniveau wirkt sich jedoch negativ auf unser Leistungsvermögen und unsere Gesundheit aus. Gute Stressbewältigungstechniken sind dementsprechend wichtig für die Neurogenese.
  4. Geschlechtsverkehr: Es ist eine gute Art und Weise stimulierende Aktivitäten auszuführen, sich körperlich zu betätigen und Stress abzubauen.
  5. Gehirntraining: CogniFit ist ein führendes Programm zur kognitiven Stimulation. Die Aufgaben können online sowohl auf dem Handy, Tablet oder Computer durchgeführt werden. Ein Team von Neurologen und kognitiven Psychologen hat unterhaltsame klinische Aufgaben in Form von einfachen Spielen entwickelt. Mit diesen lassen sich grundlegende kognitive Fähigkeiten trainieren. Das Programm wurde wissenschaftlich durch Universitäten, Schulen und Krankenhäusern validiert.

Schlafentzug, Monotonie, konstante Routinen und ein hohes Stresslevel bremsen die Neurogenese.

Können Nervenzellen absterben?

Selbstverständlich. Dabei gibt es verschiedene Formen des Zelltods.

  • Programmierter Zelltod (Apoptose): Wenn wir uns in der Kindheit mitten in der Entwicklung befinden, produziert das Gehirn mehr Nervenzellen, als es eigentlich benötigt. Das Gehirn kommt dann dann an den Punkt, an dem eine Nervenzelle, die keine nützliche Funktion ausübt, ihren eigenen Tod programmiert. Auch im hohen Alter geschieht dies ebenfalls noch bei Neuronen die kaum Informationen enthalten.
  • Durch Ersticken: Für die Neuronen, genau wie für uns ganz generell, ist Sauerstoff unerlässlich. Wenn es zu Umständen kommt, in denen es an Sauerstoff mangelt, sterben die Nervenzellen ab.
  • Aufgrund von Krankheiten: Alzheimer, Morbus- Parkinson, AIDS…
  • Durch Stöße auf den Kopf: Starke Traumata führen zum Tod von Neuronen. Im Boxen ist dieses Phänomen sehr geläufig.
  • Aufgrund von Vergiftungen: Der Konsum von Alkohol oder anderen Substanzen kann zu neuronalen Schäden führen, die aufgrund der Zerstörung der Nervenzellen zustande kommen.

Schlussfolgerungen zur Funktion der Nervenzellen

Wir haben gesehen, dass diese Zellen kleine Nachrichtenüberbringer sind, die in unserem ganzen Körper zu finden sind. Grob gesagt ist ihre Aufgabe Informationen zu empfangen und weiterzuleiten, sowohl von und zu bestimmten Strukturen (Muskeln oder Drüsen) als auch von und zu anderen Neuronen.

Wir können jetzt auch die Eingangsfrage beantworten: Wieso ziehen wir automatisch unsere Hand zurück, wenn uns etwas wehtut – ohne bewusst darüber nachzudenken? 

Die sensorischen Neuronen nehmen die Schmerzinformationen auf, die motorischen Nervenzellen wiederum senden das Signal die Hand wegzuziehen.

Wir wissen jetzt, dass es Unmengen an Informationen und Kommunikationsprozessen gibt, die über elektrische Impulse ausgeführt werden. Das geschieht kontinuierlich, jede Sekunde unseres Lebens.

Ebenfalls wissen wir jetzt, dass wir uns unser Leben lang weiterentwickeln und verändern. Die neuronalen Strukturen im Hippocampus variieren, zum einen aufgrund der Neurogenese und zum anderen aufgrund des Zelltods.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Patricia Sanchez Seisdedos, Psychologin bei CogniFit.

Referenz:

Spalding, K. L., Bergmann, O., Alkass, K., Bernard, S., Salehpour, M., Huttner, H. B., … & Possnert, G. (2013). Dynamics of hippocampal neurogenesis in adult humans. Cell, 153(6), 1219-1227.

Faulheit und Bequemlichkeit schaden dem Selbstbewusstsein

Faulheit, Bequemlichkeit, Müßiggang…? Wer kennt nicht das zunächst verlockende Gefühl den ganzen Tag auf der Couch zu liegen und nichts tun zu wollen? Die eigentlichen Pläne aufgeben und uns der Prokrastination und dem Müßiggang hingeben. Morgen beginne ich die Aufgabe, die ich noch erledigen möchte… Morgen beginne ich Sport zu treiben, höre ich mit dem Rauchen auf, fange ich an eine neue Sprache zu lernen, lernen ich für die Prüfung, gehe ich einkaufen, putze ich die Wohnung. Es ist eigentlich egal, um welche Aufgabe es sich handelt. Die Faulheit und Bequemlichkeit lauert uns immer auf. Sie lenken uns von der Aufgabe weg, die wir eigentlich machen sollten, so dass wir uns ganz der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung hingeben. 

Entdecke in diesem Artikel die Auswirkungen, die Faulheit und Bequemlichkeit in deinem Gehirn haben. Faul zu sein führt zu einem Gefühl der Nutzlosigkeit und Ineffizienz, ohne dass wir uns dessen zwangsläufig bewusst sind. Das wirkt sich auf unser Selbstbewusstsein aus und kann uns bis in die Depression treiben. Wenn du die Risiken der Faulheit kennen lernen willst, dann lies weiter! Im Folgenden werden ein paar Tipps vorgestellt, die helfen diese Faulheit zu überwinden

Wie lässt sich die Faulheit überwinden?

Ab und zu brauchen wir alle Momente oder Tage des Nichtstuns. Es ist gut, Inne zu halten, Routinen in den wir uns befinden zu durchbrechen. Es hilft uns, Kraft zu schöpfen, um anschließend unsere Aufgaben mit mehr Energie anzugehen. Aber es gibt auch Situationen in welchen die Faulheit uns komplett einnimmt. 

Faulheit an sich ist nicht wirklich unangenehm. Sie ist bequem. Wir verbrauchen kaum Energie und müssen uns nicht anstrengen. Kurzfristig ist sie also sehr belohnend. Sie hilft uns ebenfalls unangenehme oder anstrengende Dinge zu umgehen.

Wenn wir jemanden als faul bezeichnen, heißt das nicht, dass diese Person wirklich gar nichts tut. Normalerweise macht sie schon etwas, es handelt sich dabei aber um unproduktive Sachen: Fernsehn gucken, Videospiele spielen… Die Faulheit bezieht sich darauf, dass wir Aktivitäten ausüben, die keine Anstrengung benötigen und in der Regel Spaß machen.

Trotzdem befinden wir uns in der Regel in einer Umgebung die uns Impulse gibt oder sogar fordert, dass wir produktiv sind. Aus diesem Grund führt Faulheit mittelfristig zu Schuldgefühlen, dem Gefühl der Unproduktivität und einem schwindenden Selbstwertgefühl. 

Das Nichtstun, die Unsicherheit und das schwindende Selbstwertgefühl sind grundlegende Komponenten einer Depression.

Um eine Depression zu diagnostizieren und zu behandeln, benötigt man von einem Spezialisten durchgeführte ausführliche neuropsychologische Bewertung der Depression. Es gibt ebenfalls neurokognitive Stimulationsprogramme, welche die kognitive Beeinträchtigung lindern und rehabilitieren, die mit der Depression einhergeht.

Gründe für Faulheit und Bequemlichkeit

    • Es ist schwierig sich für langfristige Ziele anzustrengen, die uns nicht unmittelbare Befriedigung verschaffen. Unsere Vorfahren haben im Hier und Jetzt gelebt, unsere heutige Welt ist dagegen ganz anders strukturiert. Damit jemand ein Projekt in Angriff nimmt, muss man das spätere Resultat im Vorhinein bewerten und gucken, ob es sich für den zu erbringenden Aufwand die Kosten und Schwierigkeiten lohnt. Wenn wir unsichere Persönlichkeiten sind, wird es uns schwerer fallen Projekte anzugehen, bei denen wir nicht wissen, ob wir unser Ziel erreichen werden und zusätzlich der Gewinn sehr weit weg ist, was es schwieriger macht nicht bequem und faul zu werden.
    • Angst und Verzweiflung kann uns zur Faulheit führen. Für Leute die Angst vor dem Erfolg haben oder ein geringes Selbstvertrauen, dient die Faulheit als Ausrede dazu, nichts zu tun. Diese Leute sehen sich unfähig, bestimmte Dinge in Angriff zu nehmen, was den Beginn noch schwieriger macht.
    • Die Angst vor dem Versagen führt ebenfalls dazu, dass wir nicht handeln und die Faulheit und Bequemlichkeit siegt. Es gibt Personen die es lieber erst gar nicht versuchen, statt es auszuprobieren und womöglich zu scheitern.
    • Andere Leute sind faul, weil sie der Meinung sind, dass ihre Situation keinen Ausweg hat und sie an keine mögliche Lösung denken können. Die Negativität der Gedanken ist sehr schädlich und blockiert uns, was uns weiter von unseren Zielen, und dem was wir eigentlich erreichen wollen, entfernt. Finde hier ein paar Tipps der positiven Psychologie.
    • Unsere Kultur ist sehr hedonistisch aufgebaut. Wir wollen Dinge sofort und ohne viel Aufwand. Diese Tatsache förder die Faulheit und Bequemlichkeit. Das führt dazu, dass wir uns jedes Mal weniger anstrengen wollen, um etwas zu erreichen. Und wenn etwas mehr Aufwand bedarf, als wir gewohnt sind, geben wir auf.
    • Die Faulheit und Bequemlichkeit ist eine Form der Vermeidung von Erfahrungen, mit Ähnlichkeiten zu dem Phänomen, was bei Phobien auftritt und zur Aufrechterhaltung des Problems beiträgt. Wenn das Denken an eine bestimmte Aktivität in uns Angst oder Furcht auslöst, dann vermeiden wir diese. Dadurch verringern wir unsere Angst und die Vermeidung der Situation wird verstärkt. Dadurch gelangen wir in einen Teufelskreislauf der Vermeidung und des Nichtstuns.
    • Fehlen von emotionaler Unterstützung. Es gibt Situationen, in denen wir nicht über ein unterstützendes Umfeld aus uns nahestehenden Personen verfügen, die uns animieren Dinge zutun oder Projekte anzugehen. In diesen Fällen ist es gut möglich, dass uns die Motivation fehlt, diese Dinge zu tun. Viele von uns brauchen eine externe Verstärkung und Anerkennung, um zu handeln. Die externe Motivation ist das, was sie theoretisch antreibt. Das kann problematisch sein.

    Wie kann man die Faulheit bekämpfen?

    Die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung ist der “Instinkt” unseres Gehirns, jedoch schätzen wir uns selbst mehr wert, wenn wir weniger angenehme Aufgaben angehen und erfolgreich ausführen.

    1. Visualisiere dein Ziel

    Denke daran, was du in deinem Leben erreichen willst. Nimm dir ein Ziel vor, unabhängig davon, ob du dich in der Lage siehst es erreichen zu können oder nicht. Frage dich, wo du dich gerne in Zukunft sehen würdest. Wie möchtest du in Erinnerung bleiben? Willst du eine große Firma leiten? Willst du mit Kindern arbeiten? Oder anderen Menschen helfen? Dabei ist alles gut, solange es das ist, was du wirklich möchtest und nicht das was deine Eltern oder dein Umfeld von dir erwarten.

    2. Mach einen Plan

    Eine gute Strategie die Bequemlichkeit und Faulheit zu besiegen ist es, an all die Schritte zu denken, die du tun musst, um dein Ziel zu erreichen. Unterteile dein Ziel in kleine Handlungsschritte. Wenn du beispielsweise einen Job finden willst, sollte dein Ziel nicht nur heißen “Arbeit finden”. Unterteile diese Ziel: Einen Lebenslauf schreiben, Stellenangebote suchen, Kontakte knüpfen, Bewerbungen abschicken, Vorstellungsgespräche vorbereiten… Über den eigenen Tellerrand zu schauen ist einfach, wenn du weißt wie.

    3. Mach einen Schritt nach dem nächsten

    Die einzige Möglichkeit sich von der Faulheit zu befreien ist es, anzufangen Dinge zu tun. Man kann am Anfang mit kleinen einfachen Aufgaben beginnen. Man wird sich schnell darüber bewusst, dass es nicht so schwierig ist 10 oder 15 Minuten etwas zu tun.

    4. Suche Herausforderungen

    Löse dich von der Vorstellung, dass du es nicht schaffen kannst. Sehr häufig lernen wir etwas durch Trial and Error (Versuchen und Scheitern). Wenn man sich das vor Augen führt, merkt man, dass man auch schwierige Aufgaben schaffen kann.

    5. Führe ein Tagebuch mit deinen Erfolgen

    Schreibe deine Erfolge jeden Tag auf, dadurch kannst du die Faulheit besiegen. Es ist einfacher unseren Plan zu verfolgen, wenn wir uns über unsere Fortschritte bewusst werden, die uns unserem Ziel näher bringen.

    6. Gehe Verpflichtungen mit anderen ein

    Mach deine Verpflichtungen öffentlich, um dein Ziel oder dein Vorhaben zu erreichen. Dadurch ensteht eine Motivation, die dein Umfeld generiert und dir somit helfen kann dein Ziel zu erreichen und dich zu unterstützen, die Faulheit zu überwinden.

    7. Akzeptiere eine Erhöhung der Schwierigkeit

    Du brauchst keine Bequemlichkeit und unmittelbare Belohnung. Das führt nur dazu, dass wir nur einfache Aufgaben angehen. Wir machen es uns bequem und verfolgen unsere eigentlichen Ziele nicht mehr und verwandeln uns in faule und bequemliche Personen. Löse dich von diesen Vorstellungen und konzentriere dich auf deine langfristigen Ziele.

    8. Belohne dich

    Die Erholung unterscheidet sich von der Faulheit dadurch, dass sie das Schaffen einer Aufgabe belohnt.  Erlaube dir dich auszuruhen, sobald du dich eine Zeit richtig angestrengt hast.

    9. Pflege dein Selbstbewusstsein

    Oft kommt die Faulheit durch einen Mangel an Selbstbewusstsein. Wir fühlen uns nicht in der Lage eine Aufgabe anzugehen oder irgendetwas zu machen.

    10. Löse dich von negativen Gedanken

    An Negatives zu denken, führt dazu, dass wir uns nicht sehr gut fühlen. Oft sind wir davon überzeugt, dass wir einfach realistisch denken – das ist aber nicht immer der Fall. Zu denken, dass alles schlecht laufen wird, dass wir unfähig sind – das blockiert uns und führt dazu, dass wir beginnen uns auf unbewusste Art und Weise zu sabotieren, um unsere negativen Gedanken und Annahmen zu bestätigen.

    Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Andrea García Cerdán, Psychologin bei CogniFit.

Noradrenalin: Alles rund um das “Stresshormon”

Wenn unser Puls steigt, spielt die Substanz Noradrenalin eine wichtige Rolle. Generell ist dieser Stoff in Prozesse der Aktivierung des Organismus eingebunden. Aber wieso schlägt unser Herz auf einmal ganz schnell, wenn wir nervös werden? 

Entdecke im folgenden Artikel alles Wichtige über Noradrenalin: Was es ist, welche Funktion es hat, wie es wirkt, welche psychischen Störungen mit diesem Stoff assoziiert sind und was Noradrenalin mit Sport zutun hat. Wenn man in einer unangenehmen Situation das Bedürfnis verspürt wegrennen zu wollen und plötzlich voller Energie steckt – dann sind das Effekte, die auf die Wirkung des Noradrenalin in unserem Organismus zurückzuführen sind.

Noradrenalin

Im Folgenden findet sich die wichtigste Information zu dieser chemischen Substanz, ihre Funktionen, wie sie uns beeinflusst und ein paar ihrer Besonderheiten.

Was ist Noradrenalin?

Noradrenalin gehört zur Gruppe der Katecholamine, das sind Moleküle, die aus der Aminosäure L-Tyrosin durch chemische Synthetisierung entstehen.

Es kann als Hormon (es wird als Stresshormon bezeichnet) und als Neurotransmitter wirken und dadurch physiologische und homeostatische Funktionen erfüllen.

Noradrenalin wird auch als Norepinephrin bezeichnet. Der Ursprung der ersten Bezeichnung stammt aus dem Latein und die Zweite aus dem Griechischen. Der Unterschied ist, dass die Bezeichnung Norepinephrin in der Regel für synthetisch hergestelltes Noradrenalin in der Pharmakologie verwendet wird, wohingegen Noradrenalin sich auf den körpereigenen Stoff bezieht.

Im Körper wird Noradrenalin im Nebennierenmark (Wirkung als Hormon) und im Locus caeruleus (Wirkung als Neurotransmitter) hergestellt. Es wird anschließend in den Organismus abgegeben und führt zur Aktivierung diesen und bereitet ihn auf eine Antwort vor (Fluchtreflex).

Die Wirkung von Noradrenalin

Wie bereits erwähnt wurde, kann es als Neurotransmitter oder als Hormon wirken. Von was hängt das ab?

Noradrenalin als Neurotransmitter

Es befindet sich in den Neuronenverbindungen des Nervensystems. Als Neurotransmitter überträgt es Informationen in Form von elektrischen Impulsen zu verschiedenen Teilen des Organismus.

Noradrenalin wird von adrenergen Neuronen ausgeschüttet. Diese Neuronen befinden sich in Teilen des zentralen Nervensystem (ZNS), dem Thalamus, Cerebellum, dem Rückenmark und vor allem in dem Bereich des Locus Coeruleus im Hirnstamm.

Der Locus Coeruleus ist die Hauptproduktionsstätte von Noradrenalin im ZNS. Doch nicht nur im ZNS finden wir adrenerge Neuronen, auch im autonomen Nervensystem (ANS), in welchem sich unsere Körperaktivität in Zusammenhang mit der Angst entwickelt, befinden sich solche.

Noradrenalin als Hormon

Es wird auch als Stresshormon bezeichnet. Nachdem es aus der Aminosäure Tyrosin im Nebennierenmark synthetisiert wurde, erfolgt die Ausschüttung ins Blut. Die Nebennieren befinden sich, wie der Name nahe legt, oberhalb der Nieren. Zu den Funktionen des Noradrenalins als Neurotransmitter gehören die Anregung der Adrenalinproduktion im Körper, was zu einer erhöhten Vigilanz führt. Diese erleichtert die fokussierte Aufmerksamkeit und verbessert die Fähigkeit adäquates Verhalten in gefährlichen Situationen zu zeigen.

Noradrenalin Funktion

Noradrenalin erfüllt verschiedene Funktionen:

1- Es spielt eine grundlegende Rolle in der Fight-or-Flight Reaktion (Kampf oder Flucht):

  • Erhöht die Herzfrequenz
  • Verengt oder erweitert die Pupillen.
  • Erhöht den Glukosegehalt im Blut, indem es Energiereserven anbricht.
  • Erhöht den Blutfluss in die Skelettmuskeln und die Sauerstoffversorgung des Gehirns, um eine schnelle Reaktionsfähigkeit zu ermöglichen.

2- Herz und Herzfrequenz: Wenn es zu einem Anstieg des Noradrenalingehalts im Körper kommt, hat das einen Anstieg der Herzfrequenz zur Folge. Ein Beispiel hierfür, könnte aus einer klassischen Szene einer Krankenhausserie stammen: “Der Patient erleidet einen Herzstillstand, woraufhin die Ärztin den Assistenten nach Norepinephrin bittet. Pi-pi-pi-pi. Stabiler Puls. Wir haben das Leben des Patienten gerettet.” Kommt diese Szene bekannt vor? Diese Substanz stabilisiert in diesem Fall die Herzfrequenz.

3- Es bereitet uns auf eine Reaktion vor: Eine weitere Funktion des Noradrenalins ist die Steigerung der Effekte der extrinsischen und intrinsischen Motivation, ebenso wie die Bereitschaft in stressigen Situationen schnell handeln zu können.

4- Beeinflusst die Alarmbereitschaft und die Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus.

5- Reguliert das Sexualverhalten.

Lässt sich der Noradrenalinspiegel erhöhen?

Die nichtessenzielle Aminosäure Tyrosin wird benötigt, um Noradrenalin zu synthetisieren.

Das Wort Tyrosin stammt aus dem Griechischen und bedeutet Käse. Die Namensgebung beruht auf der Entdeckung dieser Aminosäure durch den deutschen Chemiker Justus von Liebig, der Tyrosin erstmals aus Käse isolierte. Die Substanz findet sich in großen Mengen in Casein.

Damit unser Körper Noradrenalin herstellen kann, müssen eine Reihe chemischer Prozesse durchlaufen werden, die im Folgenden beschrieben wird:

  1. Wir finden eine Phenylalaninquelle (die essentielle Aminosäure).
  2. Durch eine 4-Hydroxylierung entsteht aus L-Phenylalanin die proteinogene Aminosäure L-Tyrosin. Die Hydroxylierung bedeutet, dass eine OH-Gruppe (Hydrox-Gruppe) hinzugefügt wird. Wieso geschieht das?
  3. Das passiert, um Tyrosin (als Vorstufe von Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin) weiter synthetisieren zu können.

Um in unserem Körper die Verfügbarkeit von Noradrenalin in unserem Körper zu erhöhen, müssen wir proteinreiche Nahrung aufnehmen.

Lebensmittel wie Fisch, Fleisch, Käse und Hülsenfrüchte sind Tyrosinquellen.

Durch den Verzehr der oben genannten Produkte und wir zusätzlich noch Äpfel, Bananen, Rote Beete und Wassermelone zu uns nehmen, werden wir ausreichend mit der Aminosäure Tyrosin, die Vorstufe aller Katecholamine, versorgt sein.

Wenn wir diese Nahrungsstoffe zu uns nehmen, baut unser Verdauungstrakt die Proteine in Aminosäuren wie dem L-Tyrosin ab. Aus L-Tyrosin wird Dopamin sekretiert, aus welchem Noradrenalin sekretiert wird. Entdecke hier Nahrungsmittel, die Vitamine enthalten, die wichtig für das Gehirn sind.

Noradrenalin und psychische Störungen

Noradrenalin steht in Zusammenhang mit psychischen Störungen. Es spielt eine entscheidende Rolle bei der physiologischen Aktivierung und Deaktivierung des Organismus.

1. ADHS und Noradrenalin

Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung charakterisiert sich durch ihren Beginn in der Kindheit und Jugend. Die Störung zeichnet sich durch Impulsivität, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme aus. Betroffene Kinder gelten als unruhig und bewegen sich viel, lassen sich leicht ablenken und haben eine beeinträchtigte Planungsfähigkeit.

Bei Betroffenen kommt es zu einer verringerten Ausschüttung von Dopamin, sodass die neuronalen Verbindungen beeinträchtigt sind. Es wird vermutet, dass auch die Signalübertragung durch Noradrenalin vermindert ist, dies konnte aber noch nicht endgültig nachgewiesen werden. Spezifische Medikamente, welche über adrenerge Rezeptoren wirken, werden aber bei ADHS eingesetzt und zeigen ihre Wirkung.

Die Medikamente, die bei ADHS eingesetzt werden sind Stimulanzien, die den Transport und die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin hemmen und somit deren Verfügbarkeit im synaptischen Spalt erhöhen.

2. Depression und Noradrenalin

Eine Charakteristik der Depression ist der verminderte Antrieb. Die Motivation sinkt, die Latenzzeit bis zur Reaktion auf einen Stimulus vergrößert sich, der Puls fällt ab. Der Körper detektiert, dass etwas nicht in Ordnung ist und versetzt sich in den “Überlebensmodus”, in dem er versucht so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen. Diese Tatsache ist für den Zusammenhang der Depression mit Noradrenalin verantwortlich.

Bei einem Mangel an Noradrenalin passiert folgendes in unserem Körper:

  • Verringerte physiologische Aktivität
  • Diffuse Aufmerksamkeit oder Aufmerksamkeitsprobleme
  • Verringerung der Herzfrequenz
  • Dysthymia 
  • Verringerung der Motivation
  • Verlängerung der motorischen Reaktionszeit
  • Antriebslosigkeit
  • Apathie (Desinteresse und Fehlen von Enthusiasmus)

Noradrenalin spielt zudem eine Schlüsselfunktion in der Emotionsregulation. Eine Emotion, die sich körperlich stark widerspiegelt ist die Freude, bei ihr kommt es zu einer starken physiologischen Aktivierung.

Im Gegensatz dazu, lässt sich das Fehlen von Freude mit einem Gefühlszustand der Trauer beschreiben, welche zusammen mit der Demotivierung, Antriebslosigkeit, Apathie und weiteren Faktoren den Beginn einer depressiven Episode darstellen kann.

3. Angst und Noradrenalin

Um auf Situationen reagieren zu können, die wir als stressig oder gefährlich interpretieren, schüttet unser Körper Noradrenalin aus. Wenn dies geschieht, ist die Emotion, die wir verspüren, Angst. Es ist aus diesem Grund naheliegend, dass es einen Zusammenhang zwischen den Angststörungen und Noradrenalin gibt.

Die physiologische Reaktion der Angst entspricht dem Verhalten der Flucht oder des Kampfes (Fight-or-Flight) auf die vorhin bereits eingegangen wurde. Einige der Symptome der Angst sind die Pupillenerweiterung, ein höherer Glukosegehalt im Blut, Muskelkontraktion und ein schnellerer Puls. Der Neurotransmitter Noradrenalin sendet Signale durch unseren Körper, sodass wir uns für eine unmittelbare Reaktion bereit machen und aktivieren.

Den Angststörungen eigen sind die Panikattacken, welche mit einem schnellen Anstieg des Neurotransmitters im Körper einhergehen und zu einer erhöhten physiologischen Aktivierung führen, welche sich die Person nicht erklären kann. Durch die Unkenntnis der Ursache steigt die Angst weiter an.

Noradrenalin und Sport

Gemäß der Amerikanische psychologische Gesellschaft APA (American Psychological Association) kann körperliche Aktivität helfen die geistige Gesundheit zu stärken, indem dabei dem Gehirn geholfen wird den Stress besser zu bewältigen.

Es stehen noch viele Forschungsfragen offen, ein Zusammenhang zwischen Noradrenalin und den Emotionen gilt jedoch als gesichert.

Wenn wir Sport treiben reagiert unser Körper auf sehr ähnliche Weise, wie wenn wir uns aufgrund einer gefährlichen oder stressigen Situation anspannen. Wir bereiten uns darauf vor aufmerksam zu sein und auf effektive Weise reagieren zu können. Man stelle sich die konkrete Situation eines 11-Meters vor: Ein Torwart, der alleine im Tor vor seinem Rivalen steht. Wie wird wohl sein Aktivierungszustand sein? Erregung? Entspannung? Er wird sich in maximaler Alarmbereitschaft befinden, um den Ball so schnell wie nur möglich zu fangen.

Je nach der Intensität der Aktivität die wir ausführen, passt sich der Körper an:

  • Sendet über den Neurotransmitter Noradrenalin Informationen an unsere Skelettmuskulatur, um schnell reagieren zu können.
  • Unsere autonomes Nervensystem (ANS) erhöht die Herzfrequenz, steigert die Schweißproduktion und kontrahiert die Muskulatur.
  • Unsere Leber schüttet vermehrt Glukose in den Blutkreislauf aus, um die motorischen Reaktionen zu verbessern.

Diese Reaktionen hängen aber nicht nur von der Intensität der Aktivität ab, sondern auch von den Umständen. Dabei beeinflussen auch Faktoren, die die Person während des Sports stressen oder beängstigen können.

Gerade in Situationen wie dem erwähnten 11-Meter wird der Torwart deutlich gestresst sein und die Situation als Gefahr einschätzen. In Wettkämpfen spielen ebenfalls situative Einflüsse eine entscheidende Rolle.

Wie beeinflusst Sport die Noradrenalin-Produktion? Ein wichtiges Element des Lernens ist die Wiederholung. “Je öfter wir eine Verhaltensweise wiederholen, desto besser werden wir in ihrer Ausführung.” Aus diesem Grund kann Sport uns helfen stressige Situationen zu bewältigen. Denn wenn wir vom Sport gewöhnt sind uns diesen Situationen auszusetzen und in Folge dessen eine gute Stressbewältigungsstrategie haben, können wir dies auf andere Situationen übertragen.

Schlussfolgerungen

Fassen wir zusammen, was wir in diesem Artikel gelernt haben und konzentrieren uns hierbei auf die wichtigsten Punkte:

  • Noradrenalin: ist ein Hormon, das aus Tyrosin synthetisiert wird und ist gleichzeitig ein Neurotransmitter des ZNS und ANS.
  • Es aktiviert uns physiologisch und bereitet uns auf den Kampf oder die Flucht vor.
  • Ist bei Aufmerksamkeitsprozessen und motorischen Reaktionen beteiligt.
  • Spielt eine wichtige Rolle in psychologischen Störungen, wie der Depression, Angststörungen und vermutlich ADHS.
  • Entsprechend unserer Ernährung können wir dir Verfügbarkeit von Noradrenalin im Körper erhöhen, indem wir Nahrung zu uns nehmen, die reich an Tyrosin ist.
  • Es spielt beim Sport und der körperlichen Aktivierung eine wichtige Rolle.

Falls Fragen oder Anregungen zum Artikel bestehen, kann gerne die Kommentarfunktion genutzt werden. Wir versuchen alle Zweifel und Fragen zu klären.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Patricia Sanchez Seisdedos, Psychologin bei CogniFit

Das Nervensystem: Seine Funktionen, Teile und assoziierte Krankheiten

Hast du Dich schon einmal gefragt, wie das Nervensystem funktioniert? Wie der Körper organisiert ist, wie Du selbst eigentlich wirklich funktionierst? Welche Struktur das Nervensystem aufweist und wo die ganzen Informationen gespeichert werden? In unserem Körper sind lauter Kanäle, die Informationen quer durch den Körper senden, indem sie elektrische Impulse oder chemische Substanzen transportieren. All das durchfließt unseren Körper, in unterschiedlichen Rhythmen und zu verschiedenen Zwecken. 

In diesem Artikel werden die grundlegenden Elemente erklärt, welche helfen die interessante und komplexe Funktionsweise des Menschen zu verstehen.

Das Nervensystem

Jeder Teil des Nervensystems hat seine Funktion, seine Geschwindigkeit und sein Ziel. Zusammengenommen macht es uns zu dem, was wir sind. Um diesen Text hier zu lesen, muss man vorher einige Schritte durchlaufen haben. Man muss den Computer, das Tablet oder Handy in die Hand genommen haben, den Browser geöffnet haben, um die entsprechende Seite aufzurufen. Welche Teile des Nervensystems waren wohl an diesem Prozess beteiligt?

1. Was ist das Nervensystem ?

Das Nervensystem lässt sich als Gruppe von Organen und Strukturen definieren, die aus ektodermem* Nervengewebe bestehen, deren grundlegende Funktionseinheit die Neuronen darstellen.

*ektoderm ist alles, woraus sich das Nervensystem entwickelt, was sich zu Beginn in einem Embryo befindet. Auch die Fingernägel oder Haare sind ektoderm.

Die Hauptfunktion des Nervensystems, ganz grob gesagt, ist es, schnell alle Arten von Signalen (die aus der Umgebung oder dem eigenen Körper stammen) aufzunehmen und zu verarbeiten. Gleichzeitig kontrolliert und koordiniert das Nervensystem dadurch die Organe des Körpers. Mithilfe des Nervensystems erreichen wir eine effiziente, korrekte und geeignete Interaktion mit der Umwelt.

2. Funktionsweise des Nervensystems

Damit die Information in unser Nervensystem gelangen kann, benötigen wir sogenannte Rezeptoren. Die Augen, die Ohren, die Zunge, die Haut… Diese Sinnesorgane nehmen das auf, was wir wahrnehmen und schicken die Daten als elektrische Impulse, mithilfe des Nervensystems, durch unseren Organismus.

Doch wir reagieren nicht nur auf das, was in unserer Umwelt, also außerhalb, passiert. Denn auch unser Herz schlägt, unsere Leber sondert Galle ab, der Magen verdaut das Essen… Um diese internen Prozesse kümmert sich ebenfalls unser Nervensystem.

Wofür ist es noch verantwortlich?

  • Es reguliert unseren Durst und Hunger, den Schlaf-Wach-Zyklus und die Körpertemperatur (durch den Hypothalamus).
  • Die Emotionen (durch das limbische System) und Gedanken.
  • Das Lernen und das Gedächtnis (über den den Hippocampus)
  • Bewegungen, Gleichgewicht und Koordination (durch das Cerebellum)
  • Interpretation der Information, die wir über die Sinnesorgane aufnehmen
  • Funktionen unserer inneren Organe: Puls, Verdauung…
  • Körperliche emotionale Reaktionen

und viele weitere Prozesse.

3. Charakteristika des zentralen Nervensystems

Es lassen sich bestimmte Eigenschaften beobachten, die einzig das zentrale Nervensystem aufweist:

  • Seine Hauptbestandteile sind im inneren des Körpers geschützt. Das Gehirn beispielsweise ist durch drei Membrane geschützt, die sich Hirnhäute nennen. Diese wiederum befinden sich in die knochige und schützende Struktur des Schädels eingebettet. Das Rückenmark ist ebenfalls durch eine knöcherne Struktur geschützt, der Wirbelsäule. Wenn wir uns den menschlichen Körper angucken, sehen wir, dass alle lebenswichtigen Organe in seinem Inneren geschützt sind.
  • Die Zellen, die im zentralen Nervensystem wirken, sind in zwei verschiedenen Strukturen angeordnet, der grauen Substanz und der weißen Substanz.
  • Damit das ZNS seine Hauptfunktion  (Empfangen und Senden von Informationen und Befehlen) ausführen kann, braucht es ein Übertragungsmedium. Sowohl das Gehirn als auch das Rückenmark besitzen Hohlräume die mit CSF (Liquor cerebrospinalis, Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit) gefüllt sind. Neben seiner Aufgabe als Übertragungsmedium, ist es außerdem für die Beseitigung von Abfällen verantwortlich und hält die Homöostase aufrecht.

4.- Entwicklung des zentralen Nervensystems

Während sich das zentrale Nervensystem in der embryonalen Phase entwickelt, lassen sich die zwei Folgenden Teile unterscheiden: Gehirn und Rückenmark. Im Folgenden werden beide näher erläutert:

Gehirn

Das Gehirn lässt sich in drei Teilen unterteilen, in Abhängigkeit seiner primitiven Grundfunktionen.

  • Prosencephalon (Vorderhirn): Es lässt sich weiter in das Telencephalon (Endhirn) und Diencephalon (Zwischenhirn) differenzieren, durch die es Funktionen wie das Gedächtnis, Denken, Bewegungskoordination, Sprachbildung, etc. reguliert. Außerdem steuert das Prosencephalon den Appetit, das Durstgefühl, das Schlafverhalten und den Sexualtrieb.
  • Mesencephalon (Mittelhirn): Es bildet einen Teil des Hirnstamms und befindet sich zwischen der Pons (Brücke) und dem Diencephalon. Es ist verantwortlich dafür die motorischen Impulse von der Hirnrinde bis zur Pons zu leiten und sensorische Impulse vom Rückenmark zum Thalamus zu übertragen. Dabei ist es für Aspekte des Sehens, Hörens und des Schlafs verantwortlich.  
  • Rombencephalon (Rautenhirn): Die Pons und die Medulla oblongate (verlängertes Mark) steuern grundlegende überlebenswichtige Funktionen, wie die Atmung, den Blutkreislauf, den Schluckvorgang, den Muskeltonus, die Augenbewegung….

Das Rückenmark

Durch diesen Nervenstrang werden die Nervenimpulse und Informationen aus dem Gehirn an die Muskeln übertragen. Das Rückenmark ist ungefähr 45 cm lang und hat einen Durchmesser von etwa einem Zentimeter. Es besteht aus einer weißen Masse, die mit einer gewissen Flexibilität ausgestattet ist. Eine Besonderheit ist, dass das Rückenmark die Fähigkeit hat, Reflexe zu erteilen.

Das Rückenmark lässt sich in folgende Bereiche unterteilen: 

  • Hals- oder Zervikalmark (Pars cervicalis)
  • Brust- oder Thorakalmark (Pars thoracica)
  • Lenden- oder Lumbalmark (Pars lumbalis)
  • Kreuz- oder Sakralmark (Pars sacralis)
  • Schwanz- oder Kokzygealmark (Pars coccygis)

5. Klassifikation des Nervensystems 

Die zwei großen Gruppen unseres Nervensystems sind das zentrale Nervensystem (ZNS) und das periphere Nervensystem (PNS).

Grob gesagt lassen sich die beiden Systeme grundlegend durch ihre Funktionen unterscheiden. Das ZNS, das aus dem Gehirn und dem Rückenmark besteht, übernimmt den logistischen Teil des Körpers. Es steuert den Körper, organisiert und sendet Aufträge an unseren Körper. Das PNS ist sozusagen der Nachrichtenüberbringer, der sowohl von innerhalb und außerhalb des Körpers empfangene Signale und Informationen zum ZNS verschickt und vom ZNS in den ganzen Körper weiterleitet. Diese Nachrichtenübertragung findet über unsere Nervenbahnen statt. Das ZNS und PNS kommunizieren demnach ständig und gewährleisten so, dass unser Organismus funktioniert.

Innerhalb des PNS befinden sich weitere Subtypen, wie das somatische Nervensystem und das vegetative Nervensystem. Wie sich die beiden System unterscheiden, wird etwas später im Artikel erklärt.

6. Das zentrale Nervensystem (ZNS)

Ab und zu gibt es Teile des Nervensystems die beeinträchtigt sind, was zu Problemen oder Defiziten bei seiner Funktionsweise führt. Dabei gibt es spezifische Krankheiten jeden Systems, je nachdem welcher Teil beeinträchtigt ist.

Wenn sich der Bereich beeinträchtigt sieht, der Informationen empfängt und verarbeitet, um anschließend kontrolliert auf die Körperfunktionen zu antworten – dann spricht man von Krankheiten des ZNS. Dabei gibt es unter anderem Folgende:

Krankheiten

  • Multiple Sklerose. Ist eine Krankheit, bei der die Markscheiden (Myelinscheiden) im ZNS angegriffen werden. Das führt zur Verringerung der Impulse des Nervensystems, gleichzeitig schwindet die Übertragungsgeschwindigkeit, oder kommt ganz zum Erliegen. Die Konsequenzen sind spastische Tonuserhöhungen der Muskeln, Gleichgewichtsstörungen und Probleme mit der Sprache und dem Sehen.
  • Meningitis: Hierbei handelt es sich um eine Entzündung der Hirnhäute (Hirnhautentzündung). Eine Meningitis kann durch Viren, Bakterien oder andere Mikroorganismen ausgelöst werden. Einige der Symptome sind hohes Fieber, starke Kopfschmerzen, Nackensteife, Somnolenz, Verlieren des Bewusstseins und Krampfanfälle. Eine bakteriell verursachte Meningitis kann mit Antibiotika behandelt werden, eine virale Meningitis hingegen nicht, verläuft aber unbehandelt im Gegensatz zur bakteriell verursachten Hirnhautentzündung nur selten tödlich.
  • Parkinson-Krankheit. Für diese chronische Erkrankung des Nervensystem, die durch den Tod der Neuronen im Mesencephalon oder Mittelhirn (das Hirnareal, in welchem Teile der Muskelbewegung übertragen und koordiniert werden) verursacht wird, gibt es keine Heilung. Die Krankheit schreitet mit der Zeit immer weiter fort und lässt sich nicht stoppen. Betroffene leiden unter Tremor (Zittern) und sind bei der Ausführung von willkürlichen Bewegungen verlangsamt.
  • AlzheimerDiese Krankheit verursacht Gedächtnisprobleme, beeinflusst den Charakter und die Art zu denken. Einige der Symptome sind Verwirrtheit, zeitliche und räumliche Desorientierung, dadurch entsteht eine Abhängigkeit in Bezug auf alltägliche Aktivitäten.
  • Enzephalitis. eine Entzündung des Gehirns, die durch Bakterien oder Viren verursacht wird. Zu den Symptomen zählen Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Sprachschwierigkeiten, Sehstörungen, Fieber,… außerdem können auch Krampfanfälle auftreten. Die Krankheit kann bis zum Tod führen.
  • Chorea-Huntington. Hierbei handelt es sich um eine vererbte, neurologische degenerative Störung des Nervensystems. Dabei sind Nervenzellen in allen Teilen des Gehirns betroffen. Es kommt zu einem fortschreitenden Verfall, der zu Problemen in der Motorik führt.
  • Tourette-Syndrom. Diese neurologische Störung zeichnet sich durch repetitive, unfreiwillige und stereotype Bewegungen aus. Zudem stoßen Betroffene lautliche Tics aus.

 7. Das periphere Nervensystem und seine Subtypen

Wie vorhin bereits erwähnt wurde, ist das PNS dafür verantwortlich die Informationen über die Rückenmarksnerven (Spinalnerven) zu versenden. Diese Nerven befinden sich außerhalb des ZNS und dienen dazu, die beiden Systeme miteinander zu verbinden. Genau wie beim ZNS gibt es spezifische Krankheiten des PNS, je nachdem welcher Bereich betroffen ist.

Das somatische Nervensystem

Ist dafür verantwortlich den Organismus mit der Umgebung zu verbinden. Einerseits erhält dieses System elektrische Impulse, um willkürliche Bewegungen der Skelettmuskulatur auszuführen. Andererseits überträgt es sensorische Information aus dem Körper ans ZNS. Es können unter anderen folgende Krankheiten in diesem System auftreten:

  • Radialislähmung: Der Schaden produziert sich im Nervus radialis (ein Nerv des Armnervengeflächts), der bei der Armstreckung eine Rolle spielt. Diese Lähmung führt dazu, dass der Arm nicht gestreckt werden kann. Umgangssprachlich ist sie als “Parkbanklähmung” bekannt.
  • Das Karpaltunnelsyndrom: Es handelt sich um eine Beeinträchtigung des Nervus medianus in der Handwurzel. Dadurch wird die Mobilität und Sensibilität in bestimmten Bereichen der Hand beeinträchtigt. Die typischen Symptome sind Schmerzen im Handgelenk und Unterarm, Krämpfe und Taubheit.
  • Das Guillain-Barré-Syndrom: Bei dieser Störung attackiert das Immunsystem des Körpers fälschlicherweise das Nervensystem. Betroffen sind insbesondere Nervenwurzeln, die aus dem Rückenmark entspringen. Die Konsequenz sind Entzündungen der Nerven, was zu Muskelschwäche und anderen Symptomen führt.
  • Neuralgie: ist eine Krankheit die Nervenschmerzen verursacht, die im peripheren Nervensystem auftritt. Die peripheren Nerven werden in diesem Fall geschädigt, was zu Symptomen wie akuten starken Schmerzen und Hypersensibilität der Haut führt.

Autonomes/ vegetative Nervensystem

Dieses System reguliert automatisch ablaufende Vorgänge des Körperinneren, der Organe. Dieses System agiert unabhängig von der kortikalen Kontrolle. Es enthält seine Informationen aus den Eingeweiden und reguliert seine Tätigkeiten. Beispielsweise ist es für die körperliche Reaktionen der Emotionen verantwortlich. Das autonome Nervensystem ist in das sympathische und parasympathische Nervensystem unterteilt. Beide Systeme interagieren mit den gleichen Organen, auch die Funktionen sind gleich- jedoch antagonistisch. Bezüglich dieses Systems kann es zu beispielsweise zu folgenden Krankheiten kommen.

  • Arterielle Hypotonie: Der Druck, der das Blut durch die Arterien pumpt, ist gering und fast nicht ausreichend, um in angemessener Weise alle Organe des Körpers mit Sauerstoff zu versorgen. Dabei treten folgende Symptome auf.
    • Schwindel
    • Somnolenz und Konzentrationsschwäche
    • Kollapsneigung
    • Zittern, rasche Ermüdbarkeit
  • Arterielle Hypertonie: wird auch als Bluthochdruck bezeichnet. Bei dieser Krankheit ist der arterielle Druck in den Arterien chronisch erhöht, was zu einer höheren Belastung der Gefäße und der Organe, insbesondere dem Herzen, führt. Folgen können beispielsweise koronare Herzkrankheiten sein. Die Hypertonie verläuft oft ohne merkbare Symptome. Es kann jedoch zu Schwindel, Übelkeit, Nasenbluten, Schlaflosigkeit und Abgeschlagenheit kommen.
  • Morbus Hirschsprung: hierbei handelt es sich um eine angeboren Störung des autonomen Nervensystems, welche die Darmfunktionen beeinflusst. Durch das Fehlen von neuronalen Zellen im Dickdarm, kommt es zu Darmverschluss. Wenn sich der Darm füllt, werden keine Signale der Darmentleerung an das Gehirn übermittelt, sodass es zu Verstopfungen kommt. Es kommt zu Stuhlinkontinenz oder auch Erbrechen. Die Krankheit wird chirurgisch behandelt, oft wird ein künstlicher Darmausgang gelegt.

Wie bereits erwähnt, wird zwischen zwei Formen des autonomen Nervensystems unterschieden:

  1. Sympathisches Nervensystem: Kommt zum Tragen, wenn es um die Aktivierung des Körpers geht. Seine Funktion ist es, Energie zu liefern, um lebenswichtige Ziele zu verfolgen, den so genannten Flight or Fight. Dabei reguliert dieses Nervensystem beispielsweise die Verengung der Pupillen, inhibiert die Speichelproduktion, steigert den Puls und entspannt die Blase
  2. Parasympathische Nervensystem: Wird aktiviert, wenn der Körper in einen Ruhezustand versetzt werden soll, der Körper also in einem Zustand der Erholung ist. Dabei werden die Pupillen erweitert, die Speichelproduktion angeregt, der Puls gesenkt und die Blase kontrahiert.

Doch wie kann es sein, dass beispielsweise die Kontraktion der Blase mit dem Ruhezustand zu tun haben kann und die Inhibition des Speichelflusses mit Phasen der Aktivierung zusammenhängt? Es geht bei diesen Verhaltensweisen nicht darum, ob diese Energie benötigen oder nicht, sondern es sind die Konsequenzen die in einer Situation auftreten, die uns aktiviert. Wenn wir beispielsweise auf der Straße angegriffen werden:

  • Steigt unser Puls an und wir bekommen einen trockenen Mund und wenn wir sehr viel Angst haben, kann es sogar dazu kommen, dass wir uns in die Hose machen. Denn wie wäre es, eine volle Blase zu haben, wenn man den Angreifer bekämpfen oder vor ihm fliehen muss?
  • Wenn wir der Attacke unbeschädigt entkommen sind, beginnen wir uns wieder zu entspannen und unser parasympathisches Nervensystem wird aktiviert. Die Pupillen nehmen wieder eine normale Größe an, der Puls sinkt und unsere Blase wird wieder normal kontrahiert.

8. Schlussfolgerungen

Wie wir im Laufe des Artikels sehen konnten, ist unser Organismus außergewöhnlich komplex. Er ist voller Strukturen, Teilen, Organen, Typen und Subtypen.

Aber es könnte auch nicht anders sein. Die menschliche Spezies ist sehr weit entwickelt, was dazu führt, dass wir nicht nur aus simplen Strukturen bestehen können.

Die hier präsentierten Schemata enthalten bei weitem nicht alle Informationen und Systeme über uns, sondern sind ein grober Überblick, die unsere basale Funktionsweise zusammenfasst.

Bei Fragen oder Anregungen, hinterlasse gerne einen Kommentar unter diesem Artikel.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Patricia Sanchez Seisdedos, Psychologin bei CogniFit.

Hirnnerven: Welche gibt es? Welche Funktionen erfüllen sie im Gehirn?

Die Hirnnerven führen den Informationsaustausch zwischen unseren Sinnesorganen, dem Gehirn und einigen Muskeln aus. Im Folgenden findet sich ein kleiner Leitfaden, der die Anatomie, die Klassifikation und die einzelnen Funktionen jedes Hirnnervs erklärt.

Was sind die Hirnnerven?

Die Hirnnerven (beziehungsweise Kranialnerven) sind 12 paarige Nerven, die durch kleine Löcher verlaufen, die sich in der Schädelbasis befinden. Paarig bedeutet, dass sie jeweils beidseitig im Gehirn angelegt sind. Die Hirnnerven gehören zu dem peripheren Nervensystem und treten aus dem knöchernen Schädel aus, ohne das Rückenmark zu passieren.

Eine Ausnahme bilden die Hirnnerven I und II, die klassischerweise dazu gezählt werden, aber eigentlich vorgelagerte Teile des Gehirns sind. Diese treten nicht aus dem Gehirn aus und gehören somit auch nicht zu den peripheren Nerven. Die Hirnnerven sind dafür verantwortlich, Informationen zu transportieren und das Gehirn mit den verschiedenen Körperteilen zu verbinden (mit den Sinnesorganen, den Muskeln und Organen).

Unser Gehirn befindet sich über die Rückenmarksnerven in ständiger Kommunikation mit fast allen Teilen des Körpers. Wenn wir beispielsweise bemerken, dass wir mit unserem Fuß gerade auf weichen Sand getreten sind, übertragen die Nerven, die sich in unserem Fuß und Bein befinden, diese Information ans Rückenmark. Dort wird die Information “übergeben” und zu unserem Gehirn weitergeleitet (afferente Informationsweiterleitung). Das Gehirn gibt in diesem Fall den Befehl aus, weiterhin auf dem Sand zu laufen, weil sich dieser unter unseren Füßen angenehm anfühlt. Dieser neue, absteigende Befehl (top-down beziehungsweise efferente Informationsweiterleitung) verlässt unser Gehirn, wird über das Rückenmark geleitet und gelangt wieder zu den Nervenfasern der Füße.

Die Hirnnerven zeichnen sich durch die bereits erwähnte Besonderheit aus, dass sie das Gehirn verlassen ohne über das Rückenmark zu verlaufen. Sie treten in der Schädelbasis durch kleine Löcher aus, um anschließend direkt an ihr Ziel zu gelangen. Dabei sind diese Ziele nicht einzig im Kopf zu verorten, sondern erstrecken sich bis in den Hals, Brustbereich und sogar den Bauch (der Vagus).

Generell genommen lässt sich festhalten, dass die Hirnnerven Teil des peripheren Nervensystems sind, welches das Gehirn mit den kranialen und zervikalen Strukturen sowohl afferent, sensitiv, sensorisch als auch efferent, motorisch und vegetativ, verbindet. Der Rest der efferenten und afferenten Nervenstimulation des zentralen Nervensystems (ZNS) mit dem Körper verläuft über die Rückenmarksnerven (Spinalnerven).

Klassifikation der Hirnnerven in Abhängigkeit ihrer Position, Verteilung und Funktion

Die Hirnnerven sind 12 Nerven, die sowohl in der linken als auch in der rechten Hemisphäre auf symmetrische Art und Weise repräsentiert sind. Sie können auf Grundlage verschiedener Kriterien klassifiziert werden: der Ort an dem sie entspringen und die Funktion, die sie erfüllen.

2.1. Klassifikation der Hirnnerven in Abhängigkeit ihrer Position.

Wie der obigen Abbildung zu entnehmen, ist jedem Hirnnerv eine römische Ziffer zugeordnet. Diese Zahlen von eins bis zwölf beziehen sich jeweils auf den entsprechenden Hirnnerv mit seiner Repräsentation in beiden Hemisphären.

Die Hirnnerven mit ihrem Ursprung:

  •  oberhalb des Hirnstamms sind die Hirnnerven I und II
  • im Mesencephalon (Mittelhirn) sind die Hirnnerven III und IV
  • in der Pons sind die Hirnnerven  V, VI, VII und VIII.
  • von der Medulla oblongata ausgehend sind die Hirnnerven IX, X, XI und XII.

 2.2. Klassifikation der Hirnnerven in Abhängigkeit ihrer Funktionalität.

  1. Sinnesfunktion: gebildet durch die Hirnnerven I, II, VI und VIII.
  2. mit der Augenlid- und Augenbewegung assoziiert: Hirnnerven III, IV und VI.
  3.  Zusammenhang mit der Steuerung der Halsmuskulatur und der Zunge: Hirnnerven XI und XII.
  4. Mit gemischten Funktionen: die Hirnnerven  V, VII, IX und X.
  5. als Fasern der parasympathischen Funktionen: III, VII, IX y X

Die 12 Hirnnerven und ihre Funktionen

Alle zwölf Hirnnerven haben eine spezifische Funktion. In der unten abgebildeten Zeichnung ist ein Gesicht zu sehen, das aus den Nummern der einzelnen Hirnnerven gebildet wurde. Die Zahlen dienen hier als Anhaltspunkt für den spezifischen Bereich mit dem der entsprechende Hirnnerv in Verbindung steht. Anhand dieser Abbildung kann man versuchen die Funktion zu erraten – um dann im nächsten Abschnitt zu überprüfen, ob man richtig lag.

Im Folgenden werden die Hirnnerven I bis XII und ihre Funktionen näher beschrieben.

1. Nervus olfactorius (Riechnerv) I

ist ein sensorischer Nerv, der für die Weiterleitung olfaktorischer Reize von der Nase zum Gehirn verantwortlich ist. Die Information wird von der Riechschleimhaut in der Nase zur primären Riechrinde geleitet. Am Riechkolben (Bulbus olfactorius) ist der Ursprung des Riechnervs. Der Nervus olfactoruis entspringt nicht aus dem Hirnstamm und ist somit kein Hirnnerv im eigentlichen Sinne, sondern ein vorgelagerter Teil des Gehirns. Er ist außerdem der kürzeste aller Hirnnerven.

2. Nervus opticus (Sehnerv) II

Dieser Nerv leitet die visuellen Stimuli von der Netzhaut zum Gehirn. Der Sehnerv besteht aus den Axonen der retinalen Ganglienzellen, welche die Information der Photorezeptoren der Retina zum Gehirn weiterleiten, wo diese anschließend integriert und interpretiert werden. Die beiden Sehnerven werden dem Diencephalon zugeordnet. Sie verlaufen von den Augäpfel bis zu einer Kreuzung (dem Chiasma opticum), sodass die Information des linken Auges in die rechte Hemisphäre geleitet wird und die Information des rechten Auges in die linke führt. Genau wie der Nervus olfactoruis ist der Nervus opticus im engeren Sinne kein Hirnnerv, sondern kann ebenfalls als vorgelagerter Gehirnteil gesehen werden.

3. Nervus oculomotorius (Augenbewegungsnerv) III 

Dieser Hirnnerv steuert vier der äußeren, und zwei innere Augenmuskeln. Er ist für das Heben und Senken des Augenlids, die Pupillenverengung und die Akkomodation verantwortlich. Der Ursprung des Nervs findet sich im Mesencephalon.

4. Nervus trochlearis (Augenrollnerv) IV

Ist ein Hirnnerv, der die motorischen Funktionen des oberen schrägen Augenmuskels steuert. Dieser Hirnnerv ist der einzige, der dorsal aus dem Hirn austritt, sein Nukleus ist ebenfalls im Mesencephalon verortet.

5. Nervus trigeminus (Drillingsnerv) V

Ist einer der Hirnnerven mit gemischter Funktion (sensitiv, sensorisch und motorisch), wobei er den längsten aller Hirnnerven darstellt. Seine Aufgabe ist es sensible Informationen aus dem Gesichtsbereich zum Gehirn zu leiten. Außerdem steuert er die Kaumuskulatur. Sein Name ist auf die Teilung in drei Hauptäste zurückzuführen: den Augenast, Oberkieferast und Unterkieferast.

6. Nervus abducens (Augenabziehnerv) VI

Überträgt die motorischen Reize zum lateralen Augenmuskel, wodurch sich unser Auge nach außen, von der Nase weg, bewegen lässt.

7. Nervus facialis (Gesichtsnerv) VII

Dieser Hirnnerv habt ebenfalls gemischte Funktionen, da er sowohl die Mimik über die Gesichtsmuskulatur steuert, als auch die Geschmackswahrnehmung des vorderen Abschnitts der Zunge zum Gehirn überträgt . Auch die Tränendrüse und Speicheldrüsen werden durch diesen Nerven aktiviert.

8. Nervus vestibulocochlearis (Hör- und Gleichgewichtsnerv) VIII

Ist ein Hirnnerv der sensorischen Weiterleitung. Dabei wird die auditive Information von der Hörschnecke zum Gehirn geleitet. Außerdem wird auch die Information aus dem Gleichgewichtsorgan an das Gehirn über diesen Nerven übertragen und ist somit neben der auditiven Funktion ebenfalls für das Gleichgewicht und die Orientierung der Lage des eigenen Körpers im Raum verantwortlich.

9. Nervus glossopharyngeus (Zungen-Rachen-Nerv) IX

Ist ein Hirnnerv, der die Signalübertragung des hinteren Abschnitts der Zunge und des Rachens leitet. Dabei werden die Informationen der Geschmacksknospen des hinteren Teils der Zunge und die sensorische Information des Rachens übertragen. Letztere Funktion ist wichtig für den Schluckakt.  Des weiteren reguliert der Nerv auch die Ohrspeicheldrüse.

10. Nervus vagus (“umherschweifender” Nerv) X

Der Nervus vagus ist der wichtigste Nerv des Parasympathikus und ist an der Regulation fast aller inneren Organe beteiligt. Dabei stehen die Bronchien, das Herz, der Magen und die Leber über den Vagus mit dem Gehirn in Verbindung, diese Verbindung dient in erster Linie zur Reflexübertragung. Er ist ebenfalls an der motorischen Steuerung der Speiseröhre, des Rachens und des Kehlkopfs beteiligt. Der Vagus reguliert zu Teilen das autonome Nervensystem und hat damit auch einen Einfluss auf unser Stresslevel und steht darüber in direkter Verbindung mit dem sympathischen Nervensystem.

11. Nervus accessorius (Beinerv) XI

Dieser Hirnnerv kann an sich auch als Rückenmarksnerv gesehen werden, da er dort entspringt. Jedoch verläuft er anschließend parallel dazu und geht durch die Schädelhöhle, verlässt diese dann aber wieder an der Schädelbasis, was der Grund dafür ist, dass er zu den Hirnnerven gezählt wird. Dieser Nerv reguliert die Kopfbewegung.

12. Nervus hypoglossus (Unterzungennerv) XII

Dieser Hirnnerv ist ebenfalls in die Steuerung der Zunge und den Schluckablauf involviert.

Im folgenden Video wird die Lage und Funktion der Hirnnerven erklärt, was zusätzlich zu diesem Artikel vor allem ihre Lage verdeutlicht:

Bei Fragen oder Anregungen, kann gerne die Kommentarfunktion genutzt werden!

Dieser Artikel ist eine Übersetzung des spanischen Artikels von Tania Pérez Calleja.

Gesundheit, Rätsel & Neuroscience

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