Kognitive Dissonanz: warum dem Fuchs die Trauben nicht schmecken

 

Haben Sie sich schon mal gefragt, warum Sie Ihre kostbare Zeit in einer (womöglich kostenpflichtigen) Warteschleife einer Hotline verbringen und es so schwierig ist aufzulegen? Warum finden die meisten Raucher Rauchen gut? Wieso gibt es quasi keine Eltern, die bereuen Kinder bekommen zu haben? Weshalb hört man diesen Satz von Autofahrern so gut wie gar nicht: „Ich habe ein schlechtes Auto gekauft.“? Die Antwort ist: kognitive Dissonanz. Doch was ist das?

In diesem Artikel wird übersichtsartig geklärt: 1. kognitive Dissonanz – was ist das? Beispiele 2. bekannte Experimente in der Forschung zur kognitiven Dissonanz 3. Was bedeutet das Wissen über kognitive Dissonanz für mich? 4. kognitive Dissonanz und Freud 5. Fazit zur kognitiven Dissonanz

kognitive Dissonanz

Kognitive Dissonanz

Kognitive Dissonanz – was ist das? Beispiele

Kognitionen im engeren Sinn sind Gedanken. Im weiteren Sinn sind es auch Einstellungen, Wertvorstellungen, Wahrnehmungen, Absichten und Motivationen, also quasi alle inneren mentalen Zustände und Vorgänge, die man nicht als Emotion oder Intuition bezeichnen kann. (Im Lateinischen bedeutet cognoscere „erkennen“, „erfahren“). Dissonanz kommt aus der Musik und bedeutet das Gegenteil von Konsonanz oder Harmonie, bezeichnet also etwas, das in der Kompositionslehre der Auflösung bedarf. Kognitive Dissonanz könnte man also als „gedanklichen Spannungszustand“ übersetzen.

Kognitive Dissonanz ist ein unangenehmer mentaler Spannungszustand, der entsteht, wenn man sich widersprechende Gedanken, Einstellungen oder Motivationen hat.

Die Dissonanz ist um so größer, je vielzähliger oder/und wichtiger die Kognitionen sind, die sich widersprechen. Nehmen wir das Beispiel Telefonwarteschlange. Sie haben die Kognition(en) „Ich rufe da jetzt an und kläre mein Problem. Danach gehe ich Einkaufen.“ Sie wählen die Nummer und warten, warten und bezahlen. Es läuft Wartemusik. Irgendwann taucht eine widersprüchliche Kognition auf: „Das dauert zu lange. Die Geschäfte schließen um acht.“ Wir kennen alle diese unangenehme Gefühl, das dann entsteht. Wir nennen es gern Ungeduld. Wir sind im Zwiespalt: sollen wir weiter Zeit und Geld investieren oder die Aktion unter „sinnlos“ verbuchen und abbrechen. Diese Ungeduld gepaart mit diesem Zwiespalt (mache würden sagen: nur dieser Zwiespalt)  – das ist die kognitive Dissonanz. Nun gibt es 4 mögliche Folgen, wie wir diesen Spannungszustand auflösen:

  1.  Verhaltensänderung: wir legen auf.
  2. Einstellungsänderung: Trotzreaktion – jetzt erst recht!
  3. Addition oder Subtraktion von Kognitionen: „Ich muss heute nicht einkaufen.“ „Es ist wichtig, dass ich das Problem jetzt löse, denn dann weiß ich auch, wie ich mit xy umgehe.“
  4. Ersetzen von Kognitionen: „Ich habe jetzt so viel investiert, da muss ich jetzt dranbleiben. Einkaufen kann ich auch morgen.“

Merken Sie was? Wir haben schon rein quantitativ mehr Möglichkeiten, das Problem „innerlich“ zu lösen als „äußerlich“. Und wir alle kennen uns: wir lösen es innerlich und bleiben länger in der Leitung als gut ist. Warum ist das so? Dieses Beispiel zeigt im Kleinen, wie wir auch mit großen Lebensentscheidungen umgehen: Wenn wir einmal etwas investiert haben, soll das nicht umsonst gewesen sein. Wir bleiben länger bei dem Investment, hängen länger an der alten Situation als gut für uns und andere ist. Soll ich mit 40 meinen Job hinschmeißen und noch mal studieren? Oder soll ich die Beziehung nach 16 Jahren und 2 Kindern wirklich beenden? Soll ich in diesem Land bleiben? Wie Engelchen und Teufelchen auf der Schulter tauchen die unterschiedlichsten Kognitionen auf, um diese Dissonanz aufzulösen und in Harmonie umzuwandeln.

Das Paradebeispiel sind dabei die Kognitionen von Rauchern.

Nehmen wir an, Sie rauchen. Warum auch immer (Wahrscheinlich mussten Sie irgendwann mal der Umwelt signalisieren, dass sie alt genug für Sex sind, aber das ist nebensächlich). Sie sind also Raucher. Dann sehen Sie im Kino eine Werbung, dass Rauchen Gehirnzellen tötet oder sehen die schrecklichen Bilder auf den Zigarettenpackungen, die eindeutig zeigen, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist. Sie erleben Dissonanz.

Einerseits haben Sie die Kognition „Rauchen ist cool! Ich bin alt und cool genug zu rauchen!“ andererseits haben Sie nun die Kognition „Rauchen ist ungesund.“ Das erzeugt Spannung. Wieder ist Verhaltensänderung eine Option, die selten gewählt wird. Welcher Raucher hört schon auf, weil er eine Raucherlunge auf der Zigarettenpackung sieht? Viel wahrscheinlicher ist, dass Sie sich „überzeugen“ mit zusätzlichen Kognitionen: „So ungesund kann es gar nicht sein: mein Opa ist über 90 geworden und hat geraucht!“ oder „Rauchen ist ja nicht nur cool, sondern es entspannt auch!“ oder „Mich wird es schon nicht treffen, ich höre irgendwann rechtzeitig auf!“

Ein anderes Beispiel ist die Frau, die 10 Jahre mit dem gleichen Mann zusammen ist und sich nach Abwechslung sehnt.

Die wenigsten wissen, dass das normal ist und als Coolidge-Effekt bekannt. Sie hat die Kognition „Ich bin eine treue Frau.“ und „Ich betrüge meinen Freund nicht.“, andererseits sehnt sie sich nach neuen sexuellen Abenteuern und geht fremd. Hier passt das Verhalten nicht zum Selbstbild und erzeugt die Dissonanz. Was ist der Ausweg? Sie bildet ein neues Wertesystem und damit neue Kognitionen. Sie äußert sich feministisch und polyamor. „Treue ist ein überkommenes, patriarchalisches Konzept zur Unterdrückung der Frau!“ oder „Eifersucht ist eine ungesunde Reaktion des Egos!“ oder „Wer weiß, mit wem mich mein Freund betrügt.“

Und zum Schluss wieder ein Paradebeispiel: der Autokauf.

Viele Autokäufer lesen nach dem Kauf die Werbebroschüren über ihr erworbenes Modell, um sich selbst davon zu überzeugen, dass ihre Entscheidung richtig war. Oder kennen Sie jemanden, der jemals erzählt hätte: „Mein Autokauf war ein Reinfall – ich hätte besser ein anderes Modell gekauft.“? Das gibt es zwar, aber es ist eher der Ausnahmefall und kommt relativ selten vor.

Bekannte Experimente in der Forschung zur kognitiven Dissonanz

Die Theorie der kognitiven Dissonanz stammt von Leon Festinger, Schüler des Psychologiepioniers Kurt Lewin. Was bisher unerwähnt blieb: es ist wichtig, dass die Person, die die Dissonanz erlebt, das Gefühl hat, freiwillig zu entscheiden. Fehlt diese Freiwilligkeit, tritt das Phänomen (in der Psychologie spricht man gern vom „Effekt“) nicht auf. Denn dann kann man seine Kognitionen leicht in ein harmonisches System bringen: „Ich tue das, weil ich muss. Eigentlich will ich etwas anderes, aber die Umstände zwingen mich dazu.“ Das ist zwar auch kein angenehmes Gefühl, aber immerhin angenehmer als die kognitive Dissonanz aufgrund von Widersprüchlichkeiten zwischen Verhalten und Selbstbild oder verschiedenen Kognitionen.

Die frühen Experimente von Festinger in den 50er Jahren liefen folgendermaßen ab:

Studenten wurden gebeten, an einem Experiment teilzunehmen. Die Versuchspersonen bekamen eine langweilige und langwierige Aufgabe. Danach wurden sie gebeten, weitere Studenten von der Teilnahme an dem Experiment zu überzeugen. Aber ein Teil der Studenten bekam für diese „Anwerbung“ 20 Dollar. Der andere Teil bekam einen Dollar. Nun sollten die Studenten noch schnell die Langweiligkeit bzw. die Interessantheit des Experimentes einschätzen.

Und was glauben Sie, wie sich die beiden Gruppen unterschieden, nachdem was Sie über kognitive Dissonanz gelernt haben?

Genau. Die Gruppe, die für die „Anwerbung“ bezahlt wurde, fand das Experiment signifikant langweiliger als die Gruppe, die vergleichsweise wenig bekam. Warum? Die Theorie besagt: Die Studenten, die bezahlt wurden, logen bei ihrer Anwerbung dissonanzfreier als die andere Gruppe. Sie hatten ja einen Grund für ihr Verhalten: die Bezahlung. Die Gruppe, die ohne Bezahlung anwarb, musste eine kognitive Dissonanz bewältigen, nämlich aufgrund der Kognitionen: „Das Experiment war stinklangweilig.“ und „Ich lüge nicht.“ und „Ich muss meine Kommilitonen jetzt überzeugen, daran teilzunehmen.“ Um so interessanter Sie das Experiment fanden, um so weniger logen sie; also fanden sie das Experiment einfach interessanter – unbewusst.

Zahlreiche Experimente beschäftigten sich mit dem Unsinn harter und noch härterer Strafen.

Man denke hier an populistische Forderungen, die immer wieder durch das Netz gejagt werden. Oder gar an die Todesstrafe. Die kognitive Dissonanztheorie sagt: sinnlos. Warum? Weil die Leute eine externe Rechtfertigung haben, warum sie nicht zu schnell fahren, bei der Steuer nicht betrügen, etc. Das bedeutet aber auch: wenn sicher ist, dass sie nicht erwischt werden, machen sie es trotzdem. Haben sie diese Rechtfertigung nicht, müssen sie ihre Einstellung ändern. Sie bauen Kognitionen auf wie „Ich bin ein ehrlicher Mensch.“ oder „Ich bin ein besonnener, vernünftiger Autofahrer.“ Das tun sie bei drakonischen Strafen mit geringerer Wahrscheinlichkeit.

Investition und kognitive Dissonanz

Ein anderes Experiment (Axsom und Cooper, 1985)  beschäftigt sich mit der Investition und der damit verbundenen kognitiven Dissonanz (siehe Telefonwarteschleife). Es wurde eine Anzeige aufgegeben, dass VersuchspeIrsonen gesucht werden, die eine neuartige Methode ausprobieren könnten, Gewicht zu verlieren. Diejenigen, die sich meldeten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe erhielt schwierige, langwierige und komplizierte kognitive Aufgaben (die Psychologie hat davon Batterien voll im Schrank) und Ihnen wurde gesagt, dass die Vermutung bestünde, sie würden dadurch abnehmen, was totaler Quatsch war, aber die Leute glaubten es wohl. Und die andere Gruppe erhielt leichte, kurze Aufgaben, mussten sich also viel weniger anstrengen, viel weniger investieren. Nach 6 Monaten wurde gemessen, ob und wie viel Gewicht die Gruppen verloren hatten und siehe da: die Gruppe mit dem höheren (kognitiven) Aufwand hatte tatsächlich mehr Gewicht verloren. Erklärt wird das so: Sie hatten die größere kognitive Dissonanz, die aus den Kognitionen bestand: „Boah, ist das hier anstrengend!“ und „Ich will Gewicht verlieren.“ Das Ziel, abzunehmen gewann an Bedeutung, man hatte ja investiert. Also blieb man in der Folgezeit auch mehr am Ball.

Was bedeutet das Wissen über kognitive Dissonanz für mich?

Es bedeutet zweierlei: zum einen: seien sie nachsichtig mit ihren Mitmenschen. Üben Sie sich in Toleranz um Empathie, denn die anderen haben – und da können sie sicher sein – ein ausgeklügeltes System von konsonanten Kognitionen, die ihre Einstellungen und ihr Verhalten rechtfertigen, auch wenn Ihnen das schräg und unglaubwürdig vorkommt.

Es gibt in der Politik viele Lügen, aber als der Stasichef Erich Mielke 1989 in der Volkskammer sagte: „Ich liebe doch alle!“, war das wahrscheinlich ernst gemeint. Zu dieser Zeit revoltierten die Ostdeutschen gegen eine Militärdiktatur und einen Bespitzelungsstaat, in dem es extrem gefährlich war, eine von der Norm abweichende Meinung zu vertreten. Niemand konnte sicher sein, dass nicht der beste Freund oder Verwandte für die sogenannte Staatssicherheit (Stasi) arbeitete und Informationen nach „oben“ weitergab. Und der Chef dieser menschenverachtenden Stasi stellte sich hin und sagte, er würde doch alle (auch die Abweichler) lieben. Das erntete viel Hohn und Verachtung in der Bevölkerung. Aber wir können mit einiger Sicherheit sagen, dass Mielke ein ausgeklügeltes System (wirrer) Kognitionen hatte, die diesen Satz mit seinem Selbstbild vereinbaren ließen.

Oder nehmen wir Ihre Eltern. Viele Menschen werfen Ihren Eltern zu Recht vor, Fehler in der Erziehung gemacht zu haben. Aber kommt das bei den Eltern an? Es kann gar nicht ankommen. Ein Leben lang Investitionen, ein über Jahrzehnte geschaffenes Selbstbild können gar nicht umgestoßen werden, ohne dass es für die Eltern lebensbedrohlich wäre, würden sie die kognitive Dissonanz zulassen. Lassen Sie Ihre Eltern leben. Immerhin leben Sie durch sie.

Meinen Sie, der Pharmavertreter hätte nicht seinen Weg aus der kognitiven Dissonanz gefunden, wenn er damit konfrontiert würde, dass bei depressiven Jugendlichen und Kindern einige Antidepressiva die Suizidalität erhöhen können und oft gar keine Hauptwirkung haben? (Bei Erwachsenen dürfte das nicht anders sein.)

Seien Sie also nachsichtig. Zum anderen: seien Sie selbstreflexiv! Beobachten Sie sich! Machen Sie nicht die Fehler Ihrer Eltern. Versuchen Sie, sich bei kognitiver Dissonanzreduktion zu ertappen! Woran hängen Sie, weil sie vermeintlich schon viel investiert haben, was Sie aber zukünftig gesehen nur noch behindert? Seien Sie entscheidungsfroh! Sie werden sich Entscheidungen schon schön reden, um so endgültiger diese sind, um so wahrscheinlicher ist das. Haben Sie den Mut, glücklich zu sein!

Kognitive Dissonanz und Freud

Und noch etwas können Sie aus diesem Artikel mitnehmen: Sie kennen die falschen Namen! Haben Sie schon mal etwas von Kurt Lewin oder Leon Festinger gehört? Nein? Aber von Freud, oder? Lassen Sie die kognitive Dissonanz zu: in einem gerechten Universum wäre das umgekehrt. Warum? Freuds große Leistung besteht unbestritten in der Postulation der verschiedenen Abwehrmechanismen. Leider hört es dann aber auch schon auf.

Der ganze andere theoretische Überbau, das Instanzenmodell der Psyche (Es, Ich und Über-Ich), die Triebtheorie, die Katharsis und Karthexis, dass Träume Wunscherfüllung seien, dass geistige Prozesse Energie verbrauchen, – die Liste ist lang und ebenso unbelegt – ist hoch spekulativ. Seine Theorie ist ebenso populär wie esoterisch. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zur kognitiven Dissonanztheorie. Durch Mechanismen wie Rationalisierung, Verdrängung, Projektion und Sublimierung können wir kognitive Dissonanz reduzieren. Und das tun wir auch. Regelmäßig. Behalten Sie also diese 4 Begriffe und vergessen Sie, was Sie sonst von Freud gelernt haben.

Fazit zur kognitiven Dissonanz

Ich hoffe, ich habe sie gleichsam unterhalten und aufklären können mit diesem Artikel. Die Fabel mit dem Fuchs und den Trauben kennen Sie!? Der Fuchs befand sie für zu sauer, nachdem er vegeblich versucht hatte, sie zu ergattern. So sind so manche Trauben, die zu hoch hängen, sauer…

Sie müssen nicht in Allem meiner Meinung sein, ich freue mich über Kritik und andere Meinungen. Lassen Sie Ihrer Reaktanz freien Lauf! Jede Reaktion ist eine gute Reaktion!

Denken Sie daran: Wenn unsere Enkel uns einst fragen werden, wie wir die Überwachung und Einmischung in unsere Selbstbestimmung durch NSA, Google und Facebook dulden konnten, dann werden wir alle eine plausible Ausrede haben – kognitiver Dissonanzreduktion sei Dank!

In diesem Sinne! Es grüßt: Ihr Uwe Krüger.

Uwe Krüger ist Oneironaut und Psychologe. Sein Forschungsschwerpunkt ist das luzide Träumen, aber sein Wissensspektrum umfasst unter anderem Teile des deutschen Steuersystems als auch PC-Computerspiele der 90er Jahre. In seiner Freizeit geht der Katzenliebhaber Joggen und zum Yoga.