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Das Prämenstruelle Syndrom (PMS): Das Leiden vor der Periode

Das prämenstruelle Syndrom (PMS): gehört haben fast alle schon mal davon. Doch oft wird das Leiden der Betroffenen belächelt, da “ja nur die Hormone ein bisschen verrückt spielen”. Bei einigen Frauen ist das prämenstruelle Syndrom jedoch so stark ausgeprägt, dass man hier besser von der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS) sprechen sollte. Eine Störung, die es bis jetzt noch nicht in das in Deutschland verwendete Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen ICD geschafft hat und auch in den USA erst seit kurzer Zeit als eigenständige Störung im dortigen DSM zu finden ist. Im Folgenden wird erklärt, was das prämenstruelle Syndrom bzw. die prämenstruelle dysphorische Störung eigentlich ist, welche Symptome die Betroffenen zeigen, welche Ursachen dahinter stecken und welche Möglichkeiten der Behandlung es gibt. 

Das prämenstruelle-Syndrom: psychische und/oder körperliche Beschwerden in der zweiten Zyklushälfte

Während der Periode klagen Frauen häufig über Bauchkrämpfe oder müssen sich zumindest mit lästigen Hygieneartikeln wie Binden und Tampons herumschlagen (ein Hoch auf die Menstruationstasse als Alternative). Doch nicht nur das. Bereits vor der Menstruation leiden zahlreiche Frauen an körperlichen und psychischen Beschwerden: dem prämenstruellen Syndrom (PMS) – auch bekannt als die “Tage vor den Tagen”.

Was ist das Prämenstruelle Syndrom (PMS)?

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) zeichnet sich durch akute körperliche und psychische Beschwerden aus, die bei einer Frau unmittelbar vor ihrer Regelblutung auftreten. Fast die Hälfte aller Frau nimmt Veränderungen in der zweiten Zyklushälfte, also nach dem Eisprung, wahr. Wie ausgeprägt diese Veränderungen sind, und ob diese mehr psychischer oder physischer Natur sind, variiert hierbei sehr zwischen den betroffenen Frauen. Etwa 35% aller Frauen berichten davon, Anzeichen von PMS zu verspüren und etwa 5% leiden so sehr darunter, dass sie sich in ihrem Alltag stark beeinträchtigt fühlen. Da jedoch nicht genau festgelegt ist, welche Beschwerden nun das prämenstruelle Syndrom definieren, gibt es sehr verschiedene Zahlen darüber, wie viele Frauen betroffen sind.

Fest steht, dass einige Frauen lediglich über leichte Stimmungsveränderungen, Wassereinlagerungen oder Heißhunger klagen, während andere unter starken psychischen Symptomen leiden. Betroffene Frauen haben auch nicht zwangsläufig jeden Zyklus diese Beschwerden und leiden nicht unbedingt jedes Mal unter den gleichen Symptomen. Die Beschwerden des prämenstruellen Syndroms verschwinden normalerweise beim Eintreten der Monatsblutung und sind somit von den Beschwerden der Menstruation abzugrenzen. Es ist jedoch auch möglich, dass die Symptome darüber hinaus anhalten. Unter dem prämenstruellen Syndrom leiden am häufigsten Frauen zwischen 30 und 40 Jahren. Die Symptome verstärken sich später bis hin zu den Wechseljahren, nach Ausbleiben der Regelblutung verschwinden diese dann vollständig.

Prämenstruelles Syndrom (PMS) Symptome

Die Symptome sind sehr vielfältig und auch die Symptomstärke variiert von Frau zu Frau. Die Dauer dieser Symptome unterscheidet sich ebenfalls zwischen den Betroffenen. Einige Frauen klagen nur wenige Tage über zwei bis drei Beschwerden, andere leiden die gesamte zweite Zyklushälfte unter einer Reihe von Symptomen. Die geläufigsten Beschwerden lassen sich grob in die folgenden körperlichen und psychischen Symptome unterteilen:

  • Körperliche Beschwerden: Gewichtszunahme; Veränderungen der Haut (bspw. Akne); Wassereinlagerungen im Körper; Magen-Darm-Beschwerden; Durchfall; Unterleibskrämpfe; Müdigkeit, Erschöpfungssymptome, Abgeschlagenheit; Übelkeit und Kreislaufbeschwerden; Rücken- und Kopfschmerzen; Völlegefühl; Migräne; Extreme Sensibilität der Brüste,…
Abgeschlagenheit und Kopfschmerzen können physische Symptome von PMS sein.
  • Psychische Beschwerden: Stimmungsschwankungen; Antriebslosigkeit; Konzentrationsprobleme; Interessenverlust; Hyperaktivität oder Ruhelosigkeit; Depressionen; Gefühl des Kontrollverlusts; geringes Selbstwertgefühl; Reizbarkeit; Aggressivität; Angstzustände; Heißhunger oder Appetitlosigkeit; grundloses Lachen oder Weinen,…

Bei etwa 3-8% der Frauen sind die psychischen Beschwerden sehr extrem ausgeprägt. Diese Frauen leiden unter der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS).

Die prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS)

Die schwerste Form des prämenstruellen Syndroms wird als prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS) bezeichnet. Im Gegensatz zu dem PMS gilt die PMDS als generell behandlungsbedürftig. Denn hier sind die psychischen Symptome Wut, Aggressivität, Reizbarkeit, Depression und Angst so massiv, dass sie die betroffenen Frauen sowohl sozial, familiär und beruflich belasten und einschränken.

In dem für Deutschland gängigen diagnostischen Klassifikiationssystem ICD-10 ist die prämenstruelle dysphorische Störung bislang nicht aufgeführt. Aus diesem Grund ist der Begriff PMDS in Deutschland bislang auch weitgehend unbekannt, was gerade für Betroffene problematisch sein kann. Das im Jahre 2013 veröffentlichte DSM-5 (der in den USA von der Amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft herausgegebene diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen) listet zum ersten mal die prämenstruelle dysphorische Störung als eigene Störung auf.

Prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS) nach DSM-5

Im DSM-5 ist die PMDS folgendermaßen definiert:

A.
Während mindestens neun der vergangenen zwölf Zyklen bestanden wenigstens fünf der folgenden Symptome (und mindestens eines der Beschwerden eins bis vier) an den meisten Tagen der letzten Woche vor der Menstruation, während sie in der ersten Zyklushälfte nicht vorhanden waren:

  1. Depressive Verstimmungen, Selbstzweifel, Hoffnungslosigkeit
  2. Angst, innere Anspannung, Gereiztheit
  3. Plötzliches, grundloses Weinen, extreme Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisungen
  4. Andauernde Wut, aggressives Verhalten
  5. Kaum Interesse für übliche Aktivitäten (Freizeit, Beruf, Schule, Familie, Freunde)
  6. Subjektives Gefühl der Konzentrationsschwäche
  7. Lethargie, Energieverlust
  8. Starke Veränderung des Appetits (unter anderem Verlangen nach bestimmten Lebensmitteln)
  9. Änderung des Schlafverhaltens (Schlafstörungen, deutlich gesteigertes Schlafbedürfnis)
  10. Subjektive Empfindung, außer Kontrolle zu geraten, Überwältigungsgefühl
  11. Körperliche Symptome wie Brustspannen, Kopfschmerzen, Ödeme, Gewichtszunahme

B.
Die Symptome führen zu einem deutlichen beruflichen oder schulischen Leistungsabfall, soziale und andere Aktivitäten werden vermieden.

C.
Die Symptome sind nicht nur eine Verstärkung einer anderen bestehenden psychischen Erkrankung, etwa einer Major Depression, einer Angst- oder einer Persönlichkeitsstörung.

D.
Anhand einer täglichen Einschätzung mithilfe eines PMS-Kalenders über mindestens zwei Menstruationszyklen werden die Punkte A, B und C überprüft.

Mithilfe eines Symptom-Kalenders werden die Beschwerden des prämenstruellen Syndroms dokumentiert

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) – Ursachen

Die Ursachen für das prämenstruelle Syndrom (PMS) und der prämenstruellen dysphorische Störung (PMDS) sind nicht vollständig geklärt.

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) – Geschlechtshormone

Fest steht, dass die weiblichen Geschlechtshormone Progesteron und Östrogen eine Rolle spielen, denn Frauen, welche diese Hormone nicht produzieren (etwa nach den Wechseljahren, nach einer Entfernung der Eierstöcke), zeigen auch keine PMS oder PMDS Symptomatik. Frauen während der Schwangerschaft ebenso wenig.

Doch die Hormonkonzentration von Progesteron und Östrogen alleine kann die Störung ebenfalls nicht erklären, denn symptomfreie Frauen weisen die gleichen hormonellen Schwankungen auf, wie es Betroffene tun. Denkbar ist, dass betroffene Frauen sensibler auf die natürlichen hormonellen Schwankungen im Zyklus reagieren.

Möglich ist auch, dass die Bindungsstellen des Östrogens an den Nervenzellen bei den betroffenen Frauen defekt sind. Das würde zu einer gestörten Signalübertragung zwischen einzelnen Nervenzellen führen. Somit wäre kein hormonelles Ungleichgewicht für die Beschwerden verantwortlich, sondern eine gestörte Übertragung der Informationen. Das würde auch in Einklang mit den Befunden stehen, dass symptomfreie Frauen den gleichen hormonellen Schwankungen unterliegen wie betroffene Frauen.

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) – Der Einfluss des Serotoninspiegels

Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass die Hormone Progesteron und Östrogen einen Einfluss auf den Neurotransmitter Serotonin haben. Die genauen Zusammenhänge zu dem PMS und der PMDS sind jedoch weiterhin unklar. Es wird aber aus diesem Grund gemutmaßt, dass ein gestörter Serotoninstoffwechsel die psychischen Symptome des PMS und PMDS auslöst. Dieser spielt auch bei anderen affektiven Störungen wie der Depression eine wichtige Rolle. Neben einigen Untersuchungen stützt vor allem die Wirkung bestimmter Antidepressiva bei PMS und PMDS, die den Serotoninspiegel im Gehirn erhöhen, diese These.

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) – weitere Einflussfaktoren

Neben den Geschlechtshormonen und dem Serotoninspiegel gibt es weitere Faktoren, die einen Einfluss auf das Auftreten der PMS/PMDS-Symptomatik haben können:

Langanhaltender Stress und eine psychische Belastung können die Symptomatik verstärken und zu einem Ungleichgewicht im Hormonhaushalt der Frauen führen.

Ebenso haben die Ernährung und der Verzehr von Alkohol und Nikotin eine Auswirkung. Eine schlechte Ernährung kann bestimmte Symptome verschlimmern (Beispielsweise kann eine sehr salzhaltiger Ernährung die Wassereinlagerungen verstärken). Der Konsum von Alkohol und Nikotin kann dazu führen, dass die Symptome wie Angstzustände oder Kopfschmerzen stärker werden.

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) – Behandlung

Für die Behandlung des prämenstruellen Syndroms gibt es keine spezifische Medikation. Da die Ursachen und Zusammenhänge nicht vollständig geklärt sind und ebenfalls verschiedene Auslöser auf komplexe Weise zusammenhängen zu scheinen, erfolgt die Behandlung individuell in Abhängigkeit der jeweiligen Symptome.

Bei weniger starken Beschwerden lassen sich die körperlichen Symptome des prämenstruellen Syndroms oft bereits durch Verhaltensänderungen deutlich lindern. Der Verzicht auf Alkohol und Nikotin in der zweiten Zyklushälfte, eine ausgewogene gesunde Ernährung, sowie körperliche Bewegung und viel frische Luft können das Wohlbefinden deutlich verbessern. Ein geregelter Schlafrhythmus ist ebenfalls förderlich. Bei leichten Beschwerden helfen außerdem Entspannunsübungen, autogenes Training, Yoga oder Massagen.

Auch kognitives Training kann helfen Symptome wie Konzentrationsprobleme oder andere Einschränkungen, die mit depressiver Symptomatik einhergehen können, zu bekämpfen. CogniFit bietet zahlreiche Trainingsprogramme, unter anderem eine neurokognitive Stimulation zur Behandlung von Depressionen. Das kann dabei helfen, die psychischen Beschwerden durch PMS zu lindern.

Medikamentöse Behandlung des prämenstruellen Syndroms:

Am häufigsten werden PMS-typische Symptome mit hormonellen Verhütungsmitteln, wie beispielsweise der Pille, behandelt. Welche dieser Präparate bei PMS wirklich helfen können ist nicht ausreichend erforscht. In den meisten Fällen verschreibt die zuständige Frauenärztin oder der Frauenarzt eine der verfügbaren Pillen mit einer bestimmten Hormonkombination, welche die betroffene Frau dann einfach ausprobiert und guckt, ob die Symptome dadurch nachlassen. Doch auch die Pille und andere hormonelle Verhütungsmittel haben Nebenwirkungen und kommen für Frauen mit Kinderwunsch beispielsweise nicht infrage.

Bei Kopf- Rücken- oder Bauchschmerzen kommen in der Regel klassische nicht-rezeptpflichtige Schmerzmittel zum Einsatz. Klassischerweise sind das Ibuprofen oder Aspirin, die beide schmerzlindernd und entzündungshemmend wirken.

Bei sehr starken Wassereinlagerungen und Spannungsgefühlen in der Brust können auch Diuretika (entwässernde Medikamente) eingenommen werden. Aufgrund von bestimmten Nebenwirkungen und einem Gewöhnungseffekt sollte die Einnahme jedoch unbedingt zuvor mit einem Arzt abgeklärt werden.

Neben diesen Medikamenten kommen teilweise auch Hormonpräparate wie GnRH-Analoga oder Progesteron zum Einsatz. Deren Wirkung bei PMS ist jedoch umstritten, von ihrer Anwendung wird deshalb und auch aufgrund der zahlreichen Nebenwirkungen mittlerweile meistens abgeraten.

Behandlung der prämenstruellen dysphorischen Störung:

Bei der prämenstruellen dyphorischen Störung kommen zur Behandlung auch Medikamente infrage, die sonst bei Depression eingesetzt werden: Antidepressiva. Das geschieht oft dann, wenn die psychischen Beschwerden wie Angstgefühle, Verzweiflung und depressive Verstimmungen das Leben der Betroffenen stark einschränken. In der Regel finden hier selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Anwendung. Diese Antidepressiva erhöhen die Verfügbarkeit des Serotonins im Gehirn (genauer im Synaptischen Spalt zwischen den Zellen), indem sie die Wiederaufnahme des Serotonins durch die Zellen hemmen. Man geht davon aus, dass Serotonin die Wirkung anderer Hormone beeinflusst, die in der zweiten Zyklushälfte vermehrt ausgeschüttet werden. Es gilt als wissenschaftlich belegt, dass SSRI bei PMS oder PMDS die psychischen Symptome lindern. Dabei werden SSRI teilweise auch nur gezielt in der zweiten Zyklushälfte eingenommen.

Neben einer medikamentösen Behandlung der prämenstruellen dysphorischen Störung können Betroffene auch psychotherapeutische Unterstützung suchen. Gerade ergänzend mit anderen Maßnahmen kann dies sehr hilfreich sein und außerdem zum Verständnis der Störung beitragen. Da gerade in Deutschland die prämenstruelle dysphorische Störung weniger bekannt ist, oder Betroffene oftmals belächelt werden und “die Hormone wohl einfach nur mal wieder verrückt spielen”, kann es sehr erleichternd für die Frauen sein, die körperlichen und psychischen Veränderungen während ihres Zyklus nachvollziehen und verstehen zu können. Viele Frauen wissen lange nicht, was eigentlich mit ihnen passiert und sind dann froh, diese Veränderungen besser einordnen zu können und eine Erklärung für ihr zyklisch immer wiederkehrendes Leid zu haben.

Wenn man also das Gefühl hat, man könnte an PMDS oder einer schweren PMS leiden und sich dadurch eingeschränkt fühlt, sollte man sich unbedingt Hilfe suchen – gerade auch um etwas gegen die psychischen Beschwerden unternehmen zu können.

Bei Fragen oder Anregungen kann gerne die Kommentarfunktion genutzt werden.

Erlernte Hilflosigkeit – Lernen wir, depressiv zu sein?

Einigen psychischen Krankheiten, vor allem der Depression, liegt ein Gefühl des Kontrollverlusts und der Hilflosigkeit zugrunde. Tatsächlich ist dieses Gefühl nicht einfach nur eine Begleiterscheinung, sondern laut der Theorie des amerikanischen Psychologen Martin Seligman ist die erlernte Hilflosigkeit sogar eine Ursache für diese Krankheiten.

Erlernte Hilflosigkeit

Erlernte Hilflosigkeit bei Tieren – die Shuttlebox

Seligmans Theorie der erlernten Hilflosigkeit beruht auf einer Reihe von Tierexperimenten, deren Ergebnisse anschließend auf den Menschen übertragen wurden.

Versuchsaufbau

Die Tiere, zumeist Hunde, wurden dabei in eine sogenannte Shuttle Box gesetzt. Diese besteht aus zwei aneinandergrenzenden Boxen, welche über einen Durchgang miteinander verbunden sind. Der Boden dieser Boxen besteht aus Draht, welcher eingeschaltet werden kann und Elektroschocks verabreichen kann.
Für das Experiment gab es drei Gruppen von Tieren, die unter verschiedenen Bedingungen getestet wurden.

  • Gruppe 1:  Die Tiere wurden in der ersten Phase des Experiments Elektroschocks ausgesetzt, konnten jedoch mit der Pfote einen Hebel betätigen, der den Durchgang zur anderen Box öffnete und ihnen so die Möglichkeit zur Flucht vor den Elektroschocks gab. Die Tiere erlernten dieses Verhalten sehr schnell und wendeten es unmittelbar nach Eintreten der Schocks an.
  • Gruppe 2: Tiere in Gruppe zwei erhielten genauso viele Elektroschocks wie die Tiere der ersten Gruppe, sie konnten diesen Schocks jedoch nicht ausweichen. Ihr Verhalten hatte keinerlei Auswirkung auf die Schocks, sie konnten also lediglich ausharren und abwarten, bis die Schocks vorbei waren.
  • Gruppe 3: Bei Gruppe drei handelte es sich um die sogenannte Kontrollgruppe, welche während der ersten Versuchsphase zwar in einer Shuttle Box eingeschlossen war, aber keinerlei Schocks erhielt.

In Phase zwei, der eigentlichen Experimentalphase, wurden die Tiere aus allen drei Gruppen nun Elektroschocks ausgesetzt. Alle drei Gruppen hatten jetzt die Möglichkeit, durch das Drücken eines Hebels den Durchgang zwischen den zwei Boxen zu öffnen und den Schocks zu entfliehen.

Ergebnisse

Die Tiere der ersten Gruppe, welche ja bereits an die Situation und das Hebeldrücken gewöhnt waren, zeigten dieses Verhalten auch wie erwartet in der Experimentalphase. Sie erlernten teilweise sogar, den Hebel schon vor dem nächsten Schock zu drücken, und vermieden damit effektiv jeden Schock.
Tiere der Kontrollgruppe, also Gruppe 3, brauchten etwas länger, bis sie das Hebeldrücken erlernten, doch sobald sie verstanden, dass das Drücken des Hebels eine Flucht vor den Elektroschocks ermöglicht, zeigten auch sie dieses Verhalten unmittelbar nach Beginn eines jeden Schocks.
Interessant ist jedoch das Verhalten der zweiten Gruppe, welche in der ersten Phase die Erfahrung machte, dass ihr Verhalten keinerlei Auswirkungen auf die Elektroschocks hat. Die Tiere dieser Gruppe lernten das Hebeldrücken entweder enorm langsam, oder aber größtenteils gar nicht. Die meisten dieser Tiere blieben, obwohl sie jetzt die Möglichkeit hatten, den Schocks zu entfliehen, lethargisch am Boden der Box liegen und ließen die Elektroschocks über sich ergehen. Dies liegt daran, dass sie vorher gelernt hatten, dass sie mit ihrem Verhalten an den negativen Auswirkungen der Situation nichts ändern können – sie gingen also auch jetzt davon aus, dass sie nach wie vor hilflos waren und das Geschehen außerhalb ihrer Kontrolle liegt.

Bei den Ergebnissen des Experiments handelt es sich um ein eindrückliches Beispiel zur erlernten Hilflosigkeit.

Depression – erlernte Hilflosigkeit bei Menschen?

Die Ergebnisse der Shuttle Box Experimente lassen sich gut auf depressive Personen übertragen. Durch die Erfahrung, dass die Ergebnisse einer Situation außerhalb ihrer Kontrolle liegen und ihr Verhalten keinerlei Auswirkungen hat, haben die Hunde aus Gruppe 2 nach einer gewissen Zeit aufgegeben und sich der Situation hilflos ausgesetzt.

Martin Seligman sieht in dieser erlernten Hilflosigkeit eine mögliche Erklärung von Depression.

Er überträgt die Ergebnisse seiner Experimente auf uns Menschen und geht er davon aus, dass Menschen depressiv werden, wenn sie das Gefühl haben, keine Kontrolle mehr über die Ereignisse in ihrem Leben zu haben.

Geschieht also im Leben einer Person ein negatives Ereignis, welches sie nicht kontrollieren kann, so lernt die betroffene Person beim Auftreten einer Mehrzahl dieser Ereignisse, dass ihr Verhalten nichts an den Ereignissen ändern kann – sie fühlt sich also hilflos.
Diese erlernte Hilflosigkeit entsteht bei uns Menschen also, wenn wir gefühlt keine Möglichkeit haben, eine Situation zu verändern oder zu verhindern. Dadurch entwickeln wir die Erwartung, dass wir auch keine Kontrolle mehr über zukünftige Ereignisse haben.

Wichtig für die erlernte Hilflosigkeit ist jedoch, dass sich die betroffenen Personen für den Kontrollverlust und den Ausgang der Situationen selbst verantwortlich machen. Denn nicht alle Personen, denen im Leben negative Situationen begegnen, werden depressiv. Seligman und seine Kollegen gehen demnach davon aus, dass die Depression nicht nur von der erlernten Hilflosigkeit selbst kommt, sondern vor allem auch vom sogenannten Attributionsstil der betroffenen Person.
Die Attribution, das heißt die Zuschreibung von Verantwortlichkeit, von depressiven Personen ist vermehrt pessimistisch, sie machen also sich selbst und ihre scheinbar mangelnden Fähigkeiten für den Ausgang der Situation verantwortlich. Damit es zu einer Depression kommt, muss die Attribution laut der Theorie von Seligman drei Merkmale erfüllen:

  • Sie muss intern sein, d.h. die Person muss in sich selbst das Problem sehen, und nicht in möglichen äußeren Umständen
  • Sie muss global sein, d.h. das Problem ist allumfassend und nicht auf eine bestimmte Situation beschränkt
  • Sie muss stabil sein, d.h. das Problem ist überdauernd und nicht zeitlich begrenzt.

Wenn jemand seine Freunde zum Grillen zu sich nach Hause einlädt und dann feststellt, dass es an genau dem Nachmittag regnet, würde sich diese Person gemäß den oben genannten Attributionen also selbst für den Regen verantwortlich machen: „Ich bin ja auch immer dumm, warum habe ich genau diesen Tag ausgewählt? Ich mache immer alles falsch.“

Erlebt eine Person also negative Ereignisse, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen und für die sie sich selbst verantwortlich hält, kann sie in einen Zustand der erlernten Hilflosigkeit verfallen, in dem sie ihr eigenes Verhalten für nutzlos hält und sich so keinerlei Mühe mehr gibt, an zukünftigen Situationen etwas zu ändern. Die Person geht also davon aus, dass ihre Anstrengungen ohnehin vergebens sind, gibt sich den negativen Ereignissen kampflos hin und verfällt in depressive Stimmungen und Denkmuster.

Erlernte Hilflosigkeit – wie verlerne ich sie wieder?

Um die Depression zu vermeiden oder zu überwinden gibt es eine Vielzahl von Therapieansätzen, von Psychopharmaka bis hin zur Verhaltenstherapie.
Geht man allerdings davon aus, dass die erlernte Hilflosigkeit, wie Seligman sie vorschlägt, wirklich die Grundlage der Depression ist, so ist es vor allem wichtig, die Selbstwirksamkeitserwartung der Betroffenen zu erhöhen. Selbstwirksamkeit ist dabei ein Begriff, der die Erwartung einer Person beschreibt, dass sie kompetent genug ist, ein bestimmtes Verhalten auszuführen und damit den Ausgang einer Situation zu beeinflussen. Eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung geht also mit dem Gefühl von Kontrolle einher, welches depressiven Personen fehlt. Sie setzt sich der pessimistischen Attribution von erlernt hilflosen Personen entgegen und zielt darauf ab, dass die Person selbst handlungsfähig ist und die Kraft hat, sich mit ihrer Handlung gegen andere Umstände durchzusetzen.

Um die erwartete Selbstwirksamkeit der betroffenen Personen zu erhöhen, eignet sich besonders die kognitive Verhaltenstherapie, bei der vor allem Wert darauf gelegt wird, schädigende Verhaltensweisen und Denkmuster zu löschen und durch positive zu ersetzen.
Indem man der Person also dabei hilft zu erkennen, dass ihr Verhalten durchaus zum Ausgang einer Situation beitragen kann oder es nicht unbedingt ihr eigener Fehler ist, wenn sie die Situation nicht beeinflussen kann, kann man ihr helfen, die erlernte Hilflosigkeit nach und nach wieder zu verlernen und Ereignissen mit freudigeren Erwartungen entgegenzublicken.