Was ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung? Merkmale, Ursachen und Behandlung

 

Zwischen 1,6% und 5,9% der Bevölkerung leiden an der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Die Symptome entwickeln sich in der Regel zu Beginn des Erwachsenenalters, doch bereits in der Jugend weisen Betroffene emotionale Instabilität, Kontrollverlust und eine hohe Impulsivität auf. Viele bekannte Persönlichkeiten leiden oder litten unter diese Störung. Zu ihnen zählen beispielsweise Amy Winehouse, Angelina Jolie, Jim Carrey oder Winona Ryder. Willst du mehr über diese Störung erfahren?

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Einordnung: Die Persönlichkeitsstörungen

Als Menschen leben wir mit anderen Menschen auf dieser Welt zusammen und schreiben unbewusst unsere ganz eigene Geschichte. Eingebettet in einen sozialen Kontext generieren wir in den ersten Jahren anhaltende Muster, die unsere Wahrnehmung, unser Verhalten und die Art mit anderen und uns selbst umzugehen, bestimmen. Diese Muster werden auch als Persönlichkeitsmerkmale bezeichnet.

Laut DSM (dem diagnostischen Leitfaden psychischer Störungen) definieren sich die Persönlichkeitsstörungen durch ein überdauerndes und maladaptives Muster der Persönlichkeitsmerkmale. Das innere Erleben und Verhalten ist durch diese Persönlichkeitsmerkmale dahingegend beeinflusst, dass diese deutlich von den Erwartungen der soziokulturellen Umgebung abweichen. Davon werden mindestens zwei der folgenden Bereiche beeinflusst: die Kognition (Wahrnehmung), die Affektivität (emotionales Erleben und Reaktionen), die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen und die Impulskontrolle. Das Persönlichkeitsmuster ist bei diesen Störungen sehr inflexibel und erstreckt sich über viele soziale Situationen und löst ein klinisch relevantes Leiden aus. Dadurch kommt es zu Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen und anderen relevanten Lebensbereichen.

Im DSM werden die verschiedenen Persönlichkeitsstörungen in Abhängigkeit ihrer Merkmale in verschiedene Cluster unterteilt.

  • Cluster A: umfasst die schizophrenienahen Persönlichkeitsstörungen. Das sind solche, bei denen die Betroffenen exzentrisch, sonderbar, misstrauisch und affektarm wirken.
  • Cluster B : in dieser Gruppe befinden sich die Persönlichkeitsstörungen bei denen die Personen sich dramatisch, emotional und irritierbar zeigen. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird zu diesem Cluster gezählt.
  • Cluster C: hierunter fallen die Persönlichkeitsstörungen bei welchen sich  die Betroffenen als ängstlich, vermeidend und furchtsam beschreiben lassen.

Was ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung?

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird zum Cluster B der Persönlichkeitsstörungen gezählt (zum Cluster B zählen ebenfalls die histrionische Persönlichkeitsstörung, die narzisstische Persönlichkeitsstörung und die antisoziale Persönlichkeitsstörung).

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung zeichnet sich durch ein überdauerndes und unflexibles Muster der Persönlichkeitsmerkmale aus. Zu diesen Mustern zählt beispielsweise die Instabilität zwischenmenschlicher Beziehungen, die Instabilität des Selbstbildes und der Affektivität (die Gefühle und Emotionen). Außerdem weisen die Betroffenen eine hohe Impulsivität in ihrem Verhalten auf.

Marsha M. Linehan, eine US-amerikanische Psychologin und Expertin der Borderline-Persönlichkeitsstörung beschreibt Betroffene als “Personen mit emotionalen Unregelmäßigkeiten die aus einer nicht wertschätzenden Umgebung stammen“.

Das folgende Video zeigt die Geschichte von Personen, die an der Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden und wie ihr Leben dadurch beeinflusst wird.

Merkmale der Personen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Durch was zeichnen sich Personen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung aus? Im folgenden werden die Hauptsymptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung beschrieben:

  • Personen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung zeigen sehr intensive emotionale Reaktionen. Dabei verfügen sie nicht über die Fähigkeit diese Emotionen zu identifizieren und richtig auszudrücken, was zu einem großen Leiden führt und sich deutlich auf ihre Lebensqualität auswirkt.
  • Ein weiteres Merkmal ist, dass Betroffene sehr instabile Gemütszustände haben. Dabei kommt es vor, dass die Personen in kürzester Zeit (Stunden oder Tagen) von einem tief depressiven Zustand in einen Zustand hoher Aufregung oder Wut wechseln. Unangemessene intensive Wut und Schwierigkeiten diese unter Kontrolle zu bekommen ist ebenso eine Charakteristik für diese Störung, wie eine fehlende Selbstkontrolle, schlechte Laune oder die Verwickelung in Streitereien.
  • Personen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung fühlen sich oft leer und haben unkontrollierbare Angst davor verlassen zu werden, was dazu führt, dass sie sich verzweifelt bemühen das Verlassenwerden zu verhindern (sei  diese Annahme real oder eingebildet).
  • Betroffene drohen häufig ihren Suizid an und zeigen selbstverletzendes Verhalten, welches Ausmaße annehmen kann, die einem Suizidversuch gleichkommen. Das selbstverletztende Verhalten tritt häufig in Momenten auf in denen die Person dissoziiert. Es hilft den Betroffenen Schuldgefühle zu verringern oder gibt ihnen die Fähigkeit sich und ihren Körper zu spüren und so das Gefühl zu erlangen, dass dieser ihnen gehört. Ein Auslöser für dieses Verhalten kann vermeintliche Ablehnung sein. Beispielsweise wenn jemand ein Treffen absagt, sich verspätet oder die Partnerin/ der Partner eine Reise unternehmen muss oder die behandelnde Psychologin die Sitzung beendet.
  • Betroffene weisen sehr impulsive Verhaltensweisen auf, die schädlich für sie selbst sind. Beispielsweise äußern sie häufig ein impulsives Sexualverhalten, geben viel Geld aus oder haben ein exzessives Essverhalten. Ebenfalls zeigen sie Risikoverhalten in Form von rücksichtslosem Fahren oder Substanzmissbrauch von Kokain, Alkohol oder anderen Drogen.
  • Eine weitere Besonderheit der Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ist, dass diese oft das Gefühl haben, dass sich ihre Identität wandelt. Das bedeutet, dass das Bild und das Gefühl, was sie von sich selbst haben instabil ist und sich leicht verändert.
  • In Stresssituationen haben Betroffene oft paranoide Züge, sie fühlen ungerecht behandelt oder gequält. Ebenfalls kann es zu schweren dissoziativen Symptomen kommen. Hierbei entsteht das Gefühl, dass ihr Körper nicht ihnen gehört, dass die Umgebung nicht real ist oder sie nicht mit dieser verbunden sind.
  • Aus all diesen Gründen haben Betroffene instabile und intensive zwischenmenschliche Beziehungen, wobei hier das Gegenüber in einem Moment idealisiert und in einem anderen komplett abgewertet wird. Die Meinung die Erkrankte über Menschen aus ihrem Umfeld haben ändert sich demnach ständig.

Ursachen der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Statt von Ursachen sollte man besser von Risikofaktoren sprechen. Die Forschung hat gezeigt, dass sowohl genetische als auch familiäre Faktoren im Zusammenhang mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung stehen.

Genetische Faktoren: Es hat sich gezeigt, dass bei Verwandten ersten Grades von Personen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung ein fünffach erhöhtes Risiko besteht, die Störung ebenfalls zu entwickeln. Für Menschen die Familienmitglieder haben, die an Substanzabhängigkeit, Depression, der bipolaren Störung oder der dissozialen Persönlichkeitsstörung leiden, ist die Prävalenz für die Borderline-Persönlichkeitsstörung ebenfalls erhöht.

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird deutlich häufiger bei Frauen (75%) als bei Männern diagnostiziert.

Ebenfalls scheint die Beziehung zu den primären Bezugspersonen aus der Kindheit eine wichtige Rolle bei der Entstehung dieser Persönlichkeitsstörung zu spielen, dabei vor allem die Beziehung zur Mutter.

Die Merkmale der Borderline-Persönlichkeitsstörung werden als Konsequenz des dysfunktionalen Musters gesehen, welches wenig adaptiv ist und während der Kindheit nicht in die familiären Beziehungen integriert wurde, woraus sich ein entsprechender Bindungsstil entwickelt.

Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Gibt es eine Heilung? 

Von allen Persönlichkeitsstörungen gibt es für die Borderline Störung am meisten wirksame psychologische Behandlungsformen.

Die derzeit im Zusammenhang mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung am besten untersuchte und wirksamste Therapieform, ist die von von M.M. Linehan entwickelte Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT, dialektische Verhaltenstherapie). Diese wurde speziell für die Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickelt. Insbesondere die Behandlung der Suizidalität, des selbstverletzenden Verhaltens und der affektiven Instabilität stehen hier im Mittelpunkt.

Die Therapie besteht aus verschiedenen Techniken, die darauf ausgerichtet sind Fertigkeiten zur Emotionsregulation, Akzeptanz und Achtsamkeit (Mindfulness) zu verbessern. Ebenfalls werden Strategien zur Verbesserung der sozialen Fertigkeiten und zwischenmenschlichen Beziehungen erlernt. Auch wird an der Frustrationstoleranz und dem Unwohlsein gearbeitet.

Personen, die sich in psychotherapeutischer Behandlung befinden zeigen gelegentlich Verbesserungen im ersten Jahr. Die Tendenz zu extremen Emotionen, zur Impulsivität und Instabilität ist jedoch überdauernd.

Es kann also nicht von einer Heilung gesprochen werden, vielmehr geht es für Betroffene darum die Störung zu akzeptieren und Strategien zu lernen und zu assimilieren, welche die Lebensqualität verbessern können.

Wie kann man einer Person mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung helfen?

Das  Zusammenleben mit einem Menschen der an der Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet kann für viel Verwirrung und Leiden bei Freunden und Familienmitgliedern führen. Merkmale wie die emotionale Instabilität oder Impulsivität werden oftmals mit exzentrischem, egoistischem, launischem und chaotischem Verhalten verwechselt. Die plötzlichen und abrupten Stimmungsschwankungen können zu großen Konflikten sowohl bei den Betroffenen und deren Angehörigen führen.
Die folgenden Empfehlungen können dabei helfen das Zusammenleben mit Menschen mit dieser Störung zu erleichtern. Wie unterstützt und hilft man Personen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung? Mit diesen Tipps lässt sich die Beziehung zu ihnen verbessern:
  • Betroffene sind sehr extrem und impulsiv. Für sie sind die Dinge “schwarz oder weiß”. Aus diesem Grund kann es für Angehörige hilfreich sein, dieses Schwarz-Weiß-Denken nicht zu unterstützen und nicht das andere Extrem zu verkörpern. Wenn eine betroffene Person beispielsweise sagt “ich halte es nicht aus“, “ich kann nicht mehr“, “ich schaffe das nicht” sollten Angehörige darauf nicht das Gegenteil antworten wie “du überstehst das“, “du kannst das“, “du schaffst das“. In diesen Situationen kann es hilfreicher sein Dinge zu sagen wie “Es ist sehr kompliziert, aber wir glauben an dich, wir werden dir helfen das zu schaffen“. Dadurch hilft man den Betroffenen Facetten wahrzunehmen und aus dem extremen Denken “alles oder nichts”, “gut oder schlecht” herauszukommen.
  • Informationen suchen und dabei helfen eine Diagnose zu erhalten: Wenn man einer Person mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung helfen möchte, ist es sehr wichtig sich über die Störung zu informieren und diese gut zu verstehen. Wenn die betroffene Person noch keine Diagnostik beziehungsweise Therapie erhalten hat, ist es sinnvoll sie in diesem Prozess zu begleiten. Dabei kann man beispielsweise bei der Suche nach einer Expertin oder einem Experten helfen, damit eine angemessene psychotherapeutische Behandlung stattfinden kann. Ebenfalls sollte man emotionale Unterstützung anbieten und sich geduldig und mitfühlend zeigen. Es kann ebenfalls sehr hilfreiche sein zusammen eine Therapie zu machen, da einem dort Empfehlungen für den Umgang mit kritischen Situationen gegeben werden können. Dadurch kann der Umgang untereinander und die Beziehung gemeinsam verbessert werden. Auch wenn es für einen selbst schwierig ist das gezeigte Verhalten zu verstehen oder nachzuvollziehen, darf man nicht vergessen, dass die Menschen mit der Störung selbst am allermeisten unter ihr leiden. Ein Mensch mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet. Emotional instabil zu sein, kann sehr bedrückend sein und im Grunde hegen Betroffene den Wunsch daran zu arbeiten, um nicht leiden zu müssen. Man sollte der betreffenden Person vermitteln, dass man für sie da ist und dass sie Willensstärke für die Veränderung aufbringen sollte.
  • Eine Familientherapie kann hilfreich sein, damit alle Familienmitglieder eine bessere Bindung zu der Patientin oder dem Patienten aufbauen: Informiert zu sein ist sehr wichtig, um die Situation der Patientin oder des Patienten zu verstehen. Das bedeutet nicht, dass man das Verhalten oder Handlungen akzeptieren muss. Wenn die betroffene Person beispielsweise selbstverletzendes Verhalten zeigt oder einen Wutanfall hat kann man versuchen die zugrundeliegende Bedeutung zu verstehen (Wut, Hilferuf, Ärger). Wenn man selbst einige Techniken erlernt, kann man dem Familienmitglied mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung helfen die Emotionen und Gefühle anders Kund zu tun: diese mit Wörtern auszudrücken, die Wut an einem Kissen auszulassen oder Sport zu machen, etc…
  • Es gibt Techniken und Übungen, um die Impulsivität zu kontrollieren: Diese Strategien können Betroffenen helfen weniger impulsive Entscheidungen zu treffen und voreilige Reaktionen zu vermeiden. Die Impulsivität und die Unfähigkeit Frustrationen auszuhalten kann dazu führen, dass die Betroffenen spontan emotionale und wenig rationale Entscheidungen treffen, welche sie selbst verletzten und in Gefahr bringen.
  • Keine Lügen, Erpressung oder Misshandlungen von Seiten der Person mit Borderline-Persönlichkeitsstörung tolerieren: Es ist wichtig, dass die Angehörigen den Personen mit dieser Störung verbalisieren, was ihre Handlungen in ihnen auslösen: Beispielsweise Mitleid, Trauer oder Besorgnis zu zeigen, vermittelt die echte Sorge, die man verspürt, wenn selbstverletzendes oder selbstschädigendes Verhalten gezeigt wird. Wenn eine Krisensituation herrscht ist es wichtig, die Dinge nicht persönlich zu nehmen. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass die betroffene Person nicht so handelt weil sie das so möchte, sondern weil sie dieses Verhalten nicht vermeiden kann. Ebenso wenig sollte man sich jemals für ihr Verhalten verantwortlich fühlen.

Gerne kannst Du weitere Ratschläge für den Umgang mit Personen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung vorschlagen. Zögere nicht, deine Fragen, Vorschläge oder Kommentare unter dem Artikel zu posten.

Übersetzt aus dem Spanischen. Original: Rosa Calderón Vicente, Psychologin bei CogniFit.

Licenciada en Psicología y Máster en Psicología General Sanitaria con formación y experiencia específica en terapias de tercera generación.
Interesada en la conducta humana, en el resultado de la interacción de los componentes biológicos con el contexto social y en la práctica clínica basada en la evidencia científica.

This post is also available in: Spanisch Französisch