Heuristik – Die Basis für schnelle Entscheidungen in komplexen Umwelten

Jeden Tag müssen wir unzählige Entscheidungen treffen, oft ohne viel Zeit zu haben über sie nachzudenken. Doch welche Strategie wenden wir an, um uns in diesen Fällen zu entscheiden? Oft nutzen wir dafür eine sogenannte Heuristik. Umgangssprachlich als Daumenregel oder Faustregel bezeichnet, bieten diese heuristischen Strategien die Möglichkeit schnell und adaptiv auf die Umwelt reagieren zu können. Im folgenden Artikel wird erklärt, was eine Heuristik ist, Beispiele genannt und welche Vor- und Nachteile durch Heuristiken entstehen können.

Heuristik

Die Blick-Heuristik hilft uns den Ball zu fangen

Stellen wir uns einmal vor, wir stehen auf einem Platz und spielen Baseball. Das Gegenüber schießt den Ball hoch in die Luft – ein sogenannter Flyball –  daraufhin rennen wir über den Platz und fangen den Ball auf. Doch wie machen wir das? Berechnen wir die komplexe mathematische Flugkurve des Balles in unserem Gehirn in Sekunden schnelle? Nein, das tun wir nicht.

Die Lösung: eine Heuristik

Wir nutzen eine Heuristik – eine mentale Daumenregel – um den Ball zu fangen. In diesem Fall fixieren wir den Ball mit unseren Augen hoch oben am Himmel und rennen los. Dabei laufen wir so schnell, dass der Blickwinkel zwischen Auge und Ball gleich bleibt. Wenn wir sehen, dass der Ball sich nach unten bewegt, laufen wir nach vorne. Bewegt sich der Ball nach oben, laufen wir rückwärts. Dabei passen wir die Laufgeschwindigkeit so lange an, bis sich der Ball scheinbar nicht mehr bewegt und nur noch größer wird. Tun wir das kommen wir nämlich genau dort an, wo der Ball aufkommt und können ihn auffangen. Die Blick-Heuristik hat in diesem Fall geholfen die richtige Entscheidung zu treffen (uns in eine bestimmte Richtung zu bewegen) und das Ziel zu erreichen (den Ball aufzufangen).

Wir haben es geschafft mithilfe weniger Informationen (wir wissen weder wie viele Meter unser Gegenüber entfernt steht, noch den Abschusswinkel, die Geschwindigkeit des Balles oder den genauen Luftwiderstand) eine adäquate Lösung für unser Problem zu finden. Dank einer Heuristik!

Definition Heuristik

Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie auffinden oder entdecken und bezeichnet die Fähigkeit mit unvollständigen Informationen, begrenztem Wissen und wenig Zeit oder Motivation dennoch zu einer guten und passenden Entscheidung zu kommen. In der Psychologie werden einfache aber effiziente Regeln als Heuristik bezeichnet.

Heuristiken kommen eben dann zum Einsatz, wenn wir nicht alle Informationen über die Situation kennen und es somit unmöglich ist, eine perfekte Entscheidung zu treffen. Im Alltag haben wir so gut wie nie die Möglichkeit alle Handlungsalternativen abzuwägen oder alle Informationen über unsere Umwelt zu sammeln, sondern müssen spontan und schnell handeln. Eine Heuristik liefert uns in den meisten dieser Fälle ein gutes Ergebnis. Durch die Verwendung von Heuristiken können aber auch systematisch verzerrte Schlussfolgerungen entstehen.

Eigenschaften von Heuristiken

Wodurch zeichnen sich Heuristiken aus?

  1. Eine Heuristik nutzt intuitive oder erlernte kognitive Fähigkeiten. Das bedeutet, dass eine Heuristik einfach anzuwenden ist, weil sie auf einer individuell und evolutionär erworbenen Fähigkeit basiert. Beispielsweise ist es für uns Menschen verhältnismäßig einfach ein Objekt mit unseren Augen zu verfolgen. Diese Fähigkeit ist die Grundlage der Blick-Heuristik.
  2. Eine Heuristik macht sich die Struktur der Umwelt zu Nutze. Eine Heuristik ist nicht entweder gut oder schlecht, sondern funktioniert in Abhängigkeit der gegebenen Umwelt. Sie sind nicht per se rational, sondern ökologisch rational. Heuristiken lassen sich nur für bestimmte Situationen gut anwenden und sind bis zu einem bestimmten Punkt bereichsspezifisch.
  3. Durch Heuristiken lässt sich Verhalten vorhersagen. Würde man davon ausgehen, dass die Person die Flugbahn berechnet, um den Ball fangen, würde sich die Person in direktem Weg zu der Aufschlagstelle begeben, um dort auf den Ball zu warten. Bei der Verwendung der Blick-Heuristik ist die Grundlage jedoch die Konstanthaltung des Blickwinkels was zur Folge hat, dass der Ball im Laufen gefangen wird. Diese Annahme entspricht dem real gezeigten Verhalten.

Heuristiken sind sowohl mit der Umwelt, als auch mit unserem Gehirn und unseren kognitiven Fähigkeiten verbunden.

Heuristiken Beispiele

Im folgenden Abschnitt werden zwei bekannte und intensiv erforschte Heuristiken vorgestellt. Zusätzlich werden die kognitiven Verzerrungen (systematischen Fehler), die im Zusammenhang mit ihrer Verwendung häufig auftreten anhand von Beispielen erläutert.

Die Verfügbarkeitsheuristik

Diese Heuristik wird verwendet, um die Häufigkeit oder Wichtigkeit eines Ereignisses zu schätzen, wenn nicht auf statistische Daten zurückgegriffen wird. Die Entscheidung wird in diesem Fall auf Basis der Verfügbarkeit eines Ereignisses in unserem Gedächtnis getroffen. Ereignisse, die wir schnell aus unserem Gedächtnis abrufen können, oder bei denen wir eine hohe Anzahl an Beispielen kennen, erscheinen uns wahrscheinlicher als solche, an die wir uns nur mit Mühe erinnern, oder wir nur wenige Beispiele kennen. Für Schlussfolgerungen ziehen wir also bevorzugt die Ereignisse heran, die wir besonders leicht aus unserem Gedächtnis abrufen können.

Möglicher systematischer Fehler: Durch persönliche Erfahrungen oder den Konsum von Medien kann es dazu kommen, dass wir die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses über- oder unterschätzen.

Beispiele: 

  • Ein Rettungssanitäter wird aufgrund seiner Arbeit die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Unfalls eher überschätzen, ein regulärer Verkehrsteilnehmer diese eher unterschätzen.
  • Nach dem 11 September 2001 wurde die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags von vielen Menschen aufgrund der enormen Medienpräsenz deutlich überschätzt, sodass viele auf die Alternative Auto umstiegen. In Folge dessen kamen im Jahr nach dem Anschlag über Tausend Menschen mehr in den USA bei Autounfällen ums Leben als das Jahr zuvor.

Die Repräsentativitätsheuristik

Bei dieser Urteilsheuristik wird die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses danach bewertet, wie sehr dieses einem Prototypen entspricht. Auf Grundlage dieser prototypischen Information werden entsprechende Schlussfolgerungen gezogen.

Möglicher systematischer Fehler:  
Da bei Anwendung der Repräsentativitätsheuristik Basisraten und statistische Eintrittswahrscheinlichkeiten missachtet werden, kann es zu Fehleinschätzungen kommen.

Beispiele: 

  • Wenn wir Lotto spielen, erscheint uns die Kombination „12, 5, 33, 26, 17, 1“ eine übliche und repräsentative Ziehung. Die Kombination „1, 2, 3, 4, 5, 6“ erscheint uns dagegen wenig prototypisch, obwohl ihre Ziehung genauso wahrscheinlich ist. Die letzte Zahlenkombination wird entsprechend auch deutlich seltener getippt.
  • Kahnemann und Tversky (1983) übergaben ihren Probanden eine schriftliche Beschreibung einer Frau, in welcher ihre Tätigkeit als Frauenrechtlerin und ihr Kampf für Emanzipation beschrieben wurde. Im Anschluss mussten die Probanden die Wahrscheinlichkeit angeben, mit welcher sie glaubten, dass die Frau eine Bankangestellte, eine Feministin oder eine Bankangestellte und Feministin sei. Hierbei schätzen die meisten, dass es wahrscheinlicher sei, dass sie Bankangestellte und Feministin ist, als nur Bankangestellte. Dies ist jedoch falsch. Die Wahrscheinlichkeit für zwei gleichzeitig auftretende Ereignisse kann nicht höher sein, als die Eintrittswahrscheinlichkeit für nur eines der beiden Ereignisse.

Heuristik – eine gute Strategie?

Sowohl die Verfügbarkeitsheuristik als auch die Repräsentativitätsheuristik können bei ihrer Anwendung zu kognitiven Verzerrungen führen und somit zu weniger guten Entscheidungen. Die Blick-Heuristik dagegen scheint uns in unserem Beispiel auf effektive und akzeptable Art und Weise zu unserem Ziel zu führen. Diese Beispiele erwecken den Eindruck, dass Heuristiken generell zu einer schlechteren oder höchstens gleich guten Lösung führen, im Gegensatz zu einer Entscheidungsfindung bei der alle verfügbaren Informationen einbezogen werden.

In der Psychologie wurden Heuristiken lange Zeit hauptsächlich als verzerrende und fehleranfällige Daumenregeln angesehen, weil sie einen großen Teil der verfügbaren Information ignorieren. Wie kommt es dann aber dazu, dass wir Menschen im Alltag gut zurechtkommen?

Die Strategie, Informationen zu ignorieren und nur einen Teil dieser in die Entscheidungsfindung einzubeziehen kann mitunter zu besseren Ergebnissen führen.

Gerd Gigerenzer untersucht am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin schnelle und einfache Heuristiken. Die von ihm vorgeschlagene Wiedererkennungsheurisitk verdeutlicht, dass das Fehlen oder Ignorieren bestimmter Informationen sogar zu einer besseren Leistung führen kann.

Die Wiedererkennungsheuristik (Rekognitionsheuristik)

Wir stellen uns einmal vor wir säßen in einer Quizshow und müssten folgende Frage beantworten:

Welche dieser beiden Städte hat mehr Einwohner? San Diego oder San Antonio?

Da diese Städte in Amerika liegen, sollten Amerikaner eine gute Chance haben diese Frage richtig zu beantworten. In der Tat beantworteten etwa zwei Drittel der in einer Studie befragten Studenten aus Chicago diese Frage richtig.

Wie sieht es mit der gleichen Frage in Deutschland aus?

Die meisten Deutschen wissen wenig über San Diego und von San Antonio hat kaum jemand jemals gehört. Das scheint die Chancen auf eine richtige Antwort zu verringern.

Doch das Gegenteil ist der Fall, von den Befragten Deutschen gaben 100% die richtige Antwort – und das obwohl sie es eigentlich nicht wussten. Wie kann das sein?

Die Rekognitionsheuristik: „Wenn von zwei Objekten nur eines wiedererkannt wird, dann hat dieses Objekt einen höheren Wert auf dem Kriterium“

Ganz einfach, sie konnten auf die Rekognitionsheuristik (Wiedererkennungsheuristik) zurückgreifen, die es in dem Fall erlaubt eine richtige Entscheidung zu treffen. Wenn es zwischen dem Wiedererkennen und dem Kriterium (hier Einwohnerzahl) einen positiven Zusammenhang gibt, kann diese Heuristik nützlich sein.

In unserem Beispiel gibt es eindeutig einen positiven Zusammenhang. Je mehr Einwohner eine Stadt hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir von dieser schon einmal gehört haben. Die meisten Amerikaner kennen in diesem Beispiel hingegen beide Orte, sodass sie zur Beantwortung der Frage ein anderes Kriterium heranziehen müssen, wobei es häufiger zu Fehlern kommt oder sie neben der Wiedererkennung keine anderen Kriterien haben und einfach raten müssen.

Fehlende Information kann zu besseren Entscheidungen führen

Gerd Gigerenzer und seine Forschungsgruppe gingen sogar noch einen Schritt weiter: Sie verglichen den Vorhersagewert zu Investitionen an der Börse. Dabei verglichen sie die Prognosen von Straßenpassanten, die einfach ihnen bekannte Börsenunternehmen nannten mit den Prognosen von Finanzexperten und Börsenanalytikern. Es zeigt sich, dass Passanten die Börsenentwicklung besser vorhersagen konnten als die Experten.

Heuristik

Die Anwendung heuristischer Strategien liefert für die Börse genauere Prognosen als die Analysen von Experten 

Heuristiken ignorieren einen Teil der verfügbaren Informationen

Heuristiken sind Strategien, die dabei helfen, zeitsparend und ohne ohne große Mühe, Entscheidungen zu treffen. Dies geschieht, indem Heuristiken Teile der Informationen ignorieren und sich basale Umwelt- und Gehirnstrukturen zu Nutzen machen. Durch die schnelle Verarbeitung und das Ignorieren von Informationen können kognitive Verzerrungen auftreten, was zu schlechten Entscheidungen führen kann. Andererseits gibt es auch Fälle, in denen Heuristiken zu besseren Ergebnissen führen, als Strategien, die alle verfügbaren Informationen mit einbezieht.

Es ist dementsprechend gut, sich bestimmte Heuristiken bewusst zu machen, um Fehler zu vermeiden. Andererseits verdanken wir Heuristiken die Tatsache, dass wir im Alltag mühelos Entscheidungen treffen können und teilweise mit weniger Information sogar bessere Leistungen erzielen.

Referenzen:

Gigerenzer, Gerd. „Einfache Heuristiken für komplexe Entscheidungen.“ (2006).

Gigerenzer, Gerd, Peter M. Todd, and the ABC Research Group. Simple heuristics that make us smart. Oxford University Press, 1999.

Hertwig, Ralph. „Strategien und Heuristiken.“ Handbuch der Psychologie. Hogrefe, 2006. 461-469.

Sivak, Michael, and Michael J. Flannagan. „Consequences for road traffic fatalities of the reduction in flying following September 11, 2001.“ Transportation Research Part F: Traffic Psychology and Behaviour 7.4 (2004): 301-305.

Tversky, Amos, and Daniel Kahneman. „Extensional versus intuitive reasoning: The conjunction fallacy in probability judgment.“ Psychological review 90.4 (1983): 293.